Die Motorrad-Modefarben für 2013 Textilmesse Première Vision in Paris

Auf der Textilmesse Première Vision in Paris werden die Modefarben für die nächste Saison festgelegt. MOTORRAD begab sich unter Trendscouts.

Foto: Dentges

Vor einiger Zeit: Motorradbekleider Rukka stellt MOTORRAD die neue Kollektion vor. Die Saisonfarbe 2012 soll ein strahlendes Blau sein. Ich mag es, Ressortleiter Klaus weniger. Was nicht schwarz ist, findet Klaus scheiße. Überhaupt, Mode, Trends, Aussehen - alles komplett überbewertet. Motorradfahrer kaufen Schwarz. Pflegeleicht, zeitlos. Da hat der Klaus recht, muss auch der Rukka-Mann zustimmen, aber . . . „Bunte Farben“, ereifert sich Klaus weiter, „ach was, ist doch was für alberne Surfer, Skater-Kids und Skihasen, aber echte Männer auf Motorrädern tragen Schwarz, basta.“ Ich blicke an meinem lila Hemd herunter, das ich mit blauen Chinos und froschgrünen Sneakern kombiniert habe (aus einem Zeitgeistmagazin abgeguckt), denke mir, dass ich bunte Motorradkleidung eigentlich nicht sooo schlecht finde. In meinem Spind hängt unter anderem eine sehr orange Textiljacke, ich mag Signalfarben, und meine Lederkombis lassen sich farblich zu jedem Sportmotorrad abstimmen. Aber ich halte besser meine Fresse, Klaus ist schließlich der Boss. Klaus trägt vorzugsweise abgehalfterte T-Shirts von Motorradmarken, die es schon seit Jahren nicht mehr gibt, seine filzige Fleecejacke ist schwarz, sein Sweater mutierte nach geschätzten 17 352 Waschgängen von Schwarz zu einem schlierigen Dunkelgrau.

Klaus gefallen schwarze Wachsjacken („das ist noch ehrliche Ware“) und dunkles Leder. „Hör mir auf mit dem Blaumann da, wird sowieso ein Ladenhüter.“ Klaus redet sich in Fahrt, der Rukka-Beauftragte merkt, dass da was aus dem Ruder läuft, und grätscht rein: „Okay, okay, unsere Designerin ist aber sicher, dass die Farbe ganz prima ankommt, und die ist absolute Expertin in der Branche.“ Klaus: „Ha, woher will die das denn wissen? Beweisen.“ Kaum ausgesprochen, steht der Plan, die Rukka-Chefdesignerin, sozusagen das Farborakel des finnischen Bekleiders, in Paris zu treffen. Und zwar auf der Fachmesse Première Vision, auf der die Textilbranche die Modefarben für die nächste Saison festlegt. Vom Versandhaus bis hin zum urbanen Mini-Modelabel, über 100000 Fachbesucher kommen, um ein Jahr im Voraus die Trends einzufangen. Klaus ernennt mich kurzerhand zum MOTORRAD-Trendscout (wegen der Lila-Grün-Kombi?) und gibt den Arbeitsauftrag, die Motorradklamottenfarben für 2013 zu ermitteln.

Am Messestand eines Stofffabrikanten soll ich Jassu treffen, die Frau, die der Rukka-Kollektion das Gesicht verleiht. Die 61-Jährige berät seit 1977 den Motorrad-bekleider, ist Professorin für Design an der Universität Aalto in Finnland, wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Sie begrüßt mich herzlich, ich solle ihr einfach folgen. Die Messe besteht aus einer Aneinanderreihung von rund 1500 kabuffartigen Ständen, kaum größer als ein normales Wohnzimmer. Unnatürlich helles Kaufhauslicht, keine Musik, kein Remmidemmi, keine Shows wie auf Motorradmessen. In den Verschlägen hängen Hunderte Stoffmuster an Kleiderstangen. Die Luft ist stickig. Jassu wird vom sonnenbankgebräunten Vertreter begrüßt, man kennt sich seit Jahren. Wie ein Teppichhändler kommt er mit Proben herbeigeeilt, frönt jedem Muster, erklärt, wie fantaastisch dieser Stoff nun sei, animiert gestenreich, die Probe anzufühlen. Die Finnin schweigt und lässt sich zunächst weiter berieseln. Dann zeigt sie auf einen Stoff, „Commodore-Flash“. Ob sie mal dürfe? Nimmt das Stoffstück zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger und reibt es. „Der Preis?“, fragt sie knapp. Der Vertreter druckst rum. „30“, erklärt er mit spitzen Lippen. „Zu teuer, können wir vergessen, weiter“, befiehlt Jassu und geht mit rund zehn weiteren Proben auf Tuchfühlung, lässt sich Farbvarianten, technische Spezifikationen, Verfügbarkeit und Preise nennen.

Anzeige
Foto: Rukka

Auch an den anderen Ständen verläuft das Trendscouting vergleichsweise unspektakulär, geschäftig, nüchtern. Höflichkeitsfloskeln, kurze Komplimente über die neue Kollektion, ein paar Worte über Markt-lage und Wetter, am Ende ein „très chic“ und „merci“, das war’s. Das hätte ich mir glamouröser vorgestellt, und zusätzlich habe ich ja noch den Arbeitsauftrag, Farben zu scouten, also frage ich Jassu: „Wie sieht denn nun die Motorradkleidung für die nächste Saison aus?“ Sie überlegt kurz: „Die Designs werden insgesamt cleaner, klarer. Streifen kommen stark in Mode. Ich persönlich finde ein kräftiges Grün, am liebsten Limettengrün, ganz bezaubernd. Aber die Motorradfahrer sind sehr konservativ, die nehmen ja schon unser aktuelles Blau nur mäßig an, kaufen sowieso nur Schwarz.“ Vor meinem inneren Auge sehe ich Klaus feixen. Jassu orakelt weiter: „Rot könnte funktionieren, vielseitige Rottöne, nicht nur das gewohnte Ducati-Rot. 2013 werden aber noch gedeckte Töne dominieren, die mit Signalfarben aufgebrochen werden. Dunkelgrau oder sogar ein sehr edles, tiefes Braun wird dann mit einem leuchtenden Orange abgesetzt werden, das wird super aussehen.“ Kann ich mir auch gut vorstellen, Orange, sag ich doch. Ich will von Jassu wissen, warum sie sich so sicher ist. Sie erwidert: „Erfahrung.“ Aha. Schweigen. „Nun ja“, erklärt sie, „alle beäugen sich hier ein wenig, man schaut, auf welche Farben die anderen so schauen, fragt die Stoffmacher, was momentan viel geordert wird.“ Offenbar gibt es aber niemanden, der die Modefarben für 2013 offiziell festlegt. Mir reichen die Infos, ich sage Jassu Adieu und will noch auf eigene Faust weiterrecherchieren.

An einem Stand mit Printmustern erspähe ich ein paar Japaner, die so aussehen, als seien sie einem Manga-Comic entsprungen - Fernost-Hipster, die kann man ja mal fragen. Der 33-jährige Kopf der Designertruppe antwortet in gebrochenem Englisch: „Motorradkleidung 2013? Äh, das Thema für nächstes Jahr ist Natur . . . also, äh, Blumen, Pflanzenmuster, äh, Tiere, genau, Tiger und Leoparden, das passt, äh . . . Motorrad, Motorradfahrer, äh, also Luft und Geschwindigkeit, Feuer, Flammen, Auspuff . . . Rauch, genau! Rauch, das ist es, Rauch, Rauchzeichen, so wird Motorradkleidung aussehen.“ Der Japaner schaut beseelt zum Deckenhimmel, atmet nach diesem Erguss tief durch, die Adlaten nicken eifrig. Au Mann, was hat der denn geraucht? Träum weiter. Ich lasse den Spinner stehen. In der nächsten Messehalle höre ich ein Pärchen deutsch sprechen. Ich haue sie an. Die Modedesigner Ingo (39) und Stephanie (33) wundern sich zwar über mein Anliegen, geben sich aber größte Mühe: „Am besten ganz auf Couture machen und Schwarz mit Lurex-Silber absetzen. Oder komplett Silber, so Captain-Future-mäßig. Das würde doch prima zu so Maschinen wie einer Hayabusa passen, oder?“ Hey, die kennen sich ja sogar aus, und der Vorschlag ist nicht ganz so schräg wie der des Japaners, aber trotzdem bezweifle ich, dass dies ein Trend für 2013 wird. Ich bedanke mich, ziehe weiter und treffe kurz darauf wieder einen Deutschen.

Anzeige
Foto: Dentges

Modeprofessor Peter (42) doziert: „Monochrom sollte die Regel sein. Entweder alles schwarz oder alles weiß, wenn Farben, dann nur eine, und zwar die des Motorrads, sodass Mensch und Maschine eine Einheit ergeben. Bloß nicht bunt, wie bei den Helmdekors, das ist fürchterlich!“ Ich stelle mir Professor Peter als Rukka-Designer vor, Farbmuffel Klaus wäre vermutlich begeistert.

Ein Stück weiter steht ein altes Moto-Guzzi-Mofa als Dekorationsobjekt. Ein Mann mit längeren grauen Haaren steht davor und lächelt. Wie sich herausstellt, gehört Stefan (57) eine bayerische Modefirma, und er ist absoluter Motorradfan. Seine Lederkombi hatte er sich schon in den 1970ern farblich passend zur Zweifarblackierung der BMW zurechtgeschneidert. Sein Herz schlägt für diese Zeit. Kein Wunder also, dass er einen Retrolook empfiehlt: „Zielflaggen, feine Streifen, Patches und kleine, gestalterische Elemente, die einen nicht erschlagen. Bei modernen Funktionsklamotten eventuell auch dezent dosierte Leuchtfarben, die mit der betreffenden Farbigkeit des Motorrads harmonieren.“ Um auf dem Motorrad gut auszusehen, müsse das Farbthema der Maschine an manchen Stellen auch in der Bekleidung aufgegriffen werden. Welche Farben nun passen, könne man aber nicht pauschal sagen. Sagt der Modemann mit Motorradfaible. Meinen Arbeitsauftrag vor Augen hake ich lieber noch mal nach: „Ja, aber welche Farbe geht nun 2013?“ Stefan braucht keine Bedenkzeit: „Natürlich Schwarz.“

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel