22.02.2011 Von: Sebastian Lang
Erschienen in: 03/ 2011 PS

Produkttest: Zweiteilige Lederkombis Lederkombis ab 600 Euro im Test

Zweiteilige Lederkombis sind bei Motorradfahrern auf der Landstraße sehr beliebt. PS testete zehn Modelle ab 600 Euro - mit teilweise überraschenden Ergebnissen.

Zweiteilige Lederkombis im Test

Zweiteilige Lederkombis im Test. Stefan Röttger von Skill Skin trennt für den Protektorentest die Schulter der FLM-Kombi ab.  

Foto: Lang  

Beim Kampf um Rundenzeiten auf der Rennstrecke führt an einteiligen Lederkombis kein Weg vorbei. Mit dem Motorrad auf der Landstraße sieht das anders aus: Erst wird über die Hausstrecke gebügelt, danach geht’s ab ins Eis-Café. Hier sind Zweiteiler mit abnehmbarer -Jacke deutlich praktischer. Wie sicher aber sind die Lederpellen mit Verbindungs-Reißverschluss? Wir machten den Test und nahmen zehn Zweiteiler ab 600 Euro ganz genau unter die Lupe.

Sicherheit

Wichtigstes Kriterium: die Sicherheit. Vor allem die Qualität der Protektoren ist bei einem Sturz von großer Bedeutung. In Anlehnung an die EC-Normen 1621-1 (Gelenkprotektoren) und 1621-2 (Rückenprotektoren) testeten wir bei der Firma Sas-Tec das Dämpfungsverhalten der Schützer. Bewertet wurden die Restkraftwerte. Besonders gut fielen die Werte  bei Held und FLM aus, die schlechtesten Werte lieferten die Hartschalenprotektoren von Rev’it, Alpinestars und Dainese.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterließen die Rückenprotektoren. Bedingt durch die Trennung von Jacke und Hose fällt der Protektor in allen Kombis (im Test waren nur die Modelle von FLM, Schwabenleder und Vanucci mit echten Rückenprotektor ausgestattet) zu kurz aus und schützt den Rücken im Extremfall nur bis zur Mitte der Wirbelsäule. Einer der bedeutendsten Unterschiede zu einem Einteiler!

Am Besten löst Schwabenleder das Problem: Sie integrieren in den Hosenbund ein zusätzliches Stück Protektor und bringen in der Hose einen Steißbein-Schutz unter. Die Kombi bietet zudem als einziges Modell einen Hüftprotektor.

Für Verwirrung sorgt immer wieder der Komfortschaum am Rücken, der in vielen Modellen statt eines richtigen -Protektors verbaut ist. Das ist kein Rückenprotektor, bietet kaum Schutz und ist nicht genormt!

Ergänzend zum Normtest, bei dem ein fünf Kilogramm schwerer Metallkörper aus einem Meter Höhe auf den nackten Protektor fällt, testeten wir auch die Dämpfungswerte der Protektoren, eingebaut in die Lederkombi. Die Unterschiede sind teilweise immens: Im Fall der Rev’it verbesserte die zusätzliche Schicht aus Leder und Klett am Knie den Restkraftwert um zwei Drittel. In der Bewertung fließt dieser Zusatztest in die Kategorie "Sicherheit" mit ein.

Außerdem relevant für die Sicherheit ist die Befestigung der Protektoren. Idealerweise sind die Schützer wie bei Schwabenleder fest in der Kombi vernäht. In vielen Fällen sind die Protektoren aber nur im Innenfutter befestigt und können sich bei einem Sturz wegdrehen.
Speziell bei Zweiteilern ist zudem der Verbindungs-Reißverschluss sicherheitsrelevant. Er ist bei fast allen Modellen zu klein und kann beim Sturz reißen. Hier besteht allgemein noch Verbesserungsbedarf!

Dies gilt auch für die Qualität des Textilstretchs. Bei Kombis ab 600 Euro darf man hier hochwertiges Schoeller Keprotec erwarten, stattdessen fanden sich in einigen Fällen billige Gummizüge, die bei einem Sturz oder Auspuffkontakt zu bösen Verbrennungen führen können. Bei der Verarbeitung der Kombis gab es sicherheitstechnisch nur wenig zu mäkeln: Nahezu alle Hersteller schützen Sturzzonen durch Sicherheitsnähte. Lediglich Vanucci patzt und bietet im Rückenbereich keine zweite Naht.

Ein weiterer Sicherheitsaspekt betrifft die Passforn an Knie und Ellbogen. Ist die Kombi dort zu weit, verrutschen beim Sturz die Protektoren. Glücklicherweise gab es hier keine größeren Probleme.

Berik Schulterprotektor

Magnesiumprotektor bei Berik.  

Foto: Lang  

Passform

Um den generellen Schnitt zu beurteilen, prüften wir gemeinsam mit Lederkombi-Experte Stefan Röttger von Skill Skin den Sitz der Lederkombis in Fahrposition. Wo zwickt es, wo wirft sie Falten? Die meisten Schnittfehler fanden sich im Schulter- und Kragenbereich. Besonders bei den Modellen von Held, Vanucci und IXS steht der Kragen in Fahrposition hinten weit ab. Die Passform der Berik konnte aufgrund einer falsch geliefertern Größe (52 statt 50) nicht beurteilt werden.

Den Tragekomfort beurteilten zwei Testpiloten mit unterschiedlicher Konfektionsgröße. Neben einer sportlichen Landstraßenrunde ging auch ein kurzer Fußmarsch mit in die Bewertung ein. Abgesehen von der FLM, deren Knieprotektoren völlig falsch sitzen und permanent drückten, gab es hier keine Ausreißer.

Beim Anziehen nervten die bisweilen etwas hakeligen Verbindungs-Reißverschlüsse, besonders das Modell von Held machte hier Probleme. Bei Rev’it stört zudem ein kurzer Reißverschluss am Rücken, der die Bedienung des Verbindungs-Reißverschlusses behindert.

Die aufgrund winterlicher Temperaturen steinharten Weichschaumprotektoren nerven beim Anziehen, dafür sind sie besonders gut. Tipp: Modelle mit entsprechenden Schützern sollte man deshalb unbedingt bei Zimmertemperatur lagern und anziehen.

Verarbeitung

Wer 600 Euro oder mehr für eine Lederkombi ausgibt, erwartet ein sauber zusammengenähtes Produkt. Während die Modelle von Alpinestars, Dainese, IXS und Schwabenleder dieser Erwartung voll gerecht werden, enttäuschen FLM und Rev’it bei näherem Hinschauen. Besonders auf der Lederinnenseite sind die Einzelteile der beiden Kombis schlampig miteinander vernäht.

Material

Neben Leder und Stretch ging in die Materialbewertung auch das Innenfutter ein. Nur Dainese und Arlen Ness bieten zeitgemäßes 3d-Innenfutter, das etwas dicker, extrem luftdurchlässig ist und Schweiß effektiver abtransportiert als herkömmliches Innenfutter.
Arlen Ness bietet Luxus-Innenfutter mit Stretchzonen. Ein Punkt, der von den anderen Kombi-Herstellern vernachlässigt wird: Oft ist nicht das Leder, sondern das Innenfutter für die mangelnde Bewegungsfreiheit verantwortlich.

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