23.08.2011 Von: Stefan Glück
Erschienen in: 09/ 2011 PS

Produkttest: Motorrad-Blousons 15 lässige Motorradjacken im Test

Wer sich in der Stadt bewegt, der wirft sich eher nicht in die Kombi. Das Problem: Ganz ohne Schutz will man nicht sein, andererseits aber auch nicht von weitem schon als Zweiradler auffallen. 15 Blousons von 150 bis 300 Euro zeigen Wege aus dem Dilemma.

Motorrad-Blousons (jpg)

Lässige Motorrad-Blousons im Test.  

Foto: Bilski  

Während Mario Simmel gelegentlich auf Kaviar verzichten konnte, kommt der pragmatisch veranlagte Biker zu dem Schluss, dass es nicht immer Kevlar oder Leder sein muss. Denn, unter uns gesagt, so unbestritten sinnvoll eine komplette Schutzkleidung auf der engagiert angegangenen Ausfahrt oder gar auf dem Kringel ist, so unbequem und fehl am Platz ist sie beim Stadtbummel oder dem Kurztrip zur Eisdiele. Und da der Einsatz des Motorrads nicht als Sportgerät, sondern als schlichtes Transportmittel in der Praxis so selten gar nicht vorkommt, steht man unvermittelt vor einem der Damenwelt nicht unbekannten Problem: Ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll!

Um auf dem Weg zur Eisdiele, zum Stadtbummel, zum Italiener oder sonst wohin den Spagat zwischen akzeptabler Schutzkleidung, ziviler Optik und angenehmem Tragekomfort zu schaffen, bat PS 15 sogenannte Sportblousons in der Preisklasse zwischen 150 und 300 Euro zum Test. Bei der Bestellung der Testmuster wurde explizit darauf hingewiesen, dass diese, sofern nicht von Haus aus mit Ellbogen-, Schulter- und Rückenprotektoren versehen, entsprechend nachgerüstet werden sollten. Ellbogen- und Schulterschützer waren bei allen Probanden vorhanden, beim Rücken war die Lage etwas unübersichtlicher. Und jetzt kommt der Zeitpunkt, um mit einem großen Missverständnis aufzuräumen:

Ein Protektor darf sich dann Protektor nennen, wenn er mit einem Prüfsiegel versehen ist, aus dem seine technischen Daten hervorgehen. Daran lässt sich ablesen, für welchen Zweck, welche Einbaulage und Größe er geeignet ist und nach welcher Norm er geprüft wurde. Sonst ist es bestenfalls ein Wirbelsäulenwärmer. Von der Nachrüstmöglichkeit machten Alpinestars, Louis und Spidi Gebrauch, und legten zertifizierte Stoßfänger bei. Die anderen Anbieter vertrauten auf das, was sich ab Konfek-tionär in der entsprechenden Tasche befand. Das ist zumeist ein Schaumstoff- oder Moosgummiteil mit der Schutzwirkung NULLKOMMANULL.

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Kleines Beispiel gefällig? Während bei den Protektoren beim Aufschlag des Prüfgewichts aus einem Meter Höhe kein Wert über 20 kN lag, kam ein zum Vergleich herangezogenes Moosgummi-Inlet bei einer Fallhöhe aus 15 Zentimetern (!!) bereits auf stramme 28,7 kN und war danach kaputt. Das heißt, wenn nicht sonnenklar ist, was in der Rückentasche steckt, nachfragen, im Zweifelsfall auspacken. Die Schulter- und Ellbogenprotektoren waren kein Problem, alle Testmuster hatten geprüfte Stoßfänger in den entsprechenden Taschen.

Alle Testmuster wurden in Größe 52 geordert, um so erstaunlicher waren die Unterschiede. Die Spidi-Jacke ging fast als kurzarm und nabelfrei durch, während die Modelle von Alpinestars oder KTM doch eher luftig saßen. Wer im Shop einkauft, hat damit kein Problem, er greift sich einfach die nächste Größe. Der Versandkunde hingegen muss im Nicht-passen-Fall zurückschicken und warten.

Die Beurteilung der Passform ist generell ein heikles Thema, da jeder Mensch anders gebaut ist. Der Autor beispielsweise besitzt offensichtlich überdurchschnittlich lange Arme, weswegen ihm viele Ärmel etwas kurz erscheinen, während Länge und Umfang des Rumpfes hervorragend mit besagter Größe konvenieren. Alle Blousons wurden der Vergleichbarkeit wegen und den Temperaturen zum Trotz in vollem Ornat gefahren, das heißt mit Innenfutter und eventuell vorhandener Membran. Gefahren wurde mit einer Aprilia RSV4 auf stets derselben, rund 20 Kilometer langen Runde mit engen und weiten Landstraßenabschnitten sowie einer unlimitierten Autobahnetappe. Der Kritiker mag einwerfen, dass das Innenfutter die Wirkung einer eventuell vorhandenen Belüftung negativ beeinflusst, die Flatterneigung bzw. Nichtflatterneigung bei hohem Tempo und vor allem die Passform profitieren aber in gleichem Maße davon.

Und das hat auch einen Grund: Ein Protektor kann seine Wirkung nur dann entfalten, wenn er im Falle des Falles an der vorgesehenen Stelle verbleibt. Deshalb ist es wichtig, die Jacke zu fixieren. Da ein enger Schnitt allein nicht ausreicht, muss nachgeholfen werden. Üblicherweise geschieht das mit stufenlos verstellbaren Klettbändern oder Druckknöpfen. Der Vorteil des Klettbands ist die stufenlose Einstellmöglichkeit, der Druckknopf punktet wiederum in der Dauerhaltbarkeit.

Um das Hochrutschen der Jacke zu verhindern, haben viele Modelle Verbindungsreißverschlüsse. Üblicherweise ist die eine Seite  an der Jacke, die zweite, dazu passende findet sich an den Hosen desselben Anbieters. Einige Anbieter denken weiter und liefern den kompletten Reißverschluss. Der zweite Part lässt sich dann am eigenen Beinkleid annähen. Noch praktischer denkt zum Beispiel Spidi: Da gibt es zusätzlich zum Reißverschluss eine Öse mit Druckknopf, die sich problemlos in eine Gürtelschlaufe der Hose einfädeln lässt.

Da in unseren Breitengraden gelegentlich mit Wasser von oben gerechnet werden muss, sind alle Jacken mit wasserdichten Membranen versehen, deren Funktion nicht überprüft wurde. Aus der Praxis weiß man aber, dass ein dicht abschließender Kragen für trockenes Ankommen ebenso wichtig ist, denn wenn die Brühe von oben reinläuft, dann nützt auch die beste Membran nichts mehr.

Diesbezüglich sehen die Probanden von Dane, Hein Gericke, Held, IXS, KTM und Louis Streetfighter nicht so gut aus, wobei Letztere durch wasserdichte Inlays in den Außentaschen immerhin eine trockene Ankunft des Inhalts verspricht. Viele Taschen sind zwar gut, aber bei eng anliegendem Schnitt lassen sie sich kaum ordentlich  befüllen, ohne zu drücken. Aber für den Geldbeutel, um die coppi di gelato bezahlen zu können, reicht der Platz immer. Und wenn der anschließende Stadtbummel zur Schnäppchenjagd ausartet, hilft Kaviar zwar immer noch nicht, vielmehr helfen dann die Kreditkarte und ein möglichst großer Rucksack durch den Tag.

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