Produkttest Integralhelme MOTORRAD testete Integralhelme um 200 Euro
Da hat Väterchen Frost sich aber verrechnet: Von dem coolen Typen lassen wir uns doch den Helmtest nicht verderben. Wir nicht! Wenn auf dem Moped nichts mehr geht, ist eben Fantasie gefragt. Zugluft ist Zugluft, und Windgeräusch bleibt Windgeräusch. Auch im Cabrio.
Wenns draußen zu kalt zum Motorradfahren ist, muss man sich für den Helmtest eben etwas anderes überlegen.
Foto: Bilski
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Ein Blick aufs Aufmacherfoto dieser Geschichte genügt, und schon hat Mister Oberschlau seine Meinung: "Die von MOTORRAD sind alle Weicheier. Die fahren jetzt schon Auto!" Zumindest der zweite Teil dieser Feststellung ist unstrittig. Den Wahrheits-gehalt des ersten Teils stellen "die von MOTORRAD" allerdings vehement in Abrede, denn es gab Sachzwänge: Um dem geneigten Leser zum Saisonbeginn einen Test aktueller Helmmodelle präsentieren zu können, ist eine möglichst zeitnahe Produktion einer solchen Geschichte erforderlich. Konkret: Das Ding musste spätestens Mitte Februar über die Bühne gehen. Mitte Februar 2010 - da war doch was? Richtig: Winter. So richtig Winter. Mit zweistelligen Minusgraden auch tagsüber und mit geschlossener Schneedecke auf allem, was nicht Autobahn heißt.
Elf Helme der Preisklasse um 200 Euro galt es ausführlich Probe zu fahren und dabei Visiere und Belüftungsschieber zu betätigen sowie unter anderem auf Beschlagfreiheit und Geräuschverhalten zu achten. Das Ganze natürlich auch deutlich oberhalb der Autobahn-Richtgeschwindigkeit. Ahnen Sie, wie sensibel ein Motorrad fahrender Helmtester nach zwei, drei Probefahrten bei heftigem Dauerfrost solche Dinge beurteilen kann? Eben.
Also ließen sich die MOTORRAD-Zubehöronkels etwas anderes einfallen und trennten das Testprogramm. Für Teil eins ging es in den Windkanal der Polo-Firmenzenrale in Jüchen. In der Box, die übrigens auch jedem potenziellen Kunden für Selbstversuche zur Verfügung steht, sorgt ein großes Gebläse für maximal 120 km/h Gegenwind. Der Fahrer sitzt derweil auf einer Honda CBF 600 S und kann sich unabhängig von störenden Umwelteinflüssen auf alles konzentrieren, was mit Windgeräuschen, Belüftung und aerodynamischem Verhalten zu tun hat. Der zweite Teil des Testprogramms machte die Rückbank eines viersitzigen Cabriolets (Citroën C3 Pluriel, siehe S. 116) zum Ort des Geschehens. Dafür, dass die beiden Testsitzer auch wirklich die volle Packung kalten Gegenwind zu spüren bekamen, sorgte eine liebevoll selbst gebaute Sitzerhöhung - was die auf den Fotos zu sehende, etwas unkonventionelle Sitzposition erklärt.
Verwirbelungen blieben natürlich trotzdem nicht aus, was die Sache aber durchaus mit dem Verhalten hinter Motorrad-Verkleidungsscheiben vergleichbar machte und was zusammen mit den "klinisch reinen" Ergebnissen aus dem Windkanal ein sehr gutes Bild über das Praxisverhalten der Helme abgab. Die Freiluft-Versuche im Cabrio wurden übrigens bis Tacho 170 gefahren - mehr war mit dem knuffigen Citroën nicht machbar. Was ursprünglich als eine elegante Notlösung gedacht war, entpuppte sich im Laufe des Tests als genialer Schachzug, denn wer sich nicht aufs Fahren konzentrieren muss, hat viel mehr Zeit für intensive Praxisversuche. Brutales Anhauchen des Visiers, ewig langer Schulterblick, extremes An- und Abwinkeln des Helms, intensives Befingern der (meist untauglichen) Belüftungsschieber - als Fahrer unterlässt man solche Übungen im öffentlichen Straßenverkehr lieber, als Cabrio-Rückbanksitzer war das alles locker machbar und erlaubte noch genauere Testaussagen.
Im dritten Teil dies Praxistest wurde dann aber wieder das bewährte Programm gefahren und die jeweils in den Größen M, L und XL vorrätigen Helme beim Trockentest ausführlich gequält. Die vier Redakteure des Ratgeber-Ressorts setzen die Helme kräftig auf und ab, klappten Visiere, amüsierten sich mit Verschlüssen und prüften die Brillentauglichkeit. Futter und Polster ging es ans Eingemachte, Sichtfeld, Passform - nichts blieb ungeprüft.
Fast nichts, denn im Unterschied zu einem ganz großen Helmtest mit Laborversuchen (den es mit der Helm-Oberklasse voraussichtlich in MOTORRAD 14/2010 geben wird) verzichtet MOTORRAD bei einem Praxistest auf die Prüfung der Schlagdämpfungswerte. Die getesteten Helme sind alle erfolgreich nach der aktuellen Helmnorm ECE-R 22.05 geprüft und stammen ausnahmslos aus seriösen Quellen mit nachvollziehbaren Beschaffungswegen. Die aktuelle ECE-Norm wurde bei zurückliegenden MOTORRAD-Tests bereits von Helmen der 100-Euro-Klasse erfüllt, was aber nur wenig über die tatsächliche Praxistauglichkeit eines Helms aussagt. Die wird neben der als selbstverständlich vorausgesetzten, weil durch das ECE-Etikett garantierten passiven Sicherheit (also der Stoßdämpfung) vor allem durch die aktive Sicherheit bestimmt.
Und von der gibt es in der 200-Euro-Klasse viel Positives zu berichten. Schaffte beim Billighelm-Test (MOTORRAD 19/2009) der beste Helm gerade mal ein "befriedigend" und waren Probleme bei Passform, Trageverhalten und Visierqualität die Regel und nicht die Ausnahme, so gibt es in der (unteren) Helm-Mittelklasse durchweg ordentliche Ware fürs Geld. In der 200er-Liga haben die Hersteller bereits ausreichend Spielraum, um ausgereifte und gut ausgestattete Produkte liefern zu können, müssen aber noch nicht die hohen Entwicklungs- und Marketingkosten der Spitzenmodelle umlegen. Wer möglichst viel Helm für wenig Geld sucht und nicht einen bestimmten Markennamen zur Imagepflege benötigt, bekommt in der 200-Euro-Klasse ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis geboten.
Was bei diesem Test im Windkanal, auf der Cabrio-Rückbank und im MOTORRAD-Konferenzraum herauskam, ist der untenstehenden Tabelle und den Produktkästen zu entnehmen. Dass es bei den ganz persönlichen Favoriten durchaus feine Unterschiede gibt, sehen Sie hier oben auf der Seite. Bei einer Sache waren sich die Helmtester aber völlig einig: Die Nummer mit dem Auto hatte absolut nichts Weich-ei-Mäßiges. Glauben Sie nicht? Egal, ab minus fünf Grad fahren "die von MOTORRAD" auch wieder Motorrad. Versprochen!