Warratz, Ulrich: Porträt (Archivversion)

»Arabia felix« - glückliches Arabien - nannten die Römer das Gebirgsland im Südwesten der Arabischen Halbinsel. Der heutige Jemen ist ein relativ junger Staat: Erst 1990 vereinigten sich der bis dahin kommunistisch regierte Süden und der feudalististisch-konservative Norden wieder zu einem Land. Seit altersher sind neben der Regierung auch die Stämme ein Machtfaktor, wobei die Regeln der Clans und nicht die Gesetze des Parlaments im fernen San´a` das Denken vieler Jemeniten bestimmen. Immer wieder setzen Krieger die Regierung, deren Arm nicht in die dünnbesiedelten Gebiete reicht, durch Geiselnahmen unter Druck. Seit 1993 sind rund 80 Ausländer im Jemen entführt worden, die aber alle wieder freigelassen wurden, ohne daß sie nachhaltig zu Schaden kamen. Die Entführung im März 1997 bewirkte, daß Ausländer weder in den Norden noch in die Provinzen Hadramaut oder Al Mahra reisen dürfen. Für die jemenitische Regierung sind bei den Geiselnahmen »feindliche Kräfte« am Werk, worunter der auf fünf Jahre gewählte Präsident Ali Abdallah Salih konkret Saudi-Arabien versteht. Seit dem Sturz des Imamats, einer Art absolutistischem islamischen Priesterkönigtums im Jahr 1962, sollen Stämme im Norden und Osten des Jemen im Sold der Saudis stehen. Bei der Verschleppung der Deutschen könnte es sich deshalb um einen politischen Auftrag gehandelt haben. Denn den Saudis paßt die politische Richtung, die der Jemen eingeschlagen hat, nicht.Sieben Jahre nach der Vereinigung, vier Jahre nach den ersten Parlamentswahlen und drei Jahre nach dem letzten Bürgerkrieg hat das mit 15 Millionen Einwohnern volkreichste Land auf der Arabischen Halbinsel auf eine demokratische Entwicklung gesetzt. Angesichts religiöser Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten, der Autonomiebewegung der Stämme, und der immensen sozialen und wirtschaftlichen Probleme verläuft dieser Weg in die Moderne nicht reibungslos. Der Jemen ist mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 1000 Mark eines der ärmsten Länder der Welt, die Arbeitslosigkeit wird auf 40 bis 60 Prozent geschätzt.
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