Ladies-Cup: Der Weg zum Führerschein Teil 4 Jetzt haben sie den Führerschein

Wie verliert man die Angst vor Regenfahrten und Ampelstopps? Und was bitte ist an Schräglage so schön? Der Endspurt unserer Führerscheinstory.

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Die Stunde der Wahrheit bricht an. Acht Tage lang hat Melanie gebüffelt, gelitten, gekämpft und geflucht. Und sich letztlich immer wieder gefreut, dass sie die Misson Führerschein in Angriff genommen hat. Jetzt sitzt sie am Nürburgring im Sattel der BMW F 650 GS. Schweißnasse Hände, tiefes Einatmen, die Augen geradeaus. Nur noch wenige Sekunden, da muss sie nun durch – Prüfungsfahrt. Die letzte Hürde vor der Erlaubnis, am echten Motorradleben teilnehmen zu können. Nieselregen hängt in der Luft, Erinnerungen an ungemütliche Regenfahrten in den letzten Tage hier in der Eifel steigen hoch. Und auch Angst. Allerdings nicht vor einem Sturz, sondern vor eingeschränkter Sicht. „Bei Regen kann ich kaum was erkennen,“ sagt die Brillenträgerin. „Meine Gläser und das Visier beschlagen, in den Regentropfen bricht sich das Licht.“ Dagegen gäbe es Abhilfe: Viele Hersteller wie Held beispielsweise statten ihre Handschuhe mit einer Wischlippe ähnlich der eines Scheibenwischers aus, damit kann man Tropfen vom Visier wischen. Pinlock bietet dazu noch beschlagfreie Visiere an. Zu spät.

Wolken drohen, das Herz pocht bis zum Hals. Es geht los. Die Autobahnfahrt bleibt ihr erspart, der Prüfer schickt Melanie über kleinste Straßen durch die Eifel. Sie ist überglücklich, das Erlernte umsetzen zu können. „Schräg fahren war mein großes Problem“, sagt sie. „Zu Anfang habe ich immer gedacht, die Maschine fällt um.“ Erst sie in der Bike-Academy immer wieder trainierte, große Kreise zu fahren und die Geschwindigkeit dabei sukzessive steigern sollte, begriff Melanie die Verzahnung von Schräglage und Kurvenspeed: „Je schneller ich fuhr, desto schräger und stabiler wurde die Maschine.“ In Bad Neuenahr stoppt sie und lässt eine alte Dame artig über den Zebrastreifen, die 20er-Zone eines Ortes durchschleicht sie brav und fühlt sich trotz ständig drohenden Regens wie eine Siegerin. Zu recht. Prüfungsfahrt beendet. Und eine Frau, die vorher noch nie Motorrad gefahren ist, erhält nach acht Tagen die begehrte Lizenz zum Motorradfahren. Gratulation!

Was Melanie in kaum mehr als einer Woche gelingt, dafür lassen sich die anderen drei Kandidatinnen Yvonne, Natalie und Anna zwischen zwei und drei Monate Zeit. Denn sie absolvieren ihre Fahrstunden nach Feierabend. Yvonne, auf der Skipiste und in ihrem Cabrio tendenziell eher schnell unterwegs, hört in den letzten Wochen des Trainings von ihrem Fahrlehrer Mario Gorgius (FS Burkhardt) aufmunternde Worte: „Gib ruhig mehr Gas! Das kannst du schneller.“ Yvonne ist erstaunt. „Das hat mir bislang noch nie jemand gesagt.“ Bei den Fahrstunden kommt es oft vor, dass Gorgius dicht hinter ihr fährt und Einlenktipps über die Gegensprechanlage gibt. Die Konversationen sind mitunter amüsant: „Sag mal Yvonne, du fährst doch täglich diese Strecke. Hast du noch nie dieses Maximal-120-km/h-Schild gesehen?“ Und Yvonne, Tacho 140 km/h, resümiert: „Doch, schon. Aber wenn ich das morgens oder abends passiere, ist hier sowieso Stau.“ Yvonne, frischluftverwöhnt durchs Cabriofahren, lässt gern das Visier offen. „Als ich nach Regenfahrten den Helm abnahm, sah ich durch die verlaufene Wimperntusche aus wie Alice Cooper.“ Die 35-Jährige findet: Alle Motorräder sollten mit einer Ganganzeige und, wie im Auto, mit beleuchteten Schaltern ausgerüstet sein. Der Hang zum Schnellfahren stellt ihr kein Bein: An einem düsteren, nebeligen Oktobertag besteht Yvonne jubelnd die Prüfung.

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Anna hingegen hat auf den letzten Übungskilometern vor der Prüfung mit Problemen ganz anderer Natur zu kämpfen: „Während der Autobahnfahrt ist mir bei 180 km/h das Visier hochgeschnappt, weil es nicht richtig arretiert war – da siehst du plötzlich gar nichts mehr.“ Als es zu allem Übel noch zu regnen beginnt, traut sie sich nicht, die Hand vom Lenker zu nehmen, um den Regen mit ihrem Wischlippenhandschuh vom Visier zu reiben. „Man sieht nichts als Reflexe, und dann noch einhändig fahren?“ Ihr weiteres Handicap: „Die Ausweichbremsung klappt einfach nicht.“ Das will sie auf einem Verkehrsübungsplatz mit einem Freund und dessen Ducati Monster üben. Doch davon ist ihr Fahrlehrer Jörg Holzmann (FS Speed) gar nicht begeistert: „Es bringt nichts, wenn man Tipps von Freunden befolgt, die oftmals auch falsch sind.“ Und von Übungsfahrten auf anderen Maschinen als dem Fahrschulbike rät er grundsätzlich ab. „Man trainiert sich ruckzuck Fehler an.“ Aber Anna bleibt hart und folgt ihrem Dickkopf.

Am Vorabend zur Prüfung sitzt sie auf ihrer mintgrünen Simson Schwalbe und übt auf einem verwaisten Parkplatz stundenlang die Ausweichbremsung. Die klappt bei der Prüfung dann auch prima. Dafür gibt’s auf der Autobahnetappe unverhofft Schwierigkeiten: Auf einem 80-km/h-Abschnitt läuft Anna auf einen Transporter auf, dessen Tiere an Bord entweder schon tot sind, oder monatelang nicht gereinigt wurden. „Mir wurde so übel, ich wäre fast ohnmächtig vom Bike gefallen.“ Als sie den Lkw eigenmächtig überholen will, wird sie vom Prüfer zurückgepfiffen. Der sitzt zusammen mit dem Fahrlehrer nichtsahnend und -riechend im klimatisierten BMW und möchte, dass Anna sich den 80 km/h anpasst. Anna hält durch, atmet leicht, konzentriert sich. Nach zwei Kilometern ist die Geschwindigkeitsbeschränkung aufgehoben, und der Lkw verschwindet im Rückspiegel. Ihre Leidensfähigkeit wird belohnt. Anna darf anschließend ihren neuen Führerschein im Tausch gegen den alten in Empfang nehmen.

Das wäre bei Natalie fast schiefgegangen. Völlig im Prüfungsstress, vergisst sie ihren Führerschein in der Handtasche. Die steht jedoch in der Fahrschule. Fahrlehrer Gerhard Bayer (FS Charly’s) muss mit ihr durch halb Stuttgart zurück, um ihn zu holen. Ums reine Fahren sorgt sie sich nicht. „Motorradfahren macht riesig Spaß“, strahlt sie. „Das Gefühl bei Schräglage ist unbeschreiblich, so dynamisch, kraftvoll, sportlich. Nur diese verfluchten Übungen wie langsamer Slalom oder Gefahrenbremsung wollen einfach nicht klappen.“ Gerhard Bayer hingegen ist davon überzeugt, dass sie die Übungen fehlerfrei absolvieren wird.

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Seine Befürchtungen: „Richtig tricky wird es, wenn die Prüfungsfahrt über Strecken führt, die man täglich fährt. Hier lauern die größten Gefahren. Denn du machst täglich Fehler, und niemand sagt’s dir. Um solch antrainierte Fehler auszumerzen, sollte man mindestens zwei Wochen vor der Prüfung auch mit dem Auto beginnen, absolut vorschriftsmäßig zu fahren.“ Natalie hadert derweil mit körperlichen Gebrechen: „Meine Daumen sind zu kurz, um den Blinker zu betätigen.“ Ein Einzelfall? Oder Ausrede, weil sie dauernd vergisst, den Blinker wieder zurückzustellen? So startet sie an einem sonnigen Oktobertag in ihre Prüfung, die sie sowohl über wohlbekannte Strecken als auch durch enge Kurvenpassagen führt. „Als ich anfangs mal stocksteif durch Kurven geeiert bin, hat Gerhard quer über den Hinterreifen einen Kreidestrich gezogen. An den Flanken konnte man ihn nach der Fahrt noch sehen. Siehst du, so viel geht noch, hat er damals gesagt. Das hat mir Vertrauen gegeben“, erinnert sich Natalie. Das Vertrauen zum Erlernten wird belohnt. Natalie ist zwar irritiert, als sich Prüfer und Fahrlehrer

nach absolvierter Fahrt viel Zeit damit lassen, aus dem Auto zu steigen, und befürchtet bereits das Schlimmste. Doch in Wirklichkeit hatten sich die beiden nur über eine Fußballzote unterhalten. Bestanden! Gratulation.

Was bleibt, sind vier Damen, die dem Frühling entgegenfiebern und Motorradfahren ab sofort mit zu den schönsten Dingen des Lebens zählen. Was auch noch bleibt, ist die Bilanz nach Dutzenden von Fahrstunden: sechs Umfaller im Stand. Krämpfe in Waden, Daumen, Zehen, blaue Flecken an den Beinen, ein blauer Oberarm. Muskelkater im Nacken, Rückenschmerzen und rote Augen vom Windzug. Eine Kandidatin hängte ihren Fahrlehrer während der Nachtfahrt ab, eine andere erhielt von einem stationären Blitzer ein Passfoto mit Helm. Und eine fiel beim ersten Versuch wegen Nicht-Haltens am Grünen Pfeil durch die praktische Prüfung. Doch was soll’s? Das ist Leben. Und es fängt erst jetzt richtig an. Wie sagt man so schön: Der Führerschein ist die Erlaubnis, im öffentlichem Straßenverkehr weiter üben zu dürfen. Wir werden berichten. Versprochen!

Bestanden! Und jetzt?

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Gine Lutz ist Fahrlehrerin und Instruktorin beim MOTORRAD action team. Sie meint: Fahren, fahren, fahren! Jeder Meter festigt Automatismen im Umgang mit dem Fahrzeug und bringt wichtige Erfahrungswerte im Verkehrsalltag. Je besser die Motorradbeherrschung, desto mehr Kapazität hat man für die Verkehrsbeob-achtung. Ideal und spaßig ist fahren in der Kleingruppe, die einen nicht überfordert und doch sanft zieht (hilft bei der Einschätzung der richtigen Kurvengeschwindigkeit). Dabei ist das mentale Training fast ebenso wichtig wie das tatsächliche: So kann man, statt Schäfchen vor dem Einschlafen zu zählen, auch seine Hausstrecke in Gedanken nachfahren. Oder sich eine "Zicken-Kurve", die man gar nicht mag, gedanklich immer wieder neu zurechtlegen und anders anfahren.

Doch auch die Straße bietet vielfältige Möglichkeiten, immer sicherer zu werden: Die letzten zehn Meter vor der roten Ampel im Schneckentempo fahren, Kolonnen- Schleichverkehr ohne den Fuß abzusetzen, oder - falls es der Verkehr zulässt - Lenkimpulse um Kanaldeckel üben. Wichtig auch: die Beziehung zum Bike stärken. Durch gutes Zureden beim Fahren zum Beispiel oder Zuwendungen wie Luftdruckkontrolle oder Kettenschmieren. Ein Eintagestraining mit dem eigenen Motorrad ist ein ideales Warm-up nach der Winterpause, um das vielleicht noch fremde Gerät besser kennen zu lernen. Ein zweitägiges Fahrdynamiktraining, wie es das action team beispielsweise in Boxberg anbietet, kann wahre Quantensprünge bewirken. Auch die Kurvenschule am Baden-Airpark, die es auch als reines Frauentraining gibt, ist wärmstens zu empfehlen. Mehr Infos unter www.actionteam.de.

Starterbikes bis 2500 Euro

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Thorsten Dentges, Service-Redakteur bei MOTORRAD, meint: Das Budget von Einsteigern spricht oft gegen Neumaschinen. Mit 2500 Euro lässt sich allerdings schon richtig gut durchstarten – auf dem Gebrauchtmarkt. Die hier vorgestellten Bikes sind für Anfänger perfekt und reißen auch bei Steuer, Versicherung und etwaigen Umfallern kein großes Loch in die Kasse.

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BMW F 650 ST

Von Umbauten sollte man ja eigentlich besser die Finger lassen, im Fall der F 650 ST ist das anders. Die ohnehin schon stark auf Straße getrimmte Enduro wurde von vielen Vorbesitzern, darunter häufig Frauen, durch Tieferlegungs-Kits noch bodenständiger gemacht. So kommen auch Fahrer(innen) um 1,65 Meter gut mit der soliden Einzylindermaschine zurecht, die außerdem jeden Reisewunsch erfüllt. Um 2500 Euro finden sich etwas über zehn Jahre alte ST mit weniger als 20 000 Kilometern.

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Honda CB 500

Motorrad-Machos lästern gern über Hondas Brot-und-Butter-Motorrad. Doch selbst gefahren ist die Maschine von denen wohl noch keiner. Denn die 500er mit Paralleltwin hat es in sich. Motor (mit 34 oder 57 PS) beinahe unkaputtbar, frech, wuselig und in jeder Situation hundertprozent zuverlässig. Einfacher kann man gutes Motorradfahren kaum lernen. Aber Achtung: Nur die Modelle bis einschließlich 1996 wurden in Japan gebaut und haben die beschriebene Qualität. Riesenangebot, große Auswahl an gepflegten Top-Angeboten, mit viel Zubehör schon ab 1500 Euro zu finden.

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Kawasaki EL 250

Zugegeben, Menschen mit 1,85 Meter Körpergröße sehen auf der kleinen Kawa schon etwas seltsam aus, für Girls (und Boys) um 1,60 Meter ist das Mini-Musclebike hingegen eine Empfehlung. Die 30 PS reichen Einsteigern allemal. Tipp: geraden Lenker montieren und das Heck etwas umgestalten, Miniblinker dran – voilà, fertig ist ein cooler Citycruiser! Die originelle Kawasaki aus den Neunzigern findet man gebraucht in gutem Zustand mittlerweile schon um 1000 Euro. Und da große Menschen in der Regel nicht mitbieten, bleiben die Preise mini. Gut für Käufer(innen).

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Suzuki SV 650 S

Diese Mittelklässlerin hat auf der Landstraßen schon einige Supersportler eingeseift – etwas sportliches Fahrtalent am Lenker vorausgesetzt. Und härtere Nachrüst-Gabelfedern seien zügiger fahrenden Piloten auch empfohlen. Die SV 650 mit ihrem kernigen, standfesten V2 und fetzigen 71 PS gab es nackt oder mit Halbschale, besonders beliebt ist die erste Serie (Baujahre 1999 bis 2002) mit runden Rahmenrohren, die auf dem Markt in ordentlichem, scheckheftgepflegtem Originalzustand schon um 2000 Euro zu schießen ist. Ein prima Motorrad für stressfreien Fahrspaß.

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