Report: Neu oder gebraucht - was bietet der Markt für rund 5500 Euro? Das bessere Angebot

Attraktive Finanzierung für ein nahezu perfektes und günstiges Alltagsmotorrad - der Plan ging auf: Hondas neue NC 700 S ist extrem erfolgreich und nahezu ausverkauft. Gibt es überhaupt Alternativen? Motorrad hat sich auf dem Gebrauchtmarkt umgeschaut.

Foto: jkuenstle.de

Es gibt nur gute Nachrichten, was in der heutigen Zeit die Ausnahme ist. Wenn Sie schon immer davon geträumt haben, den Motorrad-Führerschein zu machen und mit einem neuen Bike in den Sonnenuntergang zu reiten, ist jetzt die Zeit reif. Honda bietet mit der NC 700 S nicht nur ein sehr gutes Motorrad für einen erschwinglichen Preis, sondern sorgt auch dafür, dass nahezu jeder diesen Preis zahlen kann. Die Rechnung ist einfach: Wenn Sie den Motorrad-Führerschein jetzt machen, subventioniert Honda das mit einem zehnprozentigen Rabatt (begrenzt auf 1000 Euro) auf eine Neumaschine. Im konkreten Fall der NC 700 S, die inklusive Überführungskos¬ten 5755 Euro kostet, beträgt der Nachlass 575,50 Euro. Aber man muss die 5179,50 Euro nicht gleich auf den Tisch legen. Mit der Aktion „Halb bezahlt, komplett begeistert“ bietet Honda eine 50/50-Finanzierung für alle Biker an. Für die NC 700 S muss man in unserem Rechenbeispiel nur 2589,75 Euro auf den Tresen blättern und fährt anschließend mit einem knackigen Neufahrzeug heim. Die andere Hälfte ist erst 24 Monate später fällig, Zinsen fallen nicht an. Dieses Angebot gilt für alle Honda-Motorräder.

Die attraktive Finanzierungsmöglichkeit und der Umstand, dass die NC in den Tests durchweg einen guten Eindruck hinterließ, haben dazu geführt, dass die 700er in Deutschland bis Ende Juni kaum noch zu bekommen ist. „Die ersten Modelle gingen weg wie nichts“, sagt Oliver Franz, Pressesprecher Honda Europe Nord. Doch Nachschub ist bereits unterwegs und füllt die Läden ab Ende Juni wieder auf. „Wir planen, 2012 jeweils 1500 Exemplare von der NC 700 S sowie dem Schwestermodell NC 700 X abzusetzen“, benennt Franz das Ziel.

Doch wie gut ist die NC 700 S wirklich? Wie schlagen sich die recht dürftigen 48 PS im Alltag, vor allem aber im direkten Vergleich mit guten Gebrauchtmaschinen, die für das gleiche Geld zu haben sind? Um das zu erfahren, begab sich MOTORRAD mit der NC 700 S zu einigen Händlern und fuhr im direkten Vergleich ein paar Bikes, die in -etwa gleich viel kosten und von den Anforderungen her ähnlich sind: aufrechtes Sitzen, gemäßigte Leistung, leichtes Handling.

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Foto: jkuenstle.de

Beim Umstieg fiel jedes Mal auf, wie stark der 700er-Honda-Antrieb in niedrigen und mittleren Drehzahlen ist. Hinzu kommt sein massierendes Pulsieren, das der Twin an seinen Fahrer übermittelt und das durchweg als angenehm empfunden wird. Der Antrieb produziert in keinem Drehzahlbereich Lebensäußerungen, die als störend empfunden werden. Dies erreichten die Konstrukteure durch eine Kurbelwelle mit 90 Grad Hubzapfenversatz in Kombination mit 270 Grad Zündversatz. Vor allem aber produziert der Twin seine 48 PS lebensnah, eben so, dass man sie alltagsgerecht ¬nutzen kann. Um bei diesem Beispiel zu ¬bleiben: erster Gang – die NC bringt ihre Höchstleis¬tung bei 6000/min, das entspricht 50 km/h. Eine 600er-Hornet kommt in den Genuss ihrer 106 PS erst bei 12 300/min, entspricht 90 km/h. Das Kreischen eines hochdrehen¬den Vierzylinders ist für Liebhaber von hochdrehenden Motoren vielleicht ein Genuss. Für alle anderen allerdings nicht. Interessant auch in diesem Zu¬sammenhang:  Bis 6000/min liegt die Leis¬tung des NC-Antriebs stets über den Leistungen der gefahrenen Gebrauchtmaschinen (siehe Diagramm). Eine Maximalgeschwindigkeit von 100 km/h auf der Landstraße zugrunde  gelegt, dreht der Motor im sechsten Gang gerade mal 3500/min, stemmt 63 Newtonmeter und bewegt sich damit im Bereich seines optimalen Drehmoment-Outputs.

Der Hornet-Vierzylinder dreht unter denselben Bedingungen 5500 Touren und drückt gerade mal 47 Newtonmeter. Um dieselbe Dynamik zu erfahren, muss man auf den anderen Bikes mindes¬tens einen, wenn nicht sogar zwei Gänge tiefer fahren. Die Möglichkeit, mit der NC stressfrei niedertourig zu fahren, trägt auch zum geringen Spritverbrauch bei. Doch der gemütliche, sparsame NC-Motor ist nur die Hälfte der Miete. „Ich erlebe zum ersten Mal, dass Rollerfahrer auf ein Motorrad umsteigen“, sagt Volker Thumm, Geschäftsleiter von Speer-Racing, einem Honda-Vertragshändler. „Das Staufach ist einfach optimal. Und wenn die NC-Variante mit dem Doppelkupplungsgetriebe erhältlich ist, werden wir wahrscheinlich noch ein paar Großrollerfahrer als Umsteiger bekommen. Diese Jungs wollen überhaupt nicht schalten.“ Zwar würde man an diesem Motorrad nicht viel verdienen, denn durch die gute Qualität und die langen 12 000er-Wartungsintervalle werden NC-Modelle nicht oft in der Werkstatt sein, doch sei es immer was wert, neue Kundschaft zu bekommen. „Zufriedene Kunden empfehlen die Produkte weiter“, sagt er. „Das ist letztlich mehr wert als der schnelle Reibach.“

Interessant bei der Marktstudie: Gebrauchtmotorräder aus der EU können in Deutschland nach einer TÜV-Abnahme problemlos zugelassen werden. So kommt es auch, dass sich bei diesem Vergleich eine Honda-Hornet aus Italien und eine 650er-Suzuki aus England einfanden, die zwei unterschiedliche Händler anboten. Noch etwas zu den gefahrenen Gebrauchtbikes, die sich allesamt in einem ordentlichen, manch¬mal sogar neuwertigen Zustand -befanden: Viele Käufer legen Wert auf die zweijährige Garantie, die es auf Neufahrzeuge gibt. Hier kontert die Firma Limbächer & Limbächer aus Echterdingen: Über die normale, gesetzlich geforderte einjährige Gewährleistung hinaus erhält man gegen 490, respektive 690 Euro Aufpreis bei ihnen eine lebenslange Garantie auf Gebrauchtmaschinen (mit einigen Einschränkungen). Diese Garantie kann man auch auf Neufahrzeuge bekommen. Noch eine gute Nachricht.

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Angebot 1: Honda NC 700 S

kW/PS: 35/48
km: 0
EZ: Neu
Preis: 5500 €
Vmax: 160 km/h
0-100 km/h: 5,5 sek
Gewicht: 215 kg
Sitzhöhe: 800 mm
Verbrauch: 3,5 l/100 km

Alle sind begeistert. Die MOTORRAD-Tester, weil sich die 700er praktisch keine Blöße gibt, die Händler, weil sich die NC wie geschnitten Brot verkauft und zudem neue Kundschaft in ihre Läden lockt, und last, but not least auch die Fahrer der Maschine. Denn für das Geld, vor allem mit einem derartig günstigen Finanzierungsmodell (siehe Lauftext) gibt’s nirgendwo sonst ein neues Bike. Vor allem nicht so eins, das den Alltagsansprüchen perfekt gerecht wird: geringer Verbrauch, super Licht, integriertes Staufach, optimale Sitzposition für Große wie Kleine. Darüber hin-aus stimmen auch die fahrdynamischen Aspekte. Denn das straff abgestimmte Fahrwerk der NC gibt sich selbst bei zügigem Trab über die Hausstrecke nie eine Blöße, und die ABS-unterstützten Stopper machen ihren Job perfekt. Vor allem Anfängern wird die Integralbremse gefallen: Mit einem Tritt auf den Fußbremshebel wird auch die vordere Bremse aktiviert - Verzögerung enorm. Letztlich begeistert auch der Zweizylinder, denn er lässt seine Muskeln exakt dort spielen, wo man sie wirklich braucht: bei unter- und mitteltourigen Drehzahlen. Das fühlt sich einfach gut an.

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Angebot 2: BMW F 650 GS

kw/PS: 37/50
km: 3159
EZ: 05/2007
Preis: 5780 €
Vmax: 170 km/h
0-100 km/h: 5,3 sek
Gewicht: 202 kg
Sitzhöhe: 740 mm
Verbrauch: 3,6 l/100 km

Man muss schon genauer hinschauen bei dieser BMW. Denn allein Tacho und Reifen verraten, dass dieses Motorrad überhaupt bewegt worden ist. „Diese GS wurde von einer zierlichen Frau gefahren“, sagt Manfred Rzadca. Was wiederum vielleicht erklärt, warum die F 650 tiefer gelegt ist. Die BMW steht trotz ihrer fünf Jahre da wie neu. Aufgrund ihrer Ausstattung sowie des extrem günstigen Verbrauchs scheint sie eine echte Alternative zur NC 700 S zu sein. Sitzprobe: Man sitzt tiefer als auf der NC und viel aufrechter, mehr in als auf dem Motorrad. Jedoch hat die Tieferlegung nicht nur Vorteile. Sie reduziert die Schräglagen-freiheit und mindert auch den Fahrkomfort ein wenig - hinten ist das Federbein werksseitig kürzer. Auch wirkt der zwei PS schwächere Honda-Twin gegenüber dem Single in jeder Lebenslage überlegen, ist agiler, kraftvoller und ausgewogener.

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Angebot 3: Honda CBF 600 S

kW/PS: 57/78
km: 10200
EZ: 04/2009
Preis: 5599 €
Vmax: 210 km/h
0-100 km/h: 4,0 sek
Gewicht: 226 kg
Sitzhöhe: 790 mm
Verbrauch: 4,6 l/100 km

Neupreis der CBF 600 S ist derzeit 7640 Euro. An der Ausstattung hat sich in den letzten drei Jahren kaum etwas geändert. Die Gebrauchte von Zweirad Trinkner hat zwei Vorbesitzer und steht noch super da. Reifen, Lack, Kettensatz, Bremsen - alles okay. Wie auch bei der NC kommt hier das ABS-unterstützte Kombibremssystem CBS zum Einsatz. Doch trotz Doppelscheibe vorn ist die Bremswirkung im Alltag nicht viel besser als bei der NC. An Trinkners Gebrauchter sind Hauptständer sowie Kofferträger verbaut, die Koffer sind im Angebot jedoch nicht inbegriffen. „Die verwendet der Vorbesitzer an seinem neuen Bike weiter“, erklärt Achim Trinkner. Beim Umstieg von der 700er- auf die 600er-Honda kommen sofort Heimatgefühle auf. Wie auf der NC sitzt man auch hier super, Lenker und Fußrasten sind optimal positioniert, in den Spiegeln sieht man ebenso gut wie in denen der NC. Handling und Lenkverhalten sind super, nehmen sich trotz der Verkleidung gegenüber der NC 700 nichts. Auch der Vierzylinder macht seine Arbeit super. Zwar wirkt der NC-Motor untenherum kräftiger, doch der CBF-Antrieb macht mindestens ebenso viel Laune. Während der 700er-Twin eher massierend pulsiert und dadurch extrem entspannend wirkt, legt der CBF-Vierzylinder ab Drehzahlmitte kernig nach.

Foto: Künstle

Angebot 4: Honda Hornet 600

kW/PS: 75/102
km: 7390
EZ: 01/2007
Preis: 5390 €
Vmax: 230 km/h
0-100 km/h: 3,5 sek
Gewicht: 207 kg
Sitzhöhe: 800 mm
Verbrauch: 4,6 l/100 km

Eigentlich, so sagt Volker Thumm, sei die Hornet für einen ganz anderen Fahrertyp konstruiert als den der NC 700 S. „Die Hornet ist viel sportlicher ausgelegt. Zudem hat sie mehr als doppelt so viel Leistung wie die NC“, meint Thumm. Trotzdem: Wenn ein Kunde mit 5500 Euro den Laden betritt, kommt er vielleicht in Versuchung… Denn die fünf Jahre alte Honda glänzt im perfekten Zustand, selbst die Reifen (Metzeler Roadtec Z8) sind nagelneu. Eine Vergleichsfahrt untermauert Thumms Aussage sofort. Dort, wo der NC-Twin mit Druck und Power glänzt, gibt sich der von der CBR 600 RR abgeleitete Hochleistungsvierzylinder müde. Er macht erst in dem Bereich richtig an, den es bei der NC gar nicht gibt: oberhalb von 7000/min. Was sich im Alltagsbetrieb folgendermaßen auswirkt: Um mit der Hornet StVO-konform ebenso lässig die Hausstrecke abzureiten wie mit der NC, braucht es stets 4000 Touren mehr. Diese Drehzahlgier ist nichts für gemütliche Fahrer. Zwar gibt sich die Hornet handlicher und bremst ebenso vehement wie die NC, doch ein ABS fehlt bei der aus Italien importierten Maschine. Die Fahrwerksabstimmung ist jedoch bei der Hornet (Neupreis: 8590 Euro inklusive ABS) besser gelungen, denn die Federelemente sprechen feinfühliger an und sind ebenfalls durchschlagsicher.

Suzuki Bandit 650 S

Angebot 5: Suzuki Bandit 650 S

kW/PS: 57/78
km: 6034
EZ: 06/2006
Preis: 5289 €
Vmax: 205 km/h
0-100 km/h: 4,2 sek*
Gewicht: 247 kg
Sitzhöhe: 800 mm
Verbrauch: 4,6 l/100 km*

Die Firma Limbächer & Limbächer ist der größte Motorradhändler Deutschlands. Über 1200 Fahrzeuge (neu wie gebraucht) tummeln sich derzeit auf 10 000 m². Hier finden sich auch Motorräder- aus allen EU-Ländern. So stammt die gefahrene 650er ursprünglich aus England. Neben Topcase, Hauptständer und Sturzbügel ist auch eine Alarmanlage verbaut und wertet das Bike auf. Doch sechs Jahre- Insel-Cruising haben auch Spuren hinterlassen: Flugrost und kleine Kratzer finden sich an einigen Stellen, und die Verzögerung ist im direkten Vergleich zur Bremsleistung der NC 700 S absolut mau. Die Stopper wirken stumpf, der Bremshebel hat einen schwammigen Druckpunkt. Konzeptionell besser als bei der NC ist der Wind- und Wetterschutz durch die Verkleidung. Das Mehrgewicht von 32 Kilogramm macht sich sowohl beim Rangieren als auch beim Fahren störend bemerkbar. Im Vergleich zum Honda-Twin wirkt der 650er-Vierzylinder im unteren und mittleren Drehzahlbereich recht lustlos.

Foto: Künstle

Angebot 6: Yamaha XJ6 Diversion

kW/PS: 57/78
km: 0
EZ: neu
Preis: 5890 €
Vmax: 205 km/h
0–100: 3,9 sek
Gewicht: 221 kg
Sitzhöhe: 800 mm
Verbrauch: 4,1 l/100 km

Es sei ein Einzelfall, bedauerlich noch dazu, sagt Domaier auf Nachfrage. Ein treu sorgender Ehemann und R1-Besitzer hatte die angebotene Yamaha XJ6 für seine Frau als Überraschungsgeschenk gekauft. Die war zwar überrascht, allerdings nicht so recht erfreut. Obwohl Inhaberin eines Führerscheins, wollte sie lieber hinten drauf mit- statt selber fahren. So fand die normalerweise 7795 Euro teure Maschine den Weg ins Gebrauchtangebot von Motorcity. Ein Schnäppchen also. Im Vergleich zur NC 700 sogar lässiger zu lenken und handlicher. Darüber hinaus lockt die Diversion mit besserem Windschutz. Auch die Bremsen sind prima. Etwas softer als bei der Honda fällt die Fahrwerksabstimmung  aus. So bietet die Yamaha auf Holperwegen mehr Komfort. Wobei die Federelemente der NC im Soziusbetrieb eindeutig mehr Reserven offerieren. Im direkten Vergleich wirkt der Vierzylinder trotz seiner Mehrleistung von 29 PS ein wenig antrittsschwach, da er bauartbedingt mehr Drehzahlen fordert.

Foto: jkuenstle.de

Fazit

Auch ich hätte anfangs nicht gedacht, dass mich die NC 700 S mit ihrer recht dürftigen Leistung faszinieren kann. Doch das Bike ist super, die Leistung völlig ausreichend. Die Inspektionsintervalle sind groß, die Finanzierung attraktiv - was will man mehr? Die einzigen Gründe, für die Summe letztlich eine Gebrauchtmaschine zu kaufen, sind, wenn man gesteigerten Wert auf mehr Leistung, eine andere Marke oder ein anderes Styling legt. Aber das sind ja gute Gründe. Ebenso überraschend war für mich, auf der Recherche-Tour zu sehen, wie viele gute Motorräder auf dem Gebrauchtmarkt bereits ab 2000 Euro zu haben sind. Um seine Motorradleidenschaft auszuleben, braucht man keine Reichtümer mehr.

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