Arne Tode beim Heimrennen am Sachsenring That's Racing

Deutsche GP-Fahrer auf der einzigen deutschen GP-Strecke: Heim-Grand Prix! PS begleitete Moto2-Racer Arne Tode beim MotoGP-Wochenende am Sachsenring auf Schritt und Tritt. Es wurde ein turbulentes Wochen-ende für den jungen Sachsen - mit Höhen und Tiefen.

Foto: 2snap

Das ist schon etwas ganz besonderes hier", strahlt Arne Tode am Freitag vor dem ersten Training. Er steht in Teamklamotten vor der Box und ist umringt von Menschen. Es ist "Pitwalk". Die Leute schütteln ihm die Hände, klopfen Tode auf die Schultern und plaudern drauf los, als habe er gestern noch mit ihnen Pommes an der Würstchenbude verputzt. Ein älterer Herr hält Tode am Arm und feuert ihn lautstark an: "Arne, zeig uns was dieses Wochenende, Junge!" Tode lächelt, verspricht, sein Bestes zu geben und signiert das Leibchen eines Ordners.

Für den 25jährigen Moto2-Piloten ist das sein Heim-Grand Prix, mehr als für alle anderen deutschen Fahrer. Der Glauchauer wohnt keine zehn Kilometer entfernt. Eigentlich könnte er locker mit dem Roller heimfahren, aber Tode schläft im Fahrerlager. "Hier kann ich die Konzentration besser hoch halten", erzählt er nach dem Training im Wohnmobil, das eigentlich Kumpel Max Neukirchner gehört, der ebenfalls aus der Gegend stammt.

Tode gefällt der Trubel. "Du merkst den Menschen hier ihre Rennsport-Begeisterung sofort an. Überall, wo du hinkommst, gibt's ein großes Hallo. Ich bin immer wieder überrascht, woher die Leute mich kennen. Nicht einmal in Spanien sind die Leute so verrückt nach Motorrad-Rennen."

Diese Begeisterung bedeutet aber auch einen enormen Druck für den GP-Rookie, der in der vergangenen Saison noch in der IDM Superbike gefahren ist. Kritische Kommentare eines Teamsponsors zu Todes Leistungen gegenüber der regionalen Presse im Vorfeld des Sachsenring-GPs machen außerdem die Spannungen im Team spürbar. Äußerlich gibt Tode den Sonnyboy, genauer beobachtet ist ihm die Anspannung jedoch anzumerken.

Todes erste Saison auf internationalem Top-Niveau ist hart, verlief, nüchtern betrachtet, bisher verhalten. "Wir machen mit jedem Rennen kleine Schritte vorwärts", rechtfertigt Dietmar Franzen, Todes Cheftechniker, die Resultate. "Arne kennt die meisten Strecken nicht, wir haben keine Daten. Es ist learning by doing. Das Motorrad und die Reifen sind völlig neu."

Immerhin gelangen dem jungen Sachsen im fünften Rennen in Silverstone die ersten zwei WM-Zähler. Nach dem Sturz in Assen zwei Rennen später verpasste er mit Rang 17 in Barcelona wieder nur knapp die Punkte. "Es ist immer irgendetwas, das nicht hundertprozentig passt. Da hast du auf diesem Niveau keine Chance", erzählt Tode von den bisherigen Rennen. Jetzt ist er zuversichtlich, dass etwas gehen könnte. Im ersten freien Training war er bester Deutscher. "Eigentlich ist das nicht meine Strecke. Ich kenne den Sachsenring zwar sehr gut, aber mir liegt Brünn beispielsweise wesentlich mehr."

Im zweiten Training am Samstagmorgen greift Tode an. Er ist hochkonzentriert, die gesteigerte Aufmerksamkeit etwa durch das MotoGP-Fernseh-Team, das immer wieder vorbei schaut, und der Andrang in der Box durch Leute aus dem Umfeld des Teams, lokale Medien und die Geldgeber lässt er nicht an sich heran.

Noch gibt es Probleme mit dem Setup, verhält sich das Motorrad an Schlüsselstellen nicht wunschgemäß. Fahrwerksmann Franzen grübelt und berät sich mit dem Service-Techniker der Suter MMX. Nachdem die Änderungen erledigt sind, geht Tode erneut raus. Mit der dritten Runde platziert er sich unter den Top Ten. Zufriedenes Nicken in der Box. Am Ende des letzten freien Trainings ist es Platz elf. Die Hoffnung wächst, im Qualifying zuschlagen zu können. Es beginnt die Zeit des gespannten Wartens. Kurz vor drei Uhr wird Tode zur Box gehen, während Rossi noch um die Pole kämpft. Dann gilt es.

Nach ein paar Runden kommt die 41 an die Box. "Gut", nickt Arne Franzen zu, dessen Mine sich augenblicklich aufhellt. Die kleinen Korrekturen über Mittag haben gefruchtet. Neue Reifen werden aufgezogen. Inzwischen hat sich WM-Leader Iannone vorn platziert, dahinter taucht Pons-Gastfahrer und IDM-Supersportler Damian Cudlin in den Top-10 auf. Auch Stefan Bradl legt eine gute Zeit hin. Tode schwingt sich in den Sattel und überquert kaum zwei Minuten später Start/Ziel. Die Spannung in der Box steigt merklich. Findet er eine gute Runde? Kommt er wieder in die Top Ten?

1,25,655 min.! Wahnsinn! 12 Minuten vor Ende des Qualifying steht der Junge aus der Nachbarschaft bei seinem ersten Heim-Grand Prix plötzlich auf der Pole. Jubel in der Box, Menschen liegen sich in den Armen. Teamchef Dirk Heidolf, der beim Moto2-Auftritt bisher kaum in der Box zu sehen war, kommt herein und klatscht die Mechaniker ab. Die ersten mahnen, dass es noch nicht vorbei sei. Die folgenden Minuten vergehen wie in Zeitlupe.

Als Tode verschwitzt in seiner Ecke hockt, ist das Fernsehen da und bietet die Plattform für Eitelkeiten bei Teamangehörigen. Dafür haben Tode und Franzen keine Zeit. Nach kurzer Besprechung wird das Motorrad überprüft, die Reifenwärmer aufgezogen. Eventuell muss Tode nochmal kontern - noch acht Minuten.

Fünf Minuten vor Schluss setzt Iannone mit einer 1,24.982 min eine Fabelzeit. Obwohl Arne noch einmal dagegen hält, steht der Italiener auf der Pole. Trotzdem, Startplatz zwei ist ein Riesenerfolg. Die Mechaniker und Teamchef Heidolf stürmen Richtung Parc Fermé.

Nach der Pressekonferenz lässt sich ein sichtlich gelöster Tode in der Box herzen, nimmt Glückwünsche entgegen und beantwortet geduldig die Fragen der Reporter. Gegenüber der Box skandiert eine Gruppe Fans am Zaun "Arne Tode Motorrad-Gott". Spätestens mit diesem Quali-Ritt dreht sich alles um den Sachsen. "Damit habe ich einigen Leuten wohl gezeigt, was ich kann", freut er sich nach dem Umziehen und ist hippelig wie ein Kinderschüler vor der Einschulung.

Es hagelt Anfragen von Sponsoren, Veranstaltern diverser Race-Events und selbst vom Bürgermeister von Hohenstein-Ernstthal, der eigentlichen Sachsenring-Gemeinde. Um 18 Uhr beginnt der Triumphzug für Tode in der Kart-Halle zwischen Rennstrecke und dem berühmt-berüchtigten Ankerberg. Dafür muss er eine längst geplante Autogrammstunde spontan absagen. Tom Lüthi ist da, Mikka Kalio und Alvaro Bautista, Marco Simoncelli steht noch hinter der Bühne, während Arne Tode im Pressegraben davor etliche Autogramme schreibt und sich fotografieren lässt. Als er von Sprecher-Legende Bernd Fulk, der die Leute mit Rossi-Stories zuerst hochpeitscht, auf die Bühne gerufen wird, bricht grenzenloser Jubel in der vollbesetzten Halle aus. Tode gibt ein kurzes Interview, wirft ein paar T-Shirts in die Menge, verabschiedet sich kurz von Vater Klaus, der draußen wartet, springt in den bereitstehenden Shuttle-Bus, und ab geht‘s zum nächsten Sponsorenempfang in einem der umliegenden Orte. Auch dort heißt es Fragen beantworten, Autogramme geben und pünktlich zur nächsten Veranstaltung aufbrechen. Der Bürgermeister wartet schon. Als der Tross in der Westernstadt Hohenstein-Ernstthal eintrifft, steht das Stadtoberhaupt schon am Tor, hakt den GP-Helden unter und stellt ihn den Gästen vor. Unter ihnen ist Jim Redman, sechsfacher Weltmeister. "Hey man, wo sind die ganzen Mädels? Zu meiner Zeit waren Jungs in der ersten Startreihe nur so von Weibern umringt", begrüßt Redman den jungen Rennfahrer. Es folgen Händeschütteln und ein Abendessen mit Smalltalk über die Chancen im morgigen Rennen. Arne ist euphorisiert, der Rummel gefällt ihm, das Rampenlicht schmeichelt ihm.

Kurz nach 21.30 Uhr, als Teamchef Heidolf auftaucht, wird es höchste Zeit für den letzten Termin des Tages. Auf dem Marktplatz von Hohenstein-Ernstthal haben sich mehrere tausend Menschen versammelt, die den GP wie ein Stadtfest begehen. Als Tode mit dem gesamten Team eintrifft und die Bühne erreicht, ist es nach 22 Uhr. Nach dem nächsten Song der Band springt das Racing Team Germany mit Bürgermeister auf die Bühne. Besonders der Moto2-Fahrer wird wie ein Popstar bejubelt, jeder hier scheint zu wissen, was Tode am Nachmittag vollbracht hat. "Ein Junge von hier, Mensch", freut sich ein rüstiger Rentner vor der Bühne mit seiner Frau im Arm.

Ein Moderator stellt ihm die üblichen Fragen nach dem Gefühl fürs Rennen. Tode schreibt Autogramme, klatscht Leute ab und blickt auf die Uhr. Jetzt ist es höchste Zeit fürs Bett, morgen könnte das bisher wichtigste Rennen seines Lebens werden. "Gut wegkommen, damit ich nicht in einen Crash verwickelt werde. Schauen, was geht", erklärt er die Strategie für morgen. Als Tode aus dem Shuttle steigt und allein Richtung Wohnmobil geht, ist der Glamour des Abends schon verflogen. Erste Zeichen der Anspannung spiegeln sich im Gesicht der neuen deutschen Hoffnung.

Anfangs geht sie auf, die Strategie. Aber im GP werden kleinste Fehler ausgenutzt. Da das Motorrad in den letzten beiden Kurven nicht hundertprozentig passt, Arne die Linie nicht halten kann, schlüpfen ihm erfahrene GP-Piloten wie Elias, Talmacsi und dann auch Bradl durch. Beim Versuch, dagegen zu halten, rutscht ihm das Vorderrad weg. An zehnter Stelle stürzt er. Ohne Höcker kämpft die 41 tapfer bis zum Schluss, was die Zuschauer mit großem Jubel honorieren. Als Letzter erreicht er das Ziel. In der Auslaufrunde wird Tode auf den Rängen dennoch bejubelt, als habe er einen Podestplatz erreicht - motorsportverrücktes Sachsen.

Aber die Enttäuschung ist groß. In der Box ist jetzt keiner da, der jubelt. Einige von denen, die Tode noch am Vortag vor Feierlaune fast erdrückt hätten, haben die Box längst durch den Hinterausgang verlassen. Einen Moment sitzt der Racer geknickt da, das Visier noch heruntergeklappt, muss alles erst verarbeiten. Dann nimmt ihn Franzen tröstend in den Arm. Schon wollen Reporter wissen, warum es nichts wurde mit dem Sieg, halten Fotografen ihre Kameras vor Todes Gesicht, drängt sich das Fernsehen zum Interview durch.

Willkommen im Haifischbecken Grand Prix! Wie heißt es so schön: That‘s Racing - heute ein Held, morgen der Loser. Da gilt es sich durchzubeißen. Das Zeug dazu hat er. Wir drücken die Daumen!

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