Gebrauchtberatung Suzuki GSX 750

Voll gut! Eigentlich

Neu verkaufte sich die schlichte Suzuki GSX 750 nicht schlecht. Gebraucht ist sie dagegen nicht sonderlich gefragt. Doch die Qualität stimmt. Und der Preis in der Regel auch.

Foto: Dentges
Die Suzuki GSX 750: eigentlich eine gute Gebrauchtmaschine.
Die Suzuki GSX 750: eigentlich eine gute Gebrauchtmaschine.
Händler Gerhard Sattler aus Stuttgart bemüht sich, die GSX 750 zu beschreiben: »Das Motorrad ist voll gut! Eigentlich.« Warum eigentlich »eigentlich«? Ist das Motorrad nun voll gut oder nicht? »Doch, doch, voll gut. Ein breiterer Lenker und Stahlflex-Bremsleitungen sind genau wie ein Sturzbügel schon dran, und mit gerade mal 10000 Kilometer Laufleistung ist die Suzuki noch neuwertig«, bewirbt Sattler die blaue 750er auf seinem Hof.
Dennoch steht die Gebrauchtmaschine schon ein ganze Zeit bei ihm. Im Februar hatte er die Nackte von einem Kunden, der auf eine Vollverkleidete umstieg, in Zahlung genommen. Sie frohgemut mit neuen Reifen bestückt, eine Inspektion durchgeführt und die kaum zwei Jahre junge GSX zunächst zum in der Schwackeliste ausgewiesenen Preis von 5490 Euro angeboten. Die Saison startete. Nur nicht für die Suzuki – keiner wollte sie. Im Mai setzte der Händler den Preis, nicht mehr ganz so gut gelaunt, auf 4999 Euro runter.
In Pfalzgrafenweiler, rund 70 Kilometer südwestlich von Stuttgart, tut Frank Mix vom Motorradhandel Motor-Mix seine
Meinung zur nackten 750er-Suzuki kund: »Kann alles, die Leistung reicht für Normalsterbliche aus, ist zuverlässig. Wirklich eine gute Wahl. Eigentlich.« Schon wieder »eigentlich«, das irritiert einen potenziellen Käufer. »Ein echt gutes Motorrad, aber bei dem geht’s nur über den Preis«, fährt Mix fort. Warum die Suzuki in der Käufergunst nicht so weit oben stehe, könne er sich nicht erklären. Der Tank sehe schon irgendwie komisch aus, das sei jedoch Geschmackssache, findet er. Nach Frankreich habe er dieses Jahr schon vier Fahrzeuge verkauft, den französischen Nachbarn gefalle die Nackte wohl besser.
Hier zu Lande müssten Motorradfahrer regelrecht auf die unauffällige GSX ge-
stoßen werden. Im Sommer, wenn mehr Laufpublikum in seinen Laden kommt und die Suzuki in natura sieht, ließe sich noch der eine oder die andere für das Modell erwärmen; zum Saisonende indes werde es zäh. Dann kaufe er eigentlich keine mehr an. Eigentlich, denn die schwarze 1999er aus Norddeutschland war so günstig, dass er einen kleinen Preis weitergeben kann. »Meine Strategie: die anderen beim Verkauf zu unterbieten, selbst Private«, sagt Profi Frank Mix.
Die Maschine hatte zwei Vorbesitzer, lief 35900 Kilometer, und der Händler übernahm sie in einem technisch einwandfreien, allerdings ungepflegten Zustand. Das Motorgehäuse befreite er aufwendig von festgebackenem Schmutz, wechselte Öl, Ölfilter und Kerzen. Nahm noch einen Kundendienst vor und bietet die Maschine nun mit einem Jahr Gewährleistung für 2600 Euro an. Trotz einer kleinen Delle und Kratzern im Tank macht sie einen guten Eindruck, den auch eine Probefahrt nicht trübt. Obwohl das Triebwerk kalt ist, springt es sofort an und nimmt das Gas sauber an. Höhere Drehzahlen steckt es gelassen weg, der Motor läuft ausgezeichnet. Ebenso vorbildlich: die Bremsen.
Während bei Mix bereits mehrere Kunden Interesse zeigten, korrigiert Sattler zum Saisonende erneut den Preis für seine Gebrauchte. 4790 Euro, damit verlässt er die Gewinnzone. »Beim nächsten Mal überlege ich mir genau, ob ich so ein Modell
in Zahlung nehme.« Dennoch, der Händler, der jährlich rund 300 Motorräder verkauft, klingt nicht verzweifelt, sondern nach wie vor optimistisch: »Es muss ihn geben, den Käufer für diese GSX, da bin ich mir sicher. Es müsste jemand sein, der weiß, dass er ein Motorrad ohne böse Überraschungen bekommt, das super in Schuss ist und ihm jahrelang erhalten bleibt.«
Für die Händler Sattler und Mix ist klar: Prinzipiell lässt sich die GSX 750 verkaufen. Als Neufahrzeug war sie vielen gut und billig. Als Gebrauchte wird sie allerdings schnell zum Ladenhüter, wenn sie zwar gut, aber nicht billig ist. Interessenten, die sich für einen derartigen Ladenhüter interessieren, haben dementsprechend eine gute Verhandlungsposition. Sicherlich kein Fehler, denn die GSX 750 ist wirklich gut, nicht nur eigentlich.
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Modellübersicht - Suzuki GSX 750

Modellgeschichte
Am Anfang war der Motor. Gezüchtet für den Supersportler Suzuki GSX-R 750, der 1985 das Licht
der Welt erblickte und die damalige Knieschleifer-Fraktion verzückte. 13 Jahre später, für große Rennerfolge nicht mehr frisch genug, wurde er für ge-
mäßigteres Wetzen auf der Landstraße angepasst und 1998 im Naked Bike GSX 750 zweitverwertet.
Mit einer ausreichenden Leistung von 86 PS bei 9500/min statt der 100 PS bei 11000/min des
ursprünglichen Sportleraggregats ausgestattet, sollte die Suzuki in der Brot-und-Butter-Liga eine Anhängerschaft für sich gewinnen.

Ob das gelänge, fragten sich sowohl Fachpresse als auch Händler angesichts der Tatsache, dass aus dem gleichen Hause Bestseller wie Bandit 600 und 1200 schon unzählige Naked-Fans um sich scharten. Und die Konkurrenz von Kawasaki und Honda hatte mit der Zephyr 750 beziehungsweise der Seven Fifty ebenso hübsche, solide sowie preisgünstige Maschinen für die entsprechende Käuferklientel in petto.
Suzukis Plan ging auf, insgesamt verkaufte sich die GSX 750 von 1998 bis zum letzten Verkaufsjahr 2003 rund 8000-mal. Die meisten Fahrzeuge gingen in
den ersten drei Baujahren weg. Bei ihrem Erscheinen kostete die Suzuki moderate 11590 Mark, was die Entscheidung von so manchem Neukäufer erleichtert haben dürfte, denn für das Geld bekam er ein zeitloses, schlichtes Motorrad mit ordentlichem Fahrwerk und einem zuverlässigen Vierzylinder.

Technische Änderungen innerhalb der Bauzeit? Fehlanzeige. Im Jahr 1999 und 2000 stand der Stan-dard-GSX-750 die Special Edition zur Seite, die sich
jedoch lediglich durch eine Zubehör-Cockpitverkleidung unterschied. Im Herbst 2000 rollten die letzten Modelle (Baujahr 2001) vom Band, entsprechend
änderten sich ab diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr die Farben. In den Folgejahren 2002 und 2003
war die GSX 750 noch offiziell im Programm, 2004 standen nur noch vereinzelt Neufahrzeuge zum Abverkauf beim Händler, laut Hersteller insgesamt etwa 60 bis 70 Stück in Deutschland.

Als Lückenbüßer in der Mittelklasse machte die 750er innerhalb der Suzuki-Familie keine schlechte Figur. Schließlich sprach sie eine Käuferschicht irgendwo zwischen Einsteiger und Hubraum-Macho an. Um sie weiterhin auf dem Markt anbieten zu
können, hätten die Japaner das Motorrad hinsichtlich aktueller Homologationsvorgaben (Abgas, Geräusch) komplett neu konstruieren müssen. Doch statt in eine Weiterentwicklung der 750er zu investieren, konzentrierte man sich lieber auf die für 2005 stark überarbeitete und mit 650 cm3 Hubraum gar nicht mehr so kleine Bandit.

Marktsituation
Das Angebot an gebrauchten GSX 750 ist nicht riesig, aber groß – immerhin sind noch über 7000 Stück
in Deutschland zugelassen. Besonders Fahrzeuge der Baujahre 1998 bis 2000 stehen reichlich zum Verkauf, die Preise liegen in der Regel zwischen 2500 und 3500 Euro, die Laufleistungen zwischen 10000 und 30000 Kilometern. Modelle mit einem Tachostand über 50000 Kilometern befinden sich häufig noch in der Hand eines treuen Erstbesitzers. Dementsprechend rar, jedoch gesucht: Gebrauchte unter 2000 Euro.

Neuwertige Modelle mit Erstzulassung 2002 oder 2003 und Laufleistungen unter 10000 Kilometern sind ebenso selten, die wenigen lassen sich jedoch wesentlich schwieriger verkaufen. Nagelneue Mittelklasse-Bikes vom Schlage einer Honda CBF 600 oder Kawasaki ZR-7S sind schließlich schon für rund 6500 Euro zu bekommen, da gestaltet es sich schwer, für ein gebrauchtes Naked Bike mit ähnlichen Fahrleistungen mehr als 4000 Euro zu verlangen. Außerdem kostet eine Bandit 1200 mit vergleichbarem Kilometerstand kaum mehr als die 750er.

Private und gewerbliche Offerten halten sich ungefähr die Waage. Viele Händler verkaufen die GSX 750 kaum teurer als Privatanbieter, weil Letztere anscheinend häufig den Wert ihres Motorrad nicht realistisch ein- und deshalb überschätzen. Da Gewerbliche durch die vorgeschriebene Gewährleistungspflicht einen echten Bonus bieten, lohnt ein Vergleich von Privatannoncen und Händlerangeboten in jedem Fall.

Besichtigung
Lückenloses Serviceheft, neuwertige Reifen, frischer Kettensatz oder Anbauteile wie progressive Gabelfedern und Motorschutzbügel – so wird’s für den GSX-750-Interessenten wirklich interessant. Manchen Fahrern sagt der schmale Original-Lenker nicht zu, deshalb haben sie ihn gegen ein Zubehörteil getauscht (zum Beispiel Lucas, Telefon 02631/912-0 oder LSL, Telefon 02151/5559-0). Auch das ist als Pluspunkt für den Käufer zu werten.
Das Baujahr ist wegen einer fehlenden Modellpflege seitens des Herstellers weniger kaufentscheidend, sondern allein der Zustand und die Kilometerleistung. Also lieber eine gepflegte 1998er mit 15000 Sonntagsfahrer-Kilometern nehmen als eine 2000er mit 25000 Alltags-Kilometern, auch wenn beide gleich teuer sind.

Der solide Vierzylinder schafft indes ohne zu mucken wesentlich höhere Laufleistungen, wenn die vorgeschriebenen Wartungsintervalle eingehalten werden. Da die GSX ihren Motor offen zur Schau stellt, lässt sich leicht ausmachen, ob irgendwo Öl austritt. Ist der Motor nicht dicht, Finger weg!

Anfälliger als das Triebwerk sind Lenkkopf- und Schwingenlager. Die Original-Kugellager im Steuerkopf etwa sind teilweise schon nach 15000 Kilometern verschlissen. Experten ersetzen diese Schwachstellen dann durch robustere Kegelrollenlager. Emil Schwarz, Telefon 07181/995290, hat einen gan-
zen Umbausatz, bestehend aus Präzisionslager und Dichtringen, im Programm. »Dann hat man Ruhe«, ist unter www.gsx-inazuma.org nachzulesen.

Die Internet-Seiten beschreiben auch andere modellspezifische Probleme wie zum Beispiel Tachorasseln oder klappernde Instrumente. Praktisch: Probate Gegenmittel gegen mögliche Zipperlein sind dort auf-
geführt. Mit vielen Tipps zu Zubehörteilen empfiehlt sich diese private Website generell für alle Fans der GSX 750, nicht nur für potenzielle Gebrauchtkäufer.

Modellpflege - Suzuki GSX 750

1998Markteinführung der GSX 750, Typ AE

1999Eine Special Edition mit Cockpitverkleidung für 12320 Mark ergänzt bis 2000
das Standardmodell (11840 Mark)

2001 Letztes Baujahr, danach nur noch Abverkauf in den beiden Farbvarianten Blau und Schwarz

2003 Offiziell letztes Modelljahr der GSX 750


Tests in MOTORRAD* 11/2002 (VT), 13/1999 (VT), 10/1999 (VT), 21/1998 (Leser-Test), 3/1998 (VT), 1/1998 (T)

Technische Daten - Suzuki GSX 750

Motor
Luft-/ölgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Gabelschlepp-
hebel, Nasssumpfschmierung, Gleichdruckvergaser, Ø 32 mm, Transistorzündung, keine Abgasreinigung, Lichtmaschine 550 Watt, Batterie 12 V/8 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 70 x 48,7 mm

Hubraum 750 cm3

Verdichtungsverhältnis 10,7:1

Nennleistung
63 kW (86 PS) bei 9500/min

Max. Drehmoment:
67 Nm bei 8500/min

Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, geschraubter rechter Unterzug, Telegabel, Ø 43 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, zwei Federbeine, direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 300 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Zweikolben-Festsattel.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 5.50 x 17

Reifen 120/70 ZR 17; 170/60 ZR 17

Maße und Gewichte
Radstand 1470 mm, Lenkkopfwinkel 64,5 Grad, Nachlauf 101 mm, Federweg v/h 130/120 mm, Sitzhöhe* 790 mm, Gewicht vollgetankt* 223 kg, Zuladung* 212 kg, Tankinhalt 18 Liter.
Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 208 km/h
Beschleunigung
0–100 km/h 3,7 sek
0–140 km/h 6,8 sek
Durchzug
60–100 km/h 5,5 sek
100–140 km/h 6,4 sek

Verbrauch
4,5 l/100 km (bei 100 km/h); 6,9 l/100 km (bei 160 km/h), Normalbenzin

Steckbrief - Suzuki GSX 750:

Die blaue, 10000
Kilometer gefahrene
und gut gepflegte
GSX 750, Modelljahr
2002, hat sich
bei Gerhard Sattler – nicht gerade zur
Freude des Händlers – seit mehreren Monaten eingenistet und schon eine kleine Staub-Patina angesetzt. Wertsteigernde
Extras: breiterer
Lenker, Stahlflex-Bremsleitungen, Motor-Schutzbügel und nagelneue Reifen. Trotz des reduzierten Preises findet sich kein Käufer. Immer noch zu teuer?

Steckbrief - Suzuki GSX 750

Tiefgestapelt: Die
Suzuki bei Motor Mix hat nur 35900 statt der aus Versehen ausgewiesenen 39200 Kilometer auf der Uhr. Händler Frank Mix bietet das Motorrad im Originalzustand
zu einem attraktiven Preis mit Gewährleistung an. Beim
Vorbesitzer stand
es häufig draußen
und war sehr verdreckt, bevor Mix
es für den Verkauf in Pflege nahm. Kleine Schönheitsfehler
wie der teilweise abgelöste Motorlack sind zu verkraften.

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