Gebrauchtberatung Zweizylinder Roller

Trio Grande

Es muss nicht immer ein Motorrad sein – besonders, wenn man lieber reist als rast. Die drei größten Roller im Gebraucht-Check.

Honda Silver Wing: da macht Rollerfahren auch zu zweit Spaß.
Honda Silver Wing: da macht Rollerfahren auch zu zweit Spaß.
Roller – das ist für viele Motorradfahrer nur ein anderes Wort für Igitt, Pfui oder Bäh. Gleichbedeutend mit qualmenden, lahmen Fünfzigern, deren Daseinsberechtigung spätestens am Ende geschlossener Ortschaften erlischt. Doch weit gefehlt! Seit der Markteinführung von Honda Silver Wing, Suzuki Burgman 650 und Yamaha TMax 500 weht in Rollerkreisen ein deutlich stärkerer Wind. Von den kleineren Klassen unterscheiden sich diese Modelle in einem zentralen Punkt: Alle drei werden von kräftigen Zweizylinder-Motoren angetrieben, die wie beim Motorrad fest im Rahmen installiert sind. Bei herkömmlichen Rollern ist die Motor-/Getriebeeinheit als mitfedernde Triebsatzschwinge ausgebildet.

Durch relativ große Räder, kräftige Bremsen und stabile Fahrwerke stehen diese Megascooter “richtigen“ Motorrädern in puncto Fahrverhalten kaum mehr nach. Weitere Argumente für diese Fahrzeugart sind die kinderleichte Bedienung – dank Automatik muss man lediglich Gas geben und bremsen – sowie das leichte Aufsitzen durch den zumindest rudimentär vorhandenen Durchstieg. Zudem sind Roller dank Stauraum unter der Sitzbank beim Transport von Gütern klar im Vorteil. Die Kehrseite der Medaille: Sie sind bleischwer. Wegen der Vollverschalung liegt die Technik außerdem sehr versteckt, Wartungsarbeiten sind zeit- und damit kostenintensiv. Ebenso die Anschaffung: Unter 3000 Euro geht unabhängig von Modell, Alter und Laufleistung gar nichts. Aber wir befinden uns hier auch in der Topliga.
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Honda Silver Wing

Kurz nach dem Yamaha TMax betrat der Honda Silver Wing die Bühne der Rollerwelt. Mit 600 cm3 und satten 50 PS übertrifft er zwar die Daten des Yamaha, ist aber von ganz anderem Charakter. Schon das deutlich weniger aggressive Design gibt die Richtung vor. Sie heißt Wandern statt Joggen. Das muss kein Nachteil sein. Die stark gestufte Sitzbank beherbergt nicht nur zwei Personen äußerst kommod, sondern verbirgt auch ein geräumiges Gepäckfach, das seine Ergänzung in zwei Fächern im Beinschild findet. Dem Komfort verpflichtet fühlt sich auch das Fahrwerk. Im Cruising-Modus bietet es sänftengleichen Komfort, kommt aber beim Abrufen der Leistung schnell an seine Grenzen. Dazu kommt, dass der von einer Einspritzung gespeiste Paralleltwin unter Last vibriert und zum Saufen neigt. Mit den hakigen Schlössern ist das Kapitel der negativen Eigenschaften abgeschlossen. Zu den positiven gehören das helle Licht, der ausgeprägte Wind- und Wetterschutz, die gute Verarbeitung, sowie die insgesamt hohe Funktionalität. Technisch ist der Silver Wing konventionell aufgebaut, die Kraftübertragung erfolgt via herkömmliche Variomatik und Keilriemen zum Hinterrad. Ab Modelljahr 2003 war der Silver Wing auf Wunsch und für 500 Euro Aufpreis mit einem vorzüglich funktionierenden ABS zu haben. Doch das hat dem Zweizylinder zumindest in Deutschland nichts genutzt.

Mit dem Erscheinen des Suzuki Burgman 650 brachen die Verkaufszahlen ein und Honda nahm das Sofa Ende 2005 vom Markt. Gebrauchtinteressenten muss dass nicht schrecken, denn die Mechanik gilt als robust, Schwachstellen wurden im Rahmen von Rückrufaktionen beseitigt. Obendrein genießt der größte Teil der silbernen Flügel das Privileg, in pflegenden Händen zu sein.

Daten
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, 582 cm3, 37 kW (50 PS), Gewicht 243 kg, Zuladung 173 kg, Tankinhalt 16 Liter, Sitzhöhe 740 mm, Höchstgeschwindigkeit 162 km/h, Verbrauch 4,2 bis 8,3 l/100 km Normal.

Marktsituation
Mindestens 3000 Euro braucht, wer einen Silver Wing sucht, ABS-Versionen sind rund 1200 Euro teurer. Die meisten der rund 2900 verkauften Sofas sind bis auf ein Topcase im Originalzustand. Außer hakeligen Schlössern und hohem Verbrauch sind keine Mängel bekannt. Bei scheckheft-gepflegten und unfallfreien Exemplaren kann man bedenkenlos zugreifen.

Rückrufe
Es gab es drei Rückrufaktionen, bei denen die Lenkerhalter getauscht, der Tank sowie die Hauptständerhalterung überprüft wurden. Laut Honda Deutschland entsprechen mittlerweile alle offiziell importierten Roller dem neuesten Stand.

Tests in MOTORRAD 20/2002 (TT), 25/2006 (VT),
Tests in roller – Das Scooter-Magazin 6/2002 (VT), 4/2005 (DK)TT = Top-Test, VT = Vergleichstest, DT = Dauertest
Internet www.silver-wing.de
Gebrauchtangebote https://www.1000ps.de/gebrauchte-motorraeder

Fazit: TMax und Burgman 650 haben dem Silver Wing in Deutschland den Garaus gemacht. Außer hohem Verbrauch, zu weicher Fahrwerks- abstimmung und teilweise sehr hakeligen Schlössern kann man dem schnellen, zuverlässigen und kom- fortablen Reiseroller nichts ankreiden.

Suzuki Burgman AN 650

Seit 2003 ist der Suzuki Burgman 650 der ungekrönte König der Roller, gleichsam die Gold Wing unter den Scootern. Wer auf Platz, Komfort und Ausstattung steht, der ist hier richtig. 650 cm3 aus zwei Zylindern sorgen für stämmige und kultivierte 55 PS, die den vollgetankt knapp 280 Kilogramm schweren Luxus-Cruiser souverän und wesentlich lebendiger als befürchtet voranschieben. Neben der mit zunehmender Bauzeit immer umfangreicher werdenden Ausstattung (seit 2005 gehören ABS, elektrisch einklappbare Spiegel sowie ein ebenso verstellbarer Windschild dazu) bietet der Burgman ein elektronisch gesteuertes Getriebe. Im Grunde funktioniert es wie eine Variomatik (siehe Kasten unten), mit dem Unterschied, dass nicht eine Mechanik mit Rollen, sondern ein elektrischer Stellmotor die Übersetzung festlegt.

Das ermöglicht drei Schaltmodi: Normal, Sport und Manuell. Im letzteren können per Tippschalter fünf (ab Modelljahr 2005 sechs) virtuelle Gänge geschaltet werden. Grundsätzlich ist die großzügig dimensionierte Mechanik langlebig und robust, ein paar Schwachstellen gibt es dennoch: Wenn sich Burgmänner von vor 2005 im Leerlauf wie eine kiesgefüllte Konservendose anhören, ist das sogenannte Adapterrad zwischen Motor und Getriebe verschlissen. Der Austausch geht schnell und kostet nicht die Welt. Wirklich notwendig ist die Reparatur nicht – im Gegensatz zum Austausch der zu schwach dimensionierten Radlager, die schnell verschleißen. Schwierig wird die Überprüfung des versteckten Rahmens, der bei ganzjährig eingesetzten Burgmännern gerne rostet.

Daten
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, 638 cm3, 41 kW (55 PS), Gewicht 276 kg, Zuladung 179 kg, Tankinhalt 15 Liter, Sitzhöhe 750 mm, Höchstgeschwindigkeit 166 km/h, Verbrauch 4,6 bis 7,9 l/100 km Normal.

Marktsituation
Mit fast 5000 verkauften Exemplaren ist der AN 650 in diesem Kreis am häufigsten vertreten. Dementsprechend ist hier auch die Auswahl am größten. Bei knapp 4000 Euro beginnt der Spaß mit dem Burgman. Soll es ein ABS- Modell sein, sind 1500 Euro mehr fällig. Hohe Laufleistungen sind für den Antrieb kein Thema. Dafür aber verschlissene Radlager sowie Rost an Auspuff und Rahmen, besonders bei ganzjährig bewegten Rollern. Viele Burgmänner sind mit Topcase ausgerüstet.

Rückrufe
AN 650AK5: Austausch der Wegfahrsperren-Antenneneinheit; AN 650AK7: Austausch von ISC-Ventil und ECM

Tests in MOTORRAD 20/2002 (TT), 25/2006 (VT)
Test in roller – Das Scooter-Magazin 6/2002 (VT), 4/2005 (DT) TT = Top-Test, VT = Vergleichstest, DT = Dauertest
Internet www.an650.de, www.burgman.de
Gebrauchtangebote https://www.1000ps.de/gebrauchte-motorraeder

Fazit
Mehr Roller geht nicht. Punkt. Ausstattung, Fahrkomfort und Stauraum sind absolut top. Das hohe Gewicht spürt man kaum. Zu schwach dimensionierte Radlager sowie der zu Korrosion neigende Rahmen sind die Schwachpunkte des Superburgers.

Yamaha XP 500 TMax

Dem TMax gebührt die Ehre, 2001die Klasse der Zweizylinder-Scooter gegründet zu haben. Mit 500 cm3 Hubraum, 40 PS, knapp160 km/h Höchstgeschwindigkeit sowie einem Einstandspreis von 8400 Euro stellte er alles bis dahin Dagewesene in den Schatten. Der fest im Rahmen verschraubte und sehr zuverlässige Paralleltwin wartet mit einem technischen Schmankerl auf: Anstelle einer Ausgleichswelle sorgt ein dritter Zylinder samt Gegenkolben erfolgreich für vibrationsarmen Lauf. Ein direkt angeflanschtes Variomatik-Geriebe setzt Drehzahl und Geschwindigkeit ins richtige Verhältnis und überträgt die Kraft mittels zweier voll gekapselter Ketten ans Hinterrad. Über alle Modellpflege hinweg hat der TMax nichts von seinem Charakter eingebüßt: Er ist weniger Roller als vielmehr ein vollverschaltes sportliches Zweirad mit bequemer Sitzposition und Automatik-Getriebe. Obwohl nominell am schwächsten, fährt der TMax abseits der Autobahn seinen beiden Zweizylinder-Kollegen locker um die Ohren, allen anderen Rollern sowieso.

Ein stabiles Fahrwerk, straffe Federelemente, kräftige und standfeste Bremsen sowie ein lebendiger und drehfreudiger Antrieb sind die Ursachen. Dafür treten die typischen Roller-Attribute in den Hintergrund: Die Staumöglichkeiten sind für seine Größe eher bescheiden, ebenso die Ausstattung zumindest der Baujahre bis 2004. Ab 2005 gab es den TMax wahlweise mit ABS. Mechanische Schwächen sind nicht bekannt, dafür grenzt die laute Verkleidungsscheibe an Körperverletzung, weshalb sie oft gekürzt wird. Und das Licht ist eher mau. Hauptmanko war und ist jedoch der Preis, weshalb der TMax in Deutschland recht selten anzutreffen ist.

Daten
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, 499 cm3, 29 kW (40 PS), Gewicht 224 kg, Zuladung 176 kg, Tankinhalt 14 Liter, Sitzhöhe 775 mm, Höchstgeschwindigkeit 154 km/h, Verbrauch 4,1 bis 7,8 l/100 km Normal.

Marktsituation
Offiziell haben sich bis heute knapp 1800 Scooterfreunde für einen TMax entschieden. Offenbar trennen sie sich nur ungern von ihm, denn das Angebot ist sehr überschaubar. Unter 3500 Euro geht gar nichts, unabhängig von Ausstattung, Zubehör oder Laufleistung. Einspritzmodelle (ab 2004) kosten mindestens 5000 Euro. Ein Zubehör-Topcase gehört quasi zur Serienausstattung. Bei vielen Mäxen wurde die Verkleidungsscheibe zur Geräuschminimierung gekürzt.

Rückrufe
Austausch einer porösen Benzinpumpendichtung. Betroffen sind folgende Modelle:XP500A, Typ SJ03, Modellcode 5VU5/5VUBFg.-Nr. SJ034 - 000301 - SJ034 - 009113 XP500A, Typ SJ05, Modellcode 15B2/15B5Fg.-Nr. SJ052 - 000301 - SJ052 - 004745

Tests in MOTORRAD 6/2001 (VT), 8/2005 (TC)
Tests in roller – Das Scooter-Magazin 2/2001 (FB), 4/2001 (VT), 3/2002 (T) 6/2002 (VT), 1/2003 (DT)VT = Vergleichstest, TC = Test Compact, FB = Fahrbericht, VT = Vergleichstest, DT = Dauertest
Internet www.tmaxforum.de, www.tmax-group.de
Gebrauchtangebote https://www.1000ps.de/gebrauchte-motorraeder

Fazit
Obwohl von der Papierform der schwächste Zweizylinder, ist der TMax weniger Roller denn agile Fahr- maschine: sportlich, schnell, zuverlässig. Dafür sind Ausstat- tung und Stauraum eher dürftig, die Scheibe ist extrem laut.

So funktioniert ein Rollergetriebe - In die Gänge kommen

Getriebe bestehen in der Regel aus ganz vielen Zahnrädern. Nicht so bei den meisten Rollern.
Mit Ausnahme des Burgman 650, der handgeschalteten PX-Vespa und von Veteranen wie der Simson Schwalbe übernimmt beim Roller eine Variomatik die Aufgabe des Getriebes. Ihr Kernstück ist der rechts abgebildete Variator. Dieser sitzt direkt auf der Kurbelwelle und ist axial verschiebbar. In den sternförmig angeordneten Bahnen, deren Grund-fläche einen Viertelkreis beschreibt, laufen Rollen, die sich gegen einen fest auf der Kurbelwelle montierten Deckel abstützen. Mit steigender Drehzahl werden die Rollen durch die Fliehkraft nach außen gedrückt, der Variator wandert axial auf der Kurbelwelle. Auf dessen konisch geformter Rückseite stützt sich der Antriebsriemen gegen einen ebenfalls fest montierten Gegenkonus ab.

Durch das Verschieben das Variators vergrößert sich der Durchmesser, das heißt, die Übersetzung wird länger. Da die Länge des Riemens konstant ist, befindet sich am Hinterrad ebenfalls ein Konus. Die Übersetzung ändert sich also stufenlos, was das monotone Motorgeräusch beim Beschleunigen erklärt. Das Prinzip ist einfach, doch je nach Gewicht der Rollen, Form und Steigung der Laufbahnen sowie weiteren Details (Gegendruckfeder, Fliehkraftkupplung) ändert sich die Charakteristik der Variomatik. Wenn verschlissene Rollen nicht mehr sauber laufen, leiden die Fahrleistungen. Tuningspezialisten wie Malossi oder Polini führen für fast jeden Scooter Variomatik-Teile, mit denen die Fahrdynamik verbessert werden kann.

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