Gebrauchtberatung Kawasaki ZZ-R 1100/1200

Eilige Drucksache

Den Pokal für das leistungsstärkste Motorrad hat die ZZ-R 1100 längst weitergereicht. Was nichts daran ändert, dass die Kawasaki als Gebrauchte ein guter Allrounder mit mächtig Druck ist.

Foto: Jahn
Kawasaki ZZ-R 1100, das einst schnellste Serienbike im Gebrauchtcheck.
Kawasaki ZZ-R 1100, das einst schnellste Serienbike im Gebrauchtcheck.
Kawasakis Sporttourer ZZ-R 1100 war es 1990 vorbehalten, als erstes Motorrad mit einem serienmäßigen, prächtig funktionierenden Ram-Air-System in die Zweiradgeschichte einzugehen. Beeindruckende 147 PS versprach der Hersteller
für die ungedrosselte Version, womit sich die ZZ-R für geraume Zeit die Krone des schnellsten Serienmotorrads sicherte. In Deutschland blieb es aufgrund der Übereinkunft der Importeure zunächst bei 100 PS, und so musste der Sporttourer potenzielle Käufer mit anderen Qualitäten locken.
Beispielsweise mit seinem guten Windschutz oder dem prima Handling. Nicht
zu vergessen auch der satte Durchzug,
die bequeme Sitzposition, der moderate Benzinverbrauch, die bissigen Bremsen und und und. Kurzum, die ZZ-R 1100 war von Beginn an weit mehr als ein Hochgeschwindigkeits-Express, nämlich ein toller Allrounder. Allerdings wartet sie mit ein paar Unzulänglichkeiten auf. Dazu zählen insbesondere die zu weich abgestimmten Federelemente und die für einen Sporttourer viel zu geringe Zuladung von lediglich 173 Kilogramm.
Dennoch fand die mehrmals überar-beitete ZZ-R 1100 – sie bekam 1993
unter anderem ein doppeltes Ram-Air-System – eine große Fangemeinde, der sich selbst im letzten Produktionsjahr 2001 noch etliche Neumitglieder anschlossen. Wer sich heute für eine gebrauchte ZZ-R 1100 mit nicht allzu hoher Laufleistung
entscheidet, erhält für vergleichsweise
wenig Geld einen ausgereiften Sporttourer mit einem standfesten Triebwerk, der in den meisten Alltagssituationen mit der
wesentlich jüngeren Konkurrenz noch ganz gut mithalten kann.
Das seit 2002 angebotene Nachfolgemodell, die ZZ-R 1200, hat zwar tief
greifende Modifikationen über sich ergehen lassen müssen, setzt aber die Tradition der 1100er nahtlos fort. So wird auch das leistungsstärkere, jedoch spürbar durstigere 1200er-Triebwerk von Vergasern gespeist, während die Konkurrenz längst elektro-
nische Einspritzanlagen an Bord hat. Das hohe Gewicht und das in engen Kehren etwas störrische Fahrverhalten kommt
ZZ-R 1100-Fahrern ebenso bekannt vor wie der gute Windschutz hinter der neugestalteten Verkleidung. Wesentlich besser ist indes die Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten, wo die sehr straff abgestimmte ZZ-R 1200 nur ganz leicht um die Längsachse pendelt und der Vorgängerin klar das Nachsehen gibt. Ein Fortschritt, der Highspeed-Junkies allerdings einen Aufpreis beim Gebrauchtkauf wert sein muss.
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MOTORRAD-CHECKPOINT

Marktsituation
Die Kawasaki ZZ-R 1100 ist aufgrund des langen Produktionszeitraums von 1990 bis 2001 eine feste Größe auf dem Gebrauchtmarkt, der Bestand beträgt derzeit knapp 9000 Stück. Eine treue Anhängerschar sorgt für eine kontinuierliche Nachfrage, die jedoch in einigen Regionen, vornehmlich in kurvenreichen Gegenden, mittlerweile eine deutlich abnehmende Tendenz aufweist. Sportlich orientierten Fahrern ist die ZZ-R 1100 für die flinke Kurvenhatz zu schwer, während Tourenfahrer lieber auf bequemere Maschinen ausweichen.
Bleiben als Hauptinteressenten für die Kawasaki erfahrene Biker, die einen starken Allrounder zum günstigen Preis suchen. Begehrt bei dieser Klientel sind vor allem Exemplare mit Doppel-Ram-Air-System ab 1993, die mit Laufleistungen bis 50000 Kilometer bereits um 3000 Euro offeriert werden. Jüngere Modelle mit 20000 bis 30000 Kilometern kosten zwischen 4000 und 5000 Euro. Wegen der starken Konkurrenz von Honda CBR 1100 XX oder Suzuki Hayabusa fällt es mittlerweile selbst Besitzern von Ers-
te-Hand-Sahneschnittchen des letzten Modelljahrs mit rund 10000 Kilometern auf dem Tacho schwer, einen Preis über 6000 Euro zu erzielen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Nachfolgemodell ZZ-R 1200 mit moderaten Laufleistungen zwischen 15000 und 30000 Kilometer auch schon ab 6500 Euro zu haben ist. Zum Vergleich einige – zum Teil überzogen erscheinende – Händlerverkaufspreise laut Schwacke: Danach kostet eine ZZ-R 1100 von 1995 (86000 Kilometer) 2800 Euro, ein Exemplar von 1999 mit 52000 Kilometern soll noch 5100 Euro wert sein, ein 2001er-Modell (36000 Kilometer) rund 6100 Euro. Bei der ZZ-R 1200 reichen die Notierungen von 7000 Euro (Modell 2002 mit 27000 Kilometer) bis etwa 9000 Euro (Baujahr 2004 mit 11000 Kilometer).

Besichtigung
Nicht nur im Dauertest der Schwesterzeitschrift PS bewies die 1100er Stehvermögen, sondern auch in Kundenhand. Dennoch gab es verein-
zelt kapitale Motorschäden, die aber zumeist Folge von Nachlässigkeiten der Besitzer waren. Kritisch sind vor allem hohe Dauerdrehzahlen, wenn sich der Ölstand an der unteren Grenze des Schauglases befindet. Dann ist eine ausreichende Schmierung unter Umständen nicht mehr
gewährleistet. Deshalb besser die Finger von
Exemplaren lassen, deren Besitzer häufig über die Autobahn gedroschen sind. Außerdem bei ZZ-R bis Baujahr 1991 auf einen herausspringenden zweiten Gang achten. Des Weiteren sind nach etwa 25000 Kilometern oftmals die Ruckdämpfer im Hinterrad und die Gabeldichtringe verschlissen.

Technische Daten und MOTORRAD-Messungen

DATEN
(Typ ZXT10-G3, Baujahr 1999)

Motor: wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-
Reihenmotor, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, vier Keihin-Gleichdruckvergaser, Ø 40 mm, ungeregelter Katalysator mit
Sekundärluftsystem, Lichtmaschine 400 Watt, Batterie 12 V/12 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 76 x 58 mm
Hubraum 1052 cm3
Verdichtungsverhältnis 11:1
Nennleistung 107 kW (146 PS) bei 10500/min
Max. Drehmoment 108 Nm bei 8500/min

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Aluminium, geschraubte Unterzüge, Telegabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 250 mm, Zweikolben-Schwimmsattel.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 5.50 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße und Gewichte: Radstand 1500 mm, Lenkkopfwinkel 63,5 Grad, Nachlauf 107 mm, Federweg v/h 120/112 mm, Sitzhöhe 790 mm, Gewicht vollgetankt 278 kg, Zuladung 173 kg, Tankinhalt 24 Liter.

messungen
(MOTORRAD 8/1999)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 283 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 2,8 sek
0–200 km/h 8,9 sek

Durchzug
60–140 km/h 9,9 sek
140–180 km/h 5,2 sek

Verbrauch
5,4 bis 8,4 l/100 km, Normalbenzin

Tests In MOTORRAD

Tests In MOTORRAD*
ZZ-R 1100: 7/1990 (T), 11/1990 (VT), 12 und 14/1991 (VT), 1/1993 (T), 7/1993 (VT), 18/1994 (VT), 13/1995 (VT), 22/1996 (VT), 9/1997 (VT), 6/1999 (VT), 8/1999 (VT), 19/1999 (VT), 3/2001 (VT);
ZZ-R 1200: 10/2002 (VT), 22/2002 (TT)

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