Gebrauchtkauf Yamaha FZR 600 Same procedure as every year

Jahr für Jahr die gleiche Situation: Mit erstaunlicher Bierruhe hat Yamaha an seinem Modell FZR 600 trotz einiger deutlicher Mängel innerhalb der fünfjährigen Produktion kaum etwas geändert. Und hat trotzdem jede Menge Erfolg eingefahren.

Manchmal scheint weniger mehr zu sein. Zwar konnte Yamahas FZR 600, obwohl 1989 als letzte der sportlichen 600er auf den Markt gekommen, bei diversen Vergleichstests mit der japanischen Konkurrenz nie als Sieger vorne wegfahren - da war Honda immer einen Tick besser. Doch trotz des Images der ewigen Zweiten schaffte es Yamaha, mit vergleichsweise minimalen technischen Modifikationen die FZR in Deutschland fünf Jahre lang äußerst erfolgreich zu veräußern.Mehr als 9600 verkaufte Exemplare beweisen, daß es Yamaha gelungen ist, einen sportlichen Allrounder auf die Räder zu stellen, der seine Vorteile sowohl bei der schnellen Kür auf und abseits der Rennstrecke als auch bei der tourensportlichen Pflicht überzeugend zu präsentieren wußte. Immerhin sind davon heute noch knapp 8000 Maschinen im Umlauf. Die hohe Präsenz der FZR 600 hat Gründe.Einer davon ist auf jeden Fall die Modellkonstanz.Mit ausschlaggebend ist sicher auch, daß Yamaha von Anfang an das Erscheinungsbild der Kleinsten in der sportlichen Vierzylinder-Phalanx ganz der FZR-Gensis-Reihe mit 750 und 1000 cm³ anglichen hatte - sie ist den beiden wie aus dem Gesicht geschnitten. Mit dem geringsten Kaufpreis erhielt man das sportliche Image der Genesis-Reihe quasi umsonst dazu. Allerdings ist der Deltabox-Rahmen der 600er nicht aus Leichtmetall, sondern aus schwerem Stahl. Und auch die Federelemente sind einfacher, Einstellmöglichkeiten fehlen weitgehend.Für 1990 trieb Yamaha mit neuer Instrumentenkonsole, Vierkolben-Bremszangen und neuen Scheiben die Ähnlichkeit zur 1000er noch weiter voran. Das Endrohr der Vier-in-eins-Anlage erhielt eine Zierblende. Ein Jahr später wuchs die hintere Felge auf vier Zoll für Reifen von 140 Millimeter Breite. Und der eher funzelige, runde Doppelscheinwerfer mit Biluxbirne wich endlich einem wirklich modernen DE-Projektions-Scheinwerfer fürs Abblendlicht, der mit dem Fernlicht in einem Gehäuse saß. Ein neues, schmaleres Verkleidungsteil komplettierte die Änderungen. Mit diesen Modifikationen hatte die FZR aber fahrwerkstechnisch und motorseitig gegenüber der Konkurrenz immer noch keinen Meter gut gemacht. Der relativ elastische Motor leistete nach wie vor 91 PS - Hondas CBR hatte damals schon 100 - , beeindruckte jedoch ab 7000/min mit vehementem Vorwärtsdrang und erreichte locker die 12 500 Touren, bei denen der elektronische Begrenzer einsetzt. In Verbindung mit dem superhandlichen Fahrwerk zeigt die FZR ein sehr gutmütiges Fahrverhalten und ist so auch für Anfänger problemlos zu fahren. Lediglich die weit unten angeklemmten Lenkerstummel sind wegen der hohen Belastung der Handgelenke bei gemächlicher Gangart nicht jedermanns Sache. Deshalb montieren viele Tourenfahrer einen Superbike-Lenker, der mit seiner breiteren und höheren Auslegung für eine entspanntere Fahrhaltung sorgt. Die zu kurzen Spiegelausleger an der Verkleidung, die nur Aussicht auf die eigenen Unterarme freigeben, können aus dem Zubehör oder durch die teureren vom Nachfolgemodell FZR 600 R ersetzt werden.Mangelndem Kaltstart-Verhalten bei Maschinen des ersten Baujahres begegnete Yamaha mit Korrekturen am Schwimmerstand. Leser, die keinen sportlichen Dampf ablassen wollen, verwenden Kerzen mit Wärmewert acht statt neun, die sich im Stop and Go-Verkehr nicht so leicht zusetzten.Sensible Naturen nerven häufig starke Schaltgeräusche im Getriebe und das ausgeprägte Lastwechselspiel am Antriebsstrang. Bei Maschinen mit höherer Kilometerleistung ist auf jeden Fall darauf zu achten, daß die Ruckdämpfer in der Hinterradnabe noch nicht spröde geworden sind. Und wenn sich die Kupplung schwer dosieren läßt, kann es sein, daß sich die Kupplungslamellen in Korb und Nabe eingearbeitet haben. Kurzfristig kann, wie Leser Marcel Zirwes schildert, eine weitere Reibscheibe das Symptom mildern. Langfristig hilft nur das Herausfeilen der Macken oder das Ersetzen der Teile. Bei zu starkem Rupfen der Kupplung während der Probefahrt sollte ein Kaufinteressent also gleich mal 400 Mark Rabatt für diesen Mangel fordern.Der Motor der FZR 600 gilt dagegen als sehr haltbar. Die ersten Kolben können im Durchschnitt mehr als 60 000 Kilometer vertragen, bis der erste Übersatz fällig ist. Um Pittingbildung an den Nockenwellenspitzen zuvorzukommen, raten viele Händler sportlichen Fahrern, die vorgeschriebenen Intervalle von 24 000 Kilometern zur Kontrolle des Ventilspiels zu verkürzen (zirka 700 Mark Arbeitslohn). Dem Schlappmachen des Lichtmaschinen-Spannungsregler kann man dagegen nicht vorbeugen, da ist dann leider der Austausch fällig.Sportliche Fahrer, denen die Telegabel zu weich ist, experimentieren mit erhöhtem Stand des Gabelöls - 130 Millimeter, gemessen mit dem Zollstock bei eingetauchtem Zustand ohne Federn - oder tauschen die Originale gegen verstärkte Exemplare der Firma Wirth. Bei nachlassender Dämpfung des Federbeins kommt man um das Austauschen - am besten gegen ein Exemplar von White Power - nicht herum.Nur selten traten Schäden am Zwischenrad des E-Starters auf, dessen Zähne verbogen, was im Rahmen von Garantie oder Kulanz behoben wurde. Noch ein Tip für Einsteiger, die die FZR nach zwei Jahren Stufenführerschein weiterfahren wollen: Es kommt viel günstiger, eine offene Version über die Vergaser auf 34 PS drosseln zu lassen ( zirka 500 Mark), als die ab Werk über die Steuerzeiten auf 34 PS gedrosselte Maschine mit neuen Nockenwellen für die offene Leistung aufzurüsten.Von den zahlreichen möglichen Bereifungen kristallisierten sich bei MOTORRAD-Tests die Paarungen Bridgestone G 549/G 550 und Metzeler ME 33/ME 1 als die besten heraus.Zu guter Letzt noch die Preise der beliebten 600er: Das seltenere 1989er Modell wird ab 6000 Mark, die Jahrgänge 1990 bis 1992 zwischen 7500 bis 9500 Mark gehandelt..

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