Gebrauchtberatung Kawasaki ZZ-R 600

Gefällig unauffällig

Obwohl oder gerade weil die Kawasaki ZZ-R 600 schon seit rund 15 Jahren den deutschen Markt bereichert und momentan über 12000 Exemplare zugelassen sind, wird die völlig problemlose, aber unscheinbare Japanerin kaum beachtet. Gut für Gebrauchtinteressenten.

Foto: Jahn
Vereint Sportlichkeit mit entspannter Sitzposition: Kawasaki ZZ-R 600
Vereint Sportlichkeit mit entspannter Sitzposition: Kawasaki ZZ-R 600
Eigentlich hätte die ZZ-R 600 längst aus dem Kawasaki-Programm rausfliegen müssen. Schließlich liegt ihre Blütezeit über zehn Jahre zurück. Damals
fuhr sie bei den 600er-Supersportlern noch um den Sieg mit. Doch die Zeiten haben sich geändert, ebenso die Ansprüche
der Kunden. Mit nur noch je rund 50 verkauften Neufahrzeugen in den letzten zwei Jahren scheint das Ende nah.
Den Kampf um die Sportkrone in der 600er-Klasse hat die ZZ-R 600 ohnehin längst der ZX-6R überlassen. Furchtbar hochdrehende Vierzylindermotoren mit wahnwitzigen Leistungen, kompromisslos auf Racing getrimmte Fahrwerke und Ergonomie, damit hat die im Vergleich
geradezu gemütliche ZZ-R nichts am Hut. Auf ihr sitzt der Fahrer dank kurzen Tanks
und nicht zu tief angebrachten Lenkers relativ entspannt. Darüber freut sich auch der Sozius, der nicht meilenweit vom Vordermann entfernt thronen muss, sondern Körperkontakt halten kann. Zugegeben, der Beinwinkel dürfte auf dem hinteren Plätzchen etwas größer ausfallen, dafür ist die Sitzbank angesichts aktueller Sportler geradezu üppig breit.
Ganz im Gegensatz zu den Reifendimensionen. Hier blieb die Kawasaki ihrer schlanken Linie treu und rollt nach wie vor auf einem handlichen 160er-Hinterreifen daher. Der passt immer noch bestens zum Charakter der ZZ-R 600 und kaschiert blendend deren leichtes Übergewicht.
Locker und leicht lässt sie sich dirigieren und ohne lästiges Aufstellmoment von einer Schräglage in die andere werfen.
Zu den beliebtesten Umrüstmaßnahmen gehören hochwertige Federelemente der bekanntesten Zubehöranbieter wie Wilbers, Wirth oder White Power. Das macht besonders bei der Modellreihe
ZX 600 D bis einschließlich Baujahr 1992 Sinn, da sich deren Fahrwerk als unkomfortabel erwiesen hat. Doch auch bei ZZ-R neueren Datums lohnt eine Umrüstung spätestens dann, wenn sich aufgrund hoher Fahrleistungen das Fahrwerk spürbar schlaffer zeigt. Für ein Plus an Handlichkeit und noch mehr Sitzkomfort montieren darüber hinaus einige Besitzer höhere Superbike-Lenker, beispielsweise von ABM oder LSL. Den für längere Touren und hohe Geschwindigkeiten etwas dürftigen Windschutz verbessern höhere Tourenscheiben von Five Stars oder MRA.
Doch trotz all dieser Umbauten ist die ZZ-R 600 schon im Serientrimm ein prima Allrounder. Sie eignet sich sowohl für erfahrene Piloten als auch für Neulinge. Letztere freuen sich besonders über die Leistungsvarianten mit 34 und 50 PS. So können sich (Wieder-)Einsteiger zusammen mir ihrer Maschine langsam steigern. Die reinen Teilekosten fürs Drosseln be-ziehungsweise Entdrosseln betragen je nach Modell maximal 75 Euro, da ledig-
lich Ansaugstutzen und Vergaserbedüsung modifiziert werden müssen. Apropos
Kosten: Bei sehr zurückhaltender Fahrweise begnügt sich der Vierzylinder mit teilweise weniger als vier Liter Benzin
auf 100 Kilometer. Und Ölverbrauch ist
bei intakten Motorinnereien nicht messbar. Falls doch, sind möglicherweise Ventilschaftdichtungen oder Kolbenringe verschlissen.
Wenn Sie also ein gefälliges Motorrad suchen, das dezenten Sporteinsatz und ausgedehnte Touren gleichermaßen verkraftet, und Sie ein eher unauffälliges Äußeres nicht stört, dann liegen Sie mit einer gebrauchten ZZ-R 600 goldrichtig.
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Modellgeschichte, Marktsituation und Besichtigung

Modellgeschichte
Offiziell ins Kawasaki-Programm aufgenommen wurde die ZZ-R 600 mit der Modellbezeichnung ZX 600 D im Jahr 1990. Die Vorstellung der ersten 600er mit Aluminiumrahmen und mit 98 PS gleichzeitig stärksten Maschine dieser Klasse erfolgte bereits Ende 1989. Das Blaue Band der stärksten 600er ging 1991 wieder an Hondas CBR 600 F, die mit 100 PS noch einen drauflegte. Dieses Niveau erreichte die für 1993
komplett überarbeitete ZZ-R 600 (Typ ZX 600 E) ebenfalls. Entscheidender als diese zwei PS Mehrleistung zur Vorgängerin waren Veränderungen an der Verkleidung, am Fahrwerk und eben am Motor.
Bis heute erfuhr die Kawasaki nur noch kleine Modifikationen. Dazu gehören eine einstellbare Gabel (1995), eine aus Versicherungsgründen wieder auf 98 PS reduzierte Motorleistung (1996), eine aufgrund neuer Geräuschbestimmungen nahezu jährlich überarbeitete Auspuffanlage, eine Digitaluhr im Cockpit (1997), Edelstahlkrümmer samt Kat (2002) und natürlich regelmäßig neue Farbgebungen. Im Lauf der Jahre wandelte sich die ZZ-R 600 vom erfolgreichen Sportler immer mehr in Richtung Sporttourer. Jedoch nicht, weil sich die ZZ-R selbst veränderte, sondern ihre Mitbewerberinnen sportlicher wurden. Bereits seit einiger Zeit rechnen Kawasaki-Händler jährlich mit dem Ende der ZZ-R-Ära. Die schleppenden Verkaufszahlen deuten darauf hin, dass 2005 wohl tatsächlich das letzte Modelljahr sein wird.
Marktsituation
Die ZZ-R 600 wird bereits seit 15 Jahren ohne Unterbrechung angeboten, der Bestand an gebrauchten Fahrzeugen ist entsprechend groß. Gut 12000 Stück sind laut Kraftfahrt-Bundesamt momentan in Deutschland unterwegs, und Gebrauchtinserate finden sich
zuhauf. Angebote unter 1500 oder gar 1000 Euro sind extrem selten und kaum zu empfehlen, da diese Maschinen meist gravierende Schäden aufweisen, einen Unfall hatten oder in jämmerlichem Zustand sind. Vernünftige Fahrzeuge der ersten Baujahre mit Laufleistungen ab 50000 Kilometer gibt’s ab knapp 2000 Euro. Wer die Wahl hat zwischen einem Modell bis 1992 und einem ab 1993, sollte sich für die neuere Variante (Typ ZX 600 E) entscheiden – allein schon wegen der nervigen Reserveleuchten der alten ZZ-R. Weit mehr jedoch, weil die Kawasaki 1993 technisch und optisch eine gelungene Modellpflege erhielt und sich seither nur noch minimal verändert hat.
Das Gros der Angebote liegt im Bereich zwischen
3000 und 4000 Euro. Dafür finden Interessenten zwischen vier und zehn Jahre alte ZZ-R mit teilweise deutlich unter 20000 Kilometer Laufleistung.
Die älteren Baujahre bis 1994 werden nicht mehr
in der Schwacke-Liste geführt. Von Schwacke ermittelte Händlerverkaufspreise für jüngere Modelle: 2025 Euro (Modell 1995 mit 83000 Kilometern); 2850 Euro (Modell 1997 mit 66000 Kilometern); 3700 Euro (Modell 1999 mit 49000 Kilometern); 4500 Euro (Modell 2001 mit 33000 Kilometern); 5600 Euro (Modell 2003 mit 16000 Kilometern).
Da die meisten Motorräder wesentlich weniger Laufleistung aufweisen, müssen folgende Preisaufschläge bei Minderfahrleistung berücksichtigt werden: 7,5 Prozent für 10000 Kilometer Minderfahrleistung (km MFL); 12,5 % für 15000 km MFL; 15,5 % für 20000 km MFL; 18 % für 25000 km MFL; 20 % für 30000 km MFL. Rechenbeispiel: Ein 1995er-Modell mit 53000 Kilometern käme damit laut Schwacke auf 2430 Euro.
Besichtigung
Typische gravierende Mängel sind der Kawasaki fremd. Potenzielle Käufer können sich auf die üblichen Verdächtigen beschränken. Als da wären beispielsweise Lenkkopf-, Rad- und Schwingenlager. Bei Modellen vor 1997 speziell die Lagerungen der Umlenkhebeleien des Federbeins prüfen, die bei hohen Laufleistungen schon mal zu viel Spiel aufweisen. Dank des Hauptständers lassen sich diese Punkte bei aufgebocktem Fahrzeug ziemlich einfach überprüfen. Ruckelt es bei der Probefahrt bei Lastwechseln (Gas auf, Gas zu) spürbar, dann sind möglicherweise die Ruckdämpfer im Hinterrad verschlissen. Vorsicht ist geboten, wenn der Motor beim Gasaufreißen aus niedrigen Drehzahlen und in hohen Gängen schnell hochdreht, ohne dass das Motorrad entsprechend Fahrt aufnimmt. Dies ist ein deutliches Zeichen für durchrutschende (verschlissene) Kupplungsbeläge.
Ein weiterer Prüfpunkt ist die Verkleidung. Kaufin-
teressenten sollten sie vor allem im Bereich der Halterungen auf Risse untersuchen. Dabei auch einen Blick unters Fahrzeug werfen, da die ZZ-R recht niedrig baut und beim Überfahren von Randsteinen gern hängen bleibt – Kratzspuren im Verkleidungsunterteil und Beulen in den Krümmern sind die Folge. Die Krümmer sind ohnehin ein leidiges Thema, da sie erst seit 2002 aus Edelstahl sind und zuvor rosteten, was das Zeug hält.
INTERNET
Auf der privaten Homepage www.zz-r600.de finden Selbstschrauber unter anderem interessante Infos
zu Anzugsmomenten für sämtliche Schraubenver-
bindungen, zur Vergasereinstellung und zu diversen Verschleißgrenzwerten.

Technische Daten

Motor
Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Keihin-Gleichdruckvergaser, Ø 36 mm, Digitalzündung, Sekundärluftsystem, E-Starter, Lichtmaschine 336 Watt, Batterie 12 V/10 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.

Bohrung x Hub 64 x 46,6 mm
Hubraum 599 cm3
Verdichtungsverhältnis 12:1

Nennleistung 74 kW (100 PS) bei 11500/min

Max. Drehmoment 64 Nm bei 9500/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Aluminium, Telegabel, Ø 41 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Vierkolbensättel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Zweikolbensattel.

Alu-Gussräder 3.50 x 17; 4.50 x 17
Reifen 120/60 ZR 17; 160/60 ZR 17
Maße und Gewichte
Radstand 1430 mm, Lenkkopfwinkel 65,5 Grad, Nachlauf 96 mm, Federweg v/h 120/130 mm, Sitzhöhe 770 mm, Gewicht vollgetankt 223 kg, Zuladung 182 kg, Tankinhalt 18 Liter.


messungen
(MOTORRAD 5/1993)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 231 km/h

Beschleunigung

0–100 km/h 3,7 sek

0–160 km/h 7,9 sek

Durchzug

60–100 km/h 6,0 sek

100–160 km/h 8,8 sek

Verbrauch

4,2 bis 9,7 l/100 km, Normalbenzin

Modellpflege - MODELLPFLEGE

1990 Typ ZX 600 D: 98 PS, erste 600er mit
einem Rahmen aus Aluminium, Preis 12950 Mark

1993 Typ ZX 600 E: neuer Motor mit
überarbeitetem Zylinderkopf und 100 PS,
doppeltes Ram-Air-System mit Einlässen unter
dem Scheinwerfer, größerer Luftfilterkasten,
Rahmen neu, kürzerer Radstand, neu geformte
Verkleidung, Fahrwerk überarbeitet, komfor-
tablere Abstimmung, Tankuhr statt Reserve-Warn-
lampen im Cockpit, Reservehahn, Sekundär-
luftsystem, Preis 13990 Mark

1995 Gabel für mehr Fahrkomfort
in Federbasis und Zugstufe einstellbar

1996 Aus Versicherungsgründen
Leistungsreduzierung auf 98 PS

1997 Geänderte Zündbox, neue Vergaserabstimmung, Digitaluhr im Cockpit, besser
gelagertes Uni-Trak-System, Preis 15420 Mark

2002 Edelstahlkrümmer und U-Kat

2005 Aktueller Listenpreis 8295 Euro

Reifen - Reifenfreigaben

Während ihrer bisherigen
Bauzeit hat die ZZ-R 600 schon etliche Reifengenerationen überlebt. MOTORRAD hat die aktuell erhältlichen Paarungen der wichtigsten
Hersteller aufgelistet. Außer diesen besitzen zwar noch viele weitere Reifenmodelle eine Freigabe und sind zum Teil sogar noch aufgezogen, doch mittlerweile nicht mehr erhältlich. Wer also eine mit Bridgestone BT 50,
Dunlop K 510 oder Michelin Macadam 90 besohlte ZZ-R angeboten
bekommt, muss nicht gleich zurückschrecken. Diese Pneus sind nach wie vor zugelassen, allerdings veraltet und sollten bei nächster Gelegenheit gegen moderne Gummis getauscht werden. Und davon gibt’s wahrlich genug.

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