Ratgeber zum Kauf von gebrauchten Harley-Davidson-Motorrädern So entlarven Sie Secondhand-Flops

Das Geschäft mit neuen und gebrauchten Motorrädern von Harley-Davidson boomt in Deutschland. Was manchen Dunkelmann dazu verleitet, mit Secondhand-Gurken zu handeln. Doch dagegen kann man sich eigentlich ganz einfach wehren.

Foto: Bilski

Dem Ami an sich und seinen Behörden im Besonderen unterstellen wir alten Europäer ja ganz gern mal eine gewisse Überwachungs-Paranoia. Vermutlich völlig zu Recht. Darüber kann man sich nun aufregen, lustig machen – oder man kann es nutzen. Insbesondere dann, wenn man vorhat, ein Gebrauchtfahrzeug zu erwerben, das sein früheres Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika verbracht hat. Der Schlüssel zum Informationsglück heißt VIN, Vehicle Identification Number, hierzulande Fahrgestellnummer genannt.

Doch während bei uns die Fahrgestellnummer meist nur dazu genutzt wird, Eigentumsverhältnisse zu klären und dem Ersatzteilhandel eine exakte Fahrzeugzuordnung zu ermöglichen, ist die VIN in den USA der ultimative Zugang zu nahezu allen Informationen, die irgendwann einmal zu dem betreffenden Fahrzeug gesammelt wurden. Und das völlig legal, denn das fleißige Datensammeln ist in den USA erste Behördenpflicht, das Einsehen ebendieser Informationen aber auch heiliges Bürgerrecht.

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Markt für Milwaukee-Twins boomt

Und so kommt es, dass seit 1981 – dem Jahr der Einführung der standardisierten 17-stelligen VIN – Unfallberichte (in einigen Bundesstaaten herrscht Meldepflicht), Versicherungsabwicklungen, Gerichtsverfahren, Besitzumschreibungen, Kreditsicherungen, Werkstattprotokolle, Berichte von Überwachungsorganisationen und noch einiges mehr der jeweiligen VIN zugeordnet werden – und bei Interesse natürlich auch abgerufen werden können.

Ein solches Interesse sollten momentan besonders die potenziellen Käufer von Gebraucht-Harleys haben, denn der boomende Markt für Milwaukee-Twins, der große Bestand in den Staaten und der immer noch relativ günstige US-Dollar haben einige Glücksritter auf den Plan gerufen, die mit dem Import von Motorrad-Gurken das große Geld machen wollen. Während sich noch vor zehn, 15 Jahren meist Harley-Davidson-Spezialisten um den Import von Secondhand-Twins kümmerten, sind es mittlerweile oft Branchenfremde, die vielfach selbst gar nicht so genau wissen (wollen), was sie da für kleines Geld auf Auktionen in den USA erstanden haben und als Beifang zum Auffüllen noch nicht ganz ausgelasteter Container nutzen.

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Momentan kommt unglaublich viel Schrott nach Europa

Um es kurz zu machen: Es kommt momentan unglaublich viel Schrott nach Europa, insbesondere ins immer noch zahlungskräftige Deutschland. Doch dagegen kann man sich wehren, und dabei kommt die VIN ins Spiel. Wer die hat, kann sich über Dienstleister einen auf Basis der Daten erstellten „Vehicle History Report“ besorgen. Weltweit größter Anbieter und seit Kurzem mit seiner Europa-Zentrale in München ansässig ist Carfax (www.carfax.eu). Der Name resultiert noch aus einer Zeit, als die Reports per Fax verschickt wurden – das Unternehmen existiert schon seit 1984. Heute wird das elektronisch erledigt, pro (englischsprachigem) Report sind knapp 40 Euro fällig.

Doch es geht auch kostenlos, denn die deutschen Harley-Davidson-Vertragshändler nutzen ihre guten Carfax-Kontakte (und so ganz nebenbei auch das prall gefüllte Harley-Intranet), um potenziellen Gebraucht-Harley-Käufern zu verraten, für was sie ihren sauer verdienten Euro raushauen wollen. Wer schon eine Harley-Davidson hat, darf natürlich auch fragen. Die Informationen gibt’s am Händlertresen nur mündlich, denn mit irgendetwas möchte Carfax auch Geld verdienen. Doch Gurken-Info bleibt Gurken-Info und spart gegebenenfalls viel Geld.

Foto: Harley-Davidson Frankfurt

Interview mit Harley-Davidson-Händler Matthias Meier

Warum engagiert sich die Harley-Davidson-Vertragshändlerschaft jetzt so verstärkt in Sachen Aufklärung über US-Gebrauchtimporte?
Meier: Seit rund zwei Jahren tauchen bei uns in den  Läden verstärkt Hilfe suchende Kunden mit Maschinen auf, die auf zum Teil recht abenteuerlichen Wegen – gern auch aus Osteuropa – ins Land gekommen sind und die sich bei näherer Betrachtung als üble Bastelbuden und/oder als schlecht oder gar nicht reparierte Unfallmaschinen entpuppen. Die Kunden sind natürlich sauer und schnell geneigt, die Marke an sich zu verdammen. Wir müssen, natürlich auch aus Selbstschutz, ein Auge auf das Markenimage haben und hoffen, mit der Aktion so manches Kind zu retten, bevor es in den Brunnen fällt.

Wie hoch ist die Gurken-Trefferquote bei eurer Recherche, und wie sehen Extrembeispiele aus?
Meier: Bei praktisch jeder zweiten Anfrage zu Gebrauchtimporten bekommen wir Informationen, die für den Kunden überraschend sind – selten positiv. Da entpuppen sich 20.000 unfallfreie Kilometer aus Privathand schon mal als 80.000 Mietmotorrad-Meilen mit drei Unfällen, um mal einen Härtefall zu nennen.

Was benötigt ihr, um einem Harley-Davidson-Interessierten etwas mehr über das potenzielle Objekt seiner Begierde verraten zu können?
Meier: Die 17-stellige Fahrgestellnummer (VIN). Dann am besten ein Foto von der Seite, um sagen zu können, ob das Modell tatsächlich dem versprochenen Serienstand entspricht.

Ihr bietet den Sicherheitscheck kostenlos an. Aus reiner Menschenfreundlichkeit, oder was ist der Hintergedanke?
Meier: Ein paar wenige Minuten am Computer ersparen dem Kunden womöglich viel Ärger und uns langwierige und nervige „Harley ist scheiße“-Gespräche – die Zeit ist also ziemlich gut investiert. Und ein zufriedener Gebraucht-Harley-Davidson-Kunde möchte ja vielleicht auch irgendwann mal eine neue kaufen. Ist doch prima, wenn man sich dann schon kennt.

Ein abschließender Rat für potenzielle Schnäppchenjäger, die ganz heiß auf Billigimporte sind?
Meier: Da gibt’s eine Binsenweisheit: Niemand hat etwas zu verschenken. Irgendwo lauert der Haken – und wir helfen, ihn zu finden.

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