Praxistest: Koffersysteme für BMW F 800 GS Gepäcksysteme für die Reiseenduro

Koffer kaufen - schwieriger Fall. Denn jeder Fahrer setzt andere Prioritäten, an jedem Motorrad gelten andere Maßstäbe. Mit welchem System die BMW F 800 GS am besten fährt, klärt dieser Test.

Foto: mps-Fotostudio

Man könnte die Dinger zum Mars schicken. Oder im Windkanal einen Sturm über sie fegen lassen oder sie untergluckern auf 40 Meter Tiefe. Im Labor ätzende Chemikalien rüberschütten, Wandstärken auf Nanometer genau unterscheiden. Könnte man. Doch was zählt, ist auf dem Platz, und der Platz ist die Straße, und das Spiel heißt Touring. Also Praxistest: Stadt, Land(straße) und Autobahn mit freiem Fluss, um das Fahrverhalten mit Koffern bei höheren Geschwindigkeiten zu prüfen, denn genauso praxisfremd wie eine Mars-Mission sind manche Herstellerangaben. Fünf Kilo Zuladung? Nicht schneller als 110 km/h? Lächerlich. Daran hält sich zwar sowieso niemand, aber der Anbieter ist bei der Produkthaftung fein raus. Und weil die BMW F 800 GS mit 21-Zoll-Vorderrad, richtiger Stollenbereifung und erträglichen 220 Kilo Lebendgewicht recht gut über verschlungene Pfade fräsen kann, garniert noch eine Prise Offroad die Kofferprobe. An dieser Stelle sei etwas Lobhudelei auf die GS gestattet: 86 PS erlauben über 200 km/h, mehr als genug für schnelle Etappen, auf Landstraßen und Bergrouten tanzt die sparsame Zweizylinder-Maschine spurstabil, aber dennoch agil ums Eck ein beinahe perfekter Allrounder.

Das ruft naturgemäß auch viele unterschiedliche Fahrertypen auf den Plan. Wobei die Mehrheit sich guten Gewissens „Tourist“ nennen darf; denn ob Kurztrip in die Alpen oder Fernreise in die Wüste, die 800er wird wohl kaum nur zur Feierabendrunde genutzt. Entsprechend vielseitig und voll reisetauglich sollten auch die -Koffer ausgelegt sein - viel Gepäck fassen können, aber nicht die formidablen Fahreigenschaften zu sehr einschränken. Die Kofferanbieter wurden deshalb gebeten, die nach ihrem Dafürhalten optimalen Systeme auszuwählen (auf ein sich bei dieser Maschine auf die Fahrdynamik eher ungünstig auswirkendes Topcase wurde deshalb verzichtet). Doch eines ist klar: Wer mit seiner Maschine die Welt umrunden will, dem geht Stauraum über alles und der nimmt die größten Kisten aus dem Programm. Die Schwierigkeit war also, den besten Kompromiss für dieses Motorrad zu finden, die richtige Strategie bei der Wahl der Boxen zu wählen. Erfreulich: Keines der getesteten Koffersysteme schränkte die Fahreigenschaften der GS bedenklich ein, die Agilität auf der Landstraße blieb trotz Beladung zu geschätzt 80 bis 90 Prozent erhalten, störendes Pendeln gab es je nach System erst ab Tempo 150. Bei der Durchfahrbreite waren die Unterschiede größer: von 95 Zentimetern (BMW Vario verkleinert) bis fast 117 Zentimeter bei den Louis-Koffern. Über 20 Zentimeter breiter, das kann im Stau oder bei der Durchfahrt zwischen parkenden Autos ganz schön nerven.

Bis auf BMW und Touratech setzen die Kofferanbieter bei den Trägern auf Schnellverschlusssysteme (Lock-it bei Hepco & Becker und Krauser, PLR5103 bei Givi und Quicklock bei SW-Motech, Moto-Detail sowie Shad). Vorteile: Die teilweise recht sperrigen Träger lassen sich in wenigen Sekunden demontieren, stören dann nicht mehr das Auge, und immerhin speckt man im Handumdrehen zwischen drei und fünf Kilo wieder ab. Bis auf das Givi-System (4,5 Kilo) wiegen die kompletten Schnellsysteme allerdings recht viel, teilweise über sechs Kilo. Die fest verschraubten Träger für die BMW-Vario-Koffer wiegen nur drei Kilo und fügen sich derart unauffällig an die Maschine, dass sich gar nicht erst die Frage nach regelmäßiger Demontage stellt. Die Materialfrage „Alu oder Kunststoff“ stellt Kofferkäufer schon eher vor Entscheidungsschwierigkeiten. Und ebenfalls schwierig abzuschätzen ist, welches Packvolumen man tatsächlich im Tourenalltag benötigt. MOTORRAD hat für den Test eine praxisübliche Ausrüstung für einen mehrtägigen Trip ausgewählt: Freizeitschuhe, Klamotten, Ersatzhandschuhe, Thermofutter, außerdem Schlafsack, Werkzeug, Kettenspray, Elektronikgeräte, Bücher, Landkarten und andere kleinere Utensilien. Passt alles in eine 65-Liter-Tasche. Aber nicht in jedes der getesteten Koffersysteme, obwohl keines die 65 Liter unterbietet. Wenn, wie bei den BMW-Varios, die Koffer aufs Motorrad und weniger auf optimale Raumausnutzung zugeschnitten sind, erklärt sich das. Dann vielleicht besser auf Systeme setzen, die genug Platz fürs eigene Gepäck bieten. Bei allen strategischen Überlegungen ein letzter Tipp: Auch wenn beim Händler eine Probefahrt nicht möglich ist - Probe packen geht immer.

Foto: jkuenstle.de

BMW Vario

Anbieter: BMW Motorrad, Telefon 0 89/1 25 01 62 00, www.bmw-motorrad.de; Systempreis: 890 Euro; Gewicht (Träger): 3,2 kg; Gewicht (Koffer): links 5,9 kg, rechts 6,2 kg; Packvolumen: links bis zu 29 l, rechts bis zu 38 l; Herstellungsland: Spanien

Plus
Trägersystem sehr unauffällig am Fahrzeug platziert, bemerkenswert leicht und stabil; variable Durchfahrbreite (105 cm, um ca. 11 cm reduzierbar) bei regelmäßigen Stadtfahrten von Vorteil; Bedienelemente verständlich farbcodiert und angeordnet, gute Tragegriffe; optional: universaler Zünd- und Gepäcksystemschlüssel; robuste Kunststoffkonstruktion, sehr verwindungssteif

Minus
Zu geringes Platzangebot für Test-Normbepackung; leichte Wasserundichtigkeiten; Kunststoffoberflächen sehr kratzempfindlich, Bodengummistopfen haben sich im Testbetrieb mehrfach gelöst, dadurch zusätzliche Undichtigkeiten; ab 160 km/h spürbare Pendelneigung

Fazit
In der Praxis bleiben die Originalkoffer etwas hinter den (hohen) Erwartungen zurück: zu gering das nutzbare Packvolumen, zu unruhig bei hohen Geschwindigkeiten, außerdem leichte Undichtigkeiten. Doch rein äußerlich harmonieren die Varios am besten mit dem Motorrad, deshalb eine Kaufüberlegung wert.

MOTORRAD-Urteil: gut

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BMW Aluminium

Anbieter: BMW Motorrad, -Telefon 0 89/1 25 01 62 00, www.bmw-motorrad.de; SystemPreis: 1170 Euro; Gewicht (Träger): 4,4 kg; Gewicht (Koffer): links 5,7 kg, rechts 6,1 kg; Packvolumen: links 38 l, rechts 44 l; Herstellungsland: Deutschland

Plus
Beherbergt locker einen Integralhelm im rechten Koffer, als Toplader mit komplett lösbarem Deckel insgesamt klasse Komfort und Raumausnutzung beim Befüllen, schluckte Testgepäck locker; fester Bodenstand, sinnvoll platzierte Verzurrösen; robuste, hochwertige Koffer, Verschlüsse auf Langlebigkeit ausgelegt; Edelstahlträger fein verarbeitet; Durchfahrbreite (109 cm) im Vergleich gut

Minus
Rechter Koffer im Nässetest undicht; ohne Tragegriffe Komforteinbußen bei Hotel/Pensionen-Tourismus; Handling beim Anbringen und Abnehmen der Koffer mäßig; hohes Systemgewicht; leichte Pendelneigung ab 160 km/h, mittelstark um 180 km/h; teure Anschaffung

Fazit
Die teure Aluversion aus dem BMW-Zubehörprogramm hinterlässt einen sehr soliden und durchdachten Eindruck - reif für große Abenteuer. Allerdings patzte ein Koffer im Nässetest, und die etwas komplizierte Handhabung der Koffer (Verschlüsse statt Scharniere, keine Tragegriffe) gefiel nicht jedem Tester.

MOTORRAD-Urteil: gut

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GIVI E36NJ

Anbieter: Givi Deutschland, -Telefon 09 11/95 51 00, www.givi.de; SystemPreis: 502 Euro; Gewicht (Träger): 4,5 kg (davon 3,3 kg schnell abnehmbar); Gewicht (Koffer): links und rechts je 3,1 kg; Packvolumen: links und rechts je 36 l; Herstellungsland: Italien

Plus
Vergleichsweise leichte Träger mit gut funktionierendem Schnellverschlusssystem (PLR5103); gut nutzbares Packvolumen, Testgepäck passte problemlos, normaler Integralhelm (Größe M/L) lässt sich einschließen; einfache Handhabung von Verschlüssen; absolut wasserdicht; sehr geringe Pendelneigung selbst über 180 km/h; zäher, hochwertiger Kunststoff; Durchfahrbreite (110 cm) okay

Minus
Relativ aufwendiger Anbau, mitgelieferte Schrauben von oberer Halterung passen nicht (es können aber die Originalschrauben verwendet werden); wackeliger Stand am Boden; Deckel klappen beim Bepacken häufiger zu - nervig; Stabilität Trägersystem nur mittelmäßig

Fazit
Seit einer gefühlten Ewigkeit fast unverändert auf dem Markt und trotzdem (oder gerade deswegen) ein tolles, bewährtes System: leicht, komfortabel, solide. Und vor allem: preisgünstig. Ohne viel Schnickschnack punkten sich die sehr praktischen Kunststoff-Givis aufs Test-Podest. Der „Golf“ unter den Koffern.

MOTORRAD-Urteil: sehr gut

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GIVI Trekker 33

Anbieter: Givi Deutschland, Telefon 09 11/95 51 00, www.givi.de; System Preis: 788 Euro; Gewicht (Träger): 4,5 kg (davon 3,3 kg schnell abnehmbar); Gewicht (Koffer): links und rechts je 5,1 kg; Packvolumen: links und rechts je 33 l; Herstellungsland: Italien

Plus
Schnellverschluss-Trägersystem (PLR5103) voll praxistauglich; robuste und sehr steife Konstruktion der Koffer, kratzfeste, zähe Kunststoffe; wasserdicht; guter Stand beim Abstellen; geteilter Deckel erlaubt auf Tour einfachen und schnellen Zugriff auf Gepäckstücke, wenn Koffer am Motorrad angebracht sind; gute Durchfahrbreite (104 cm); solide Schlüssel

Minus
Stabilität Trägersystem nur mittelmäßig; Testgepäck passte nicht und Beladung der Koffer etwas tückisch, weil etwa Textilsachen leicht im Griffbereich einklemmen, keine Unterbringung von Integralhelm möglich; spürbare Pendelneigung ab 160 km/h

Fazit
Nicht täuschen lassen: Die augenfälligen Aluminiumblenden dienen nur als Make-up. Nichtsdestotrotz empfehlen sich die Kunststoffkoffer als sehr robust und stabil. Ihnen fehlt es allerdings ein wenig an Stauraum für große Touren, und ein Integralhelm passt auch nicht. Schicke Boxen für kurze Ausflüge.

MOTRRAD-Urteil: gut

Foto: mps-Fotostudio

Hepco & Becker XPlorer

Anbieter: Hepco & Becker, Telefon 0 63 31/1 45 31 00, www.hepco-becker.de; Preis: 820 Euro; Gewicht (Träger): 5,6 kg (davon 4,1 kg schnell abnehmbar); Gewicht (Koffer): links 4,8 kg, rechts 5,4 kg; Packvolumen: links 30 l, rechts 40 l; Herstellungsland: Deutschland

Plus
Schlösser und Verschlüsse rasten gut ein und sind komfortabel zu bedienen, praktische Tragegriffe; sehr gut nutzbares Stauvolumen, Probebeladung mit Testgepäck ohne Beanstandungen, Integralhelm passt locker in rechte Box, gut positionierte Verzurrösen für extra Packrollen; bis Topspeed (200 km/h) kaum wahrnehmbare Pendelneigung; absolut wasserdicht; sehr ordentliche Verarbeitung und Qualität

Minus
Für Offroad-Abenteuer zu hoher (bruchgefährdeter) Plastikanteil; zierliche Schlüssel wenig vertrauenerweckend; Durchfahrbreite (ca. 112 cm) im Stadtverkehr und bei Stau grenzwertig

Fazit
Die wertigen Aluboxen mit Kunststoffgarnitur aus deutschen Landen bieten einen super Kompromiss zwischen Alltag, Abenteuer und Ausflug. Als Allrounder ohne große Schwächen heimsen die Xplorer deshalb den Testsieg ein. Keine Sonderangebote, aber im Vergleich mit der Konkurrenz ist der Preis fair.

MOTORRAD-Urteil: sehr gut

Foto: mps-Fotostudio

Krauser Alu Basic

Anbieter: Krauser, Telefon 0 63 31/15 32 50, www. krauser.de; Preis: 873 Euro; Gewicht (Träger): 6,3 kg (davon 4,8 kg schnell abnehmbar); Gewicht (Koffer): links 5,8 kg, rechts 6,4 kg; Packvolumen: links 35 l, rechts 40 l; Herstellungsland: Deutschland

Plus
Vollmetallkoffer extrem stabil gebaut, Reparaturen auch ohne Fachwerkstatt möglich, dadurch fernreisetauglich; sehr guter Stand am Boden, gut zugängliche Verzurr-ösen, stabile, gummierte Tragegriffe; gutes Raumangebot, bequemes Bepacken, weil Toplader und quaderförmiges Volumen ohne Kanten, Integralhelm (Größe M/L) passt knapp; sauber verarbeitet

Minus
Handling beim Lösen des Koffers rechts umständlich (geringer Abstand zur Motorradverkleidung); im Nässetest nicht wasserdicht; schwerste Koffer im Test, bauen breit (113 cm), ab 160 km/h Pendelneigung, auf Handlingstrecke und offroad im Vergleich schwerfällig

Fazit
Sollte man in die Wüste schicken - aber nicht, weil die Krauser-Kisten nichts taugen, im Gegenteil: Die rustikalen, aber auch etwas schweren Aluboxen stecken eine ganze Menge weg, auch Stürze im Gelände müssen nicht das Ende des Trips bedeuten. Beim Nässetest geschwächelt, ansonsten Tipp für Globetrotter.

MOTORRAD-Urteil: gut

Foto: jkuenstle.de

Moto-Detail Koffer 42 L

Anbieter: Louis, Telefon 0 40/73 41 93 60, www.louis.de; Preis: 419,80 Euro; Gewicht (Träger): 6,7 kg (davon 3,1 kg schnell abnehmbar); Gewicht (Koffer): links und rechts 3,0 kg; Packvolumen: links und rechts 42 l; Herstellungsland: China

Plus
Schlösser und Schlüssel funktionieren einwandfrei, schnelles und problemloses Einklicken der Koffer an die Träger, praktische und große Tragegriffe; passabel nutzbares Packvolumen, Integralhelm stressfrei verstaubar; leichtestes Kofferset im Testfeld

Minus
Scharfkantige, klemmende Kofferverschlüsse stören im Alltag und auf Reisen; dünnwandiger Kunststoff sehr weich, instabile Konstruktion mit schlappen Plastikscharnieren; im Nässetest geringe Undichtigkeit, Anschlagskordeln klemmen schnell in Deckel ein (Kapillarwirkung, Gefahr von zusätzlichem Wassereintritt); teilweise unvermittelt starkes Pendeln ab 150 km/h; enorme Durchfahrbreite (117 cm)

Fazit
Letzter im Test gleich Loser? Nein, nicht wirklich, denn die bei Spezialist Shad gefertigten Louis-Hausmarkenkoffer kosten nur 80 Euro pro Stück. Dadurch sind kleinere Ärgernisse leichter zu verdauen. Mit den empfehlenswerten Quicklock-Trägern erfüllen sie ihren Zweck für Gelegenheitstouristen allemal.

MOTORRAD-Urteil: Befriedigend

Foto: jkuenstle.de

Shad SH43

Anbieter: Niemann+Frey, Telefon 0 21 51/55 54 20, www.niemann-frey.de; Preis: 599,80 Euro; Gewicht (Träger): 6,7 kg (davon 3,7 kg schnell abnehmbar); Gewicht (Koffer): links und rechts 3,7 kg; Packvolumen: links und rechts 43 l; Herstellungsland: China

Plus
Schlösser und Schlüssel tadellos, gutes Handling beim Anbringen der Koffer an die Träger; ausreichend großer Stauraum, Norm-Testgepäck oder auch Integralhelm bequem zu verstauen; geringes Gewicht der Koffer; Reflektoren; in Koffern praktische Haltebänder mit Klickverschlüssen

Minus
Im Nässetest geringe Undichtigkeiten; teilweise unvermittelt mittelstarkes Pendeln ab 150 km/h, auf Handlingstrecke und offroad im Vergleich stärkere Verluste der Fahrdynamik; Kofferstabilität zwar noch akzeptabel, aber auf niedrigem Niveau; bauen sehr breit (116 cm)

Fazit
Unterm Strich gewinnen die Shad-Koffer das Duell gegen die beinahe baugleichen Moto-Detail-Boxen, weil sie etwas stabiler ausgelegt sind. 600 Euro sind aber zu viel Geld für die nur sehr mittelmäßigen Kunststoffteile, auf die bei Wind und Wetter außerdem nicht voll Verlass ist. Für Kurztrips aber tauglich.

MOTRRAD-Urteil: Befriedigend

Foto: jkuenstle.de

SW-Motech Trax Evo

Anbieter: SW-Motech, Telefon 0 64 25/81 68 00, www.sw- motech.de; Preis: 854,95 Euro; Gewicht (Träger): 6,1 kg (davon 3,1 kg schnell abnehmbar); Gewicht (Koffer): links 4,8 kg, rechts 5,2 kg; Packvolumen: links 37 l, rechts 45 l; Herstellungsland: Deutschland

Plus
Angenehmes Bepacken wegen Toplader, ausreichend Platz auch für größere Ausrüstungen, normaler Integralhelm (Größe M/L) passt gerade so in 45-Liter-Box rechts, gute Verzurrmöglichkeiten für Zusatzpackrollen; solide Konstruktion; auch über 180 km/h kaum spürbare Pendelneigung; Durchfahrbreite (110 cm) okay; Quicklock-Trägersystem stabil und bewährt

Minus
Schlösser und Schlüssel miserabel (hakig, fummelig, Schlüssel schon bei geringer Krafteinwirkung abgebrochen), Verschlussbleche verbiegen; Verarbeitung mitunter sehr hausbacken, teilweise scharfkantige Stellen; Koffer ohne Tragegriffe, Handling nur mäßig, leicht undicht

Fazit
Die sexy, aber relativ teuren Aluboxen hinterlassen einen gemischten Eindruck. Einerseits mit gutem Packvolumen scheinbar ausgelegt für weite Abenteuertouren, andererseits passen billige Schlösser, armselige Schlüssel und kleinere Verarbeitungsmängel nicht ins Bild eines ansonsten klasse Systems.

MOTORRAD-Urteil: gut

Foto: jkuenstle.de

Touratech Zega Pro And-S

Anbieter: Touratech, Telefon 0 77 28/92 79 06, www.toura tech.de; Preis: 909 Euro; Gewicht (Träger): 4,0 kg; Gewicht (Koffer): links 4,8 kg, rechts 5,1 kg; Packvolumen: links 31 l, rechts 38 l; Herstellungsland: Deutschland

Plus
Sehr stabiles, gut verarbeitetes, relativ leichtes Trägersystem, Koffer lassen sich spielfrei anbringen, insgesamt robusteste Einheit im Testvergleich; sehr hochwertige Alubleche, durchdachte, robuste Konstruk-tion, voll fernreisetauglich; Testgepäck findet Platz, als Toplader gut zu bepacken, fester Stand am Boden

Minus
Integralhelm lässt sich nicht unterbringen; leichte Pendelneigung ab 160 km/h; keine Tragegriffe, Anbindungen von Koffern an Träger über Rändelrad im Kofferinneren, Anbringen von voll beladenen Koffern nervig, vor allem, wenn die Koffer mit aufs Zimmer sollen; im Nässetest ein Koffer leicht undicht; teuer

Fazit
Um die Fahrdynamik nicht zu sehr zu beeinträchtigen, empfiehlt Touratech eher schmale Koffer (Durchfahrbreite 107 cm). Leider entfällt damit ein Schließfach für einen Integralhelm. Die Edelboxen eignen sich weniger für Alltag und Hotelreisen als für Fernreisen in die hintersten Winkel dieser Erde.

MOTORRAD-Urteil: gut

Foto: Archiv

Die Endwertung

Alle Träger im Test sind ausreichend stabil, gut zu montieren (für Hobbyschrauber je nach Sys-tem in ein bis zwei Stunden machbar) und in der Funktion tadellos. Auch erfreulich: Keiner der getesteten Koffer schwächelte bedenklich, nur die Shad- und fast baugleichen Moto-Detail-Boxen fallen qualitativ gegenüber der Konkurrenz deutlich ab. In Fahrt erledigen sie ihren Job aber ordentlich. Unverständlich allerdings, warum bei vergleichsweise teuren Systemen (Hepco, Krauser, SW-Motech) derart billige Spielzeug-Schlüssel und teilweise hakige Schlösser zum Einsatz kommen. Die benutzt man in der Praxis doch regelmäßig, oder? Liebe Hersteller, nicht am falschen Ende sparen! Die Toplader-Aluboxen haben am Ende die Nase vorn - quadratisch (na ja, fast), praktisch (unbestritten), gut (weil durchweg sehr stabil). Überraschend wacker schlägt sich die günstige Evergreen-Plastikbox von Givi - zweiter Platz, somit sicherlich auch die erste Wahl für Sparfüchse.

Foto: Archiv

Fahren mit Gepäck

Auf dem täglichen Weg zur Arbeit war alles noch okay - nun auf Tour benimmt sich die Fuhre zickig. Kein Wunder, denn Koffersystem plus spartanische Urlaubsausrüstung können schnell mal über 30 Kilo wiegen. Fährt noch eine Sozia mit? Oha. Gerade die Hinterradfederung und -bereifung sind dann besonders gefordert, schließlich ändern sich die Geometriedaten des Motorrads beträchtlich. Der Schwerpunkt liegt bei Beladung weiter oben und hinten (siehe Grafik: 1 nur Motorrad, 2 mit Fahrer, 3 mit Fahrer und Gepäck). Bis zu zwei Dritteln des Gesamtgewichts lasten dann auf dem Hinterrad.

Dadurch verändert sich die Balance erheblich, Bremsstabilität und Lenkpräzision leiden. Empfohlene Gegenmaßnahmen: Federvorspannung erhöhen (Heck wird dadurch angehoben) und, falls es das Federbein erlaubt, auch Druck- und Zugstufe straffer einstellen. Außerdem möglichst Reifendruck anpassen (Werte sollten im Fahrerhandbuch des jeweiligen Motorrads aufgeführt sein). Vorne reichen meist plus 0,2 bis 0,3 bar aus, hinten sind rund 3 bar angemessen. Danach Durchhang der Antriebskette prüfen und gegebenenfalls justieren, eine zu straffe Kette stresst den Getriebeausgang. Schließlich vor der Tour voll beladen noch eine Probefahrt machen. Los gehts - dann sicherlich sicherer.

Foto: jkuenstle.de

So testet Motorrad

Trägersystem (20 Punkte): Das größte Schwergewicht dieser Wertung liegt auf Stabilität, Passform und Verarbeitung. Lange Montagezeiten (über eine Stunde) oder unverständliche Anbauanleitungen führten zu Punktabzügen. Außerdem wurden das Gesamtgewicht, das Handling von etwaigen Schnellverschlüssen und die Gewichtsersparnis durch schnell abnehmbare Teile bewertet.

Koffer (50 Punkte): Auch hier spielten Qualität, Verarbeitung und Stabilität (Material, Konstruktion) eine große Rolle. Das gesamte Handling und Gewicht der Koffer sowie deren nutzbares Packvolumen zählten jedoch anteilig etwas stärker. Eine identische Testbepackung (15 Kilogramm, Komplettausstattung für Wochenendtrip) diente als Maßstab, außerdem sollte sich zumindest ein Integralhelm sicher in einer leeren Box verschließen lassen. Im Nässetest wurde jeder Koffer einem Dampfstrahl (vergleichbar mit starkem Regen bei gemäßigtem Autobahntempo) für je zwei Minuten ausgesetzt, für Undichtigkeiten gab es Minuspunkte.

Fahrtest (30 Punkte): Im Stadtverkehr lag der Fokus auf einer möglichst geringen Durchfahrbreite, auf der Autobahn bei Geschwindigkeiten über 150 km/h auf einer möglichst geringen Pendelneigung. Die rund 100 Kilometer lange Testrunde ergab Aufschluss über das Fahrverhalten mit Beladung, unter anderem auf einer Bergstrecke mit vielen engen Wechselkurven sowie einem kurzen Offroad-Abschnitt (Erprobung von Handling bei ausbrechendem Heck, Rüttelfestigkeit, gesamte Agilität etc.).

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