Toni Bou im Porträt

Sieg über die Schwerkraft

Der Spanier Toni Bou kann sein Trial-Motorrad scheinbar spielerisch und wie schwerelos über die unglaublichsten Hindernisse manövrieren – 20 Weltmeistertitel hat ihm dieses Talent eingebracht. Gelernt hat er sein Können auf dem Fahrrad.

Vom Balkon seiner Wohnung genießt Toni Bou einen traumhaften Blick über die Bergwelt der Pyrenäen. Ein schmuckes Apartment reiht sich in diesem Seitental von Andorra ans andere, und zu Bous Nachbarn zählen Bradley Smith, Jorge Lorenzo und Marc Márquez. Auch sie sind Motorradrennfahrer von Beruf und freuen sich über die gleiche Fernsicht. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Denn einer wie Márquez, der nur aus Steuergründen in Andorra wohnt, kommt nur gelegentlich vorbei.

Und wenn er hier ist, kann der Superstar kaum in die Öffentlichkeit, weil er sofort von Autogrammjägern und Selfie-Knipsern erdrückt wird. Bei Toni Bou ist das anders. Nicht weniger als 20 Trial-Weltmeisterschaften hat der 30-Jährige gewonnen. 2016 siegte er sogar noch, nachdem er sich im Frühjahr bei einem Trainingssturz einen Rotatorenriss am rechten Arm zugezogen hatte. Trotzdem kann er mit seiner Freundin Esther, die in einer Anwaltskanzlei arbeitet, immer noch unbedrängt ins Kino gehen.

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Bis zu drei Stunden tägliches Training

 „Trial ist kein Massensport. Die Leute auf der Straße kennen und erkennen dich, aber sie massakrieren dich nicht. Sie machen ein oder zwei Fotos, gratulieren mir zu meinen WM-Titeln, klopfen mir auf die Schulter und sagen: ‚Es ist unglaublich, was du gemacht hast, wir haben ein Video gesehen.‘ Aber sie lassen dich dein Leben leben“, beschreibt Toni Bou seine Situation.

Ein großer Teil dieses Lebens spielt sich ohnehin in der Einsamkeit ab. Anders als in Spanien ist die Natur in Andorra noch unversperrt für Abenteuerlustige auf zwei Rädern. Toni Bou wagt sich mit seinem Motorrad besonders hoch hinauf, dorthin, wo sich klare Gebirgsbäche den Weg durch schroffe Felsformationen und karges Unterholz suchen. Bis zu drei Stunden täglich trainiert er dort, ganz für sich allein.

Schwerelos zwischen Himmel und Erde

Leichter ist das mit Felsbrocken durchsetzte Waldstück zu erreichen, in dem Toni Bou seine Akrobatik für die Kamera vorführt. Er parkt seinen Ford Transit auf der Serpentinenstraße neben seinem Sponsor Naturlandia, einem Themenpark in Nähe der Baumgrenze, macht seine Montesa-Honda mit wenigen Handgriffen startklar und schlägt sich in die Büsche.

Dort wird schnell klar, warum Toni Bou in seinem Fach der Beste ist. Er springt nicht über Baumstümpfe und Hinkelsteine, er tanzt über sie hinweg. Das Erklimmen mannshoher, senkrechter Felswände ist ein Akt vornehmer Gelassenheit, wie eine Aufzugfahrt im Viersternehotel. Und wenn er einen schmalen Grat erreicht hat, eine Zinne, von der es nicht mehr vorwärtsgeht, verharrt er auf dem Hinterrad, schwerelos zwischen Himmel und Erde, mit entspanntem Lächeln wie auf einem Aussichtsturm. Bou schwebt mit so feenhafter Leichtigkeit durch den Zauberwald, dass Höchstschwierigkeiten wirken wie ein zartes Kinderspiel. „Gib mir dein Motorrad, ich will auch mal: Trial kann doch nicht schwer sein,“ schießt es beim Zuschauen durch den Kopf.

Mischung aus Talent und hartem Training

In Wirklichkeit stecken ein Wundertalent und ein Leben voll von täglichem Training und wöchentlicher Wettbewerbe hinter diesem Geschick. Bou, was in Katalonien vergnüglich hüpfend Bo-u ausgesprochen wird, hatte zwar schon mit vier Jahren sein erstes Trial-Motorrad, lernte die raue Luft der Wettbewerbe aber zunächst mit dem Fahrrad kennen. „Mit sechs oder sieben Jahren ging ich zu meinem ersten Fahrrad-Trial und wurde Letzter. Das Niveau war sehr hoch, und ich habe zu meinem Vater gesagt: ‚Jetzt gehen wir trainieren, sodass wir beim nächsten Rennen nicht mehr Schlusslicht sind.‘ Also feilte ich zwei, drei Monate an meiner Fahrtechnik, ging zum nächsten Rennen und blieb in diesem Sport hängen.“

Toni Bou blieb dem Fahrrad-Trial treu, bis er zwölf Jahre alt war und genügend Kraft und Körpergröße hatte, auch eine Trialmaschine mit Motor bewegen und kontrollieren zu können. „Du musst das tun, woran du am meisten Spaß hast“, entschied sein Vater, worauf sich sein Sohn ganz auf Motorrad-Trials konzentrierte. „Zu Anfang war ich sehr gut im Training, tat mich aber schwer bei den Rennen. Ich war erst Dreizehnter in der WM, dann Neunter, dann Fünfter. Und im nächsten Jahr, in dem ich mir vorstellte, unglaublich gut zu werden, wurde ich nochmals Fünfter“, schmunzelt Bou.

Durchbruch auf der Viertakt-Montesa-Honda

Es war die Zeit, in der er noch auf Zweitaktern antrat. „Uns Fahrern gefallen die Zweitakter sehr, du spürst das Hinterrad sehr gut, besser als beim Viertakter. Alles ist viel direkter“, erklärt Toni Bou. Trotzdem kam sein Durchbruch, als er auf eine Viertakt-Montesa-Honda umsattelte und sich direkt zum Titel katapultierte. „Mir persönlich gab der Viertakter etwas, was mir vorher gefehlt hatte. Ich bin ein Fahrer, der viel mit dem Körper macht, mit wenig Gas. Und die Kraft aus dem Drehzahlkeller des Viertakters half mir sehr bei dieser Fahrweise. Er half mir, weiterzukommen und dieses entscheidende Plus gegenüber meinen Rivalen herauszufahren.“

Toni Bou unterscheidet dabei klar zwischen dem klassischen und dem modernen Trial-Fahrstil. Klassisch bedeutet, das Motorrad am Boden zu halten und laufen zu lassen. Modern ist, zu springen, das Motorrad mit dem Körper zu bewegen, auf dem Hinterrad zu hüpfen und sich um seine eigene Achse zu drehen.

Motorleistung nicht entscheidend

Am erfolgreichsten ist, wer wie Toni Bou beide Fahrstile perfekt miteinander kombiniert. „Nehmen wir an, du bist mit dem Hinterrad auf einem Felsen. Jetzt musst du sehr präzise sein und das Motorrad punktgenau fallen lassen. Anschließend fährst du auf den nächsten Felsen zu, aber wenn das Motorrad nicht genug Schwung hat und du nur das Vorderrad hochziehst und Gas gibst, dann dreht es hinten durch, und du bleibst auf der Stelle stecken. Du musst also beide Dinge kombinieren, den Stil des Fahrrad-Trials, auf dem Hinterrad zu balancieren, zielgenau mit dem Vorderrad zu sein, das Motorrad mit dem Körper zu bewegen, aber auch das flüssige Fahren, es wieder laufen zu lassen“, erklärt er.

Ein Trial, so Toni Bou, wird nicht mit der Motorleistung gewonnen. „Es ist die Kombination von Kupplung, Motor, Federung und der Fahrtechnik des Fahrrads, die es dir ermöglicht, eine Wand hochzufahren. Letztlich machst du alles mit dem Körper. Natürlich ist der Motor eine Komponente, aber Trial ist wahrscheinlich der Motorsport, bei dem die Motorleistung am wenigsten entscheidend ist.“

Gleiche Elektronik wie in der MotoGP

Freilich kommt es auch im Trial auf die Abstimmung und ein paar technische Feinheiten an. So hat Toni Bou die gleiche Elektronik zur Verfügung, die auch das MotoGP-Team einsetzt. „Ich habe vier Mappings und kann zum Beispiel wählen, ob das Motorrad weiterlaufen oder abbremsen soll, wenn ich das Gas zurücknehme, oder ob es ab Halbgas schneller oder weniger schnell hochdrehen soll“, so Bou. „Stell dir vor, du kommst auf ein nasses Streckenstück, in dem du viel Gefühl fürs Hinterrad brauchst. Da willst du wenig, aber gut dosierbare Leistung. Am Ende dieser Zone hast du plötzlich einen Sprung von zwei Metern, und jetzt brauchst du Maximalkraft. Du brauchst also die Wahl.“

Kann Toni Bou mit der Elektronik innerhalb einer Sektion spielen, so geht es bei der Kupplung um den goldenen Mittelweg. „Sie ist das Wichtigste und Komplizierteste am Trial, das Schwierigste. Du musst mit ihr über relativ kleine Steinbrocken hüpfen können, sagen wir, zwei Handbreit hoch. Du musst das kontrollieren können, genügend Gefühl haben, ohne von diesen kleinen Steinbrocken zu fallen. Vielleicht musst du dich dann auf diesem kleinen Brocken auf dem Hinterrad drehen und plötzlich einen Sprung von zwei Metern in Angriff nehmen. Jetzt brauchst du viel Kraft. Mit wenig Kupplungsspiel, auf geringem Weg, musst du viel Kraft mit viel Gefühl dosieren können. Und das ist das Schwierige“, so Bou. „Du musst ständig nach dem besten Kompromiss suchen, Gefühl zu haben und trotzdem springen zu können: Dafür gibt es kein perfektes Setup. Eigentlich müsstest du zwei Kupplungen haben.“

Kupplung ist speziell, aber nicht superspeziell

Doch so weit ging Honda auch an Bous Werksmaschine nicht. „Meine Kupplung ist speziell, aber nicht superspeziell. Eine Kupplung funktioniert, wie sie eben funktioniert, und wir modifizieren sie etwas, mit stärkeren oder schwächeren Federn, anderen Scheiben, aber es ist immer noch eine normale Kupplung.“ Auch auf Experimente mit der im Straßenrennsport gebräuchlichen Traktionskontrolle verzichtet Toni Bou. „Wir haben es ausprobiert, doch im Trial funktioniert das nicht. Trial ist sehr speziell, und das durchdrehende Hinterrad ist Teil der Veranstaltung“, sagt Bou.

Die Weiterentwicklung komme nicht von oben, vom Straßenrennsport, sondern von der Basis – dem Trial-Fahrrad. „Die Evolution dort ist uns immer einen Schritt voraus. Vor zehn Jahren wurden zum Beispiel alle Sprünge mit dem Hinterrad gemacht, vom Abflug bis zur Landung. Jetzt landen alle Fahrräder mit dem Vorderrad zuerst, denn die Flugstrecke, die sie zurücklegen, wird dadurch kürzer. Dann bremsen sie mit dem Vorderrad, bleiben kurz nach dem Landepunkt stehen und haben alles unter Kontrolle. Es ist unglaublich“, erklärt Toni Bou. „Mit dem Motorrad fangen wir auch an, das Vorderrad einzusetzen, auf Bergabstücken, und das haben wir vom Fahrrad übernommen. Aber klar, wenn du beim Motorrad nach einem Sprung zuerst mit dem Vorderrad aufkommst, staucht es die Gabel zusammen, und es will dich von hinten abwerfen. Deshalb geht die Weiterentwicklung in kleinen Schritten vonstatten. Aber das Motorrad wird den Weg des Fahrrads kopieren. Ganz sicher.“

Auf der Suche nach der größten Herausforderung

Toni Bou sucht die größten Herausforderungen, und deshalb sind ihm Indoor-Trials mit künstlichen, oft unüberwindlich wirkenden Hindernissen vor einem staunenden Publikum lieber als Outdoor-Wettbewerbe, denen es an Höchstschwierigkeiten und, oft genug, auch am Publikum mangelt. „Das Konzept des Outdoor-Trials ist sehr alt, ohne Verständnis dafür, die Sektionen eng beieinanderzuhaben, sodass das Publikum und Medien sich richtig damit auseinandersetzen können. Und die Leute, die es organisieren, machen ein Reglement, um das Niveau zu drücken, um die Evolution zu bremsen, sodass die Fahrer enger beieinander sind und es weniger Unterschied zwischen dem Ersten und dem Letzten gibt“, kritisiert Bou. „Doch für eine Weltmeisterschaft ist dieses Rezept falsch. Du musst den Fortschritt vorantreiben, versuchen, dem Publikum das größtmögliche Spektakel zu bieten, mit brandaktueller Technik. Es gibt bereits einen neuen Promoter, der sich das Indoor-Trial gesichert hat. Es soll eine Show werden wie Supercross, wie Freestyle, bei der die Fahrer all das machen können, was es braucht, um das Publikum zu begeistern.“

Toni Bou will seinen Sport voranbringen, und dabei ist er sich auch nicht zu schade, selbst Hand anzulegen. Nach dem MOTORRAD-Fotoshooting verbrachte er den ganzen Nachmittag im Naturlandia-Park, um dort mit einem Baggerführer Felsbrocken aufzuschichten, für ein neues Trialgelände im Namen von Toni Bou, auf dem Kinder und junge Talente diesen Sport erlernen sollen.

„Mit jedem Titel wächst auch die Verpflichtung"

Er liebt eben alle Aspekte dieses Sports, und deshalb hat er nach 20 WM-Titeln keine ausgefallenen Wunschträume mehr – nur, dass sein Leben im gleichen Stil weitergehen möge. „Ich bin überglücklich damit, was ich und wie ich es erreicht habe. Mein Traum ist, mein Leben genauso weiterzuführen“, sagt Toni Bou.

„Mit jedem Titel wächst auch die Verpflichtung, an die Erfolge anzuknüpfen. Von September bis November genieße ich das Erreichte. Doch ab Dezember werde ich hart arbeiten, um im Januar in Topform die nächste Saison in Angriff nehmen zu können.“3

Foto: info@fmimages.com
Auf dieser Viertakt-Montesa-Honda Cota 4RT gewann er seine 20 WM-Titel.
Auf dieser Viertakt-Montesa-Honda Cota 4RT gewann er seine 20 WM-Titel.

Das Motorrad: Montesa-Honda Cota 300RR

Die Klasse eines Toni Bou zu erreichen, dürfte schwierig sein. Mit der Cota 300RR bietet Montesa-Honda immerhin ein perfektes Motorrad dafür an. Bous Karriere ist untrennbar mit seinem Motorrad verbunden, der Viertakt-Montesa-Honda Cota 4RT, auf der er seine 20 WM-Titel gewann. Ab sofort können ambitionierte Kunden die Cota 300RR kaufen, die so nah dran ist an Bous Sportgerät wie keine Montesa-Honda zuvor.

Die knapp 9500 Euro auf dem Preisschild zeigen, dass der 288-cm³-Einzylinder kein Spielzeug ist – den Vierzylinder-Allrounder CB 650 F gibt’s bei Honda schon für 1.000 Euro weniger. RR steht für Race Ready, und wie die Werksmaschine verfügt auch die Cota 300RR über verschiedene, frei programmierbare Motormappings, wenn auch nur über zwei statt der vier an Toni Bous Motorrad. Mit 72 Kilo wiegt die 300RR nur zwei Kilo mehr als das in der WM erlaubte Mindestgewicht.

Zur Person

Der Spanier Toni Bou beherrscht die Trial-Weltmeisterschaft seit inzwischen zehn Jahren beinahe nach Belieben. Er wurde am 17. Oktober 1986 in Piera/Barcelona geboren. Sein Lebensmittelpunkt ist der Pyrenäenort La Massana im Zwergstaat Andorra. Seine sportliche Karriere begann er im Alter von acht Jahren mit Fahrrad-Trial. 1999, mit zwölf Jahren, wurde Bou in dieser Sportart Weltmeister und sattelte auf Motorrad-Trial um. Auch in dieser Disziplin bewies er sein Talent: 2001 gewann er die spanische Junioren-Meisterschaft, wenig später den europäischen 250-cm³-Trial-Cup. 2003 wurde er Trial-Europameister.

Nach einer Reihe weiterer nationaler spanischer und internationaler Erfolge unterschrieb Toni Bou 2007 einen Vertrag beim Montesa-Honda-Werksteam. Auf der Montesa Cota 4RT, seiner ersten Maschine mit einem Viertaktmotor, gewann Bou auf Anhieb die Indoor- und später im Jahr auch die Outdoor-Weltmeisterschaft. Seither hat Bou ohne Unterbrechung jedes Jahr diese beiden WM-Titel gewonnen und es in den beiden Kategorien zu je zehn Gesamtsiegen gebracht.

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