Modellübersicht Yamaha XJ 600 N/S

ModellgeschichteGetreu dem Motto »Weniger ist mehr« präsentierte Yamaha im Herbst 1991 mit der XJ 600 S Diversion die Nachfolgerin der bislang schlicht XJ 600 genannten Mittelklasse-Maschine. Im Vergleich zum stärkeren Vormodell, das Mitte der 80er Jahre die Klasse der 600er-Motorräder begründet hatte, kam die Diversion jedoch recht spartanisch daher. Der komplett neu konzipierte Allrounder musste nicht nur ohne Hebelumlenkung des Zentralfederbeins auskommen, sondern verzichtete auch auf die zweite Bremsscheibe im Vorderrad sowie mit maximal 61 PS in der ungedrosselten Version auf einige Pferdchen. Dank des vergleichsweise günstigen Preises von 8600 Mark gewann das Universaltalent dennoch rasch die Sympathien all jener Biker, die sich nicht auf einen Spezialisten festlegen wollten. Darunter waren und sind bis heute viele Neu- und Wiedereinsteiger, die am unkomplizierten Handling, der sanften Leistungsentfaltung des Vierzylinders sowie an der kommoden Sitzposition ihren Gefallen finden. Dass die Diversion – wie auch die ab 1994 parallel angebotene unverkleidete XJ 600 N – nicht zu den fahrstabilsten Motorrädern gehört, stört diese Klientel weniger als der bisweilen hohe Benzinverbrauch, der auf der Autobahn Werte um zehn Liter auf 100 Kilometer erreichen kann. Die Yamaha XJ 600 ist also eher etwas für gemütliche Genussmenschen, die den Fahrspaß abseits der Extreme auf kurvigen Landstraßen suchen und dort auch finden. Nach mehrfachen Modellpflegemaßnahmen zeigen sich vor allem Exemplare ab Baujahr 1998 spürbar gereifter, erkennbar an der steiferen Gabel sowie der Doppelscheibenbremse am Vorderrad. Wer ein problemloses, komfortables und preisgünstiges Motorrad mit Vierzylinder-Triebwerk sucht, darf bei einem solchen Krad getrost zugreifen, sofern der Preis stimmt.MarktsituationMit einfachen Mitteln zum Erfolg – diese Produkt-Philosophie ist im Fall der XJ 600 voll aufgegangen. Aktuell weist das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) einen Bestand von sage und schreibe 38300 Einheiten aus. Gebrauchtkäufer können demnach aus dem Vollen schöpfen, für jeden Geldbeutel sollte sich deshalb die passende XJ 600 finden lassen. Dem gewaltigen Angebot steht mittlerweile eine etwas zurückhaltendere Nachfrage gegenüber. Speziell die jüngeren Exemplare ab 1998 konkurrieren mit technisch wesent-lich moderneren Motorrädern wie der Honda Hornet 600, der Suzuki SV 650 oder der Yamaha FZS 600 Fazer. Dies bedeutet, dass Verkäufer einer XJ 600 einen gebührenden preislichen Abstand zu solchen Bikes mit vergleichbaren Voraussetzungen (Alter, Vorbesitzer, Fahrleistung) wahren müssen, um nicht auf ihrem Krad sitzen zu bleiben. Ältere XJ 600 hingegen erweisen sich als vergleichsweise preisstabil. So taxiert die Schwacke-Liste einen Händler-Verkaufspreis für eine XJ 600 S von 1994 immerhin noch auf rund 1800 Euro (81000 Kilometer). In der Praxis werden Motorräder mit solchen Laufleistungen allerdings deutlich niedriger gehandelt. Dies gilt ebenfalls für die unverkleideten N-Modelle, die sowohl bei den Neu- als auch bei Gebrauchtkäufern weniger gefragt sind als die verkleidete Diversion.BesichtigungDie Yamaha XJ-600-Modelle gelten im Großen und Ganzen als weitgehend problemlose Fahrzeuge. Echte Schwierigkeiten gab es nur beim ersten Baujahr mit einer zu schwachen Federbeinaufnahme an der Schwinge sowie einem zu laschen Federbein. Vereinzelt wurden darüber hinaus Schäden am Anlasser-Freilauf bekannt. Weiterhin sollte man bei älteren XJ bis Baujahr 1996 auf poröse Gummileitungen der Vergaser-Beheizung achten. Bei höheren Laufleistungen ab 40000 Kilometern deuten Heulgeräusche aus dem Getriebe auf Karies an den Getrieberädern hin, wovon insbesondere jene des fünften Gangs betroffen sein können. Da Drosseln oder Entdrosseln bei der XJ 600 je nach Ausführung und Modelljahr teuer sind, empfiehlt sich beim Kauf einer Gebrauchten, die Auswahl von vornherein auf die gewünschte Leistungsvariante zu beschränken. Einen Überblick erhält man im Internet unter www.yamaha-motor.de sowie beim Vertragshändler. Neueinsteiger mit Stufenführerschein, die ihre XJ länger fahren möchten, greifen jedoch am besten zur offenen Variante mit 61 PS, die sich mit Reduzierkits aus dem Zubehör vergleichsweise kostengünstig auf 34 PS drosseln lässt, etwa mit einem Umbausatz von Alpha Technik, Telefon 08036/300720, für 99 Euro. Ansonsten kann man sich bei der Besichtigung auf die üblichen Checkpunkte konzentrieren. OptimierungEs sind besonders Fahrwerksschwächen, die vielen XJ-Piloten Verdruss bereiten. Während man einer XJ 600 ab Baujahr 1998 mit progressiven Gabelfedern aus dem Zubehör (zwischen 80 und 100 Euro) sowie einem modernen Reifenpaar vom Schlag Bridgestone BT 45 oder Metzeler ME 330/550 vergleichsweise kostengünstig auf die Sprünge helfen kann, wird es bei älteren Exemplaren teurer. MOTORRAD kam bei der Optimierung einer 1993er-Yamaha XJ 600 S (Heft 16/2000) erst nach dem zusätz-lichen Einbau eines hochwertigen Nachrüst-Federbeins, beispielsweise von White Power (SO Products, Telefon 05924/78360, 440 Euro) oder Hagon (Wilbers, Telefon 05921/6057, 335 Euro) zu einem befriedigenden Ergebnis. Außerdem profitiert die stumpf agierende Einscheiben-Bremse vorn spürbar vom Einbau bissiger Sintermetallbremsbeläge und von der Verwendung einer stahlummantelten Bremsleitung. Ebenfalls überraschend positiv macht sich der Anbau eines Gabelstabilisators bemerkbar, welcher der Yamaha zu einer deutlich besseren Lenkpräzision verhilft. Allerdings wird auch eine derart verbesserte XJ nicht plötzlich zum Sportler, dafür fehlen ihr einfach die Gene.Tests in MOTORRAD*XJ 600 S: 24/1991 (T); 1/1992 (VT); 8/1992 (T mit 61 PS); 10/1993 (T mit 27 und 34 PS); 1/1994 (LT); 18/1995 (VT); 26/1997 (T); 8/1998 (VT); 14/2000 (VT); 19/2000 (VT)XJ 600 N: 22/1993 (T); 24/1993 (VT mit 34 PS); 6/1995 (VT); 17/1999 (VT); 23/1999 (VT); 23/2002 (TT)

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