Günstige Lederkombis Preiswerte Kombis

Lederkombis zu Schleuderpreisen. Doch was, wenn man ins Schleudern gerät und schmerzhafter Asphaltkontakt droht? MOTORRAD hat fünf billige Zweiteiler unter die Lupe genommen, sagt, was man für mehr Geld bekommt, und gibt Tipps für einen erfolgreichen Einkauf.

Foto: Jahn
Früher, so heißt es, habe die Marine gerne Nichtschwimmer auf Kriegsschiffen verpflichtet. Denn bei denen sei die Verteidigungsbereitschaft höher. Eine mehr als fragwürdige Taktik. Aufs Motorrad übertragen hieße das, ohne Schutzkleidung zu fahren, um aus Angst vor Sturzfolgen nicht hinzufallen. Absurd.

So viel vorneweg: Besser als die allseits beliebte Jeans-und-Nierengurt-Kombi ist jede der hier getesteten Lederkombination aus der Low-Budget-Klasse für 270 bis 420 Euro. Klar ist aber auch, dass diese Kombis nicht mit den Anzügen konkurrieren können, die Dottore Rossi und Kollegen auf der Rennstrecke tragen und mehr als das Vierfache kosten. Dennoch gilt für beide Extreme eines gleichermaßen: Sie sind in allererster Linie Schutzanzüge, auf die sich Motorradfahrer im »worst case« verlassen können müssen. Die Nähte müssen beim Sturz halten, das Leder darf nicht durchschleifen oder gar komplett aufreißen, und die Protektoren sollen schmerzhafte Knochenbrüche vermeiden.
Aber hält die Lederkombi tatsächlich, was man sich gemeinhin von ihr verspricht? Insider beobachten seit Längerem, dass der hautenge Dress zum Modeartikel verkommt. Die Lederkombi als reiner Schutzanzug – das war einmal (siehe Interview, Seite 82). Ein Schwachpunkt besonders billiger Angebote ist natürlich die Materialgüte: die Verwendung von schnell reißendem Spaltleder mit miesem Abriebverhalten, der Verzicht auf Sicherheitsnähte, dazu schlecht positionierte oder verrutschende Protektoren. Sogar bei renommierten Marken kann es zu Problemen kommen. Wenn beispielsweise anstelle hochwertiger Marken-Reißverschlüsse billige Fälschungen eingesetzt werden.
Unter der Hand geben Branchenkenner unumwunden zu, dass viele Schwierigkeiten mit den allseits beliebten Produktionsstandorten in Fernost zusammenhängen: »Was willst du machen, wenn der Container mit deiner bestellten Ware auf dem Hof steht und die Schnittvorgaben bei 5000 Kombis nicht eingehalten wurden? Oder das Leder nicht die gewünschte Qualität aufweist?« Zu beheben wären viele Mängel mit einer permanenten Qualitätskontrolle vor Ort, was aber praktisch gar nicht möglich ist.
Besonders ärgerlich ist die Tatsache, dass der Verbraucher meist nicht nachvollziehen kann, aus welchem Land die Ware stammt. Denn trotz gesetzlicher Verpflichtung fehlt vor allem bei Billigkombinationen immer wieder die Angabe des Herstellungslands. Und viele Verkäufer können diese Frage nur mit einem Achselzucken beantworten.
Noch halten die renommierten Hersteller von Motorrad-Schutzbekleidung am Produktionsstandort Europa fest. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis nach der ersten Osterweiterung in Richtung Rumänien oder Ukraine auch für die Upperclass-Marken das ferne China zur ersten Adresse wird.
Für viele Billiglabel ist der Gang nach Fernost schon seit Jahrzehnten Usus. Der Anteil der Handarbeit an einer Lederkombi ist hoch, folglich müssen gerade diese Kosten gedrückt werden, will man im Low-Budget-Bereich mithalten. Als zweiter Standort für die Lederfertigung hat sich neben China das Nachbarland Pakistan etabliert. Während sich die Fertigungsqualität im Reich der Mitte inzwischen auf einem akzeptablen Niveau bewegt, müssen bei der Ware aus Pakistan deutliche Abstriche gemacht werden. Das gilt für das verwendete Material ebenso wie für die Verarbeitungsqualität.
Grundsätzlich gerät aber die gesamte Textilbranche in Südasien zunehmend ins Gerede. Kritische Stimmen mehren sich, die das Lohngefüge, den Umgang mit Umwelt- und Energieressourcen oder den Arbeitsschutz in den Fabriken anprangern. Oft kommt es hier zu Schreckensmeldungen. Durch Baumängel und marode Technik sterben jedes Jahr Dutzende Arbeiter, vornehmlich Frauen, deren Anteil in der Textilindustrie in Staaten wie Bangladesh oder Pakistan rund 90 Prozent ausmacht. Das mittlerweile arg strapazierte Wort der Nachhaltigkeit – in der Bekleidungsindustrie Asiens hat es noch keinen Einzug gefunden.
In Verbindung mit der veränderten Altersstruktur der Motorradfahrer sehen jedoch einige bekannte Hersteller aus Deutschland gerade darin ihre große Chance. Der gealterte Easy Rider – so die Vermutung – legt andere Konsumgewohnheiten an den Tag. Für ihn gewinnt die »Nachhaltigkeit« eine größere Bedeutung. Auf billige Wegwerfware legt diese Klientel, auch aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit, wenig Wert. Sie stellt sich und immer mehr auch dem Verkäufer kritische Fragen: Was passiert, wenn der Reißverschluss nach drei Jahren den Geist aufgibt? Kann die Kombi nach einem Ausrutscher überhaupt repariert werden? In einer solchen Kosten-Nutzen-Bilanz erweist sich so manches billige Schnäppchen im Nachhinein als teures Gesamtpaket.
Fakt ist: Ein großer Teil der in Deutschland angebotenen Lederkombis kommt aus Billiglohnnähereien über mächtige Containerschiffe in die Läden. Und verkauft wird, was sich seit Jahren bewährt hat. Echte Innovationen sucht man mittlerweile vergeblich. Im direkten Vergleich mit Schutzanzügen aus Synthetikfasern, die stets mit neuen Highlights aufwarten, können die Lederkombis nur noch wenig Akzente setzen. Dabei hat die Tierhaut nach wie vor einen riesengroßen Vorteil: Bezüglich Abriebfestigkeit rangiert sie unverändert auf der Pole Position. Nur sehr aufwendig konstruierte Textilanzüge reichen inzwischen annähernd an die Schutzfunktion einer Lederausrüstung heran. Doch der Vorsprung wird weiter schmelzen, wenn die Produktentwicklung in der Lederindustrie immer weniger Gas gibt oder sich unter enormem Preisdruck zu fragwürdigen Konstruktionen hinreißen lässt (siehe Kasten rechts).
Verbesserungen tun dringend not. Ein großer Angriffspunkt ist und bleibt die Allwettertauglichkeit. Diesbezüglich ist Textil Leder weit überlegen. Hier können und müssen Lederanzüge aufholen. Erste Schritte hat man bereits vor etlichen Jahren mit wasserdicht und atmungsaktiv gefertigten Lederkombis unternommen, aber ein weiterer Ausbau ist bislang unterblieben. Lobens- und lohnenswerte Ansätze wie der von Dainese sind wieder in der Schublade verschwunden. BMW hat seit Jahren den wasserdichten Lederanzug »Atlantis« mit nachrüstbarer Gore-Tex-Membrane im Programm. Viel mehr ist in den verschiedenen Sortimenten leider nicht zu finden. Beobachter der Szene berichten zwar von neuen Projekten, die in den Entwicklungsküchen namhafter Ausstatter der Branche brodeln. Die konkrete Umsetzung in käufliche Ware indes hat bislang nicht stattgefunden.
Ein anderer Schritt war der, ein speziell gegerbtes Leder zu verwenden, das sich bei Sonneneinstrahlung weniger stark aufheizt. Mit einigem Erfolg: Das sogenannte »Cool Leather« (siehe auch MOTORRAD 20/2006) ist mittlerweile bei einigen Marken als Ausstattungsfeature vorhanden. Unterm Strich zeigt sich: Ideen sind da, was allerdings fehlt, ist die mutige und großflächige Umsetzung.
Kaufinteressenten von Lederkombis sei auf jeden Fall empfohlen, sich nicht im Vorfeld auf eine bestimmte Preisregion festzulegen. Ganz im Gegenteil: Seien Sie mutig und schlüpfen nach einer 400-Euro-Kombi in eine für 1400 Euro. Sie werden erstaunt sein, wie sehr sich die Passform trotz gleicher Konfektionsgröße unterscheiden kann. Und wer bereits im normalen Leben mit Zwischengrößen hantiert, dem sei ohnehin der Gang zu einem Maßschneider empfohlen. Es muss ja nicht gleich das komplette Ornat im Vollmaß geordert werden, manchmal reichen auch schon kleine Änderungen an einer gewöhnlichen Kombi von der Stange (siehe Kasten »Upgrade« Seite 86). Dererlei Arbeiten sind mit Preisen von bereits unter 100 Euro durchaus bezahlbar. Und noch etwas sei Ihnen als kritischem Verbraucher ans Herz gelegt: Hinterfragen Sie sämtliche Informationen, die Ihnen per Aufnäher oder Beipackzettel mit auf den Weg gegeben werden. Richtig überzeugt hat in diesem Test lediglich das Info-Kärtchen der FLM-Kombi. Darauf war alles, was der Käufer wissen muss, klar und eindeutig aufgelistet. Daneben gab es bedauerlicherweise etliche irreführende Angaben. So suggerierte beispielsweise bei der Modeka-Kombi ein Aufnäher auf der Einschubtasche im Rücken das Vorhandensein eines CE-geprüften Protektors. Im Innern befand sich aber nur ein dünnes Polster, das allenfalls als ärmelschonende Unterlage für den Schreibtisch taugt. Auch beim vermeintlich günstigsten Kauf darf nicht vergessen werden: Es geht um Ihre Haut!

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