Motorräder - gute Sitzgelegenheiten?

Die große Freiheit geht oft mit Zwang einher: Fast jeder ach so kommod wirkende Chopper oder Cruiser nämlich fordert seinen Reiter mittels weit vorn liegender Fußrasten und hohem, nach hinten gezogenem Lenker in eine Zwangshaltung. Darunter versteht der Mediziner alles, was der natürlichen Haltung widerspricht, im Falle dieser Bikes vorrangig die erzwungenermaßen falsche Krümmung (Hohlkreuz) im Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule. Diese zeitigt vermehrte Kompression im Zwischenwirbelraum, denn die Wirbel können nicht mehr im natürlichen Abstand zueinander stehen - eine echte Bedrohung für die Bandscheiben. Außerdem provoziert jede Fehlhaltung muskuläre Verspannungen. Seitliche Bewegungen, wie sie beim Kurvenfahren auftauchen, verstärken die genannten Symptome noch, und die meist knappen Federwege tragen auch nicht gerade zur Entspannung bei.Weil die oft extrem angeordneten Fußrasten verhindern, daß der Fahrer seinen Oberkörper mit den Beinmuskeln abstützen kann, werden die Fahrwerksschläge direkt zur Wirbelsäule weitergeleitet. Und schließlich: Nur wahre Kraftpakete trotzen länger als eine Stunde dem Winddruck, den die Haltung hinterm Geweihlenker ab 120/130 km/h mit sich bringt. Alle anderen verspannen auch im Oberarm- und Schulterbereich. Aus der Überraschungstour zur großen Liebe wird dann schnell eine Tortur, die nur gekonnte Massagen wieder lindern können...Doch auch Fahrer von Supersportlern sitzen ziemlich ungesund - nur andersrum gefaltet als die Chopperpiloten: Während deren Sitzposition eigentlich nur zum In-die-Sterne-Gucken taugt, eignet sich jene höchstens zum Minensuchen. Vor allem der deutliche Knick der unteren Lendenwirbelsäule und die starke Krümmung im Halswirbelbereich können Leiden schaffen. Die spitz angewinkelten Knie belasten obendrein die hinteren Meniskusteile sowie den allgemeinen Bandapparat, und die bisweilen extremen Sitzmulden führen oft genug zu schmerzvollem Mißempfinden im Skrotalbereich - unter Profis auch als Dead-Ball-Syndrom gefürchtet.Am besten berücksichtigen Reisemaschinen die Ergonomie: Leicht nach vorn gebeugter Oberkörper (die Wirbelsäule bleibt in der physiologischen S-Form, und die Rückenmuskeln arbeiten am effektivsten), 90-Grad-Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel (die Beinmuskeln können den Oberkörper mit abfedern) und die Hände in ergonomisch entspannter Position auf dem Lenker. Ob jemand die schmalere und härtere Sitzbank einer Enduro bevorzugt oder gleich zu einem Tourer greift, hängt von seiner Leidensfähigkeit ab. Unter medizinischen Gesichtspunkten spielt es keine Rolle.

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