Test teure Textilanzüge Edler Zwirn

Sie sind aus hochwertigen Stöffchen und kosten ein Heidengeld: fünf Textilanzüge zu Preisen zwischen 1000 und 1250 Euro. Der MOTORRAD-Vergleichstest klärt auf, ob der hohe Preis gerechtfertigt ist.

Lederkombi oder Textilanzug mit Funktionsmembran? Diese Frage beantworten immer mehr Motoradfahrer mit »Textil«. Die Vorteile liegen auf der Hand: wesentlich bequemer, wasserdicht, atmungsaktiv, praktischer (viele Taschen) und meist mit herausnehmbaren Thermo-Innenfutter ausgestattet, folglich für große Temperaturbereiche tauglich. Und was den Unfallschutz anbelangt, sorgen neue Verarbeitungstechniken und immer abrieb- und reißfestere Materialien sowie geprüfte Protektoren an sturzgefährdeten Stellen für Sicherheit.
Einziger Wermutstropfen: Hochwertige Stoffe und Schutzmaßnamen haben ihren Preis. Noch vor zehn Jahren gab es kaum Anzüge über 500 Euro. Mittlerweile sind nach oben fast keine Grenzen gesetzt. Dennoch verzeichnet das obere Marktsegment hohe Zuwachsraten. Heutige Motorradfahrer sind im besten Alter und haben vielfach ausreichend Geld für ihr Hobby auf der Seite. Wenn dann eine Anschaffung ins Haus steht, darf’s gern etwas mehr kosten – Hauptsache, die Qualität stimmt.
Ob Textilanzüge der Preisklasse 1000 bis 1250 Euro tatsächlich ihr Geld wert sind, testete MOTORRAD bis auf eine Ausnahme an allen Anbietern, die dieses Segment bedienen: BMW, Dainese, Kushitani, Rukka und Stadler. Ein weiterer möglicher Kandidat, Yoko, sagte seine Teilnahme ab.
Bei den fünf übrigen Testteilnehmern stellten die Importeure beziehungsweise Hersteller entsprechende Kombinationen aus Jacke und Hose zusammen, um in der Summe auf den vorgegebenen Betrag zu kommen. Übrigens finden sich in dieser Preisklasse nur Anzüge mit Gore-Tex-Membran.
Da der Käufer von solch teurer Bekleidung etwas mehr erwartet, unterzog MOTORRAD die Funktionsanzüge einem ganz besonderen Härtetest. Außer einem aufwendigen Nässetest (siehe Kasten auf Seite 158), der in Zusammenarbeit mit der Firma Gore durchgeführt wurde, mussten sämtliche Protektoren im Schlagdämpfungstest bei der Firma Viscotec ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen (siehe Seite 160). Doch damit nicht genug. Auf einer einwöchigen Testfahrt ermittelten fünf MOTORRAD-Mitarbeiter die Praxistauglichkeit der Textilanzüge. Während der knapp 5000 Kilometer langen Tour nach Italien und zurück herrschten die unterschiedlichsten Klimabedingungen. Fast 1000 Kilometer Regenfahrt gehörten ebenso dazu wie Fahrten bei Sonnenschein und 25 Grad Celsius oder zwei Alpenüberquerungen bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.
Beginnen wir mit dem unangenehmen Teil: Nässe. Die Hosen von BMW und Dainese hielten auf der Testfahrt leider nicht dicht. Ärgerlich für die Träger, die die Regenetappen in einer Pfütze sitzend überstehen mussten. Wer eine solche Undichtigkeit feststellt, sollte sich schleunigst an seinen Händler wenden und auf seine Garantie bestehen. Die durchweg eingesetzten hochwertigen Gore-Membrane lassen nämlich bestimmt kein Wasser durch (außer nach einer mechanischen Beschädigung). Wenn überhaupt, findet das Wasser an unsauberen Nahtstellen oder Tapes einen Weg nach Innen, und dann sind Verarbeitungsfehler der Grund. Somit ist der Hersteller zur Reparatur verpflichtet oder muss für gleichwertigen Ersatz sorgen. Deshalb immer den Kaufbeleg aufheben.
Als sehr vorteilhaft erwiesen sich die herausnehmbaren Thermo-Innenfutter, die im warmen Italien tagsüber im Hotelzimmer zurückblieben. Als einziges Kleidungsstück im ganzen Testfeld verzichtet die BMW-Streetguard-Hose auf ein solches Futter – ungewöhnlich in diesem Preissegment. Wer häufig bei niedrigen Temperaturen Motorrad fährt, sollte deshalb bereits beim Kauf zur Kontrolle der Passform wärmende Unterkleidung mitnehmen.
Freilich ist auch bei allen anderen Textilanzügen die Passform entscheidend. So sollten Käufer den Anzug ihrer Wahl genau unter die Lupe nehmen und bei einer ausgiebigen Anprobe prüfen, ob er in Sitzhaltung auf dem Motorrad an Armen und Beinen ausreichend lang ist, die Handschuhe unter die Armbündchen passen und die Hosenbeine über die Stiefel, und dass es nirgends zwickt. Zu weit darf er jedoch auch nicht sein, da sonst die Gefahr besteht, dass die Protektoren bei einem Sturz verrutschen. Aufgrund der vielen zur Wahl stehenden Größen bei BMW und Stadler lassen sich deren Kombinationen optimal an Käufer anpassen, die besonders schlank oder besonders kräftig sind.
Obwohl bei praktisch jedem Testteilnehmer noch das eine oder andere Detail verbessert werden könnte – Thermofutter bei der BMW-Hose, Verbindungsreißverschluss bei der Dainese-Jacke, Weitenverstellung an den Armbündchen bei Kushitani, größere Außentaschen bei Rukka, Gewicht bei Stadler –, hinterließen alle Textilkombinationen einen dem Preis entsprechend edlen Eindruck.
Richtig erschreckend waren einzig die Ergebnisse der Schlagdämpfungsprüfung der Rukka-Protektoren. Um dieses Problem sollten sich die Finnen dringend kümmern. Alternativ einen hochwertigeren Protektorensatz anbieten – auch wenn der unbestritten sehr hohe Tragekomfort ein wenig darunter leiden könnte – wäre zumindest ein Anfang und ohne großen Aufwand möglich.
Da Protektoren- und Nässetest nur je zu einem Viertel in die Gesamtbewertung mit einfließen, die Funktion und Alltagstauglichkeit jedoch 50 Prozent dazu beitragen, schafft Rukka dank guter Praxistauglichkeit gerade noch das Urteil »gut bis befriedigend«. Am besten schneidet Kushitani in diesem Vergleich ab. Die sehr guten Ergebnisse im Nässe- und Protektorentest sowie die sehr hohe Praxistauglichkeit bringen den Japanern den Sieg – vor Stadler, BMW und Dainese, die ebenfalls ihr Geld wert sind.

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