Barger, Sonny: Porträt (Archivversion)

Die Hells Angels: Engel oder Dämonen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg traf sich eine Handvoll Motorradfahrer im kalifornischen Fontana. Die Biker, allesamt ehemalige Jagdflieger, die sich nach den Schrecken des Krieges nicht in die satte bürgerliche Gesellschaft integrieren wollten, gründeten einen Klub - und schworen sich ewige Bruderschaft. Frauen und Schwarze mußten draußen bleiben. Aus den Hells Angels, wie der wilde Haufen schon damals hieß, formierte Sonny Barger 1957 eine geschlossene Truppe mit festen Ritualen. Aber erst Mitte der 60er Jahre wurden die Engel, die aus der Hölle kamen, so richtig populär. Die Intellektuellen-Szene in San Francisco feierte die Kuttenträger mit den Hakenkreuzsymbolen als proletarische Rebellen gegen eine entfremdende Umwelt. Anständige Bürger dagegen fürchteten die Angels »wie eine Invasion wiegenschänderischer Mongolen« auf eisernen Rößern. So beschrieb es Tom Wolfe in seinem Buch »Unter Strom«. Sie ließen jeden in Ruhe, der ihren Provokationen mit »nackter Angst« begegnete. Wenn jemand zurückschubste, dann war es an der Zeit, »Köpfe zu zerdeppern« (Wolfe). Der amerikanische Journalist Hunter S. Thompson, der ein Jahr lang mit den Hells Angels herumzog, hielt sie für fiese Schläger, die manche Frauen mit Massenvergewaltigungen abstraften. Belegt ist, daß sie Anti-Vietnam-Demonstranten angriffen und sich selbst als Patrioten einstuften. Die innige Beziehung mit den Intellektuellen endete endgültig, als ein Hells Angel 1969 während eines Rockkonzerts der Rolling Stones in Altamont einen Schwarzen niederstach. Seitdem hat sich einiges getan. Die wenigsten Hells Angels treten noch als kettenschwingende Bösewichter auf. Im Gegenteil: Sie sind heute vielfach selbständige Geschäftsleute, die einem Motorradclub angehören und deshalb nicht ständig diskriminiert werden wollen. Trotzdem trennen sich die Ansichten über die Hells Angels in absolut gut und absolut schlecht auf. Für manche sind sie romantische Outlaws - Gesetzlose, die sich keinen Deut um gesellschaftliche Konventionen scheren. Ein amerikanisches Markenzeichen, das geschützt und nicht verfolgt werden sollte. Das FBI sieht in ihnen eine kriminelle Vereinigung, so gefährlich, durchorganisiert und skrupellos wie die Mafia auf Sizilien. Allerdings fehlen die Beweise: »Von 1300 Verfahren wegen illegalen Waffen- oder Drogenbesitzes sind seit 1965 nur zwölf vor Gericht gekommen. Von über 863 Verfahren wegen Vergewaltigung endeten bis 1978 nur drei mit einer Verurteilung.« So stand´s im Magazin der Süddeutschen Zeitung am 25.10.1991. Die amerikanische Bundespolizei schätzte, daß die Hells Angels 1992 weltweit ein Einkommen aus Drogenhandel, Prostitution, Glücksspiel, Diebstahl, Waffenhandel und Auftragsmord von etwa 2,3 Milliarden US-Dollar erzielten (The Columbian 9. August 1994). Clubmitglieder reagieren auf solche Anschuldigungen sauer. »Das sind die Taten einzelner«, lautet in der Regel ihre Antwort. Prozesse, in denen die Hells Angels als kriminelle Vereinigung vor Gericht standen, endeten in der USA und der BRD gleich: mit Freispruch. Ihr Markenzeichen, den Totenkopf mit Schwingen, haben sich die Höllenengel inzwischen schützen lassen.
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