Gebrauchtkauf Yamaha XJ 600 S und N

In der Brot-und-Butter-Riege können die Modelle XJ 600 S und N von Yamaha, ästhetisch gelungen und konstruktiv ausgereift, locker einen Fensterplatz beanspruchen.

Die XJ 600 hat sich verdient gemacht: Als S-Modell mit kleiner Verkleidung und dem Beinamen Diversion seit 1991, nackt als N seit Ende 1993 im Programm, ist sie weit und breit der einzige Vierzylinder in der Preissparte um 10 000 Mark. Außerdem gehört sie mit einer Sitzhöhe von unter 80 Zentimetern und einem Gewicht von nur wenig über 200 Kilogramm zu den Maschinen, die auch kleingewachsene Menschen ohne Bodybuliding-Ambitionen mühelos bewegen können. Das freut - nicht gerade überraschend - auch viele Frauen, die das propere Äußere der XJ und die traditionellen Qualitäten eines Vierzylinder-Motors, wie sanfte Kraftentfaltung und geschmeidige Laufkultur, zu schätzen wissen. Obendrein präsentiert sich das Modell in drei Leistungsvarianten, mit 34, 50 und 61 PS, hat also auch für Führerscheinneulinge und Wiedereinsteiger das passende Kraftreservoir in petto. Yamahas strategisches Konzept in dem populären Preissegment ging voll auf. Über 21 000 Käuferinnen und Käufer können nicht irren.Die XJ 600 läßt sich so kommod fahren, wie sie aussieht. Spielerisch leicht in der Stadt und auf schmalen, kurvenreichen Pfaden und passabel geradeaus auf der Autobahn. Das sehr komfortable Fahrwerk harmoniert mit der soften Kraftentfaltung des Reihen-Vierzylinders und bietet sowohl Fahrer als auch Sozius eine entspannte, bequeme Sitzposition. Wenn die Maschine allerdings mit Koffern bestückt ist, muß der Mirtfahrer sich schon mühen, seine Beine einigermaßen kommod zu verstauen. Bremsen und Federung sind beim gemächlichen Touren auf der Sonnenseite, auch der Benzinverbrauch hält sich dann in erfreulichen Grenzen. Wer allerdings vorhat, vom beherzten Trab in den gestreckten Galopp zu verfallen und ordentlich am Gasgriff zu drehen, wird schnell merken, daß der sportliche Einsatz nicht die Gangart ist, bei der sich die XJ 600 wohl fühlt. Die zu weiche Vorderpartie und schnell nachlassende Dämpfung des Federbeins provozieren schon mal ein wackelndes Heck. Außerdem steigt der Benzindurst des Motors extrem auf bis zu elf Liter - für die gebotenen Leistung einfach viel zu viel.An den Kinderkrankheiten der ersten Serie laborierte auch das S-Modell, das den Langstreckentest von MOTORRAD (1/1994) durchlief. Gravierendster Mangel des 50 000-Kilometer-Dauerläufers: der rüde Abriß der Federbeinaufnahme an der Schwinge in der Einsamkeit Sloweniens.. Dagegen fiel die Verformung des Stellrings eben dieses Federelements eigentlich nur als ärgerliche Marginalie auf. Yamaha reagierte: ab der Produktion April 1993 wurde die Schwinge modifiziert, ab Juni 1993 das Federbein und auch der Stellring. Den defekten Benzinhahn der ersten Serie, der Kraftstoff in die Brennräume sickern ließ und beim Starten Beschädigungen an den Anlasser-Zwischenrädern hervorrufen konnte, änderte Yamaha schon für das Modelljahr 1992. Alle vorher gelieferten Maschinen wurden im Rahmen einer Umbauaktion modifiziert. So auch die Zünd-/Lenkschloß-Einheit, deren zu kurze Befestigungsschrauben an der oberen Gabelbrücke im Zug einer Rückruf-Aktion 1992 ausgetauscht wurden - betroffen waren die Fahrgestellnummern 4 BR-020101 bis 021930 sowie 4 BR -032101 bis 033500. Im nächsten Jahr überarbeitete Yamaha die Befestigungspunkte der Verkleidung, nachdem es zu Materialausbrüchen an den Verbindungslaschen gekommen war. Außerdem verpaßten die Designer der Diversion eine modifizierte Verkleidung mit einer höheren Position für den Scheinwerfer. Das für die Saison 1994 präsentierte N-Modell verzichtete auf die Verkleidung, wartete mit einem runden Scheinwerfer und statt der gemeinsamen Diversion-Konsole für Tachonmeter und Drehzahlmesser mit separaten Einzelinstrumenten auf.Häufig kritisiert werden die Startschwierigkeiten, vornehmlich nach längerer Standzeit der Maschine. Falls auch der Trick mit dem Umschalten des Benzinhahns auf PRI nicht weiterhilft, montieren Yamaha-Händler andere Düsen. Für den Jahrgang 1996 wurde der Vergaser noch einmal modifiziert , obendrein transportiert die jetzt elektromagnetische Pumpe das Benzin schon beim Startvorgang in die Schwimmerkammern. Nervend für sensible Gemüter auch die Dröhngeräusche der Verkleidung bei frühen S-Modellen im mittleren Drehzahlbereich. Abhilfe: penibles Unterlegen aller Schrauben mit Kunststoffscheiben. Bei den frühen Modellen tut auch ein Check der Schläuche für die Vergaserbeheizung not, die schon mal porös werden und den kleinen Ölkreislauf zwischen Schwimmerkammer und Zylinder sabotieren.. Während bei den 34- und 50 PS-Versionen keine Reifenbindung besteht, ist die offene Version lediglich für die Pneus von Dunlop, Metzeler, Michelin und Yokohama fre3igeggeben. Schnelle Solisten fahren mit dem Michelin A 89/M 89 X am besten, er zeitigt ein agiles, zielgenaues Fahrverhalten und unterbindet lästiges Lenkerflattern, ist für Soziusbetrieb allerdings weniger geeignet. Die Metzeler-Paarung ME 33/ME 1 schneidet in Sachen Fahrstabiltät speziell für das Fahren zu zweit gut ab. Dunlop mit dem K 275 und Yokohama mit dem 209 bringen zwar für das gemischte Doppel auch ausreichend Fahrstabiltät, jedoch wird der Lenkaufwand beim Dunlop ziemlich hoch, der Yokohama nervt mit Lenkerflattern.Obwohl die Yamaha XJ 600 S und, wenn auch in geringerem Maß, die 600 N hierzulande massenhaft verbreitet sund, liegt der Preispegel für die beiden populären Modelle vergleichsweise hoch. Eine Diversion von 1991/1992 bis zu 30 000 Kilometern wird mit zirka 6000 Mark gehandelt, eine S von 1993/1994 sogar zwischen 6500 und 7500 Mark, Jüngere Jahrgänge werden kaum angeboten, die Anfänger rodeln die ersten zwei Jahre ohne Maschinenwechsel herunter. Auch die N-Version wechselt noch mit zirka 7500 Mark den Besitzer. Bedenken wegen einer eventuell hohen Laufleistuung sind fehl am Platz, weil sich der Motor als standfest erwies.PS: Nach der Neupreisliste hat Yamaha im Oktober 1996 zur IFMA die Preise für die beiden Modelle um gut 500 Mark gesenkt. Das ist natürlich frohe Kunde für Gebrauchtkäufer. Vor allen Dingen ein Argument mehr, zäh um weiteren Preisnachlaß zu feilschen.

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