Vor Betrugsanzeigen ist keiner sicher.

Rat und Tat - Vorsicht vor betrügerischen Verkaufsanzeigen Die fiesen Tricks mit kleinen Klicks

Die Masche ist keineswegs neu, zieht aber immer noch: Mit gefälschten Anzeigen versuchen Internet-Betrüger, gutgläubige Motorrad-Gebrauchtkäufer abzuzocken. Aber auch Verkäufer sind nicht sicher. MOTORRAD nennt die häufigsten Tricks und wie man sich davor schützen kann.

Mal ist’s eine ältere Dame aus Süditalien, mal eine „Familie Svendsen“ aus Dänemark, mal ein Pärchen aus der Schweiz, das ein vermeintliches Schnäppchen-Motorrad auf einer Online-Verkaufsbörse inseriert: Eins-A-Zustand, wenig Kilometer, sieht auf den Fotos tipptopp aus – und der Preis liegt weit unter Marktwert. Kurz: ein Angebot, bei dem man zugreifen muss. Wer das versucht und per E-Mail Kontakt aufnimmt (die im Inserat angegebene Telefonnummer führt ins Leere), bekommt dann immer eine Geschichte wie diese serviert: Das Motorrad hat entweder dem jüngst dahingeschiedenen Gatten gehört, oder man ist eben erst ins Ausland gezogen und hat für das Bike gerade keine Verwendung, oder, oder, oder …

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Schreib- und Grammatikfehler im E-Mail-Verkehr

Wer’s glaubt, kriegt bald ein weiteres Angebot, nämlich die Lieferung per Spedition. Originaltext inklusive Schreib- und Grammatikfehlern aus einem E-Mail-Verkehr mit Betrügern: „Die Spedition befördert die Fahrzeugs an Ihre Heimatadresse und Sie haben fünf Tage Zeit, das Fahrzeugs auszuprobieren und alle Dokument zu prüfen. Transportkosten und die weiteren Projektaufgaben wird von mir bezahlt werden. Hat das Fahrzeugs Mängel oder entspricht es nicht der Beschreibung, können Sie es auf meine Kosten zurück.“ Der Kaufpreis müsse auf ein Treuhandkonto eingezahlt werden, dessen Echtheit ein Internetlink bezeugen soll.

Polizei macht wenig Hoffnung

Das klingt viel zu plump, um zu funktionieren? Möchte man im Jahr 2017 meinen, ja. Doch regelmäßig bekommt MOTORRAD
E-Mails, in denen Geschädigte von ihren Erfahrungen berichten. Etwa Helmut B. aus R. in Hessen, der im Herbst 2016 für einen BMW C 650 Roller mit kaum über 6.000 Kilometern 2.600 Euro auf ein Konto nach Norwegen überwies. Das Geld ist weg, kann auch von der Bank nicht zurückgeholt werden, und auf den Scooter, der gut das Dreifache des bezahlten Preises wert ist, wartet Helmut B. bis heute. Die Polizei, bei der er den Betrug schließlich angezeigt hat, machte ihm wenig Hoffnung.

Adress-Inhaber sitzen irgendwo auf der Welt

Doch immer wieder melden sich auch Leser, die in bester Absicht selber ernst gemeinte Internet-Offerten veröffentlicht haben, die dann dreist gekapert wurden: Harley-Fahrer Peter K. aus W. etwa, der schockiert feststellen musste, dass die
seltene CVO Wide Glide, kaum hatte er sie inseriert, mit denselben Bildern auch anderswo im Internet auftauchte. Nur war der Anbieter nun nicht mehr er, sondern „user940787“ und der Preis plötzlich ein Bruchteil der von ihm geforderten Summe. Man muss kein IT-Experte sein, um Internet-Annoncen zu kopieren und mit anderen Kontaktdaten neu zu verwenden. Die von T-Online, Gmail oder web.de stammenden Adressen gaukeln vor, dass der Anbieter aus dem deutschsprachigen Raum kommt, tatsächlich kann der Adress-Inhaber aber irgendwo auf der Welt sitzen und seine digitalen Spuren durch das Nutzen sogenannter Proxy-Server verschleiern. Es wäre leicht, sich vor solch kriminellen Machenschaften zu schützen, indem man nur ein paar Regeln beachtet (siehe Interview).

Foto:
Nils Müller (39), Gründer von 1000PS.de.
Nils Müller (39), Gründer von 1000PS.de.

Interview mit Nils Müller, Gründer von 1000PS.at

Nils Müller (39) hat 2001 www.1000PS.at gegründet und 2008 die zunächst rein österreichische Internet-Plattform für Biker ausgeweitet auf 1000PS.de, den heutigen Online-Marktplatz von MOTORRAD.

MOTORRAD: Was ist die heute häufigste Masche, mit der Betrüger versuchen, gutgläubige Motorrad-Käufer abzuzocken? Kannst du das bitte kurz mal in Stichworten beschreiben?

Nils Müller: Der Klassiker ist immer noch von der Sorte „Traummotorrad zum Traumpreis abzugeben – Geld bitte vorab überweisen.“ Wobei natürlich rundherum eine spektakuläre Story gestrickt ist. Mal ist es ein griechischer Zahnarzt, der wieder schnell zurück nach Griechenland musste, dessen Motorrad aber noch in Deutschland steht. Dieses ist quasi ein Notverkauf und muss bitte vorab bezahlt werden. Eine Spedition kümmert sich dann angeblich um die Anlieferung. Gerne wird ein solches Märchen auch mit glaubhaft wirkenden Treuhandkonten, Fotos und Dokumenten aller Art ausgeschmückt. Nur das Ende der Geschichte ist immer gleich: Das Geld ist weg, das Motorrad eine Illusion und der vermeintliche Zahnarzt unauffindbar.

MOTORRAD: Woher stammen die gefakten Annoncen? Kann man als Betreiber des Portals die Urheber nicht feststellen und sperren?

Nils Müller: Die Betrüger operieren sehr professionell organisiert, arbeiten international und schlagen in Wellen zu. Sie haben dabei nicht bloß Motorrad-Anzeigen im Fokus, sondern bieten Elektronikartikel, Autos und Maschinen aller Art an. Dabei wird die jeweils passende Plattform in den jeweiligen Ländern gewählt. Fließt dann einmal Geld von einem Betrugsinserat, tritt der Betrogene damit eine Lawine los. Ab dann steht dieses Portal bei den Betrügern nämlich hoch im Kurs und wird mit immer neuen Inseraten überschwemmt, bis der Strom an Geld versiegt. Betrugsbanden gibt es in verschiedenen Ländern, zum Beispiel Nigeria, Italien, Spanien, Indien, Serbien und Rumänien. Sie beherrschen das kleine Technik-Einmaleins, verbergen ihre wahre IP-Adresse und verwenden kostenlose E-Mail-Adressen als Wegwerfartikel.

MOTORRAD: Werden nur Kaufinteressenten abgezockt oder auch Verkäufer?

Nils Müller: Auch Verkäufer stehen im Fadenkreuz dieser Banden. Die Masche geht so: Man schickt dem Verkäufer vorab einen Scheck. Dieser ist um 1000 bis 2000 Euro höher ausgestellt als der geforderte Kaufpreis des Motorrads. Danach sendet der Betrüger eine Spedition zum Verkäufer und bittet den Verkäufer, die Spedition in bar zu bezahlen – dafür hatte man ja schon vorab die zusätzliche Knete auf den Scheck geschrieben. Dieses Geld hat der Verkäufer zunächst auch tatsächlich von seiner Bank auf sein Konto gutgeschrieben bekommen. Doch ein paar Tage später die böse Überraschung: Der Scheck platzt! Damit ist das Geld weg, man hat die Kosten für die Spedition bezahlt, und das Motorrad ist man auch noch los.

MOTORRAD: Und es gibt wirklich immer noch Leute, die drauf reinfallen?!?

Nils Müller: Gier macht dumm! Schonender kann man das leider nicht umschreiben. Wobei teilweise auch sehr gebildete Menschen solchen Tricks auf den Leim gehen. Die Freude darüber, die Notsituation einer Person ausnutzen zu können und dabei ein super Schnäppchen zu machen, lässt viele rationale Argumente verblassen.

MOTORRAD: Was tut ihr als Betreiber von 1000PS.de gegen solche Machenschaften? Anders gefragt: Wie schützt ihr die echten User?

Nils Müller: Die Liste der Maßnahmen ist lang. Es ist teilweise schwierig, die richtige Balance zu finden. Sehr effektiv war die sogenannte SMS-Verifizierung. Da mussten Nutzer einen per SMS zugeschickten Code eintragen, um ihre Anzeige zu aktivieren. Damit stieg der Aufwand für Betrüger enorm und die Anzahl der Betrugsinserate ging deutlich zurück. Doch auch die Anzahl der eingetragenen Inserate sank. Als Marktplatz steht man ja im Wettbewerb mit anderen Marktplätzen. Muss man bei einem Portal am Ende nochmal einen nervigen Code eintippen und beim anderen nicht, wandern die Nutzer ab. Im Moment sperren wir verdächtige IP-Adresskreise, ganze E-Mail-Anbieter und natürlich Inserate von E-Mail-Adressen, welche bereits gesperrt wurden. Sehr effektiv ist aber immer noch die manuelle Kontrolle von Inseraten. Also wir überprüfen bei verdächtig wirkenden E-Mail-Adressen das jeweilige Inserat. Bei der Kombination „verdächtige Adresse“ plus „Schnäppchen“ sperren wir das Inserat. Wobei anzumerken ist, dass es echte Schnäppchen so gut wie nie gibt. Ein Schnäppchen-Angebot ist quasi immer ein Betrugsversuch.

MOTORRAD: Und was macht die Polizei?

Nils Müller: Grundsätzlich geht sie allen Anzeigen nach und verfolgt Spuren in jede Richtung. Geld? Spedition? IP-Adresse? Wobei bei Profibanden natürlich sämtliche Spuren ins Leere laufen. Manchmal gelingen aber spektakuläre Erfolge. Erst letzten September zum Beispiel wurde in Kalkutta, Indien, auf Initiative des BKA ein ganzes Callcenter mit 250 Mitarbeitern ausgehoben.

MOTORRAD: Gibt es denn eine Art Hitliste der bei Betrügern beliebtesten Motorradmodelle?

Nils Müller: Leider nein! Es gibt nur eine Konstante: dass der geforderte Preis deutlich unter Marktwert liegt.

MOTORRAD: Dein persönlicher Tipp? Wie kann ich mich als Nutzer von 1000PS.de bzw. 1000 PS.at am besten vor solchen Gaunereien schützen?

Nils Müller: Eigentlich ganz einfach: Niemals auf Schecks vertrauen! Und bei Privatangeboten kein Motorrad kaufen, welches man nicht selbst gesehen und überprüft hat. Seit jeder Motorradverkäufer Zugriff auf Marktplätze samt Marktpreise im Internet hat, gibt es keine Schnäppchen mehr. Es gibt keine
Notwendigkeit, Motorräder weit unter Preis anzubieten. Selbst in einer Notsituation kann man innerhalb weniger Stunden an jeden beliebigen Händler verkaufen. Der bietet eine rasche Abwicklung und zahlt sofort bar. Es besteht also in der Praxis keine Chance, ein Schnäppchen von einem Deppen abzugreifen. Wann immer man eine solche wittert, ist man so gut wie sicher am Ende selbst der Depp.

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