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Ratgeber für die Motorradreise Richtig packen auf dem Motorrad

Reisen auf dem Motorrad bedeutet: sich einschränken. Entweder bei den Klamotten oder beim Fahrspaß. Aber erst mitten im Nichts zu merken, falsch gepackt zu haben? Besser vorher planen, auf welche Tour es geht – und mit welchem Gepäck.

Ja, es geht tatsächlich: Profi-Reisende wie Wüstenfotograf Michael Martin packen aufs Motorrad das, was andere im Mittelklasseauto transportieren, und Familien in Entwicklungsländern stapeln ihren gesamten Hausstand aufs Moped. Doch wenn keine Notwendigkeit dazu besteht, sollte man besser nicht ganz so überladen auf Motorradtour gehen. 

Gepäck möglichst clever auf dem Motorrad verteilen

Der erste Blick geht deshalb in die Fahrzeugpapiere: Wie hoch ist das maximal zulässige Gesamtgewicht? Die übliche Zuladung liegt um 200 Kilogramm, viele Tourenmaschinen bieten deutlich mehr Reserven (zum Beispiel BMW R 1200 RT: 236 kg, Harley E-Glide: 249 kg, Triumph Trophy: 253 kg). Andere Motorräder kommen schon bei Fahrer und Passagier plus Tankrucksack und Damenhandtasche an ihre Grenzen (Kawasaki Versys: 177 kg, MV Agusta Brutale R: 164 kg, KTM 200 Duke: 155 kg).

Klar, ein paar Hundert Gramm zu viel sind kein Thema, aber bösen, folgenreichen Materialschäden wie ein während der Fahrt gebrochenes Heck sollte man unbedingt vorbeugen. Außerdem funktioniert bei Überladung mitunter das Fahrwerk nicht mehr souverän, kann in Gefahrensituationen zu einem unberechenbaren Risiko werden. Oberste Prämisse also: Nur wichtige Dinge einpacken – und diese möglichst clever aufs Motorrad verteilen.

Unabhängig davon, ob Sie auf einem Mietmotorrad im Urlaub unterwegs sind, Sie ihren Fulldresser-Tourer bis aufs letzte Gramm beladen wollen oder nur fürs Wochenende zum Bikertreff fahren – es gelten gewisse allumfassende Grundregeln fürs Beladen. So sollten die schwersten Stücke möglichst tief beziehungswiese nahe des Schwerpunkts der Maschine gelagert werden. Also Bordwerkzeug, Kulturbeutel oder Dosenessen möglichst unten in den Koffern oder dem Tankrucksack verstauen. Schlafsack, Isomatte und Fleecepullover sind hingegen in der Gepäckrolle am Heck recht am Platz, weil sie im wahrsten Sinne nur wenig ins Gewicht fallen. Ein Topcase ist zwar sehr praktisch, kann mitunter aber den Schwerpunkt des Motorrads erhöhen und sich je nach Modell nachteilig auf das Fahrverhalten auswirken, weil es mit relativ hohem Eigengewicht und je nach Modell sehr weit hinten gelagert schlechter positioniert ist als etwa eine einfache Packrolle.

Gepäck weit vorn am Heck befestigen

Grundsätzlich sollte das Gepäck möglichst weit vorn am Heck befestigt werden (insbesondere bei Alleinfahrern), damit der Schwerpunkt der Fuhre nicht unnötig nach hinten wandert. Und ein Tankrucksack, der den Blick auf die Armaturen und Kontrollleuchten versperrt, ist vermutlich eine Nummer zu groß und dient ebenfalls nicht gerade der Fahrsicherheit.

Vor der Fahrt Reifenluftdruck anpassen. Radialreifen hinten (160er-Breite und größer) vertragen einen Druck von 2,9 bis 3,1 bar, vorn sollte der Druck aufgrund geringerer Radlast nur um 0,2 bis 0,3 bar erhöht werden. Falls möglich, Federbasis anheben und Federbein (Druck- und Zugstufe) härter einstellen. Und nicht vergessen: Nach der Tour alle Einstellungen wieder rückgängig machen!

Wenn Touring die Lieblingsdisziplin beim Hobby Motorrad ist, lohnt sich eine vergleichsweise hohe Investition in ein ausgebufftes Gepäcksystem. Stabile Koffer nebst großem Tankrucksack sind dann die erste Wahl.

Koffer sind meist stabiler und wasserdicht

Wer Koffer nutzen möchte, braucht zunächst ein modellspezifisches Trägersystem. Für manche Maschinen wie etwa sportliche Mittelklässler mit geringer Heckstabilität empfehlen die Motorradhersteller oftmals keine Koffer, wenngleich die Anbieter von Koffersystemen wiederum bedenkenlos nach eigenen Testläufen ihre Produkte anbieten. Hier empfehlen sich Erfahrungsberichte von anderen Fahrern oder die Meinung eines vertrauenswürdigen Händlers, wie negativ der Einfluss auf die Fahreigenschaften tatsächlich ist. Koffer sind zwar im Vergleich teuer, aber meist stabil und wasserdicht. Größter Vorteil: abschließbar, guter Diebstahlschutz, Sachen können am Motorrad bleiben.

Alu oder Kunststoff?

Die Frage „Alu oder Kunststoff?“ beantwortet häufig das Portemonnaie – ein Alu-Set mit Edelstahlträgern kostet schnell mal um 1000 Euro, zwei gute stoßfeste Plastikboxen mit Trägern hingegen knapp die Hälfte. Abenteuerreisende bevorzugen Alu-Koffer, weil diese nach einem Sturz oder Umfaller meist wieder halbwegs zurechtgedengelt werden können. Aufpassen, dass man sich nicht übernimmt, auch wenn Riesenboxen für das Motorrad zugelassen sind. Für große Koffer (um 40 Liter) spricht eine eventuelle Verstaumöglichkeit für Helme, dagegen ein schlechteres Motorrad-Handling, wenn man mit ausladenden Kisten (Gesamtbreite teilweise über 1,20 Meter!) im dichten Verkehr hängen bleibt.

Auch ein Topcase fasst gut Helme (klasse im Alltag!), als Gegenargument zählt aber die ungünstige Gewichtsverteilung, weil hoch und weit hinten liegend. Meist ist man auf Tour mit einer wasserdichten Packrolle (rund 50 Liter) kostengünstiger und besser bedient. Eine zusätzliche Hecktasche auf dem Soziussitz ist für Alleinfahrer eine sinnvolle Packvolumenerweiterung. Tankruck­säcke fassen fünf bis 20 Liter, je nach Motorrad beim Kauf unbedingt auf Kompatibilität achten!

Bleibt der Lenkereinschlag voll erhalten?

Passt die Form, bleibt der Lenkereinschlag voll erhalten? Aufpassen: Magnetrucksack und dann Kunststofftank? Insgesamt bietet eine voll auf Reisen getrimmte Maschine problemlos 150 Liter Volumen für Gepäck. Das sollte auch für längste Touren ausreichen.

Nun gut, auf der Rennstrecke braucht man nun wirklich keinen Zusatzballast. Für den Trip zum Grand-Prix-Rennen, zum Bikertreffen oder auf flotter Wochenendtour ist aber Platz für die Siebensachen vonnöten. Weichgepäck ist dann der Tipp.

Sportmotorräder und Koffer – das passt einfach nicht. Und auch für ein verlängertes Wochenende in den Alpen oder etwa für einen einmaligen Trip zur Isle of Man ist eine Investition in ein teures, ausladendes Gepäcksystem mit fest installierten Trägern kein guter Tipp. Die gute Nachricht: Rund 100 Liter Packvolumen reichen völlig aus, um ohne große Komforteinbußen zu reisen. Empfehlenswert sind Packtaschen, neudeutsch auch: Softbags. Textil-Gepäcksysteme mit Universalhalterungen gibt es schon unter 100 Euro.

Foto: Louis
Diese Textiltaschen als güns-tige Koffer-Alternative bieten gute 90 Liter Stauraum.
Diese Textiltaschen als güns-tige Koffer-Alternative bieten gute 90 Liter Stauraum.

Eine Seitentasche fasst normalerweise gut 20 Liter, mehr Volumen macht beim Weichgepäck auch in der Regel wenig Sinn, denn bei hohem Autobahntempo (über 130 km/h) kommt ansonsten gerne mal Unruhe ins Gebälk. Einige Hersteller haben allerdings auch modellspezifische Softbagsysteme mit leicht zu montierenden (und auch wieder abnehmbaren) Abstandshaltern im Programm. Diese Trägerarme erhöhen den festen Sitz der Taschen. Beim Kauf also die Gewebestärke und die Grundkonstruktion genau begutachten, ob ausreichend Stabilität gewährleistet ist. Und nicht vergessen: Für Regenfahrten braucht man mitunter Zusatzhauben (die aber nicht immer fest und sicher sitzen).

Kombiniert man die Satteltaschen mit einer 40 bis 50 Liter großen Hecktasche oder wasserdichten Packrolle, ist man für oben genannte sporadische Touren gut aufgestellt. Dazu noch einen kleinen Tankrucksack (rund zehn Liter) mit schnellem Zugriff auf wichtige Utensilien wie Telefon oder Kamera – und los geht’s! Wenn auch wohl eher ohne Sozius, denn diese Gepäcklösung passt vorwiegend für Solisten, zumindest immer dann, wenn der Beifahrersitz durch Gepäck belegt ist.

Mit dem Leihmotorrad

Wenn die Reisesaison hierzulande wegen Schlechtwetter endet, fängt sie für Motorrad-Winterurlauber gerade erst an. Kanaren, Florida, Namibia? Vermutlich mit Mietmoped. Und wohin dann mit den Siebensachen? Hier die Lösung.

Bequem sind geräumige Trolleys, die eine komplette Fahrerausstattung schlucken. Der Motorradverleiher sollte jedoch die Megatasche lagern können – vorher checken! Ansonsten Fahrerausstattung beim Flug tragen. Auf ein Leihmotorrad passt fast immer eine Packrolle (optimal: wasserdicht, rund 50 Liter, mit Tragegriff), die mit einem Paar Spanngurten (besser Zusatzgurte einstecken!) fixiert wird.

Foto: Jahn
Gepäck knapp bemessen, Fahrspaß riesig – Tagesrucksack und Packrolle können ausreichen!
Gepäck knapp bemessen, Fahrspaß riesig – Tagesrucksack und Packrolle können ausreichen!

Weiteres wichtiges Gepäckstück: ein Rucksack. Bloß nicht den Fehler machen, ein Riesenteil für Trekkingexpeditionen anzuschleppen, denn mit mehr als 40 Litern auf dem Buckel wird es auf Dauer extrem unbequem auf Motorradtouren. Als ideal haben sich Tagesrucksäcke zwischen 25 und 30 Liter mit gut belüftetem Tragesystem erwiesen. Hier sind unter anderem empfindliche Elektronikgeräte wie Digicam oder Notebook gut und vibrationsarm aufgehoben. Auch kompakte Tagesrucksäcke sollten einen ordentlich breiten Hüft- und funktionellen Brustgurt besitzen, die während der Fahrt gut verschlossen sein müssen. Sollten noch weitere Riemen vorhanden sein, bitte darauf achten, dass on- und offroad nichts flattert.

Einige Rucksäcke sind materialbedingt wasserdicht(gummiertes Gewebe, „Lastwagenplane“), wenn nicht, prüfen, ob eine Regenhaube dabei ist, und alle empfindlichen Utensilien in Plastik­beutel verpacken. Das Volumen von Packrolle und Rucksack summiert sich zu rund 80 Litern, mehr Gepäck benötigt man als Solofahrer mit Hotelübernachtungen in der Regel nicht.

Fahren mit Beladung

Mit viel Gepäck und Mitfahrer lastet ein enormes Gewicht auf dem Hinterrad, und das Vorderrad wird beim Beschleunigen gefährlich „leicht“. Um die hecklastige Fuhre im Zaum zu halten, sollte man dann besser das Fahrwerk an die Zuladung anpassen.

Bei Zuladung – auch innerhalb der in den Fahrzeugpapieren zulässigen Grenzwerte – verändert sich das Fahrverhalten des Motorrads erheblich. Selbst bei mäßiger Bepackung von rund 25 Kilo und der Mitnahme eines Passagiers sind Hinterradfederung und -bereifung (Reifendruck anpassen!) besonders gefordert, da sich durch die Gewichtsverlagerung weg vom Schwerpunkt des Motorrads weiter nach oben und hinten die Fahrwerks-Geometriedaten beträchtlich verändern.

Foto: Müller
Schwerpunkt der Maschine, je nach Fahrergewicht wandert er nach hinten und oben; mit Sozius und Gepäck schnell mal plus 100 kg, Radlastverteilung und Lenkkopfwinkel ändern sich stark.
Schwerpunkt der Maschine, je nach Fahrergewicht wandert er nach hinten und oben; mit Sozius und Gepäck schnell mal plus 100 kg, Radlastverteilung und Lenkkopfwinkel ändern sich stark.

MOTORRAD führte Messungen mit einer Suzuki GSF 1200 Bandit durch, deren Lenkkopfwinkel bei voller Beladung von 64 auf 62 Grad abflachte. Dadurch verringert sich die Handlichkeit der Maschine. Man sollte dementsprechend seine Linienwahl bei Kurvenfahrt anpassen sowie mit längeren Überholvorgängen und Bremswegen rechnen (siehe auch Messwerte rechts). Und vor jeder Tour mit viel Gepäck alle Einstellmöglichkeiten des Fahrwerks nutzen! Zunächst: Federvorspannung am Federbein erhöhen, und zwar um bis zu zehn Millimeter (Verstellung per Hakenschlüssel oder je nach Modell hydraulisch). Die Druckstufendämpfung gegenüber der Serieneinstellung um den hal­ben Wert erhöhen und Fahr­verhalten am besten auf einer bekannten Hausstrecke vor der Tour ausprobieren. Anschließend die Zugstufendämpfung Klick für Klick härter anpassen, wieder Probe fahren. Wichtig: Bei Motorrädern mit Kette mit voller Beladung den Durchhang prüfen und justieren, denn eine zu straffe Kette belastet stark den Getriebeausgang.

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