Yamaha FJ 1100 "Verstand ist wichtiger als Sentimentalitäten"

Als bekennendem Freund, Besitzer, Bewahrer und Beweger von Fahrzeugen, die zu alt für MOTORRAD und zu jung für MOTORRAD CLASSIC sind, war dem Schreiber dieser Zeilen von Anfang an klar, dass dies eine spannende Geschichte werden würde, zumal ihm die erfreuliche Aufgabe zufiel, über die Händlerschiene nach einem Big Bike zu suchen. Das erledigt man heutzutage primär im Internet, da die Händlerangebote in den verbliebenen überregionalen wie lokalen Anzeigenblättern in der avisierten Preisklasse wenig bis gar nichts zu bieten haben.

Überraschenderweise stellte sich das Online-Angebot auf den ersten Blick als erstaunlich vielfältig heraus, wobei die allermeisten Offerten einer näheren Betrachtung nicht standhalten konnten. Die zahlreich vorhandenen Honda Bol d’Or sind konstruktiv einem Oldtimer deutlich näher als einem modernen Bike. Nicht die besten Vorraussetzungen, wenn es im Alltag vor Fahrern bestehen soll, die ständig das Neueste vom Neuesten unterm Hintern haben. Demselben Grund fiel auch die ebenfalls recht oft angebotene Yamaha XJ 900 zum Opfer. Von diversen völlig verbastelten oder sonst wie zerschundenen ehemaligen Jungmännerträumen ganz zu schweigen.

So kristallisierten sich langsam, aber sicher die Kawasaki GPZ 900 R und die Yamaha FJ 1100/1200 als potenzielle Objekte der Begierde heraus. Beide Modelle waren – wie der Autor – Mitte bis Ende der Achtziger in der Blüte ihrer Jahre und echte Traumobjekte. Gut zwanzig Jahre später ist der Kreis der Liebhaber hier wie dort zwar geschrumpft, im Falle der Kawa jedoch immer noch groß genug, um mir gleich zwei durchaus habenswerte Exemplare vor der Nase wegzuschnappen. Bei den FJs sieht es etwas besser aus. Ein Angebot lockt mit erstaunlich geringer Laufleistung für ihr Alter, jedoch gibt es keine Aussage bezüglich TÜV. Ein Anruf bringt Klarheit. Reimport aus Italien, deutsche Papiere gebe es noch nicht, seien aber kein Problem. So, so, denke ich mir, aber diesen Nervenkrieg soll sich antun wer will, zumal nicht einmal der deutsche Importeur auf Nachfrage sagen konnte, ob und wenn ja, wie sich eine italienische 1986er-FJ von einer deutschen unterscheidet.

Und plötzlich tauchte sie aus den Untiefen der großen Internet-Portale formatfüllend auf dem Schirm auf: FJ 1100, erstes Baujahr. Das Urmodell. Rot/Weiß. Unverbastelt, ungeliftet, ungeschminkt. Genau so, wie sie damals drei Straßen weiter oft stand. Wie gerne ich getauscht hätte. Ich weiß nur nicht mehr genau, ob es mehr die FJ war oder seine Freundin, um die ich den Besitzer beneidet habe. Wahrscheinlich beide. Jedenfalls lässt sich rückblickend betrachtet sagen, dass die FJ zu diesem Zeitpunkt im Prinzip schon gekauft war, denn bereits bei ihrem ersten Anblick auf dem Bildschirm beschleunigte sich mein Herzschlag.

Auf den Fotos machte die FJ im Vergleich zu allen anderen Angeboten in dieser Preisklasse optisch den besten Eindruck, wenngleich der Anzeigentext die aufkommende Euphorie etwas dämpft. Einerseits kam sie aus erster Hand, andererseits sind 95000 Kilometer kein Pappenstiel. Immerhin wurde beschieden, dass der Motor laufe.

Ein Anruf beim Händler sorgt für Erstaunen. Ob man das Motorrad wirklich kaufen wolle, es sei schon alt, habe viele Kilometer, und der Vergaser sei durch die mehrjährige Standzeit verstopft, weswegen der Motor nur unter manueller Zuführung hochexplosiver Stoffe wie Startpilot in Gang käme. Überhaupt sei es eigentlich für den Export gedacht, wegen Gewährleistung und so. Nanu, ein Händler der seiner potenziellen Kundschaft die
eigenen Produkte madig macht, das ist neu. Dem Argument, dass die Yamaha von Bayern nach Baden-Württemberg exportiert werden solle, kann sich der freundliche Verkäufer allerdings nicht verschließen und stimmt einem Besichtigungstermin zu.

Vor Ort, 300 Kilometer östlich von Stuttgart in einem unscheinbaren Schuppen voller mehr oder weniger leckerer Schätze, läuft die FJ tags darauf wie versprochen nur mit Startpilot, dafür aber sehr engagiert und mechanisch beruhi-gend nebengeräuscharm. FJ-Kenner wissen längst, dass der Antrieb eigentlich unkaputtbar ist, und ein nachträglich montiertes Ölthermometer lässt auf einen materialschonenden Warmfahrer schließen. Auf die Schnelle bekommen wir den Motor nicht ans selbständige Laufen, weswegen die insgeheim erhoffte Heimfahrt auf Achse ausfällt. Wäre sie sowieso, denn die vordere Bremse hat trotz ausreichend Flüssigkeit und Anwesenheit aller Bauteile null Funktion, was neben einem Preisnachlass auf 900 Euro die Zugabe eines Kawa-Bremszylinders einbringt. Könnte passen, sagt der Händler. Eine ungewöhnliche Lösung. Nun, wir werden sehen.

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