Lindholm, Christer: Porträt (Archivversion)

Boat People

Das Boot ist nicht Hobby für Christer Lindholm, sondern Verkehrsmittel. Und auch sonst lebt der Deutsche Superbike-Meister mit Freundin und Tochter eher außergewöhnlich.

»Ekerö« findet der kundige Nordlandtourist noch als kleine Insel im zerklüfteten See Mälaren an der westlichen Peripherie von Stockholm, aber von »Gällstaö« gibt es weit und breit keine Spur. Genau dort, am Ende der Straße, wo scheinbar das ewige Ferienparadies beginnt, wohnen Christer Lindholm, seine Freundin Annica und das gemeinsame Töchterchen Elise.Und tatsächlich hat sich der deutsche Superbike-Meister aus Schweden eines dieser für sein Heimatland typischen, roten Ferienhäuser zum Ganzjahresdomizil ausgebaut. Die riesige Gartenterrasse und vor allem der komplette Neubau der fast ausschließlich als Werkstatt genuzten Garage sind nur sichtbarsten Baumaßnahmen. »Aber«, so der junge Familienvater, »jetzt, wo Elise immer munterer und natürlich auch größer wird, müssen wir ernsthaft über den Aufbau eines zweiten Stockwerkes nachdenken.«Selbst dem dann vollwertigen Familienhaus wird die einladende Ferienstimmung erhalten bleiben, steht es doch am Fuße eines zum Grundstück gehördenden Hügels, der auch die höchste Erhebung des kleinen Inselparadieses ist, und gerade mal anderthalb Gehminuten vom Bootssteg entfernt.Dort liegt, zwischen einer Reihe ähnlicher Geräte, ein Daylight Cruiser, mit einem gut 200 PS-V8-Motor standesgemäß bestückt. Der Besitzerstolz hält sich bei Christer Lindholm jedoch in Grenzen. »Das Boot ist nicht mein Hobby«, überrascht der 30jährige, »ein Boot gehört hier einfach dazu. Du siehst ja, jeder hat hier eins.« Und beim Ausflug über die spätsommerliche Seenlandschaft kommen die Alltagsvorteile eines Wasserfahrzeuges in dieser Gegend zutage. »Tagsüber in die Stadt zu fahren«, erläutert der Bootsmann nicht ohne Grinsen im Gesicht, »dauert mit dem Auto ungefähr 50 Minuten. Mit dem Boot bin ich in einer halben Stunde da.« Dazu kommt, daß, so durften die neugierigen ausländischen Besucher recherchieren, die königlich-schwedische Polizei für Parkstrafzettel umgerechnet rund 200 Mark in Rechnung stellt.Bootfahren gehört also zum mehr oder weniger alltäglichen Vergnügen von Christer Lindholm. Als Hobby dagegen gibt er Golfspielen an. »Aber ich spiele erst ein Jahr und habe viel zuwenig Zeit«, verteidigt der Superbike-Champion sein Golfhandikap 34.«Außerdem hat ein Schwede übers Jahr nicht allzulange Gelegenheit zum Golfspielen, denn im Winter ist alles anders. »Da sitzen wir am Kamin und freuen uns über die schönen Dinge, die wir im Sommer erlebt haben«, lächelt Christers Freundin Annica hintersinnig, »so stellt ihr euch die Skandinavier doch vor, oder?« Aber speziell im Hause Lindholm passieren gerade im tiefsten Winter ganz eigenartige Dinge.Wenn das Thermometer dauerhaft Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad minus zeigt und das Eis auf dem Mälaren-See schon mal 80 Zentimeter dick ist, wird Lindholms Haus zum Trainingszentrum der schwedischen Motorradrennfahrer. »Auf Endurobikes mit Spikereifen fahren wir private Rennen auf dem See«, freut sich Cralle, wie ihn Freunde und Fans nennen, schon auf die Kälte, »wir einigen wir uns vorher über ein bekannte Rennstrecke wie zum Beispiel Monza und stecken die dann in Mini-Ausgabe auf dem Eis ab.« Dann kann man alles, was in schwedischen Rennsport Rang und Namen hat, in und um Lindholms Garage treffen: den rasenden Jet-Piloten Peter Linden, Ex-Europameister Peter Sköld, Jörgen Hallinder, den früheren Weltklassenmann und heutigen Öhlins-Renndienstmann Anders Andersson, der im übrigen ganz entscheidend an Lindholms Karriere schuld ist sowie viele andere. Lindholm, der einzige Schwede, der als Vollprofi von Rennen fahren leben kann, sieht zwei Dinge als entscheidend für seinen Aufstieg zum Spitzenfahrer. »Das eine ist ganz klar Anders Andersson. Er ist sowas wie mein Guru. Zu Anfang meiner Karriere habe ich immer sein Material übernommen. 1989 wechselte er von Suzuki zu Yamaha, ich wurde mit der Suzuki erstmals schwedischer Superbike-Meister. Ende 1990 hörte Anders auf, ich wurde 1991 mit seiner Yamaha Vizeeuropameister.«Außerdem sehr wichtig für Lindholn ist und war das »Hello Sweden Team«, ein einzigartiger PR-Pool, der mittlerweile in den fast allen Sportarten und auch im Kulturbereich tätig ist. »Ursprünglich wollte der Autorennfahrer Thomas Kayser Sponsoren für seine eigene Formel 1-Karriere finden«, erinnert sich Sportbotschafter Lindholm, »das Geld, das er auftreiben konnte, reichte dafür aber nicht aus. Stattdessen entstand das Hello Sweden-Team, in dem fast alle schwedischen Spitzensportler und inzwischen auch einige Schauspieler dabei sind. Verschiedenste Firmen und Institutionen zahlen ihre Beiträge ein, und können dafür einen oder mehrere von uns für PR-Auftritte buchen. Das ist einträglich, schafft aber vor allem auch eine gemeinsame Identität der schwedischen Sportler. Die Skifahrer zum Beispiel interesssieren sich auf einmal für mich und natürlich auch umgekehrt.«Weiterhin für den Mann von der Ferieninsel Gällstaö interessieren werden sich die deutschen Motorradfans. Denn Christer Lindholm wird seinen deutschen Superbike-Titel im Team von DNL-Ducati Deutschland verteidigen. Seine starken Auftritte in der WM werden leider unregelmäßig bleiben.
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Christer Lindholm (Archivversion)

Christer Lindholm, 30 Jahre, ledig, Freundin Annica, Tochter Elise; Hobbies: Golf, Kart fahrenAutogrammadresse: Utsiktsvägen 4, 17851 Ekerö, Schweden.1987 Erste Serienmaschinen-Rennen auf Suzuki GSX-R 7501988 Schwedischer Meister Serienmaschinen 750 cm³ und Zweiter im Suzuki World Final in Jerez/Spanien1989 Schwedischer Meister Superbike und Serienmaschinen 1100 cm³1990 Schwedischer Meister Superbike und Serienmaschinen 1100 cm³ sowie Achter der Superbike-Europameisterschaft auf Suzuki1991 Schwedischer Meister Supersport 600 und Superbike sowie Superbike-Vizeeuropameister und 45. der Weltmeisterschaft auf Yamaha1992 14. der Superbike-Weltmeisterschaft auf Yamaha1993 Neunter der Superbike-Weltmeisterschaft auf Yamaha1994 Deutscher Superbike-Vizemeister und 30. der Weltmeisterschaft auf Yamaha1995 Deutscher Superbike-Vizemeister und 30. der Langstrecken-Weltmeisterschaft auf Yamaha1996 Deutscher Superbike-Meister und 16. der Weltmeisterschaft auf DNL-Ducati1997 Pro Superbike und Superbike-Weltmeisterschaft auf DNL-Ducati

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