Serenius, Per-Olof: Porträt (Archivversion)

Feuer und Eis

Preisfrage: Was haben Straßen-Rennprofi Ralf Waldmann und Eisspeedway-Crack Per-Olof Serenius gemeinsam? Die richtige Antwort: Beide sind bei der Feuerwehr - der eine als ehrenamtlicher Brandbekämpfer bei der freiwilligen Feuerwehr in Ennepetal, der andere als hauptberuflicher Brandmeister beim Löschzug der mittelschwedischen Stadt Gävle. Ansonsten könnten die beiden Rennfahrer unterschiedlicher kaum sein. Auf der einen Seite der 29jährige in Monaco lebende Waldmann, dessen Jahreseinkommen auf zwei Millionen Mark geschätzt wird. Auf der anderen Seite der 18 Jahre ältere Serenius, der Motorsport nur als Hobby betreibt. Das allerdings mit grandiosem Erfolg: 1995 gewann der schwedische Oldie erstmals den Titel in der Eisspeedway-Einzel-WM, die in zehn Rennen nach Grand Prix-System ausgefahren wird. Und mit der Team-Weltmeisterschaft, bei der er mit seinen schwedischen Eisflitzer-Kollegen schon zum zweiten Mal triumphierte, setzte er sogar noch eins drauf. Daß ein Fahrer noch mit 47 Jahren Champion in einer der spektakulärsten Rennsport-Disziplinen wird, ist schlichtweg eine Sensation. Zudem, wenn es ein außergewöhnlicher Typ wie Serenius ist. Fast immer hat der Schwede - in der eisigen Szene von jedem schlicht und einfach »Posa« gerufen - ein gütiges Lächeln auf den Lippen. Fast immer hat er Zeit für seine Freunde, Fans, die Fahrerkollegen und die Wünsche der Presse. Posa ist die Geduld in Person. Wenn Per-Olof Serenius auf sein 60 PS starkes Eismotorrrad steigt, das sich mit fast 300 jeweils 28 Millimeter langen Spikes in die Piste krallt, ist allerdings Schluß mit dem netten Posa. Dann erwacht ein anderer Serenius in ihm: »Wenn ich am Startband stehe, bin ich sehr gereizt«, umschreibt der Weltmeister vornehm, was abgeht, wenn er Gas gibt und - wenn es sein muß - in der Kurve mitten zwischen drei Gegnern hindurch unaufhaltsam nach vorn stürmt. Dann steigt die Posa-Serenius-Show. Die Qualitäten des Schweden müssen spätestens seit letztem Jahr auch die bislang mit dem Unschlagbarkeitsnymbus versehenen Russen anerkennen. Einmal vorn, kriegt Serenius keiner mehr - sein Motorrad wird breit wie ein Tourenwagen. Die Ideallinie ist immer da, wo sich der Weltmeister befindet. »Wenn du hinter einem herfährst, nimmst du kurz das Gas zurück, drückst das Motorrad noch weiter in Schräglage runter, und schon bist du innen vorbei.” Nach 20 Jahren Eisspeedway kennt Serenius die unorthodoxen Gesetze des Schräglagenfahrens auf spiegelglattem Parkett wie kein zweiter und läßt auch nicht gelten, daß ausgerechnet er ein unfairer Fahrer sein soll: «Ich meine nicht, daß ich ein höheres Risiko eingehe als andere Topfahrer. Vielleicht fahre ich manchmal ein bißchen hart, aber ich denke, das macht jeder mal. Das ist eine Weltmeisterschaft, und es soll hart gefahren werden.” Daß er in einem Alter, in dem andere bestenfalls noch in der Enduro-Seniorenklasse starten, die Maßstäbe im Eisspeedway setzt, ist für Serenius selbst nichts Außergewöhnliches: »Ich habe in all den Jahren Eisrennen nie einen schlimmen Unfall gehabt. Das ist das eine. Dann habe ich einen guten Job, ich bekomme viel frei fürs Training. Mein Einkommen ist gesichert, deshalb verspüre ich keinen Erfolgsdruck. Und schließlich macht sich meine enorme Erfahrung bezahlt.« Bei der städtischen Feuerwehr in Gävle muß Serenius 24 Stunden Dienst schieben, danach hat er drei Tage frei. Und ein Gesetz, das vor vier Jahren in Schweden verabschiedet wurde, gibt Leistungssportlern, die an Weltmeisterschaften oder Olympia teilnehmen, für alle Wettbewerbe Sonderurlaub. So tourt Gävles berühmtester Brandmeister von Januar bis März quer duch Europa, ohne seinen Jahresurlaub anbrechen zu müssen. Gegen die durchschnittlich um 20 Jahre jüngeren Gegner zählt Posa auch in der gerade begonnenen Grand Prix-Saison, vier Wochen vor seinem 48. Geburtstag, erneut zum Kreis der Top-Favoriten. Und die 20. soll noch nicht seine letzte Saison sein: «Wenn ich in keinen Unfall verwickelt werde, möchte ich noch ein bis zwei Jahre fahren.” Dann überlegt er kurz: »Wenn ich körperlich fit bin, noch zwei bis drei Jahre.”
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