Gebrauchtberatung Naked Bikes IG Druck und Metall

Die starken, unverkleideten Hubraumboliden stehen auch als Gebrauchte hoch im Kurs. Service-Redakteur Uli Holzwarth berichtet, wie er Mitglied dieser Interessengemeinschaft wurde.

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Gebrauchtkauf Naked Bikes
Gebrauchtkauf Naked Bikes
Es ist Ende März, als ein stabiles Hochdruckgebiet dem Frühling endgültig zum Durchbruch verhilft. Die Sonne erwärmt wieder mehr als nur das Gemüt, verleiht dem ersten Grün diesen wunderbar frischen Glanz und lockt mit aller Macht, den freien Tag auf dem Motorrad in der aufblühenden Natur zu verbringen. Dumm nur, dass ich ein paar Tage zuvor meine Maschine verkauft habe. Und zu meinem Leidwesen ist auch das Schlüsselbrett von MOTORRAD-Fuhrparkleiter Gerry Wagner völlig verwaist. Weil Gerry aber nicht nur ein viel beschäftigter, sondern auch ein netter Kollege ist, überlässt er mir mit einem brummigen »Hab eh keine Zeit« die Suzuki GSX 1400, die er eigentlich für sich reserviert hatte.

So sitze ich nach langer Zeit eher zufällig wieder einmal auf einem Naked Bike. Kaum dem hektischen Stuttgarter Talkessel entflohen, entfaltet die dicke Suzi auf den verschlungenen Landstraßen der Schwäbischen Alb alsbald ihren Charme mit solcher Wucht, dass ich gar nicht anders kann, als mich dem entspannten Wesen des sanft brummenden, druckvollen Vierzylinders hinzugeben. Völlig relaxt und ohne Hektik im großen Gang durch die Landschaft rollend, genieße ich Motorradfahren in seiner ursprünglichsten Form. Kein Stress, kein sinnieren über ein paar Klicks mehr Zug- oder Druckstufe, die richtige Linie findet sich von allein. Das macht frei, schafft Raum für allerlei Gedanken.

Beinahe automatisch reihen sich Erinnerungsfetzen aneinander, und während der ersten Rast läuft im Kopf plötzlich wieder der Film, der mich zurückführt in die Zeit der ersten Zweiraderfahrungen, als die meisten Motorräder noch so nackt waren wie meine Kawasaki Z 550 B. Mann, was war das für ein Gefühl, als die Tachonadel zum ersten Mal im Leben die magische 200-km/h-Marke überschritt! Pures Adrenalin, bis die Nackenmuskeln vor dem heranstürmenden Orkan schließlich doch kapitulierten. Unvergessen auch, wie die Bol d’Or-Fahrer unserer Clique aufgrund chronischen Geldmangels statt auf Konis oder Kegelrollenlager lieber auf mutige Kumpels setzten, weil jene als Soziusballast so manche Vollgasfahrt zu einem leichter kalkulierbaren Unterfangen machten. Aus dem Kofferradio des Kiosk-Besitzers quäkt derweil im Hintergrund – Zufall oder nicht? – der 80er-Jahre-Hit »Tausend mal berührt...« von Klaus Lage. Wie passend, denn bei mir hat es ebenfalls »Zoom« gemacht: Fest steht, dass
ich mir nach vielen verkleideten Motor-
rädern diesmal einen dieser nackten Hub-
raumgiganten in die heimische Garage stellen werde. Wegen des auf maximal 6000 Euro beschränkten Budgets kommt allerdings nur ein gebrauchtes Exemplar in Frage.
Zunächst konzentriere ich meine Suche jedoch auf günstigere Angebote. Aber auch dabei gilt die Vorgabe, dass das Bike möglichst aus erster Hand stammen und nicht mehr als 15000 Kilometer auf dem Tacho haben sollte. So führt mich der erste Weg nach Norddeutschland,
wo eine im Internet annoncierte Triumph Speed Triple der alten T 300-Baureihe zum Verkauf steht. Die als Verhandlungsbasis angesetzten 4500 Euro scheinen akzeptabel für ein Kult-Bike aus erster Hand, das noch nicht einmal 13000 Kilometer gelaufen ist. Beim Ortstermin präsentiert sich die Triumph indes in einem etwas mitgenommenen Zustand, der nicht unbedingt mit den Angaben am Telefon übereinstimmt. Zwar sind alle Lack- und Anbauteile wie versprochen ohne Kratzer, Beulen oder Sturzspuren, doch die schwarz verchromte Auspuffanlage ist über und über mit kleinen Rostpickeln
bedeckt, die nur oberflächlich wegpoliert wurden. Korrosion findet sich darüber
hinaus an zahlreichen Schrauben sowie dem Anschluss der hinteren Bremsleitung. Eine dicke Schmutzschicht bedeckt zudem Motorunterseite und Federbein, und leichte Wasserspuren an einer Zylinderkopfschraube mahnen zur Vorsicht. Dennoch will der Besitzer, der sich eine neue BMW R 1150 GS bestellt hat, nur 300 Euro nachlassen. Da zudem noch der komplette Reifensatz erneuert werden müsste, verzichte ich schließlich etwas zerknirscht. Was bleibt, ist die Erkenntnis, mir künftig vor einer solchen langen Anfahrt erst einmal Bilder in einer besseren Qualität per Mail schicken zu lassen. Außerdem schadet es nicht, dem Besitzer bereits am Telefon eine exakte Zustandsbeschreibung zu entlocken. Die kleinen Bildchen im Internet taugen hierzu nämlich keinesfalls.
Nach diesem Flop gilt mein Interesse einer schwarzen Yamaha XJR 1200, die, so jedenfalls der Anzeigentext, wegen Zeitmangels einen neuen Besitzer sucht. Seit der Erstzulassung 1996 sind nur knapp 8000 Kilometer zusammengekommen. Die geforderten 4300 Euro wären dafür gut angelegtes Geld, gäbe es dabei nicht ein paar Haken: So ist bereits der zweite Tank montiert, weil der erste durch einen leichten Sturz, angeblich »bei Schritt-
geschwindigkeit«, Blessuren davongetragen hat. Außerdem wurde die originale Auspuffanlage aufgrund von Kratzern
gegen eine Vier-in-eins-Komplettanlage ersetzt – ein Umbau, der von XJR-Anhängern nur selten goutiert wird. Des Weiteren lässt das äußere Erscheinungsbild darauf schließen, dass ausgiebige Pflege nicht zum Steckenpferd des Eigentümers gehört. Dafür sind mir 4200 Euro als un-
teres Preislimit letztlich zu viel.
Also vielleicht doch eine gebrauchte Suzuki GSF 1200 N? Schließlich ist die 1200er dank des vergleichsweise güns-
tigen Neupreises seit Jahren ein Ver-
kaufsrenner. Das macht die große Suzuki
zwar nicht unbedingt zu meinem Wunsch-
motorrad, aber wenn der Preis stimmt... Zu meiner Überraschung fällt das Gebrauchtangebot an nackten 1200er-Bandit jedoch mehr als dürftig aus. Manfred Domaier von Motorcity, einem großen Gebrauchthändler im schwäbischen Albershausen, kennt den Grund: »Seit der gründlichen Überarbeitung dieser Modellreihe sehen frühere S-Varianten mit ihrer schmalen Halbverkleidung reichlich bieder aus. Gebrauchtkäufer bevorzugen daher das unverkleidete Modell, das selten lange auf einen Käufer wartet.« Spricht’s und übergibt einem zufriedenen Kunden sein letztes Exemplar, ein 1999er-Modell in exzellentem Originalzustand aus erster Hand. Glückwunsch, für 4500 Euro einschließlich frischer Inspektion, neuem TÜV und Händler-Gebrauchtgarantie ein prima Kauf.
Nächster Versuch. Für 5200 Euro will sich jemand in der Nähe von Stuttgart
von seiner Suzuki GSX 1200 trennen, weil Nachwuchs im Anmarsch ist. Diesmal stimmt die telefonische Zustands-
beschreibung mit der Realität überein. Bis auf zwei Schrammen in der Schwinge durch den streifenden Nachrüstschalldämpfer gibt es nichts zu kritisieren. Weil die Maschine jedoch schon zwei Vor-
besitzer sowie 3000 Kilometer mehr auf dem Tacho hat als im Inserat angegeben, wäre der Verkäufer nach einigem Verhandeln mit 4700 Euro einschließlich Top-
case und neuem Reifensatz, aber ohne Zubehörschalldämpfer einverstanden.
Dass es nicht zur Einigung kommt, liegt am Angebot einer Kawasaki ZRX 1100, meinem heimlichen Favoriten. Für 5200 Euro hätte ich die 2001 erstmals zu-
gelassene, scheckheftgepflegte Maschine aus zweiter Hand haben können, die mit neuem TÜV und Hinterreifen bei einer Laufleistung von knapp 16000 Kilometern ziemlich exakt dem Wert laut Schwacke-Liste entspricht. Ein angemessener Preis, aber kein Schnäppchen, weil viele Händler speziell die rote Variante im Jahr
2001 als Auslaufmodell zu einem rund 1000 Euro günstigeren Preis abverkauften. Keine Kaufanreize ergeben die Besichtigungen einer Honda CB 1300 sowie einer BMW R 1100 R. Gegenüber den
japanischen Vierzylindern wirkt die vergleichsweise teure BMW (5900 Euro) auf mich eher skurril denn klassisch. Und die Honda, ein grau importierter Exote auf dem deutschen Markt, wurde unmittel-
bar vor dem Besichtigungstermin bereits einem anderen Interessenten zugesagt.
Zu guter Letzt finde ich dann doch noch mein gebrauchtes Traumbike. Zu verdanken habe ich dies einem Motor-
radfahrer aus der Pfalz, der seine überaus gepflegte Kawasaki ZRX 1200 R,
die augenscheinlich noch nie Regen ge-
sehen hat, sehr kurzfristig dem Traum vom eigenen Häuschen opfern muss. Mit ausgehandelten 6100 Euro liegt »meine Grüne« zwar geringfügig über dem selbst gesetzten Limit, aber deutlich unter den Schwacke-Notierungen und ist wegen des praktisch neuwertigen Zustands sowie gerade einmal 3000 Kilometern auf dem Tacho jeden Cent wert.

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