Günstige Gebrauchte und die Folgen (Teil 1)

999-Euro-Motorräder

Was bekommt man für unter 1000 Euro? MOTORRAD wollte es wissen und hat sich inkognito vier ganz unterschiedliche Gebraucht-Bikes gekauft. Doch das ist nur der Anfang.

Foto: fact
Günstige Bikes in der Langzeitbeobachtung bei MOTORRAD.
Günstige Bikes in der Langzeitbeobachtung bei MOTORRAD.
Neunhundertneunzig Euro müssen reichen – so lautet unsere selbstauferlegte Vorgabe. Dafür muss sich doch was Vernünftiges auf dem Gebrauchtmarkt auftreiben lassen. Vier Motorräder sollten es sein, und zwar aus verschiedenen Klassen: ein Big Bike zum Reisen, ein Modell aus dem Chopper/Cruiser-Segment, eine Enduro und eine Allerweltssemmel. Die sollten außerdem noch mittels unterschiedlicher Beschaffungswege aufgetrieben werden: Zeitung, Internet, Händler. Vier MOTORRAD-Mitarbeiter machten sich emsig auf die Suche – und wurden innerhalb nur weniger Tage fündig. Seither bereichern vier »neue« Maschinen den Redaktions-Fuhrpark.
Was die Käufer bei ihrer 999-Euro-Recherche erlebten und auf welche Modelle letztlich die Wahl fiel, lesen Sie auf den folgenden Seiten. Ob und welche Konsequenzen die Käufe haben, erfahren Sie in weiteren MOTORRAD-Ausgaben über das gesamte Jahr verteilt. Gleich im nächsten Heft wird eine erste Bilanz gezogen und von ersten Erlebnissen mit den Gebrauchten berichtet. Haben die Vorbesitzer gar etwas Wichtiges verschwiegen? Tauchen plötzlich verdeckte Mängel auf? Gibt’s Probleme bei der TÜV-Untersuchung, der AUK oder der Ummeldung, und was für Kosten entstehen? Außerdem berichten wir von ersten Einstellarbeiten, Wartungs- und Reparaturmaßnahmen, die bei älteren Motorrädern zwangsläufig anfallen.
Für Unterhaltung dürfte also seitens der Maschinen gesorgt sein. Und MOTORRAD liefert die Infos. Wo bekommt man günstige Ersatz- oder Gebrauchtteile her? Wieviel kosten Restaurationsmaßnahmen wie Rostbekämpfung an Auspuff, Schwinge und Rahmen, wie teuer sind Teillackierung oder Lagertausch? Welche Arbeiten sind sinnvoll, welche lohnen sich finanziell gesehen überhaupt noch, was kann man selbst machen, und wobei muss eine Fachwerkstatt helfen? Das bunte Leben mit Gebrauchtmotorrädern eben. Ab jetzt komplett in Violett...
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Suzuki GS 500 E - "Mit der kleinen, zuverlässigen GS werden wir noch viel Spaß haben"

Wieso ich mich für eine Suzuki GS 500 E entschieden habe? Ganz einfach: positive Erinnerungen an 1991. Damals arbeitete ich noch als Aushilfe bei MOTORRAD. Eine der ersten Aufgaben lautete: mit drei anderen Hiwis auf vier Suzuki GS 500 E von Stuttgart nach Granada – Verschleißfahrten für einen Reifentest. Anfangs kamen wir kaum vom Fleck, obwohl die GS 46 PS haben sollte. Die Bikes liefen nur knapp über 130 km/h. Zweieinhalbtausend Kilometer hin und wieder zurück – das konnte ja heiter werden. Irgendwann, wir waren schon fast in Frankreich, kam dann einer drauf, woran’s lag. »Einfach zwei Gänge runterschalten und den Motor ausdrehen.« Gesagt, getan. Plötzlich liefen die Suzuki bei leichtem Rückenwind und mit lang gestrecktem Fahrer Tacho 200. Und wir hatten einen Heidenspaß.

Die Tatsache, dass die GS 500 E als zuverlässiges Motorrad gilt, bestärkte mich darin, sie zu wählen. Das erste interessante Angebot wurde mir allerdings quasi direkt vor der Nase weggeschnappt – als ich zum zweiten Mal anrief, um meinen Besuch anzukündigen, hatte sie gerade den Besitzer gewechselt. Mist.

Also weiter Anzeigenblätter studiert. Bj 92, 26 tkm, 25 kW, GaFzg, Windschild, tiefergelegt, leichte Kratzer, TÜV/AU 6/08, VHB 990 Euro. Klingt nicht schlecht. Einziger Nachteil: Die GS steht in der Nähe von Frankfurt. Egal, gleich morgens rufe ich an. Die Infos (kein Unfall, gepflegter Zustand, Verkauf wegen Familienzuwachs, Umrüstteile für Serienleistung und -fahrwerk mit dabei) überzeugen. Dieses
Angebot soll mir nicht wieder durch die Lappen gehen. »Um die Mittagszeit würde ich gern vorbeischauen und das Motorrad eventuell gleich mitnehmen.« Kurzes Durchatmen am anderen Ende der Leitung: »So schnell? Da muss ich erst meiner Frau Bescheid geben, ich selbst bin unterwegs. Außerdem hat die GS keinen TÜV mehr, stand in der Annonce falsch drin. Den würde ich aber noch machen.« Ich erwidere, das sei mir nicht so wichtig, wenn die Maschine gut dastünde, würde ich sie dem TÜV in Stuttgart vorführen.

Um 13 Uhr stehe ich mit dem VW-Bus vor der angegebenen Adresse. Na super: fünfter Stock ohne Aufzug. Oben empfängt mich ein Zwei-Meter-Hüne. Der Ehemann hat offenbar für Begleitschutz seiner schwangeren Frau gesorgt. Alle zusammen gleich runter und mit dem Auto zur ein Kilometer entfernten Garage. Außer der Suzuki verstecken sich noch eine alte Honda und eine neue Triumph darin – ein gutes Zeichen.

Am Telefon wurde nicht zu viel versprochen. Die GS 500 E wirkt gepflegt und springt trotz eiskalten Motors sofort an. Auch bei der Probefahrt macht sie keine Mucken. Alle Gänge lassen sich durchschalten, die Bremsen und die Beleuchtung funktionieren, und anschließend findet sich kein verräterisches Öl am Motorgehäuse. Passt, denke ich mir, und wir einigen uns ohne langes Hickhack auf 900 Euro.

Also noch mal fünf Stockwerke hoch, Kaufvertrag unterschreiben und zurück nach Stuttgart – um dort in der Redaktionstiefgarage festzustellen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Ich parke die Suzuki neben den drei anderen 999-Euro-Bikes, und, keine Frage, »meine« GS sieht einfach am besten aus. Ob sich das im Lauf des Jahres auch in puncto Funktion bewahrheitet, wird sich zeigen. Ob die Suzuki vielleicht sogar mal den Weg bis Granada findet, ebenfalls. Schön wär’s schon.

Technische Daten Suzuki - Suzuki GS 500 E (Bj. 1992)

Motor
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei oben liegende Nockenwellen, zwei Ventile pro Zylinder, Vergaser, kontaktlose Transistorzündung, keine Abgasreinigung, E-Starter, Sechsganggetriebe,Kette.
Hubraum 487 cm3
Nennleistung
34 kW (46 PS) bei 9200 /min

Max. Drehmoment
39 Nm bei 7800 /min

Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Vier-
kantstahlrohr, Telegabel, Zweiarmschwinge aus Stahlprofilen, Zentralfederbein, Scheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten, Reifen 110/ 70 H 17 vorn, 130/70 H 17 hinten.

Maße und Gewichte
Sitzhöhe* 760 mm, Gewicht vollgetankt* 187 kg, Zuladung* 193 kg, Tankinhalt 17 Liter.

messungen
(MOTORRAD 1/1992)
Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 171 km/h
Beschleunigung
0–100 km/h 6,9 sek
Verbrauch
5,9 l/100 km (Test-Mittel), Normal

Zeitungssuche - Vor- und Nachteile

Zugegeben, die Gebrauchtmotorradsuche per Zeitungsanzeigen erscheint inzwischen etwas veraltet. Dennoch spricht immer noch einiges dafür. Vor allem in Zeitungen und (Fach-) Zeitschriften, die für Inserate Gebühren verlangen, finden sich nahezu ausnahmslos seriöse Angebote – denn wer gibt schon Geld für nicht erst gemeinte Offerten aus? Doch auch kostenfreie Anzeigenblätter wie »Sperrmüll«, »Flohmarkt« oder »der heisse Draht« taugen als Suchgrundlage. Einziges Problem: das eingeschränkte Angebot. In Medien, in denen sich vor zehn, 20 Jahren noch seitenweise Gebrauchtmotorräder tummelten, findet sich heutzutage nur noch eine sehr kleine Auswahl. Diese jedoch – und das ist sehr praktisch – bezieht sich in der Regel auf den regionalen Bereich. Was nutzt schließlich einem Flensburger eine Gebrauchtofferte in Passau?

Honda CX 500 C - "So ein Spontankauf macht richtig Spaß"

Logisch: Für 1000 Euro bekommt man eine Harley nicht mal als Unfall- Schrotthaufen. Zum lässigen Cruisen hät-te ich dennoch gerne einen hubraumstarken Vau-Zwo. Wunsch und Ebay-Realität liegen bei diesem Preislimit leider weit auseinander. In der übersichtlichen Suchmaschine finden sich über 1000 Kubikzentimeter keine und erst bei »501 bis 750 ccm« vereinzelte Offerten wie Kawa-saki Z 550 LTD oder Honda CB 650 Custom. Na ja, nicht besonders groovy, diese Vierzylinder. Also, – klick, klick – ein weiterer Versuch wohl oder übel in der Liga darunter. Treffer! Honda CX 500 C in Nachtblau. Nicht unbedingt meine Traummaschine, aber hey, auf so einem Bock habe ich damals meine Einser-Pappe gemacht. Fahrschule Niehoff, für 350 Mark. Waren das Zeiten, mir kommen fast die Tränen!

Den Softchopper gibt’s jetzt für 995 Euro zum »Sofort-kaufen«-Tarif, beim Steigern liegt das Mindestgebot bei 850 Euro. Und der Verkäufer wirbt, dass beim Sofortkauf die Zustellkosten bis vor die Haustür lediglich 70 Euro betragen. Sofortkauf ist mir ohnehin lieber, denn bei Versteigerungen bin ich wohl mit einem Fluch belegt. Alle Artikel, bei denen ich in letzter Zeit mitgemischt habe, wurden in letzter Sekunde barsch überboten.
(Ein scheußlich lackiertes 80er-Jahre-Rennrad, ein antiquierter dänischer Kinderwagen, ein zerfleddertes Reisehandbuch – verdammt, wer außer mir will so etwas eigentlich haben?) Also jetzt auf Nummer sicher: Die Spontan-Liaison mit der Honda ist so gut wie geschlossen. Eine innere Stimme warnt indes: Ruhig, so schnell klicken die Preußen nicht! Lieber zunächst die Maschine virtuell genau inspizieren: Auf den Digitalfotos sieht sie einigermaßen gepflegt aus, 26 Jahre alt, knapp 63000 Kilometer, fahrbereit mit Tüv, kein Unfall, aber Gebrauchsspuren. Der Verkäufer aus dem Ruhrgebiet hat 100 Prozent positive Bewertungen. Das lässt hoffen.
Ich schicke eine Mail mit Fragen zum Zustand des Motorrads sowie zur Lieferung und erbete mir seine Telefonnummer, um weitere Details zu klären.

Die Antworten kommen prompt, allerdings telegrafisch knapp. Am Telefon ist der Anbieter aufgeschlossener und erzählt, dass er alte Stücke aus den Siebzigern und Achtzigern sammele und dann wieder losschlage, wenn’s zu voll werden würde im Stall. Die Frage, ob er ein Händler sei, verneint er: »Nee, alles privat und so.« Der angebotene Kardan-Chopper sei, soweit er das überblicke, im Originalzustand. »Vielleicht musst du beim Starten etwas orgeln, ist ja normal bei alten Motorrädern. Das Ding läuft, da mache ich mir keine Sorgen«, versichert er – und die Stimme klingt kumpelig. In zwei Tagen habe er wieder einen Transport gen Süden, folglich könne ich die CX schon am Wochenende haben, wenn das Geld sofort überwiesen würde. Das klingt geschäftig.

Nach dem Telefonat überprüfe ich noch mal vergleichbare Angebote im Internet. Eine steht für 1000 Euro zum Selbstabholen 400 Kilometer entfernt, die an-dere für 1300 Euro noch weiter weg bei
einem Händler – zu teuer, zu stressig. Also dann: Risikokauf ohne Probefahrt und der Ebay-Verkäuferbewertung vertrauen. Sekundenbruchteile später ist die 500er-Honda meine. Noch flugs in die Bank, um eine Eilüberweisung zu tätigen, und hoffen, dass die Maschine tatsächlich wie verabredet bei mir vor der Haustüre abgeliefert wird.

Sie wird. Der Überbringer – nach eigenen Angaben ein Bekannter des Verkäufers, der als Hobby-Spediteur mit einem VW-Transporter samt Anhänger agiert – kommt nach einer staubedingten Verspätung (die er telefonisch von unterwegs mitgeteilt hatte) mit zwei Alteisen, eins davon die CX, im Schlepptau. Abladen, Kaufvertrag auf dem Beifahrersitz unterschreiben, Fahrgestellnummern mit Papieren abgleichen, Schlüsselübergabe, ein paar unverbindliche Worte, Viel-Spaß-damit-Wünsche – und dann: tschüs. Uups, das ging schnell. Zu schnell?
Prüfend umrunde ich das Motorrad, beäuge kritisch das Äußere. Etwas Rost, ein paar Kratzer, aber insgesamt so wie beschrieben. Ein Blick in den Tank: wow, fast voll! Ich setze mich aufs Motorrad, steige wieder ab, betrachte es aus einem gewissen Abstand, gehe wieder näher ran. Und kann mich nicht erwehren: Ich freue mich auf diesen Bock, den ich schon in den Tiefen meines Unterbewusstseins verloren meinte. Für die erste Fahrt liegt eine rote Nummer parat. Schlüssel nach rechts, mein Daumen fummelt aufgeregt am Starterknopf. Der Motor lebt, ab geht’s! Ich cruise auf einer kleinen Landstraße dem Sonnenuntergang entgegen. Es ist kalt, und die 27 PS reißen nicht vom Hocker. Doch unter meinem Helm, da muss ich kichern und kichern und kichern, als hätte mir jemand was in den Tee getan. Und ich fühl’ mich sauwohl.

Technische Daten Honda - Honda CX 500 C (Bj. 1991)

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, eine unten liegende Nockenwelle, vier Ventile pro Zylinder, Vergaser, kontaktlose Transistorzündung, keine Abgasreinigung, E-Starter, Fünfganggetriebe, Kardan.
Hubraum 496 cm3
Nennleistung
37 kW (50 PS) bei 8500 /min
Max. Drehmoment
46 Nm bei 7000 /min

Fahrwerk
Einrohrrahmen aus Stahl, Telegabel, Zweiarmschwinge aus Stahl, zwei Federbeine, Scheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten, Reifen 3.50 S 19 vorn, 130/90 S 16 hinten.



Maße und Gewichte
Sitzhöhe* 780 mm, Gewicht vollgetankt* 216 kg, Zuladung* 202 kg, Tankinhalt/Reserve 11,2/2,7 Liter.

messungen (MOTORRAD 16/1979)
Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 159 km/h
Beschleunigung
0–100 km/h 6,0 sek
Verbrauch Für »C«-Modell nicht ermittelt, bei CX 500 (MOTORRAD 2/1980): 6,2 l/100 km (Test-Mittel), Normal

Kaufen bei Ebay - So geht's

Auch eine extrem billige Gebrauchtmaschine sollte man nicht unbesehen und ohne Probefahrt kaufen. Und schon gar nicht das Geld im Voraus überweisen. Das gilt auch bei Ebay, es sei denn, man nutzt das Treuhandkonto, das der Internet-Auktionator anbietet. Schwarze Schafe gibt es immer, aber ein kurzer Check des Verkäuferprofils hilft, Ärger zu vermeiden. Was für Artikel hat der Verkäufer bei vorherigen Auktionen
angeboten, tarnt sich etwa ein unseriöser Händler als Privatverkäufer, um die Gewährleistungspflicht zu umgehen? Wie fallen seine Bewertungen aus? Ein vertrauenswürdiger Verkäufer sollte auch bei vielen Transaktionen (mehr als 50) mindestens 95 Prozent positive Bewertungen vorweisen, die im Idealfall durch aussagekräftige Kommentare (zum Beispiel: »Ware wie beschrieben, problemlose Zahlungsabwicklung – gerne wieder«) untermauert werden. Bei Motorradmodellen, die bekannter-maßen Standuhren sind, lohnt eine herkömmliche Versteigerung, weil bei einer geringen Anzahl von Bietern unter Umständen tolle Schnäppchen
zu machen sind. Populärere Maschinen erzielen indes am Ende der
Versteigerung in der Regel einen auf dem Gebrauchtmarkt üblichen oder sogar höheren Preis. Bei ihnen empfiehlt sich – sofern angeboten und
der Preis für einen okay ist – die Option »Sofortkauf«.

Yamaha FJ 1100 - "Verstand ist wichtiger als Sentimentalitäten"

Als bekennendem Freund, Besitzer, Bewahrer und Beweger von Fahrzeugen, die zu alt für MOTORRAD und zu jung für MOTORRAD CLASSIC sind, war dem Schreiber dieser Zeilen von Anfang an klar, dass dies eine spannende Geschichte werden würde, zumal ihm die erfreuliche Aufgabe zufiel, über die Händlerschiene nach einem Big Bike zu suchen. Das erledigt man heutzutage primär im Internet, da die Händlerangebote in den verbliebenen überregionalen wie lokalen Anzeigenblättern in der avisierten Preisklasse wenig bis gar nichts zu bieten haben.

Überraschenderweise stellte sich das Online-Angebot auf den ersten Blick als erstaunlich vielfältig heraus, wobei die allermeisten Offerten einer näheren Betrachtung nicht standhalten konnten. Die zahlreich vorhandenen Honda Bol d’Or sind konstruktiv einem Oldtimer deutlich näher als einem modernen Bike. Nicht die besten Vorraussetzungen, wenn es im Alltag vor Fahrern bestehen soll, die ständig das Neueste vom Neuesten unterm Hintern haben. Demselben Grund fiel auch die ebenfalls recht oft angebotene Yamaha XJ 900 zum Opfer. Von diversen völlig verbastelten oder sonst wie zerschundenen ehemaligen Jungmännerträumen ganz zu schweigen.

So kristallisierten sich langsam, aber sicher die Kawasaki GPZ 900 R und die Yamaha FJ 1100/1200 als potenzielle Objekte der Begierde heraus. Beide Modelle waren – wie der Autor – Mitte bis Ende der Achtziger in der Blüte ihrer Jahre und echte Traumobjekte. Gut zwanzig Jahre später ist der Kreis der Liebhaber hier wie dort zwar geschrumpft, im Falle der Kawa jedoch immer noch groß genug, um mir gleich zwei durchaus habenswerte Exemplare vor der Nase wegzuschnappen. Bei den FJs sieht es etwas besser aus. Ein Angebot lockt mit erstaunlich geringer Laufleistung für ihr Alter, jedoch gibt es keine Aussage bezüglich TÜV. Ein Anruf bringt Klarheit. Reimport aus Italien, deutsche Papiere gebe es noch nicht, seien aber kein Problem. So, so, denke ich mir, aber diesen Nervenkrieg soll sich antun wer will, zumal nicht einmal der deutsche Importeur auf Nachfrage sagen konnte, ob und wenn ja, wie sich eine italienische 1986er-FJ von einer deutschen unterscheidet.

Und plötzlich tauchte sie aus den Untiefen der großen Internet-Portale formatfüllend auf dem Schirm auf: FJ 1100, erstes Baujahr. Das Urmodell. Rot/Weiß. Unverbastelt, ungeliftet, ungeschminkt. Genau so, wie sie damals drei Straßen weiter oft stand. Wie gerne ich getauscht hätte. Ich weiß nur nicht mehr genau, ob es mehr die FJ war oder seine Freundin, um die ich den Besitzer beneidet habe. Wahrscheinlich beide. Jedenfalls lässt sich rückblickend betrachtet sagen, dass die FJ zu diesem Zeitpunkt im Prinzip schon gekauft war, denn bereits bei ihrem ersten Anblick auf dem Bildschirm beschleunigte sich mein Herzschlag.

Auf den Fotos machte die FJ im Vergleich zu allen anderen Angeboten in dieser Preisklasse optisch den besten Eindruck, wenngleich der Anzeigentext die aufkommende Euphorie etwas dämpft. Einerseits kam sie aus erster Hand, andererseits sind 95000 Kilometer kein Pappenstiel. Immerhin wurde beschieden, dass der Motor laufe.

Ein Anruf beim Händler sorgt für Erstaunen. Ob man das Motorrad wirklich kaufen wolle, es sei schon alt, habe viele Kilometer, und der Vergaser sei durch die mehrjährige Standzeit verstopft, weswegen der Motor nur unter manueller Zuführung hochexplosiver Stoffe wie Startpilot in Gang käme. Überhaupt sei es eigentlich für den Export gedacht, wegen Gewährleistung und so. Nanu, ein Händler der seiner potenziellen Kundschaft die
eigenen Produkte madig macht, das ist neu. Dem Argument, dass die Yamaha von Bayern nach Baden-Württemberg exportiert werden solle, kann sich der freundliche Verkäufer allerdings nicht verschließen und stimmt einem Besichtigungstermin zu.

Vor Ort, 300 Kilometer östlich von Stuttgart in einem unscheinbaren Schuppen voller mehr oder weniger leckerer Schätze, läuft die FJ tags darauf wie versprochen nur mit Startpilot, dafür aber sehr engagiert und mechanisch beruhi-gend nebengeräuscharm. FJ-Kenner wissen längst, dass der Antrieb eigentlich unkaputtbar ist, und ein nachträglich montiertes Ölthermometer lässt auf einen materialschonenden Warmfahrer schließen. Auf die Schnelle bekommen wir den Motor nicht ans selbständige Laufen, weswegen die insgeheim erhoffte Heimfahrt auf Achse ausfällt. Wäre sie sowieso, denn die vordere Bremse hat trotz ausreichend Flüssigkeit und Anwesenheit aller Bauteile null Funktion, was neben einem Preisnachlass auf 900 Euro die Zugabe eines Kawa-Bremszylinders einbringt. Könnte passen, sagt der Händler. Eine ungewöhnliche Lösung. Nun, wir werden sehen.

Technische Daten Yamaha - Yamaha FJ 1100 (Bj. 1985)

Motor
Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Gleichdruckvergaser, E-Starter, keine Abgasreinigung, Transistorzündung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.
Hubraum 1097 cm3
Nennleistung
74 kW (100 PS) bei 9000/min
Max. Drehmoment
87 Nm bei 7500/min
Fahrwerk
Doppelschleifenrahmen aus Vierkant-Stahlrohren, Telegabel, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein, Doppelscheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten, Reifen 120/ 80 V 16 vorn, 150/80 V 16 hinten.



Maße und Gewichte
Sitzhöhe* 780 mm, Gewicht vollgetankt* 261 kg, Zuladung* 189 kg, Tankinhalt 24,5 Liter.
messungen
(MOTORRAD 7/1984)
Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 221 km/h
Beschleunigung
0–100 km/h 3,7 sek
Verbrauch
7 l/100 km (Test-Mittel), Normal

Kauf beim Händler - Im Hinterzimmer eines Exporthändlers

Ohne Internet geht heute gar nichts mehr. Das gilt speziell für den Handel mit Gebrauchtfahrzeugen. Besonders Gewerbetreibende setzen voll auf dieses Medium, um einen möglichst großen Kreis von Interessenten zu erreichen. Tatsächlich hätten wir auf anderem Wege
vermutlich nie von der Existenz dieser FJ 1100 erfahren, die in der Nähe von München ganz hart an der Grenze zur Provinz bei einem auf abgehangenes Material spezialisierten Händler zusammen mit einer ebenfalls stark gebrauchten Honda VFR 750 die günstigste Occassion darstellte. Generell verkaufen gewerbsmäßige Händler seit der Schuldrechtsreform 2002 nur ungern Motorräder, die deutlich älter als zehn Jahre sind. Schließlich muss der Händler gegenüber Privatkunden ein Jahr für sogenannte Sachmängel gerade stehen und in den ersten sechs Monaten im Zweifelsfall beweisen, dass der Schaden zum Zeitpunkt des Kaufs noch nicht vorhanden war. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein altes Motorrad im weiteren Betrieb Gebrechen zeigt, die es zum Zeitpunkt des Kaufs noch nicht hatte, steigt überproportional mit zunehmendem Alter. Weswegen unsere FJ aufgrund des nicht fahrbereiten Zustands als Bastlerfahrzeug deklariert wurde. Der deswegen im Kaufvertrag festgeschriebene Sachmängel-Haftungsausschluss ist im Ernstfall kein Freibrief. Ob er vor Gericht Bestand hat, wird im Einzelfall entschieden. Wer aber nicht bereit ist, ein gewisses Restrisiko selbst zu tragen, sollte vielleicht besser ein paar Hunderter drauflegen und sich nach einem jüngeren Exemplar umsehen.

Yamaha XT 600 - "Eine Enduro vom alten Schlag"

Klare Sache – eine Enduro muss es sein. Meine Favoriten: Suzuki DR 600 R Dakar sowie Yamaha XT 600 (Modell 2KF). Beides echte Helden der Achtziger. Hochbeinig, aufs Wesentliche reduziert, robust. Wunderbar. Nicht einmal ein E-Starter kann bei diesen Motorrädern kaputt gehen – es gibt keinen. Sämtliche spätere XT- und DR-Baureihen wirken dagegen wie Spielzeuge.

Schnell kristallisiert sich heraus: Die Online-Suche nach der Suzuki verläuft im Sand, nicht ein Fahrzeug unter 1000 Euro. Die günstigste DR soll 1250 Euro (Festpreis) kosten, insgesamt finden sich bundesweit nur sechs Exemplare. Schade.

Unter dem Suchbegriff »Yamaha XT 600 bis 1000 Euro« sieht die Welt kaum rosiger aus. Drei heruntergerittene Alteisen. Einzig Nummer vier klingt verlockend: Baujahr 1984, 34000 Kilometer auf der Uhr, guter Zustand, für 950 Euro, allerdings seit fast einem Jahr ohne TÜV. Standort: knapp 40 Kilometer südlich von Stuttgart. Die Hand greift zum Hörer, ein freundlicher Herr meldet sich, gibt bereitwillig Auskunft. Dass er im letzten Jahr gerade einmal 300 Kilometer weit gefahren sei. Wegen der Kinder. »Sie wissen schon, da bleibt nichts vom Wochenende.« »TÜV? Nein, sollte jedoch kein Problem sein. Probefahrt? Hm, mal schauen, ob der Bock nach fast einem Jahr Stillstand anspringt. Morgen Abend geht in Ordnung.«

Der erste Kontakt: Schummriges Garagenlicht umschmeichelt den 23 Jahre alten, leidlich rot-weißen Lack. Mein Eindruck: Da steht eine waschechte Enduro. Kleiner Tank, mächtiger Motorschutz, ellenlange Federwege. Fantastisch. »Fünf Vorbesitzer, aber dafür alles original«, schwört der Verkäufer. Ich nicke, übersehe einfach die lilafarbene »Sonderlackierung« des XT-Schriftzugs auf dem Tank. Zumal die Reifen noch über relativ viel Profil verfügen und das Triebwerk nach drei schweren Tritten läuft – wenn auch etwas widerwillig.

»Habe heute extra noch frischen Sprit eingefüllt und die Batterie geladen.« Der Funken springt über, auch ohne Probefahrt. Denn draußen ergießt sich gerade eine Sintflut über die schwäbische Pampa. Egal. Die oder keine, so viel ist schnell klar. Zumal das typische Hämmern dieses Einzylinders alte Erinnerungen weckt. Gut und gerne 30000 Kilometer sind Mitte der achtziger Jahre im Sattel einer solchen XT 600 zusammengekommen, die erste große Reise überhaupt bis an den Rand des Orients. Bin gespannt, was diesmal geht. Wir einigen uns auf 900 Euro.

Technische Daten Yamaha XT - Yamaha XT 600 (Bj. 1984)

Motor
Luftgekühlter Einzylinder-Viertakt-Motor, eine oben liegende Nockenwelle, vier Ventile, Doppel-Vergaser, kontaktlose Zündung, keine Abgasreinigung, Kick-Starter, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.
Hubraum 595 cm3
Nennleistung
32 kW (44 PS) bei 6500/min
Max. Drehmoment
49,5 Nm bei 5500/min

Fahrwerk
Einrohrrahmen aus Stahl, Telegabel, Zweiarmschwinge aus Stahlprofilen, Zentralfederbein, Scheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten, Reifen 3.00 S 21 vorn, 4.60 S 18 hinten.
Maße und Gewichte
Sitzhöhe* 850 mm, Gewicht vollgetankt* 154 kg, Zuladung* 201 kg, Tankinhalt 11,5 Liter.
messungen (MOTORRAD 24/1984)
Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 146 km/h
Beschleunigung 0–100 km/h 5,8 sek
Verbrauch
5,6 l/100 km(Test-Mittel), Super

Internet-Suche - Riesige Auswahl

Nirgendwo ist die Auswahl an Gebrauchtmaschinen so riesig wie im Internet. Unter www.mobile.de, www.motoscout24.de, www. quoka.de und all den anderen Verkaufsplattformen finden sich zig Tausende Gebrauchtmaschinen. Praktisch sämtliche dieser Internet-Adressen bieten Suchfunktionen, so dass sich gezielt Angebote ausfiltern lassen. Sie fahnden nach einer XT 600, Baujahr 1984, mit maximal 50000 Kilometern für unter 1000 Euro im näheren Umkreis von Köln? Kriterien eingeben, Enter-Taste drücken und – zack, erscheinen alle passenden Angebote. Was gelegentlich nervt: nicht freigeschaltete Anbieterinfos. Die gibt’s oft erst gegen einen gebührenpflichtigen Telefonanruf.

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