Gebrauchtkauf Yamaha XTZ 660 Ténéré

Sohn der Wüste? Ein Witz. Dafür ist die XTZ 660 ein Straßenräuber, wie er im Buche steht.

Yamaha versah in der Vergangenheit schon einige Großserien-Enduros mit dem Beinamen »Ténéré«. So die mittlerweile fast legendäre XT 600, die sich in der Wettbewerbsversion in diesem spektakulären Wüstenabschnitt der Rallye Paris-Dakar tatsächlich etliche Male recht wacker geschlagen hat und auch in der Serienversion gern für Fernreisen eingesetzt wurde und wird. Oder den Zweizylinder XTZ 750, der in ähnlicher Form unter Stéphane Peterhansel in Afrika beachtliche Erfolge vorweisen konnte, als Serienmotorrad aber für Abstecher abseits befestigter Wege nur noch sehr bedingt taugt. Was Yamaha aber nicht hinderte, sich in der Typbezeichung zu einer Steigerung aufzuschwingen, der Super Ténéré. Und schließlich eben trägt die XTZ 660, die 1991 vorgestellt wurde, diesen Beinamen. Mit welchem Recht aber gerade die XTZ 660? In die Wüste Ténéré wurde sie von Yamaha nie geschickt. Das ging auch gar nicht, da die Rallye-Route seit 1992 ohnehin nicht mehr dort hindurchführt. Und Erfolg hätte sie dort wohl auch kaum gehabt, denn die XTZ 660 Ténéré ist ein geborener Straßenflitzer. War wohl nichts mit Beduinen, Kamelen, Fata Morganas und Oasen. Sei’s drum. Das Fahrwerk ist in schnellen Kurven spurstabil und erfreut mit einem spielerischen Handling und großer Schräglagenfreiheit. Die Bremsen verzögern trotz der vereinsamten Scheibe im Vorderrad ordentlich und lassen sich durch den klaren Druckpunkt gut dosieren.Außerdem zeichnet sich die XTZ durch Tourerqualitäten aus. Die Sitzposition ist entspannt aufrecht und die Verkleidungscheibe schützt den Fahrer, wenn er nicht allzu groß ist, recht manierlich vor dem Fahrtwind. Besonders die Reichweite ist einem Tourer angemessen: Dank des 20-Liter-Tanks und eines Verbrauchs von meist vier bis fünf Litern (laut Lesererfahrungen) liegen theoretische Nonstop-Etappen von 400 Kilometern drin - vorausgesetzt, das Sitzfleisch ist abgehärtet. Lediglich die erlaubte Zuladung von 176 Kilogramm setzt dem Tourentrieb, zumindest mit zwei Personen, enge Grenzen.Kein schlechtes Motorrad also, die XTZ 660, wenn man von ihr nicht das erwartet, was ihr Name suggeriert. Natürlich taugt sie dazu, auch einmal einen geschotterten Feldweg unter die bestollten Räder zu nehmen, doch bei harten Einsätzen muß sie passen, dafür ist schon allein ihr Gewicht von 201 Kilogramm zu hoch.Doch egal, ob die XTZ 660 hauptsächlich zum Schluchtenflitzen, zum Touren oder im leichten Gelände eingesetzt wird - ein paar Kleinigkeiten sind dennoch einfach lästig. Warum zum Beispiel müssen Ölmeßstab und Einfüllöffnung, vom Tank halbverdeckt, so schlecht erreichbar sein? Warum dröhnt die Verkleidung? Und warum hat die Ténéré keinen Hauptständer?Gegen die miese Zugänglichkeit des Peilstabs gibt es keine Abhilfe, doch gegen die Dröhnung der Verkleidungsteile, die meist bei Drehzahlen zwischen 3000 und 3500/min auftreten, kann man etwas unternehmen: Einige Leser fanden heraus, daß die Geräusche verschwinden, wenn die Führungen der Seitenverkleidungen mit selbstklebenden Schaumstoffstreifen - wie sie zur Fenster-Abdichtung verwendet werden - gedämmt werden. Manchmal sind es auch die Einstellschrauben der Scheinwerfer, die Laut geben, die können ebenfalls mit Schaumstoff ruhiggestellt werden.Um den Kritikpunkt »fehlende Mittelstütze« auszumerzen, muß man schon tiefer in die Tasche greifen: Bei JF Motorsport (Telefon 06002/1771) gibt’s für 149 Mark den für die Kettenpflege so schmerzlich vermißten Hauptständer. Einige Leser waren von dessen Paßgenauigkeit der Befestigungspunkte allerdings überhaupt nicht begeistert. Doch nachdem MOTORRAD dem Hersteller die entsprechenden Beschwerden übermittelt hat, gelobte dieser Besserung: Der Ständer in der alten Form werde nicht mehr geliefert und die Paßgenauigkeit verbessert - so soll es sein.Und noch eine Zubehör-Erfahrung: Da die Original-Auspuffanlage - wie bei fast allen Enduros üblich - dem Rost recht zugetan ist und die Originalteile - wie bei fast allen Originalteilen üblich - vergleichsweise teuer sind, rücken Nachrüst-Auspuffanlagen in den Vordergrund. Besonders positiv in der Lesergunst schnitt der Edelstahlkrümmer vom XT-Experten Wunderlich (Telefon 02641/97900) ab, nur leider sind Anfragen zwecklos - er wird nicht mehr hergestellt.Ganz im Gegensatz zur XTZ 660 Ténéré: Im Neuzustand muß der Käufer heute 11 950 Mark für sie berappen, 1991 waren’s nur 10 300 Mark. Gebraucht wird’s natürlich deutlich günstiger: Nach eurotax/Schwacke kostet ein 1991er Modell rund 5000 Mark, der 92er Jahrgang zirka einen halben Tausender mehr, Baujahr 1993 steht mit rund 7000 Mark, das 94er Modell mit 8000 und das 95er Modell mit zirka 8500 Mark in der Liste - wobei diese Preise natürlich, abhängig von Zustand und Laufleistung, noch nach oben oder unten korrigiert werden müssen.Für dieses Geld gibt’s aber auch einen ordentlichen Gegenwert, nämlich ein durchaus standfestes Motorrad. Der wassergekühlte Fünfventiler überstand die 50 000 Kilometer des MOTORRAD-Langstreckentests (Heft 11/1993) erfreulich gut: Zu bemängeln waren eigentlich nur die Werkstoff-Ausbrüche an den Zahnflanken der Räder des fünften Gangs - ein typischer Einzylinderschaden, hervorgerufen durch den konstruktionsbedingt unrunden Motorlauf. Dieser Schaden macht sich übrigens deutlich durch heulende Geräusche beim Fahren im letzten Gang bemerkbar. Zylinder und Kolben zeigten zwar einige Riefen und Druckstellen, doch ihre Verschleißgrenze war noch lang nicht erreicht.Etwas Augenmerk sollte der Gebrauchtkäufer dem Sekundärtrieb widmen, da die Kette offensichtlich unterdimensioniert ist - der Wechselturnus beträgt nur rund 15 000 Kilometer. Ebenso ist auch die Kupplung anscheinend mit dem Drehmoment des Motors überfordert, denn häufig ist schon nach lumpigen 20 000 Kilometern ein Wechsel der Beläge fällig. Leicht zu merken, da in diesem Fall das Motorrad beim Beschleunigen in den großen Gängen zwar merklich an Drehzahl, nicht aber an Geschwindigkeit zulegt.Die letzten Kontrollen sollten schließlich einigen vibrationsgefährdeten Stellen wie zum Beispiel dem Kennzeichenhalter oder den Zierblenden des Auspuffkrümmers gelten. Obwohl die zahnradgetriebene Ausgleichswelle ordnungsgemäß und wirkungsvoll die groben Schütteleien vom Fahrer fernhält, bleiben feine Vibratiönchen übrig, die sich übrigens auch besonders gern über die Instrumentenbeleuchtung hermachen.Alles keine ernsthaften Gründe also, sich keine gebrauchte XTZ zu kaufen. Und in der Wüste ist es eh ungemütlich.

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