Gebrauchtberatung Yamaha RD 500 LC

Zweiventiler

Brauchen Renner Ventile? Ja, aber nur eins am Vorder- und eins am Hinterrad. Wie bei der Kenny Roberts-Replika von 1984. Heute zählt Yamahas Zweitakter RD 500 LC zu den Gebrauchtmarkt-Raritäten.

Für die eingefleischten RD 500-Anhänger gibt’s keinen Zweifel dran: Ein richtiges Motorrad hat nur an den Rädern Ventile, und die Zahl der Arbeitstakte beschränkt sich ebenfalls auf zwei. Zum guten Ton der immer kleiner werdenden Zweitaktfangemeinde gehört außerdem der schlagartige Einsatz der Musik nach langatmiger Einleitung.
Und diese Übung beherrschte 1984, als Yamaha seine 500er Rennmaschine für die Straße auf den Markt brachte, kein anderer Zweitakter so gut wie die RD 500: Ab 6000/min geht richtig die Post ab.
Der wassergekühlten 50-Grad-V4-Motor lehnte sich konstruktiv an Kenny Roberts Grand Prix-Zweitakter OW 71 an, und auch wenn die Serienmaschine natürlich nicht so kompromißlos ausgelegt war wie das Rennmotorrad, zog die RD 500 mit satten 88 PS leistungsmäßig klar an die Spitze aller Straßenzweitakter.
Doch, wie schon gesagt, im unteren Drehzahlbereich ließ sich mit der RD selbst gegen deutlich schwächere Bikes kein Ampelstart gewinnen, und der sehr lang ausgelegte erste Gang tat das übrige, um einen guten Durchzug zu verhindern. Drehen, drehen, drehen heißt die Devise - auch nach dem Leistungsmaximum bei 9500 Umdrehungen bringt der Vierzylinder-V-Motor noch beeindruckenden Schub. Bei entsprechend windschlüpfriger Sitzhaltung kann die Geschwindigkeit von 220 km/h locker überschritten werden.
Soviel Hochleistungsperformance erfordert ein pflegendes Händchen. Aufwendiger Nockenwellenantrieb und lästige Ventilspielkontrolle entfallen zwar bei Zweitaktern konstruktionsbedingt, von übersichtlichem Aufbau und einfacher Wartung kann aber bei der RD 500 dennoch keine Rede sein. Vier Vergaser zur Gemischaufbereitung und von einem Stellmotor per Seilzug drehbare Walzen zur Auslaßsteuerung wollen penibel eingestellt werden, soll der Motor sauber laufen und volle Leistung entwickeln.
Entscheidend dabei ist auch die Wahl der Zündkerzen: Für häufige Stadtfahrten und Kurzstrecken oder bei niedrigen Außentemperaturen empfehlen sich die NGK BR8HS, für zügige Fahrten und zum Heizen wegen des höheren Wärmewerts die NGK BR9HS.
Sportliche RD-Piloten setzen entsprechend auf vollsynthetische, hochtemperaturstabile Öle wie das Castrol Formula TTS. Die serienmäßig auf großzügige Fördermenge eingestellte Ölpumpe kann durchaus auch etwas magerer abgestimmt werden: Zwischen einem und mehr als drei Liter auf 1000 Kilometer sich der Ölverbrauch.
Die magere Einstellung spart nicht nur Geld, sondern auch der Fahrer profitiert davon, muß er die im Stadt- und Kurzstreckenverkehr stark verrußenden Zündkerzen nicht so oft reinigen. Diese lästige Pflicht erfordert nämlich die Demontage des Tanks, um an die beiden hinteren Zylinder zu gelangen. Wie gesagt, mit guter Zugänglichkeit oder Wartungsfreundlichkeit kann sich die 500er nicht brüsten. Es wurden gar Vergleiche mit dem vor Haupt- und Nebenaggregaten nur so strotzenden Motorraum eines Zwölfzylinder-Jaguars gezogen.
Trotz Wasserkühlung gibt es besorgte RD-Treiber, die Angst vor Überhitzung des Zweitakttriebwerks haben und deshalb den Temperaturfühler überbrücken, um den Kühler-Ventilator per Handschalter zu aktivieren. Bei Autobahnfahrten oder in der Stadt beispielsweise. Über den Nutzen dieses Umbaus sind die Fachleute jedoch geteilter Meinung.
Unbestritten hingegen sind die Qualitäten der innenbelüfteten Doppelscheibenbremse und die ausgeprägte Handlichkeit des Fahrwerks. Obwohl das Gesamtgewicht von 216 Kilogramm bei Erscheinen der RD 500 schon als zu hoch bemängelt wurde und heute sogar von hubraumstarken Viertaktsportlern deutlich unterboten wird, gefällt Yamahas handlicher Zweitaktrenner dank günstigem, weil tiefem Schwerpunkt und sportlicher, aber dennoch komfortabler Sitzposition. Einzig die starke Aufstellneigung beim Bremsen in Schräglage, verursacht durch das breite 16-Zoll-Vorderrad, erfordert eine gewisse Eingewöhnung oder eben einen sauberen Fahrstil.
Die Serien-Federelemente tragen ihren Teil zum guten Fahrverhalten der RD bei, wenngleich zahlreiche Besitzer trotzdem auf White-Power-Gabelfedern umrüsten und auf das besser einstellbare Federbein desselben Herstellers im Heck schwören (Preis xxxx Mark bei Baehr, Telefon 06335/5004).
Wem der Benzinverbrauch von durchschnittlich sechseinhalb und neuneinhalb Liter auf 100 Kilometer - Leser Mike Möller aus Luxemburg berichtet gar von bis zu 15 Litern - zu hoch ist, kann sich an Yamaha-Händler und RD-Spezialist Armin Collet, Telefon 06871/2907, wenden.
Collet bietet daher verschiedene Tuningstufen im Sinne von Feinabstimmung für die RD 500 an. Mit geänderter Vergaser-/Membranbestückung, anderen Kurbelwellen und weiteren tiefgreifenden Umbauten will er neben homogenerer Leistungsentfaltung den RD-Durst auf bis zu fünf Liter pro 100 Kilometer reduzieren, mit einem Liter Öl sollen bis zu 3000 Kilometer möglich sein. Die Umbaukosten betragen allerdings zirka 6000 Mark.
Etwa soviel muß ein Interessent auch bezahlen, will er eine RD in gutem Zustand und mit akzeptabler Kilometerzahl, sprich unter 30000, ergattern. Gerade mal 1554 Stück verkaufte Yamaha dem nur von 1984 bis 1987 gebauten Modell, heute sind offiziell noch 506 Stück beim Kraftfahrtbundesamt gemeldet.
Reparaturbedürftige RD 500 werden teilweise schon für knapp 4000 Mark angeboten, sollten jedoch in die Hände kundiger Schrauber gelangen. Interessenten von RDs mit Motorschaden sind bei der Firma PRM in Graben-Neudorf, Telefon 07255/8664 an der richtigen Adresse. Sie ist auf Motoreninstandsetzungen spezialisiert und hat mit RD 500-Vierzylindern reichlich Erfahrung.
Schließlich gibt es von PROX Kolben bis zum siebten Übermaß, die auch nach dem dritten oder vierten Klemmer noch eine Reparatur ermöglichen
Wer über Probleme mit Motorschäden diskutieren, sonstige Erfahrungen austauschen, klönen oder fachsimpeln möchte, kann sich an die RD 500 Interessengemeinschaft von Jochen Werner, Telefon 07032/34879, wenden. Die momentan zirka 20 Mitglieder helfen gerne mit Tips und Ratschlägen.
Leser Martin Kieltsch hat eigene Erfahrungen und die von zahlreichen anderen RD-Treibern, sowie Umbau-Tips und Grundlagenwissen zur RD 500 zusammengefaßt. Wer sich für das 158 Seiten starke Werk über Tuning, Wartung und Einstellung der RD 500 interessiert, kann dieses für 50 Mark unter Telefon 05331/77584 bei ihm bestellen.
Wie versprachen doch die dort beigelegten kleinen Aufkleber nicht ganz wahrheitsgemäß: »Schadstoffstark und leistungsarm«. Unvernunft pur eben. Vielleicht ist die RD 500 gerade deswegen ein ideales Ventil, um am Wochenende auf der Hausstrecke - oder besser noch auf der Rennstrecke - mal so richtig Dampf abzulassen.
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Technische Daten

MotorWassergekühlter Vierzylinder-Zweitakt-V-Motor, membrangesteuerter Einlaß, Auslaßsteuerung durch Walzen, vier Mikuni-Flachschiebervergaser, Ø 26 mm, Drehstromlichtmaschine 190 Watt, Batterie 12V/5,5 Ah, Kickstarter.Bohrung x Hub 56 x 50 mmHubraum 499 cm3Verdichtungsverhältnis 6,6 : 1Nennleistung 65 kW (88 PS) bei 9500 minMax. Drehmoment 67 Nm (6,8 kpm) bei 8500 minKraftübertragungMehrscheibenkupplung im Ölbad, klauengeschaltetes Sechsganggetriebe, Sekundärantrieb über O-Ring-Kette.FahrwerkDoppelschleifenrahmen aus Vierkant-Stahlrohr, Telegabel mit hydraulisch gesteuertem Anti-Dive-System, Standrohrdurchmesser 37 mm, Zentralfederbein mit stufenlos verstellbarer Federbasis und vierfach verstellbarer Dämpfung, Doppelscheibenbremse mit Einkolbensätteln vorn, 267 mm, Scheibenbremse hinten, 245 mm, Leichtmetall-Gußräder.Federweg vorn/hinten 140/120 mmFelgengrößevorn 2.75 x 16hinten 3.00 x 18Reifengrößevorn 120/80 V 16hinten 130/80 V 18Maße und GewichteLenkkopfwinkel 64 GradNachlauf 95 mmLänge 2070 mmRadstand 1375 mmSitzhöhe 760 mmLenkerbreite 660 mmTankinhalt/Reserve 22/3 LiterGewicht vollgetankt 216 kgZul. Gesamtgewicht 410 kgTestwerteHöchstgeschwindigkeit Solo/mit Sozius 223/191 km/hBeschleunigung 0-100 km/h solo/mit Sozius 5,1/6,5 sekVerbrauch 8,6 Liter SuperErsatzteil-PreiseSturzteileKupplungshebel 23 MarkHandbremshebel 23 MarkLenkerhälfte 152 MarkRückspiegel 80 MarkBlinker vorn 43 MarkTachometer 321 MarkDrehzahlmesser 371 MarkGabelgleitrohr 309 MarkSchutzblech vorn 214 MarkVorderrad 757 MarkSchalldämpfer 906 MarkTank, lackiert 851 MarkRahmen komplett 1668 MarkVerkleidung komplett 1776 MarkVerschleißteileKettenkit 832 MarkBremsbeläge vorn, ein Satz 48 MarkKupplungsbeläge, ein Satz 122 MarkBremsscheibe vorn 428 MarkLuftfilter 7 MarkBatterie 133 MarkTest in MOTORRAD1Test 14/1984Vergleichstest 16/1984Vergleichstest 12/1985Vergleichstest 15/1985Vergleich 13/1986Reifenfreigaben Vorn Hinten120/80 V 16 130/80 V 18Typ 47X Yokohama F 101/R 101 Dunlop K 125/K225 Michelin Macadam 50 Typ 1GE Yokohama F 101/R 101 Dunlop K 300 M/K 300 Michelin Macadam 50 AlternativbereifungTyp 47X und 1GE120/80 ZR 16 Michelin TX 11130/70 ZR 18 Michelin TX 23Fußnoten:1Tests können beim Verlag bestellt werden, Telefon siehe Kasten auf Seite xxx. ModellpflegeDie Yamaha RD 500 LC wurde von 1984 bis 1987 gebaut. Sie erhielt in dieser Zeit keinerlei Modellpflege. Im Ausland war die RD zum Teil mit Aluminium-Rahmen erhältlich.Stärken und SchwächenStärkenStarker Motor und gute FahrleistungenAkzeptabler Komfort und guter WindschutzHervorragende BremsenSchwächenWartungsintensiv und reparaturanfälligZu lang übersetzter erster GangBei zügiger Fahrt hoher Verbrauch

LESERERFAHRUNGEN

Einstellungssache: RD 500-Besitzer scheuen den Griff zum Werkzeug nicht. Saubere Einstellung und regelmäßige Kontrolle erhöhen die Lebensdauer des Motors. Oder man stellt sich einen zweiten ins Regal.
((1))Im Juni 1986 kaufte ich meine zweite 500er, ein Montagsmotorrad. Ständig liefen die Vergaser über, bei 15000 Kilometern der erste Motorschaden. Auf Garantie wurden alle vier Zylinder erneuert. Bei Kilometerstand 19000 hatte ich Probleme mit dem rechten oberen Zylinder. Nach längerem erfolglosen Werkstattaufenthalt wurde die Kiste zu Yamaha nach Löhne verschickt, wo man auf Kulanz die Kurbelwelle und die beiden stehenden Zylinder wechselte. Nach vier Wochen bekam ich sie wieder, aber sie hatte höchstens 60 PS. Nachdem ich selber die 195er Hauptdüsen gegen 165er ausgetauscht hatte, lief sie wieder. Bis heute habe ich 70000 Kilometer zurückgelegt und dabei 12 bis 15 Kolben und zwei Kurbelwellen verbraucht. Das Fahrwerk zeigt vor allem bei den Dämpferelementen Schwächen. Die sportlichsten Reifen sind die ME 33 und ME99 CompK von Metzeler. Die Schräglagenfreiheit ist wegen der dicken Auspuffanlage sehr begrenzt. Die Unterhaltskosten sind im Vergleich zu meiner GPZ 900 immens, aber Spaß macht die RD wie die Sau. 1990 erwarb ich eine 500er mit Motorschaden, die ich komplett neu aufgebaut habe und die jetzt seit sechs Jahren konserviert in meiner Garage steht. Verkaufen werde ich mit Sicherheit keine der beiden.Helmut Baumgärtner, Weißenburg((2))Meine RD 500 kaufte ich im Frühjahr 1991 mit 4300 Kilometern. Noch im gleichen Jahr hatte ich den ersten Motorschaden an einem der hinteren Zylinder. Im Vergaser befanden sich Gummireste, vermutlich vom Benzinhahn, dadurch ist es zu einem Überhitzungsschaden gekommen. 1996 bei 13000 Kilometern war auf der Autobahn bei zirka 180 km/h der nächste Schaden an beiden hinteren Zylindern fällig. Bei der Reparatur wurden die Schwimmernadeln der hinteren Vergaser eine Kerbe höher gestellt. Nur kurze Zeit später der dritte Defekt an den beiden hinteren Zylindern. Inzwischen bin ich 19000 Kilometer gefahren, die RD macht mir viel Spaß, und die Sitzposition ist auch auf langen Strecken kein Problem. Nach guten Erfahrungen mit Michelin TX 11 und TX 23 fahre ich seit diesem Frühjahr Pirelli MTR 03 120/80 ZR 16 vorn und MTR 04 160/60 ZR 18 auf einer 4,75-Zoll-Felge von Deget hinten.Friedel Hemmer, Mettingen((3))Ich habe im April 1995 meine RD 500 LC mit angeblich 40000 Kilometern recht günstig für 4300 Mark gekauft. Der Motor stand gut im Futter, das lästige Hochgeschwindigkeitspendeln stellte sich erst bei abgefahrenen Reifen und jenseits von 200 km/h ein. Mit den Metzeler ME 33/ME1 CompK in 120/80 und 150/70 war dann auch die Kurvenhatz eine Freude. Für die Fahrleistungen sehr günstig fand ich Sprit- und Ölverbrauch, im Schnitt um die 6,5 Liter/100 Kilometer beziehungsweise 1 Liter/1000 Kilometer. Den Genuß trübt nur der eklig lange erste Gang, der zusammen mit den ewig verölten Kerzen Stadtfahrten zum Horror macht. Abhilfe schaffen eine stark verkürzte Übersetzung von 14/40 (Serie 15/38) sowie größere Leerlaufluftdüsen und 8er Kerzen. An einem Zylinder brach der Kolbenring, kurz nach der Reparatur wurde die RD zum Nebelwerfer, da der Simmerring der Kurbelwelle defekt war. Mein Fazit: Die RD 500 ist ein Tourensportler für erfahrene Zweitaktfreaks, die sich mit der Materie auskennen. Martin Kieltsch, Wolfenbüttel(Verfasser des RD-500-Werks)((100 MARK TIP-Logo bei Martin Kieltsch einklinken))

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