Gebrauchtberatung Suzuki GSF 600/S Bandit

Räuber mit Charme

Suzukis kleiner Bandit ist der Robin Hood der Bikerszene: Erst raubt er tausenden Neukäufern Geld und Verstand, um dann weniger betuchte Gebrauchtinteressenten massenhaft mit günstigen Secondhand-Angeboten zu beglücken.

Foto: Hartmann
Mit der kleinen Bandit bekam man schon immer viel Motorrad für wenig Geld.
Mit der kleinen Bandit bekam man schon immer viel Motorrad für wenig Geld.
Aus heutiger Sicht erscheint es fast schon unwirklich, doch es gab tatsächlich mal Zeiten, in denen Geiz noch nicht geil war. Nicht die dumpfen, allgegenwärtigen Marktschreier-Parolen waren das Leitmotiv für Kaufentscheidungen, sondern in erster Linie ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein Punkt, in dem Suzuki von je her stark war. Und
so startete auch die GSF 600 N Bandit im Frühjahr 1995 mit einem Kampfpreis. Wer dem Vertragshändler damals 10290 Mark auf den Tisch legte, tat dies im Bewusstsein, mit der preisgünstigen 600er eine Maschine gekauft zu haben, die ihr Geld auch Wert ist.
Tatsächlich erhielt man mit der kleinen 600er-Bandit schon immer viel Motorrad für wenig Geld. Trotz des volkstümlichen Tarifs geizte die kleine Nackte weder mit technischen noch mit optischen Reizen. Insbesondere der fein verrippte, luft-/ölgekühlte Motor ist nach wie vor ein Augenschmaus. Dass der spritzige, freilich nicht besonders durchzugsstarke Vierzylinder die Grenze der damals neu geschaffenen Versicherungsklasse bis 78 PS voll ausschöpft, ist sicher kein Zufall. So dominierte die Suzuki die zwar billigere, aber auch deutlich schwächere Konkurrenz in Gestalt der Yamaha XJ 600 und der Honda CB 500 nach Belieben. Die leistungsmäßig vergleichbaren Vierzylinder vom Schlag einer Kawasaki Zephyr 750 oder Honda CB Seven Fifty kosteten wiederum wesent-
lich mehr.
Voreilige Skeptiker, die in der 600er-Bandit ein qualitativ minderwertiges Dumpingangebot vermuteten, wurden rasch eines Besseren belehrt. Die Suzuki überzeugte nämlich von Beginn an mit einer ansehnlichen Verarbeitung, wie beispielsweise einer sauberen Lackierung, reichlich Chrom-Zierrat an den Instrumenten und dem Scheinwerfer sowie einer Vier-in-eins-Auspuffanlage aus poliertem Edelstahl. Weitere Pluspunkte sammelte die 600er mit ihrem unproblematischen Fahrverhalten, den solide zupackenden Bremsen und dem kommoden Platzangebot für Fahrer und Sozius.
Dass die nackte Bandit, obschon mit einem traditionellen Doppelschleifenrahmen ausgestattet, nicht den klassischen Vorbildern huldigte, sondern mit einem
eigenständigen, sehr ansprechenden Äu-
ßeren aufwartete, rundete für viele Interessenten das positive Bild ab.
Lediglich den bereits für flottere Solofahrten zu weich gefederten und zu schwach gedämpften Federelementen war das Diktat der Rotstiftakrobaten anzumerken. Mit progressiven Gabelfedern und einem hochwertigen Federbein aus dem Zubehör (Umbaukosten zirka 500 Euro) ist das Thema jedoch rasch aus der Welt.
Alles in allem hatte Suzuki mit den 600er-Bandit-Modellen – dem Naked Bike wurde bereits zur Saison 1996 die halbverkleidete Schwester S zur Seite gestellt – ein Paket geschnürt, das Mitte der 90er Jahre konkurrenzlos war. Und während der Hersteller mit der Bandit einen Verkaufsrekord nach dem anderen aufstellte,
verharrten die anderen Produzenten in kollektiver Schockstarre. Erst 1998 erwuchs den GSF-600-Modellen mit der Honda Hornet 600 und der Yamaha
FZS 600 Fazer sowie der zweizylindrigen
SV 650 aus dem eigenen Haus ernst-
hafte Konkurrenz.
Indes, die 600er-Bandit verkaufte sich weiterhin wie geschnitten Brot, weshalb
die beiden Varianten erst zur Saison 2000 eine gründliche Modellpflege erfuhren (siehe Seite 59). Seitdem wirkt die in vielen Details überarbeitete 600er, vorallem in der verkleideten Version, noch ein wenig gediegener. Der robuste Antrieb blieb dagegen praktisch unverändert. Deshalb können Gebrauchtinteressenten mit einem schmalen Geldbeutel bedenkenlos zu einem
gepflegten und sturzfreien Exemplar der ersten Serie greifen, die häufig sehr günstig angeboten werden. Im Fall der GSF 600 darf man also ruhig mal geizig sein.
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Technische Daten und MOTORRAD-Messungen

Motor
Luft-/ölgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ven-tile pro Zylinder, Gabelschlepphebel, Nasssumpfschmierung, vier Keihin-Gleichdruckvergaser, Ø 32 mm, Sekundärluftsystem, Lichtmaschine 550 Watt, Batterie 12 V/8 Ah, mechanisch be-
tätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 62,6 x 48,7 mm
Hubraum 600 cm3
Verdichtungsverhältnis 11,3:1

Nennleistung
57 kW (77 PS) bei 10500/min
Max. Drehmoment
54 Nm bei 9500/min

Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Ø 41 mm, Zweiarmschwinge aus Stahl, Zentralfederbein mit
Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 290 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Zweikolben-Festsattel.

Alu-Gussräder 3.50 x 17; 4.50 x 17

Reifen 120/60 ZR 17; 160/60 ZR 17

Maße und Gewichte
Radstand 1433 mm, Lenkkopfwinkel 64,5 Grad, Nachlauf 100 mm, Federweg v/h 130/121 mm, Sitzhöhe 800 mm, Gewicht vollgetankt 222 kg, Zu-
ladung 218 kg, Tankinhalt 20 Liter.
Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 4,1 sek
0–180 km/h 10,3 sek

Durchzug
60–100 km/h 6,1 sek
100–140 km/h 7,2 sek

Verbrauch
4,8 bis 5,2 l/100 km, Normal

Modellpflege

1995 Markteinführung der unverkleideten
GSF 600 N Bandit (Typ GN77B) mit 34 oder 77 PS zum Preis von 10290 Mark
1996 Zusätzliche Variante mit Halbschalen-
Verkleidung, Beifahrer-Haltegriffen und serien-mäßigem Hauptständer für 11290 Mark; der Preis
der unverkleideten N-Version steigt auf 10590 Mark
1997 Besser geformte Sitzbank; Preisanstieg auf 10690 beziehungsweise 11350 Mark
1998 Die nackte GSF 600 N erhält ebenfalls Beifahrer-Haltegriffe und Hauptständer
1999 Straffer abgestimmter Stoßdämpfer
für beide Varianten (10780/11440 Mark)
2000 Erste größere Überarbeitung: Beide Modellvarianten bekommen einen steiferen Rahmen, eine breitere Felge vorn (3.50 x 17), überarbeitete Federelemente, größere Bremszangen, breitere
Reifen (120/60 ZR 17 vorn, 160/60 ZR 17 hinten),
ein neues Cockpit mit elektronischen Instrumenten, Design-Retuschen an Tank, Sitzbank und Heckverkleidung sowie geänderte Vergaser und ein
Sekundärluftsystem zur Erfüllung der Euro-1-Abgasnorm; weitere Verbesserungen bei der S-Version
sind die neu gestaltete, größere Verkleidung mit
hinterströmter Scheibe sowie zwei DE-Projektionsscheinwerfer; neuer Modellcode WVA8;
Preise: 11180 beziehungsweise 11840 Mark
2002 Cockpit mit zusätzlicher Digitalanzeige für Uhrzeit und Tankinhalt (6200/6540 Euro)
2003 Dauerfahrlicht und Warnblinkanlage Serie; Preissenkung auf 5850/6140 Euro
2004 Neuer Schalldämpfer mit U-Kat, ge-
ändertes Zündsteuergerät und modifizierte Vergaser zur Erfüllung der Abgasnorm Euro 2; Listenpreise: 5850/6140 Euro, das in Blau/Weiß lackierte Sondermodell kostet 100 Euro Aufpreis
2005 Nachfolgemodelle Bandit 650 und
650 S (Typ WVB5) mit größerem Hubraum (34 oder 78 PS), mehr Drehmoment, neuer Vorderradfelge
mit geänderter Reifengröße (120/70 ZR 17), geteilter Sitzbank mit einstellbarer Sitzhöhe, variabler Lenkerposition, neuen Instrumenten mit digitalem Tachometer und geändertem Design von Tank, Heck- und Frontverkleidung (Bandit 650 S); Preise: 5990/6290 Euro, ABS kostete anfänglich 500 Euro Aufpreis, seit April nur noch ABS-Modelle erhältlich (6490/6790 Euro). Abverkauf von zirka 300 Exemplaren der
GSF 600 zu Preisen um 5000 Euro

Tests in Motorrad

Tests in Motorrad1
GSF 600 Bandit (Typ GN 77 B): 4/1995 (T), 6/1995 (VT), 15/1995 (VT), 2/1996 (VT)*, 15/1996 (VT)*, 4/1997 (LT), 20/1997 (VT), 9/1998 (VT)*, 10/1999 (VT)*, 24/1999 (VT)
GSF 600 Bandit (Typ WVA8): 7/2000 (VT), 8/2000 (VT)*, 9/2001 (VT)*, 11/2002 (VT)*, 18/2002 (TT), 5/2005 (VT)*, 23/2003 (VT)*

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