Gebrauchtberatung Suzuki DR Big 750 S/800 S Lass es Liebe sein

Sollen andere doch vom Schnabel der DR 800 S halten, was sie wollen. Für Silke war es bei der Suzuki jedenfalls Liebe auf den ersten Blick.

Foto: Sdun
Dr. Big im Einsatz
Dr. Big im Einsatz
Wo die Liebe so hinfällt... Silke fiel. An einer Bordsteinkante. Und die geliebte DR Big auf sie drauf. Aua. Liebe kann schmerzen. Bilanz der ersten körperlichen Annäherung der zierlichen Frau
an die mächtige Suzuki: Bremshebel ge-
brochen, etliche blaue Flecken und die
Einsicht, dass man sich vielleicht doch
ein wenig übernommen hat. Ein mehr als
holpriger Start für die beiden, zumal das Einzylinder-Triebwerk auch irgendwie zu kränkeln schien. Dabei hatte zunächst alles ganz gut angefangen, als der Zufall Silke und Suzi zusammenführte.
1998 war Silke Fechter in Kanada unterwegs und stand in Watson Lake vor einem Schilderwald, wo Reisende Ortsschilder, Bilder und Nachrichten anpinnen. Dort entdeckte sie ein Foto von zwei Suzuki DR 800 S samt Fahrern, die drei Monate
zuvor an dieser Stelle ihre Absicht bekundet hatten, die legendäre Kontinentalstraße Panamericana komplett unter die Stollenreifen zu nehmen. Super Idee, fand Silke, will ich auch irgendwann.
Ein paar Monate später in Mannheim beim Motorradhändler. Silke startet ihre Motorradkarriere als Sozia und will ihren ersten eigenen Helm kaufen. Im Ver-
kaufsraum stehen zwei Suzuki DR Big,
verschmutzt, verkratzt, ungepflegt. »Sind direkt von Argentinien verschifft worden und in diesem Zustand zu mir gekommen. Ich will sie schnell los werden, selbst wenn ich nichts daran verdiene«, erklärt der Händler. Silke erkennt die beiden Maschinen vom Foto aus Watson Lake wieder, reibt den patagonischen Staub, der noch an den Maschinen klebt, zwischen ihren Fingern. Der Helmkauf wird verschoben. Für 5500 Mark pro Stück kaufen die Studentin und ihr damaliger Freund die beiden gerade mal neun Monate alten DR. Kilometerstand: 35000, das sind einmal Panamericana mit vielen netten Umwegen. Der Motorradführerschein folgt fünf Wochen darauf, zusammen mit dem Helm.
Und, große Liebe? Nein. Nicht ganz. Die erste Ausfahrt der 1,68 Meter kleinen Frau endet, wie schon beschrieben, nach 15 Kilometern als Desaster. Weil der Fall von Silke eigentlich ein Garantiefall war – dem unfreiwilligen Halt an besagtem Bordstein ging ein abrupter Leistungsabfall des
Einzylinder-Triebwerks voraus –, ersetzte der Händler kurzerhand das Motorgehäuse. Weitere Garantiefälle folgten. Vier Tage nach der Reparatur beim Händler und nach nur wenigen Stadtkilometern ist die Nockenwelle hin. Austausch. Danach geht’s
in den Odenwald auf eine Kurzrunde.
Nockenwelle wieder kaputt. Erneuter
Austausch. Nach dem Spanienurlaub bei Kilometer 38000 sind das Lenkkopflager und die Beziehung zum Freund am Ende. Vorbei der Traum, mit denselben beiden DR Big die Panamericana-Tour zu zweit zu wiederholen. »Wenigstens wir beide werden noch von Alaska nach Feuerland reisen«, verspricht Silke ihrer unzuverlässigen Big.
Der Tacho zeigt 44000 Kilometer, als die Kette reißt. Nach weiteren 1000 Kilometern vibriert die Suzuki so stark, dass sich sogar die Sicherungsschrauben des Kettenritzels losrappeln. Silke erklärt dem Händler verzweifelt: »Meine Big spinnt!«
Der antwortet: »Quatsch, ist bei einem
so großen Einzylinder normal.« Silke findet dagegen die Reaktion des Händlers nicht normal und wechselt die Werkstatt. Dort erkennt man sofort, dass zuvor bei
den zahlreichen Garantiearbeiten gepfuscht wurde und behebt den Schaden.
Nun ist die Garantiezeit um. Alle Bekannten raten Silke zum Verkauf des »Hobels«, sie hängt jedoch an der DR: »Das sind doch nur Ausnahmen. Die Zwillings-Big hat diese Allüren nicht. Überhaupt, keine andere Big hat diese Allüren. Also wird sich meine auch noch fangen.« Um die Lästermäuler zum Schweigen zu bringen, setzt Silke ihre DR in die Zeitung. Aber
zu einem utopischen Preis, so dass sich niemand auf die Annonce meldet. »Seht ihr, das ist ein Zeichen, sie soll bei mir bleiben«, schließt sie das Thema Verkauf ab.
Bei Kilometer 50000 ist das Federbein fertig, der Beifahrer setzt in Kurven schon mit den Stiefeln auf. Eine neue Batterie, bereits die dritte, wird eingebaut. Nach 60000 Kilometern gehen die Bremskolben vorn fest, weitere 10000 Kilometer später
steht Silke nachts – es ist Winter – mit
abgerissenem Lichtmaschinenkabel ohne Strom auf der Autobahn. Nach 78000 Kilometern ist im Frühjahr 2003 das Lenkkopflager erneut austauschreif, und die Kolben der vorderen und hinteren Bremszangen lassen sich nicht mehr bewegen. Sie erhalten eine Politur sowie einen neuen Dichtsatz verpasst. Alles Schäden durch den
Alltagsgebrauch, ganz normal, versichert Silke. Aber warum sollte man sich überhaupt eine Suzuki DR Big zulegen, wird sie gefragt. »Ganz einfach. Weil sie Charakter hat. Sie legt ein typisch männliches Dickkopfverhalten an den Tag. Das gefällt mir.«
Jetzt, im März 2004, stehen knapp über 80000 Kilometer auf der Uhr. Es ist ein wunderschöner Frühlingstag, doch die
Suzuki verweigert den morgendlichen Kaltstart, selbst mehrmaliges Anschieben bringt den Eintopf nicht zum Laufen. »Oh Mann, Biggie. Was soll das?« Silke ist das Versagen ihrer »Biggie« peinlich. »Wenn
ich jetzt alleine mit ihr wäre, würde ich sie schlagen und treten. Na gut, lassen wir sie ein paar Minuten in der Sonne stehen, dann wird sie sich das schon anders überlegen.« Die Geografie-Diplomandin erzählt von ihren Reisen. Alle Länder Mittelamerikas
hat sie bereits gesehen, selbst Exoten wie Französisch-Guyana oder Belize, in Nordafrika war sie, Äthiopien kennt sie, ebenso Vietnam und Israel. In Europa hat sie viele Länder mit der Suzuki bereist. Dort gab’s zahlreiche Motorradtreffen, Endurotrainings und super Touren, an denen die Big
teilgenommen hat.
Wie sieht es denn nun mit dem Versprechen aus, ihre DR von Alaska nach Feuerland zu führen. »Mmh, weiß nicht, ich traue es ihr ehrlich gesagt nicht wirklich
zu. Wir sind zwar ein Paar, aber ein sehr ungleiches.« Im Radio läuft der aktuelle
Hit von Rosenstolz. »...lass es Liebe sein« intoniert das Berliner Duo. Silke drückt noch einmal auf den Starterknopf. Endlich springt der Funke über, der riesige
Einzylinder hämmert zufrieden vor sich
hin. Silke strahlt. Liebe ist wirklich alles – auch im Leben mit ihrer Suzuki.

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