14.04.2011 Von: Thorsten Dentges
Erschienen in: 09/ 2011 MOTORRAD

Produkttest: Enduro-Tourenanzüge Zwölf Gelände/Straßen-Kombis im Test

"Multistrada" oder "GS" - so heißen Motorräder für Touren kreuz und quer durch Botanik und Asphaltirrgärten. Passend dazu rückten zwölf Gelände/Straßen-Anzüge in Südfrankreich aus, um ihre Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen.

Gelände/Straßen-Anzüge (jpg)

Zwölf Gelände/Straßen-Anzüge in Südfrankreich im Härtetest.  

Fotos: Dentges, fact  

Wir haben alle den gleichen Traum. Wir, die Reise-Enduristen dieser Welt. Träumen davon, jeden Winkel dieser Erde auf eigenen zwei Rädern zu erreichen, wollen uns nicht von einzementierten Strecken einschränken lassen. Nein, gegen asphaltierte Straßen haben wir gar nichts, denn nicht alle von uns hoppeln mit leichten Einzylindermaschinen über Stock und Stein, die Zweizylindrigen unter uns biegen hauptsächlich mit breitem Lenker und aufrechtem Sitz jede noch so krumme Kurve gerade. Wir spielen mit Sand und Matsch, unsere Stollenreifen werfen mit Schottersteinen, aber auf dem Asphalt fegen wir mit 200 Sachen alles frei und bügeln jedes Schlagloch weg. Grenzenlose Freiheit hat nur ein Problem: Was zieht man dazu am besten an?

Nur gut auszusehen - obwohl auch wichtig - reicht da nicht aus. Geht es ernsthaft ins Gelände, reden wir von einer sportlichen Betätigung. Also Turnzeug an: Cross-Stiefel, -Handschuhe und -Helm, dazu elastische Textilhosen und ein stylishes, luftiges Hemd, Protektoren zum Umschnallen und maximal ein dünnes Jäckchen darüber. Beim Touring über Alpenpässe und Autobahn, insbesondere, wenn es regnet, funktioniert das naturgemäß nicht mehr besonders gut. Brrr, kalt! Eigentlich bräuchte man also zwei Garnituren. Aber genau hier liegt unser Dilemma, denn wer eine Reise mit der Enduro tut, will alles, hat in seinem Gepäck jedoch nicht unbedingt Platz für alles.

Im Touringmodus genügt uns meist eine ordentlich arbeitende Klimamembran à la Gore-Tex oder Sympatex. Diese lassen Körperfeuchtigkeit nach außen verdampfen, aber kein Regenwasser an die Haut kommen. Steigt die körperliche Aktivität jedoch, was beim Ritt durchs Gelände der Fall ist, mutieren solche Anzüge zu unangenehmen Schwitztüten, bei hochsommerlichen Temperaturen wird es dementsprechend unerträglich. Einfache Belüftungsschlitze nützen dann wenig, wenn darunter eine (fahrt)windstoppende Membran liegt (wie bei Dainese-Hose, Dane, Hein Gericke und Spidi). Üblicherweise lösen die Konfektionäre mittlerweile dieses Problem damit, eine herausnehmbare Membran zu verbauen, die in der Regel unterhalb des Thermofutters eingebettet ist. Dabei können sich konstruktionsbedingt allerdings einige Schwachstellen (undichte Reißverschlussverbindung, Zusatznähte etc.) ergeben. Wohlgemerkt, das Außenmaterial (in der Regel abriebfestes Polyamidgewebe) sollte möglichst viel Fahrtwind durchlassen, die Membran ist das eigentliche Bollwerk gegen Regenwasser. Die Hosen von Büse und Held verweigerten im Nässetest ihren Dienst. Vielleicht nur eine Momentaufnahme, aber derartige Mängel können einem den Motorradurlaub gründlich vermiesen. Sicher nicht im Sinne des Erfinders, und solche Schwierigkeiten sollten Schneider von Enduro-Tourenanzügen im Griff haben.

Weiteres Problem: Mehrere Schichten können sich leichter verschieben und den Fahrkomfort einschränken. Sportlich ausgelegte Anzüge bestehen deshalb aus eher dünnen, eng anliegenden Schichten, die trotzdem genügend Beweglichkeit bieten, um uns Piloten beim Im-Stehen-Fahren oder gar bei Sprüngen nicht einzuschränken (Difi, Held, IXS). Allerdings sollte das alles nicht zulasten von Sturzsicherheit oder einer ausreichenden Wärmeleistung gehen, denn unfreiwilligen Kontakt mit Asphalt haben wir Touren-Enduristen bei Straßenstürzen dummerweise meist aus höheren Geschwindigkeiten als im Gelände. Und je flotter, desto kühler auch der Fahrtwind. Im Hochsommer ist das ja ganz angenehm, aber unzureichend warmhaltende Kleidung führt schneller, als man ahnt, zu Unterkühlungen (Folgen: Konzentrationsverlust, Zittern, Verkrampfungen). Tipp: Immer einen leichten Fleece-Pullover, eine Windstopper-Weste oder wärmende Funktionswäsche, etwa aus Merinowolle, im Gepäck haben - die sogenannten Midlayer nehmen wenig Stauraum ein und sind bei ausgiebigen Enduro-Touren mit starken Temperaturschwankungen (besonders in alpinem Terrain) grandiose Helferlein.

Enduro Kombis Rückentasche

Am Rücken: Platz zum Verstauen der Membran oder eines Getränks (Revit).  

Foto: fact  

Die meisten der getesteten Textilkombinationen verdienen aber so wie sie sind schon großes Lob, weil sie nicht nur einen Spagat, sondern gleich mehrere davon in verschiedene Richtungen hinbekommen. Auch, wenn die Gewichtung zwischen Tour und Sport (siehe detaillierte Einzelbewertungen) unterschiedlich groß ausfällt - fast alle Anzüge taugen als Tausendsassa und empfehlen sich deshalb nicht nur uns Enduristen, sondern jedem Tourenfahrer, der gerne im Sommer luftig unterwegs ist.Kritik haben wir trotzdem: Zwar ist kein einziger Protektor auf dem Prüfstand durchgefallen, und die Durchschnitts-Schlagdämpfungswerte sind im Vergleich zu Tests in den vergangenen Jahren erfreulich gut, aber problematisch ist die Positionierung der Schützer. Die von den Herstellern eingenähten Fächer liegen häufig an der falschen Stelle, sodass in Fahrhaltung nur ein Teil des Gelenks abgedeckt ist (zum Beispiel bei Difi, Modeka). Oder die Protektoren können zu leicht verrutschen (Dane, Macna, Modeka), generell heikel bei bequemen, aber im Vergleich zu starrem Leder eben auch labberigen Textilien. Einfache Abhilfe schaffen verstellbare Fixiergurte, doch nur wenige Hersteller bieten Lösungen, die ohne Drücken und Kneifen wirkungsvoll sind (wie bei IXS). Und als Käufer fragen wir uns, warum an Hüften und am Rücken die Fächer für CE-Protektoren häufig leer sind oder nur mit weichen, völlig untauglichen Schaumstoff-Statthaltern gefüllt sind (außer bei Spidi: zumindest an Hüften auch CE-Protektoren). Kann man doch individuell nachrüsten, erwidern die Verkäufer. Bei Preisen bis fast 1000 Euro eine wenig befriedigende Antwort. Überhaupt: Beim Kriterium Sicherheit dürften alle zwölf Testkandidaten gerne noch eine Schippe drauflegen. Finden wir.

Doch damit genug gemeckert und zum Schluss also wieder Positives: Die Vielfalt an Größen und Farben ist im Testfeld überwiegend vorbildlich. Langgrößen für Schlackse, Kurzgrößen für Untersetzte, Damen werden fündig, genau wie Jenseits-von-XL-Herren. Und im Gegensatz zu konservativen Tourenfahrern, die gerne Schwarz mit Schwarz kombinieren, setzen Touren-Enduristen offenbar deutlich mutiger ein paar Farbakzente. Keine Sorge: Selbst sehr helle Anzüge sind nicht so schmutzanfällig, wie viele befürchten, zumal sie mit in jeder Drogerie erhältlichen, speziellen Outdoor-Waschmitteln getrost in die Waschmaschine wandern können. Und das nach schweißtreibenden Ausflügen auch unbedingt sollten, um die optimale Membranfunktion zu erhalten - "Schwarzträger" vernachlässigen aus Bequemlichkeit solche "Badetage" gerne mal. Doch egal, ob schwarz oder bunt, dreckig (Gelände) oder sauber (Straße), aus der Auswahl der zwölf getesteten "G/S"-Anzüge sollte es ein Leichtes sein, nicht nur modisch etwas Passendes zum Anziehen zu finden. Los gehts, wir sehen uns im hintersten Winkel der Erde!

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