Vergleichstest Topcases Großaufnahme

Besonders beliebt sind sie bei Reisemotorrädern und Großenduros: Topcases. MOTORRAD hat acht der auf dem Fahrzeugheck platzierten Ladewunder getestet.

Foto: fact
Topcases polarisieren. Während die
einen darauf schwören, finden sie
andere einfach nur hässlich und würden
ihr Motorrad unter keinen Umständen
damit ausrüsten. Ob schön oder nicht schön, muss jeder selbst entscheiden. Unbestritten sind die praktischen Qualitäten. MOTORRAD hat besonders großvolumige Modelle einem Test nach rein sachlichen Kriterien unterzogen. Acht Kandidaten
aus Kunststoff stellen sich einem Vergleich. Da als Testfahrzeug die reisetaugliche Suzuki V-Strom 650 diente, ist das vom Hersteller als Zubehör angebotene Topcase mit von der Partie. Die weiteren Testexemplare kommen von Givi, Hepco & Becker, Kappa, Krauser, Moto Detail,
Orion und Shad.
Prinzipiell lassen sich nahezu alle
Motorradmodelle mit einem Topcase ausstatten. Die Montage erfolgt entweder mit Hilfe eines separaten, modellspezifischen Gepäck- oder Topcase-Trägers oder mit einer (Universal-) Halteplatte für den
vorhandenen, serienmäßigen Heckträger.
Unter den acht Teilnehmern sind beide
Befestigungsvarianten vertreten.
Die Testkriterien sind in die vier Oberbegriffe Montage, Verarbeitung, Wasserdichtigkeit und Praxis unterteilt. Bei der Montage geht es in erster Linie um
den Topcase-Halter und seinen Anbau. Wie ausführlich und verständlich ist die Anleitung, wie zeitaufwendig der Anbau? Sind dazu professionelle Schrauberkenntnisse und/oder ein umfangreiches Werkzeugsortiment erforderlich, oder schafft auch ein Laie die Montage ohne Probleme? Stimmt die Passgenauigkeit?
Wenig überzeugend sind in diesem
Kriterium die Modelle von Moto Detail, Orion und Shad, die im Gegensatz zu den anderen Kandidaten nicht mit modellspezifischen Haltersystemen arbeiten. Außerdem lassen die Anbauanleitungen stark
zu wünschen übrig – der Kunde muss
sich selbst Gedanken über die nicht immer eindeutige Montage machen.
Bezüglich Verarbeitung bewertet
MOTORRAD allgemeine Kriterien wie
saubere Spritznähte, gleichmäßige Spaltmaße, Lackqualität et cetera. Außerdem fließen die Ausführung der Scharniere und Schlösser sowie die Stabilität ins Urteil
ein. Den besten Eindruck hinterlässt das Krauser-Modell, knapp gefolgt von den
gleichauf liegenden Produkten von Givi, Hepco & Becker sowie Kappa. Das Suzuki-Topcase liegt im Mittelfeld, den Schluss bilden Shad, Moto Detail und Orion, deren Verarbeitung wenig hochwertig wirkt.
Den Prüfpunkt Wasserdichtigkeit
testete MOTORRAD mittels Wasserstrahl in einer Dusche. Alle Testteilnehmer wurden zunächst einige Minuten von oben kräftig abgespritzt und mussten in einem zweiten Durchgang weitere fünf Minuten einem aus Fahrtrichtung kommenden Wasserstrahl (der auf die Scharnierseite der Topcases einwirkt) standhalten. Bis auf Moto Detail setzen alle Anbieter auf eine Gummi-Dichtlippe – Grundvoraussetzung für dauerhafte Wasserdichtigkeit. Für die fehlende Dichtung handelt sich Moto
Detail fünf Punkte Abzug ein. Im Nässe-test hielt das Topcase dennoch dicht.
Bei diesem gab es nur einen Ausreißer. Im Orion-Modell sammelten sich in beiden Testumläufen kleine Pfützchen im Inneren.
Das Kriterium mit den meisten Unterpunkten ist die Praxis. Lässt sich das
Topcase bequem tragen, oder ist der
Griff zu klein oder aus anderen Gründen unpraktisch? Ist der Deckel weit genug
zu öffnen, so dass er beim Beladen am
Fahrzeug nicht aufgehalten werden muss? Schränkt das Topcase das Platzangebot für den Sozius ein, und lässt sich die Sitzbank noch abnehmen? Passen problemlos zwei Integralhelme rein? Der Innenraum sollte frei von Kanten und Ausbeulungen sein, das Schloss sich möglichst mit einer Hand öffnen und schließen lassen. Pluspunkte gab es außerdem für einen leichtgängigen Verriegelungsmechanismus zwischen Topcase und Halter. Zu guter Letzt bewertete MOTORRAD den Diebstahlschutz. Das Suzuki-Modell beispielsweise lässt sich nach Lösen zweier Schrauben
in weniger als 30 Sekunden entwenden. Kaum besser schneidet das Krauser-Topcase ab. Allerdings erfordern mehrere unterschiedliche Schrauben einen entsprechend höheren Zeitaufwand.
Im Rahmen des Praxistests wurden auch Fahrversuche mit den beladenen
Gepäckteilen durchgeführt, wobei sie sich in den aerodynamischen Eigenschaften beim Fahren nicht merklich unterscheiden. Entscheidend ist die richtige Beladung. Und das gilt unabhängig vom Modell.
Wer sein Topcase mit schweren Sachen vollstopft, überschreitet nicht nur die von den Herstellern angegebene Beladungsgrenze (liegt meist zwischen fünf und zehn Kilogramm), sondern muss mit spürbaren
Änderungen im Fahrverhalten rechnen. Hoch und weit hinten angebrachtes Gewicht entlastet das Vorderrad. Als Folge kann es bereits bei Geschwindigkeiten ab 100 km/h zu heftigen Pendelbewegungen der Maschine kommen. Durch den hohen Schwerpunkt wird das Motorrad wesentlich kippeliger – es »fällt« in die Kurven –, und durch die geringere Vorderradlast ist das Lenkverhalten nicht mehr so präzise und direkt wie in unbeladenem Zustand.
Während der Testfahrten überschritt MOTORRAD schon mal die von den Herstellern angegebenen Richtgeschwindigkeiten (mehr zu den rechtlichen Konsequenzen im unten stehenden Interview) und pflügte schneller über die Autobahn. Während sich die V-Strom bei 150 km/h noch unbeeindruckt zeigte, begann sie
unabhängig vom Topcase-Modell bei
180 km/h spürbar zu pendeln. Reisende sollten sich also besser an den Vorgaben orientieren, um nicht aufgrund überhöhter Geschwindigkeit oder Beladung urplötzlich von der Bahn zu schlingern.

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