08.07.2010 Von: Jörg Lohse
Erschienen in: 15/ 2010 MOTORRAD

Lederkombis im Test Test: Leder-Einteiler von 600 bis 800 Euro

Wer es sportlich auf die Spitze treiben will, sollte zum Einteiler greifen. MOTORRAD hat untersucht, was zehn Lederkombis ab 600 Euro leisten und ob zwei Low-Budget-Anzüge beim sportlichen Ritt mithalten können.

Dainese Lederkombi Rainer Frohberg

Auch in der Hocke sollte eine Lederkombi nichts einklemmen.  

Foto: Archiv  

Globalisierungsgegner werden an diesem Test keine rechte Freude haben. Denn bis auf eine Ausnahme kommen alle getesteten Lederkombinationen aus Fernost - obwohl namhafte und alteingesessene europäische Markennamen und -logos auf den meisten Kombis prangen. Der Lederanzug der urdeutschen Marke Held stammt genauso wie der des renommierten Italo-Labels Alpinestars aus China. Und auch die Schweizer Konfektionäre von Ixs setzen auf eine Produktionsstätte in China. Am Lindstrands-Einteiler flattert zwar ein schwedisches Fähnchen, was aber nichts daran ändert, dass das Rindsleder im Reich der Mitte zusammengeschneidert wird. Einzig die italienische Kultmarke Dainese vertraut noch auf europäische Werte - obwohl man die Ukraine wohl nicht zu den klassischen Produktionsstandorten auf dem heimischen Kontinent zählen wird.

Die Debatte ließe sich jetzt neu entfachen, wenn man das Ausgangsmaterial Leder genauer unter die Lupe nimmt und feststellt, dass es im Verlauf des Fertigungsprozesses schon die halbe Welt umrundet hat. Zugleich gibt es aber an der Qualität des Leders in diesem Test grundsätzlich wenig zu mäkeln. Selbst die beiden zu Vergleichszwecken herangezogenen Low-Budget-Kombinationen von Louis und Polo können mindestens klassenüblichen Standard bieten, bei der Firefox-Kombi ist es sogar noch ein bisschen mehr.

Zusammen mit Gerber Andreas Oettrich nahm MOTORRAD die Güte des Leders genauer unter die Lupe. Das Credo des Lederspezialisten: "Leder muss vor allem stabil sein. Weich wird es bei guter Pflege von allein." Nicht alle Kombinationen in diesem Test hielten seinem geübten Daumenstrich stand, bei welchem er eine Falte durch Daumen und Zeigefinger gleiten lässt. Ein Aufbau aus kleinteiligen Versatzstücken (Probiker, Vanucci) wurde von ihm genauso kritisch kommentiert wie Patzer bei der Qualitätsauswahl. Nicht nur Held und Ixs leisten sich einige grobe Schnitzer, indem zum Teil minderwertige Lederpartien wie solche vom Bauchlappen verarbeitet werden.

Auch bei Dainese schwankt die Lederqualität mit zum Teil so genannten losnarbigen Partien, die eher als Futterleder geeignet wären. Deutlich besser das Bild bei Alpinestars, Berik und Arlen Ness, wo das Leder durch die Bank ein kräftiges, einheitliches Bild zeigt. Nun macht aber ein gutes Leder allein noch lange keine gute Kombi aus. Hier ist in erster Linie schneiderisches Know-how gefragt. Vor allem beim Einteiler, bei dem es neben einem knackigen Sitz ebenso auf eine hohe Beweglichkeit ankommt. Die Spreu trennt sich bereits bei der Trockenprobe vom Weizen. Lederkombis, die schon wie ein nasser Sack am Bügel hängen, werden den Träger bei sportlicher Sitzhaltung mit spürbaren Komforteinbußen plagen.

Deutlich mehr Komfort versprechen Overalls, die bereits vor der Umkleide schwer nach Rennen aussehen. Vom widerspenstigen An- und Ausziehprozedere sollte man sich nicht abschrecken lassen. Auch davon nicht, dass man künftig wie der bucklige Quasimodo durch die Gegend stiefelt. Wichtiger ist, dass es bei spitz angewinkeltem Knie und weit über den Tank gebeugtem Oberkörper passt. Welchen Komfort eng anliegende Einteiler bieten, wird in diesem Test äußerst eindrucksvoll bewiesen. Selbst die auf einen Hardcore-Race-Einsatz abgestimmten Kombis von Arlen Ness und Berik können es bei der Bequemlichkeit mit manch gut sitzendem Tourenanzug aufnehmen. Wobei sie darüber hinaus den Vorteil haben, dass die Protektoren die Gelenke gut umschließen und im Fall eines Sturzes an Ort und Stelle bleiben.

Hier nähern wir uns aber dem heikelsten Thema in diesem Test. Protektoren stecken zwar in jeder Kombi drin und alle erfüllen auch die Vorgabe der Norm EN 1621-1. (Kommen wir jedoch zum großen "Aber". Geboten wird von nahezu allen Testteilnehmern der Minimalschutz, indem Schultern, Ellbogen und Knie von normgerechten Schützern umschlossen werden. Darüber hinaus ist aber kaum noch etwas zu erwarten. Einzig Hein Gericke, die im regulären Testfeld günstigste Kombi, bietet mit Protektoren an den Hüften und am Rücken ein vollwertiges Schutzpaket. Bei allen anderen muss entweder selbst nachgerüstet oder mangels Option sogar darauf verzichtet werden.

Eigentlich unverständlich, dass gerade die kompromisslos in Richtung Rennsport abgestimmten Anzüge so eklatant patzen. Dass es keine Preisfrage sein kann, zeigt einmal mehr der Blick auf die Gericke-Kombi. Dass hier dennoch der kaufmännische Rotstift regiert hat, offenbart ein weiteres Indiz: Oftmals werden in den Schultern Protektoren mit kleiner Schutzfläche eingesetzt, erkennbar an der Kennzeichnung "Typ A". Solche Protektoren sind aus ergonomischer wie biomechanischer Sicht ausschließlich für Kinder- oder kleine Damengrößen gedacht und haben folglich in einer Herrenkonfektionsgröße 52 (oder L) nichts zu suchen. Bevor jetzt manch einer ans Umrüsten denkt: Taschen und Schnitt sind in der Regel auf genau diese Größe angepasst. Einen der eigenen Größe angemessenen Protektor kann nur ein erfahrener Lederschneider anpassen. Wer seine Wunschkombi entsprechend aufrüsten lassen will, findet bei Stefan Röttger (www.skill-skin.com) immer ein offenes Ohr.

Keine echte Schelte gibt es bei den Prüfstandsergebnissen der Protektoren. Schließlich bleiben alle innerhalb der Norm. Trotzdem muss etwas gemäkelt werden. Nach Norm sind 35 Kilonewton (kN) Restkraft zulässig, die beim Aufschlag eines Fünf-Kilogramm-Fallkörpers aus einem Meter Höhe im Durchschnitt übrig bleiben dürfen. Dass der Wert aus den 1990er-Jahren mittlerweile hoffnungslos überholt ist, zeigen Messergebnisse von Protektoren, deren Restkraft nur noch zwischen zehn und 15 kN schwankt. Eine Revision der Norm steht nach MOTORRAD-Informationen kurz vor der Ratifizierung. In dieser wird es ähnlich zur Norm EN 1621-2 für Rückenprotektoren einen zweiten, verschärften Grenzwert geben, der vermutlich bei 20 kN liegen wird. Spätestens dann müssen sich einige Hersteller Gedanken darüber machen, ob ihre Old-School-Protektoren mit 25 bis 30 kN Restkraft noch tragbar sind. Trotzdem gilt aber weiterhin: Immer schön oben bleiben.

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