Barger, Sonny: Porträt (Archivversion)

Der Verfemte

Hinter den getönten Scheiben eines schwarzen Jeeps, der vor dem Laden des Harley-Veredlers Arlen Ness parkt, tobt ein angriffslustig bellender Rottweiler. »Der tut nix«, behauptet eine Stimme hinter mir. »Das is« Sonnys Hund.« Sonny? »Klar, Sonny Barger, der Boß von allen Hells Angels. Er kauft manchmal bei uns ein.« Der Mann, der mir das erzählt, arbeitet bei Arlen Ness, heißt Dude und ist richtig stolz. Schließlich kennt nicht jeder so eine Berühmtheit. Sonny hat sich sogar mal bei ihm entschuldigt. »Oh, Mann, ich hab«s selber kaum glauben können, daß ein Hells Angel so was tut.« Doch als ich ihn frage, ob er mir Sonny vorstellt, schaut er, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. »Bist du sicher, daß du ihn kennenlernen willst?« Ja. Ich habe eh bereits einen Termin mit ihm abgemacht.Ralph Hubert Barger jr., von Freund und Feind Sonny genannt, führt seit fast 40 Jahren den Motorradclub an, dessen Namen sogar Lieschen Müller ein Begriff ist. Der oberste Höllenengel, der mir bei Arlen Ness im Laden die Hand reicht, trägt vom gebügelten Hemdkragen bis zur Turnschuhsohle schwarz. Am Gürtel hängt ein Fahrtenmesser, das es nicht ganz mit dem von Crocodile Dundee aufnehmen kann. Aber immerhin. Und er lacht. Was mich beruhigt. Gut geht«s, sagt er. Bei der Oakland Roadster Show hat er mit »Nobodies Business«- zu deutsch in etwa »Geht niemand was an« -, einem Eigenbau, den zweiten Platz belegt. Darüber strahlt er. Seine zuerst mißtrauisch blickenden braunen Augen funkeln plötzlich vor lauter Leben. Kein Zweifel: Der Mann hat Charisma. Auf jeden Fall Führungsqualitäten: Die Höllenengel würden ihm überallhin folgen. Auch andere Motorradclubs wie die Bandidos, Mongols, Vargas oder Dragons respektieren ihn als geistigen Führer der Angels, des ältesten und mächtigsten MC. Der Boß der Bosse gilt als lebenserfahren, sogar weise. Diese Anerkennung war Sonny Barger nicht gerade in die Wiege gelegt. 1938 geboren und vom versoffenen Vater in Oakland aufgezogen, meldete sich Barger mit 16 freiwillig zur US-Army und war über ein Jahr auf Hawaii stationiert. »Dann fanden sie heraus, daß ich zu jung war. Und warfen mich raus.«Von da an gab«s für ihn nur noch eins: »Ich wurde ein Hells Angel.« Im zarten Alter von 19 gründete Sonny Barger das heute legendäre Charter Oakland. Damals existierten gerade mal drei Gruppen in Kalifornien, heute sind«s etwa 90 weltweit. »Die Polizei weiß es genau. Die zählen mit.«Kein Scherz. Man kennt sich. Immerhin saß Sonny Barger knapp 13 Jahre lang im Knast. Unter anderem wegen Drogenhandel, Körperverletzung und Anstiftung zum Mord. Sein vernarbtes Gesicht spricht Bände über die Schlägereien, in die er verwickelt war. In der Haft hatte er dagegen nie Probleme oder Auseinandersetzungen. Weil er soviel Respekt genießt? »Es ist einfach so«, antwortet er einsilbig. Seit einer Operation wegen Kehlkopfkrebs kann Sonny Barger nur noch heißer flüstern. Aber richtig redselig war er wohl nie.Trotz Krebs und Knast wirkt er ungebrochen. Er glaubt an das, was er verkörpert. Kennt wahrscheinlich keine Zweifel. »Nein, ich bereue nichts, was ich getan habe.« Pause. Er starrt die Wand an, und dann kommt«s doch: »Vielleicht hätte ich manche Dinge ein bißchen anders gemacht. Die Zeiten ändern sich, und man selbst sich auch.« Für Außenstehende ist Sonny Barger schwer zu begreifen. Zumindest passen seine Meinungen in keine Schublade. Einerseits steht er für Autorität, Respekt und rigide Gruppenregeln, bezeichnet sich aber andererseits als freiheitsliebenden Anarchisten. Politisch eine Richtung, die Autorität ablehnt. Wie viele eher rechtskonservativ gesinnte Amerikaner möchte er die Regierung in Washington in ihren Befugnissen stark beschneiden, hat aber Bill Clinton gewählt, der einen linksliberalen Ruf genießt, die Regierung nicht schwächen will. Und sich obendrein noch vorm Dienst fürs Vaterland in Vietnam gedrückt hat. Sonny Barger dagegen hätte schon gern im Zweiten Weltkrieg gegen den Feind gekämpft, und er glaubt, die US-Regierung habe die eigenen Soldaten in Vietnam verraten. »Mit einer anderen Strategie hätten sie den Krieg in einem Jahr gewonnen. So aber sind alle umsonst gestorben.« Überhaupt ist Gewalt nichts, was Sonny Barger schreckt. Sie gehört für ihn zum Dasein. Bei den Hells Angels lautet eine Regel: »Wenn uns jemand gut behandelt, behandeln wir ihn besser. Wenn uns jemand schlecht behandelt, behandeln wir ihn noch schlechter.« Was aber heißt schlechter? Mal ganz naiv gefragt. »Unter Umständen besteht vielleicht die Möglichkeit, daß wir jemand verprügeln«, sagt er und lächelt dabei äußerst charmant.Wer sich eigene Gesetze schafft, kommt fast automatisch mit denen von Staat und Gesellschaft in Konflikt. Und mit deren Hütern, die Barger in zwei Kategorien einordnet, die Bestechlichen und die Unbestechlichen: »Ich habe überhaupt nichts gegen einen Cop, der seine Arbeit macht. Aber die vom FBI lügen, daß sich die Balken biegen, und sie bringen andere erst dazu, Verbrechen zu begehen.« Als unschuldig verfolgtes Opferlamm fühlt er sich keineswegs. Doch das FBI bringt ihn auf die Palme: 1979 verhaftete die Staatspolizei 22 führende Mitglieder der Hells Angels und versuchte, den MC als kriminelle Vereinigung abzustempeln. Erfolglos. Oder Waco/Texas. Dort verbarrikadierte sich letztes Jahr eine Sekte auf einer Farm, die die Staatspolizei wochenlang belagerte. Mit einem Durchsuchungsbefehl ausgerüstet, rückten Beamte im Panzer vor. Die Gebäude gingen in Flammen auf, und mehr als 50 Männer, Frauen und Kinder starben. Für Sonny Barger ein entsetzliches Verbrechen - um einiges schlimmer als alle, die ihm je vorgeworfen wurden. »Mit dem Tod von Kindern und Frauen will ich nichts zu tun haben.«Denen, die damit was zu tun haben, traut er alles zu. »Ganz bestimmt zerrt mich das FBI noch mal vor Gericht. Sobald sie wieder jemanden finden, der Märchen über mich erzählt. Das FBI braucht uns als Daseinsberechtigung. Die wollen anderen weismachen, sie seien die letzte Frontlinie zwischen uns und der zivilisierten Welt.« Sonny Barger sieht für sich keine Wahl. »Entweder ziehe ich gegen das FBI in den Krieg, oder ich gehe ins Gefängnis. Aber wenn ich nicht ins Gefängnis gehe, gibt«s ein zweites Waco. Und das will ich vermeiden.«Klingt vernünftig. Überhaupt: So barbarisch und unbürgerlich sind die gefallenen Engel nun auch wieder nicht. Sonny Barger ist seit 23 Jahren verheiratet. Mit Sharon, einem ehemaligen Fotomodell, die ihm all die Zeit treu zur Seite stand. Für sie ganz allein hat er »Nobodies business« gebaut. »In diesem Motorrad stecken so wenig Harley-Davidson-Teile wie möglich.« Sonny ist der Inhaber eines Motorradladens und läßt an der angestammten Marke der Hells Angels kein gutes Haar. »Wenn ich nicht im Club wäre, hätte ich keine mehr. Ich würde mir ein Motorrad kaufen, daß anständig fährt, so eine Mischung aus komfortabler BMW und schneller Kawasaki. Harleys laufen schlecht und bremsen kaum«, schimpft er. »Aber in zehn Jahren, wenn die Yuppies was anderes finden, was in ist, wird Harley bereuen, daß sie so schlechte Qualität lieferten.«Sonny Barger ist fast schon ins Plaudern gekommen. Aber jetzt hat er eigentlich keine Lust mehr. »Ich habe das nur gemacht, weil mich das Charter Stuttgart drum gebeten hat.« Viel lieber will er Motorrad fahren. Mit Sharon. Aber das geht niemand was an. Nobody«s business.
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Barger, Sonny: Porträt (Archivversion) - Die Hells Angels: Engel oder Dämonen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg traf sich eine Handvoll Motorradfahrer im kalifornischen Fontana. Die Biker, allesamt ehemalige Jagdflieger, die sich nach den Schrecken des Krieges nicht in die satte bürgerliche Gesellschaft integrieren wollten, gründeten einen Klub - und schworen sich ewige Bruderschaft. Frauen und Schwarze mußten draußen bleiben. Aus den Hells Angels, wie der wilde Haufen schon damals hieß, formierte Sonny Barger 1957 eine geschlossene Truppe mit festen Ritualen. Aber erst Mitte der 60er Jahre wurden die Engel, die aus der Hölle kamen, so richtig populär. Die Intellektuellen-Szene in San Francisco feierte die Kuttenträger mit den Hakenkreuzsymbolen als proletarische Rebellen gegen eine entfremdende Umwelt. Anständige Bürger dagegen fürchteten die Angels »wie eine Invasion wiegenschänderischer Mongolen« auf eisernen Rößern. So beschrieb es Tom Wolfe in seinem Buch »Unter Strom«. Sie ließen jeden in Ruhe, der ihren Provokationen mit »nackter Angst« begegnete. Wenn jemand zurückschubste, dann war es an der Zeit, »Köpfe zu zerdeppern« (Wolfe). Der amerikanische Journalist Hunter S. Thompson, der ein Jahr lang mit den Hells Angels herumzog, hielt sie für fiese Schläger, die manche Frauen mit Massenvergewaltigungen abstraften. Belegt ist, daß sie Anti-Vietnam-Demonstranten angriffen und sich selbst als Patrioten einstuften. Die innige Beziehung mit den Intellektuellen endete endgültig, als ein Hells Angel 1969 während eines Rockkonzerts der Rolling Stones in Altamont einen Schwarzen niederstach. Seitdem hat sich einiges getan. Die wenigsten Hells Angels treten noch als kettenschwingende Bösewichter auf. Im Gegenteil: Sie sind heute vielfach selbständige Geschäftsleute, die einem Motorradclub angehören und deshalb nicht ständig diskriminiert werden wollen. Trotzdem trennen sich die Ansichten über die Hells Angels in absolut gut und absolut schlecht auf. Für manche sind sie romantische Outlaws - Gesetzlose, die sich keinen Deut um gesellschaftliche Konventionen scheren. Ein amerikanisches Markenzeichen, das geschützt und nicht verfolgt werden sollte. Das FBI sieht in ihnen eine kriminelle Vereinigung, so gefährlich, durchorganisiert und skrupellos wie die Mafia auf Sizilien. Allerdings fehlen die Beweise: »Von 1300 Verfahren wegen illegalen Waffen- oder Drogenbesitzes sind seit 1965 nur zwölf vor Gericht gekommen. Von über 863 Verfahren wegen Vergewaltigung endeten bis 1978 nur drei mit einer Verurteilung.« So stand´s im Magazin der Süddeutschen Zeitung am 25.10.1991. Die amerikanische Bundespolizei schätzte, daß die Hells Angels 1992 weltweit ein Einkommen aus Drogenhandel, Prostitution, Glücksspiel, Diebstahl, Waffenhandel und Auftragsmord von etwa 2,3 Milliarden US-Dollar erzielten (The Columbian 9. August 1994). Clubmitglieder reagieren auf solche Anschuldigungen sauer. »Das sind die Taten einzelner«, lautet in der Regel ihre Antwort. Prozesse, in denen die Hells Angels als kriminelle Vereinigung vor Gericht standen, endeten in der USA und der BRD gleich: mit Freispruch. Ihr Markenzeichen, den Totenkopf mit Schwingen, haben sich die Höllenengel inzwischen schützen lassen.

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