Reportage: Motorrad des Jahres 2010 Bayern jubelt in Dortmund

Eine Meisterfeier wie im Fußball: Am schönsten ist es in Dortmund, am Mikrofon regiert ein Schalker, und am Ende triumphiert Bayern.

Foto: Jahn

Das Strobels, eine Kneipe zu Füßen der Dortmunder Fußballkathedrale, war zur Preisverleihung eng besetzt - "volle Hütte", um im Jargon zu bleiben. Matthias Schröter kam als Chef des MOTORRAD action team die Rolle des Conférenciers zu: Er bekannte sich früh zum Dortmunder Erzrivalen Schalke 04 und leitete unter ausbleibendem Jubel rasch zu den Grußworten der Hautevollee über.

Peter-Paul Pietsch, Leiter des Geschäftsbereichs Motorrad, und MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer waren sich einig: Die Motorradbranche habe die Talsohle durchschritten, die Zeichen für einen Aufwärtstrend seien unverkennbar. Hersteller, Importeure, Händler und nicht zuletzt die einschlägigen Medien machten mit neuen Ideen Mut für das kommende Jahr.

Zweckoptimimus und Durchhaltefloskeln? Mitnichten! Die anwesenden Branchenvertreter kommentierten den positiven Ausblick anerkennend. Außerdem wollten sie sich nicht länger auf die Folter spannen lassen, endlich die Pokale in Empfang nehmen und das Buffet plündern.

Die Präsentation der Klassensieger vollzog MOTORRAD-Servicemann Klaus Herder, "ne echte Rampensau" (Herder über Herder). In einer subtil fingierten Liveschaltung "direkt aus der Paul-Pietsch-Arena Stuttgart" ließ er reihum die Tücher von den Motorrädern lupfen, die auf einer Bühne hinter dem Strobels aufgereiht waren. Die Gäste konnten das Geschehen auf Bildschirmen mitverfolgen und applaudierten meist fair. Der Applaus für die dritte, vierte und fünfte BMW klang jedoch sanfter; vielleicht hatte aber auch nur jemand die Indoor-Mikrofone runtergeregelt.

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In Garnisonsstärke war die BMW-Chefetage aus München angereist. Hendrik von Kuenheim, Leiter der erfolgsverwöhnten Motorradsparte, konnte die allfälligen Sarkasmen über Heizgriffe und "endlich vernünftige Blinkerschalter" souverän be-lächeln. Nicht einmal die frisch präsentierte Yamaha XT 1200 Z Super Ténéré, die sich als Kampfansage an den Topseller BMW R 1200 GS versteht, vermieste ihm die Laune: Wettbewerb sorge dafür, dass man selbst am Ball bleibe. "Und wenn die Yamaha noch ein bisschen leichter wird, ist sie auch tatsächlich eine Konkurrenz für die GS."

Markus Poschner, Baureihenleiter der S 1000 RR, versuchte sich an einer einfachen Erklärung für deren Klassensieg: "Wir hatten uns vorgenommen, den besten Supersportler zu bauen. Dazu mussten wir aus eigenen Fehlern und denen anderer lernen. Das scheint uns gelungen zu sein." Welche Fehler das genau gewesen sein sollen, verschwieg Poschner geflissentlich.

Sogar durch die "Best Brands", die beliebtesten Zubehör-Marken 2010, schimmerte der weiß-blaue Propeller hindurch: LSL-Chef Jochen Schmitz-Linkweiler beispielsweise musste sich in der Kategorie "Customizing" mit einem zweiten Platz hinter der Firma Wunderlich begnügen. Er zieht die Stärke der Bayern als Erklärung dafür heran und verspricht, sein Sortiment rasch um BMW-taugliche Teile zu erweitern - "damit wir nächstes Jahr wieder vorn sind. Second place is first loser."

Der Herr des Schwabenleders, Claus Hämmer, nahm die Auszeichnung "Beliebteste Lederkombis" gerührt und dankbar entgegen. Er sieht sein jahrzehntealtes Credo bestätigt: Sorgfältig entwickelte Produkte seien wichtiger als ein astronomisches Marketing-Budget. Das bezahle der Kunde mit, ohne einen reellen Gegenwert zu bekommen: "Unnötig Geld auszugeben ist genauso dumm, wie am falschen Ende zu sparen."

Diese Erkenntnis bietet wenig Raum für Widerspruch, allerdings zeigen Akrapovi?, Brembo, Castrol, Daytona, Held, Michelin, Schuberth und andere Best-Brands-Sieger, dass selbst gut eingeführte Produkte und ein tragender Markenname die Unterstützung durch ein Marketingbudget nicht zu fürchten brauchen.

Die Yamaha-Vertreter, vorneweg Deutschland-Präsident Minoru Morimoto, freuten sich besonders über den Sieg in der 125er-Katagorie: "2010 haben wir den Nachwuchs auf unserer Seite; in fünf Jahren räumen wir dann die restlichen Preise ab."

Als einzige der großen Motorrad-Marken konnte Kawasaki keine Top-drei-Platzierung erzielen. Deutschland-Chef Jürgen Naue nahm es sportlich: Im Vorjahr habe es auch keinen Leserwahlpreis gegeben, aber die folgenden Verkaufszahlen hätten die Erwartungen deutlich übertroffen.

Dass die MOTORRAD-Leser die große Vespa vor dem Yamaha TMax und dem Suzuki Burgman wieder einmal zum beliebtesten Roller gewählt hatten, fiel schon wieder in die Kategorie "Rückkehr zur Normalität".

Wir sind sehr gespannt, wen die MOTORRAD-Leser 2011 zum Sieger küren werden. Und ob Yamaha 2015 wirklich das Feld komplett aufrollt.

Video von der Kür zum "Motorrad des Jahres 2010".
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Noch ein Gewinner

Frank Hempel (45) aus Gelsenkirchen ist der Gewinner der BMW S 1000 RR, den die Glücksfee aus 33352 Einsendungen herauszog. "Ich mache jetzt seit Jahren bei sowas mit, und noch nie hab ich was gewonnen! Dieses Jahr war ich einfach mal dran!" Seit 21 Jahren hat Frank den Motorradführerschein, seit 24 Jahren ist er verheiratet, und noch länger arbeitet er als Maschinenschlosser. Der Arbeitgeber - Thyssen - und die Frau - Sabine - sind immer dieselben geblieben; bei den Motorrädern hat Frank durchgewechselt: Eine Suzuki Bandit 1250 S ist sein aktuelles, eine Honda VTR 1000 R hatte er mal - aber eine BMW noch nie. "Natürlich fahr ich die auch! Im Wohnzimmer versauert die mir nicht." MOTORRAD freut sich mit dem Gewinner und gratuliert herzlich.

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