Künstler Rolf Nikel: Porträt (Archivversion)

Der schwäbische Rasputin

Der Schwabe mag’s riesig, malt lieber mit MZ und Ural als mit dem Pinsel, macht aus einem sibirischen Frachter ein Gesamtkunstwerk. Aber er liebt Rußland nicht nur, weil es groß ist.

Van Gogh, das ist doch der mit dem Ohr. Picasso hatte seine Perioden, die rosarote, die blaue und die superschlaue. Beuys fettete Hasen ein und zog ihnen die Ohren lang. Und Nikel? Richtig, das ist der schwäbische Abstrakte mit den MZ- und Ural-Gespannen. Womit er riesige Flächen bemält. So gigantisch, daß sie keiner aufhängen kann. Weswegen sie meistens liegenbleiben. Nikel gestaltet Räume. Geschlossene Räume - wie die 600 Quadratmeter in einer ehemaligen Kaserne in Kornwestheim. Draußen im Hof fuhr er die Reifen seines Gespann warm. Damit Gummi an feuchter Farbe - Eitempera - haften bleibt. »Anrieb- und Abfahrprozeß mußten einige Mal wiederholt werden«, erzählt Nikel, »so daß zum Schluß die Reifen völlig abgefahren waren.« Die Installation wurde Wochen später vernichtet. Offene Räume - wie den Frachter Sibirskii 2105. Auf dem hatte Nikel 1992 als Hilfssteuermann angeheuert. Im Eismeer fror das Deck zu. Rolf Nikel strukturierte das Weiß zu geometrischen Linien, erfand die Ship Art. Die Installation hat die Sonne vernichtet. In Sibirien lebte Nikel mit Jakuten in simplen Strohhütten. Diese Behausungen malte er auf Leinwand, stellte die Bilder zwischen ihren Urbildern auf. Die Installation hat der Wind vernichtet. Wenig Bleibendes für die Ewigkeit - und wenig Habhaftes für die Gegenwart. Großformate bringen Kleingeld. Und sich selbst vernichtende Kunst noch weniger. Ein Auto kann und will Nikel sich nicht leisten. Er fährt Gespann. Im Winter am liebsten Ural. Das hat er sich aus Rußland ins schwäbische Bühlerzell mitgebracht. Nebenher jobbt der studierte Künstler als Zimmermann auf dem Bau. Lieber malochen, als Kompromisse eingehen.
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