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Cal Crutchlow im MOTORRAD-Interview.

Cal Crutchlow im Interview "Nach vorne bringt mich wilde Entschlossenheit"

Tech 3-Yamaha-Pilot Cal Crutchlow ist einer der spektakulärsten Fahrer der MotoGP-Klasse und verrät im MOTORRAD-Interview, wie man auch als Vertreter eines Satellitenteams Podestplätze erkämpfen kann.

MOTORRAD: Viele Fahrer, die wie Sie aus dem Superbike- oder Supersport-Umfeld kamen, sind im Grand Prix-Zirkus gescheitert. Was macht Sie so stark auf einer MotoGP-Maschine?

Crutchlow: Eiserne Willenskraft. Du musst das Fahren genießen, du musst aber auch eine wilde Entschlossenheit haben, an der Spitze mitzufahren. Viele andere scheinen aufzugeben, und nach dem ersten Jahr wäre es auch für mich leicht gewesen, das Handtuch zu werfen. Es war ein Desaster. Doch ich wollte mich verbessern. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich mich auf der Strecke steigern kann, aber auch darüber, was ich in meinem täglichen Leben ändern könnte, um die Topfahrer erfolgreich herausfordern zu können.

MOTORRAD: Was hat Ihnen am meisten geholfen?

Crutchlow: Es war eine schwierige Phase. Als ich auf die 1000-cm 3 -Maschine stieg, sagten mir die Leute: Du musst dieses Motorrad so und so fahren. Genauso machte ich es. Ich ließ das Motorrad in den Trainings, wie es war, ohne viel an der Abstimmung zu ändern, und konzentrierte mich aufs Gas-geben. Ich lernte, mit der Leistung umzugehen und wie die Reifen funktionieren. Das hätte ich schon im ersten Jahr tun sollen. Aber es war keine einzelne Sache. Ich verbesserte mich in jeder Hinsicht.

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"Die Beschleunigung ist wirklich schlecht"

MOTORRAD: Hilft Ihnen die Yamaha, die ja als besonders gutmütig und agil gilt?

Crutchlow: Schon, aber dafür fehlt es am Getriebe. Und die Beschleunigung ist wirklich schlecht. Sie lässt sich zwar angenehm durch Schikanen fahren, doch wenn wir das Motorrad aufrichten, fährt es nirgendwohin. Es geht nicht vorwärts. Wenn die Honda-Fahrer aufrichten und das Gas aufziehen, sind sie über alle Berge. Doch ich will mich nicht beschweren, mein Gesamtpaket funktioniert sehr gut.

MOTORRAD: Die Frage ist: Wie viel Verbesserung ist mit diesem Motorrad noch möglich?

Crutchlow: Ich weiß es nicht. Ich versuche einfach weiter, das Maximum herauszuholen. Auch an meinem Fahrstil lässt sich zweifellos noch einiges verbessern. Das Motorrad ist sicher nicht schlecht, doch wenn du mich fragst: „Kannst du noch eine halbe Sekunde pro Runde finden?“, dann ist die Antwort ein klares Nein. Vielleicht eine Zehntelsekunde hier und da, doch dann sind wir am Limit.

MOTORRAD: Welches ist Ihrer Meinung nach das derzeit beste Motorrad?

Crutchlow: Die Honda. Während Yamaha nicht so viel am Motorrad verändert hat, machte Honda große Entwicklungssprünge. Yamaha kann sich glücklich schätzen, dass sie Jorge Lorenzo haben, denn er ist überall sehr schnell. Honda ist stark beim Bremsen, beim Einbiegen in die Kurve. Der Kurvenspeed selbst ist schlecht, doch die Beschleunigung ist wieder gut, ebenso die Höchstgeschwindigkeit. Wir haben nur guten Kurvenspeed. Die Yamaha hat einen Vorteil, die Honda dagegen vier.

MOTORRAD: Mit der neuen Beschränkung für die Anzahl der Getrieberäder ist der Nachteil, ohne das sogenannte „Seamless“-Getriebe der Hondas fahren zu müssen, noch deutlicher geworden. Wie bewältigen Sie dieses Problem?

Crutchlow: Dieses Problem habe nicht nur ich, sondern auch die anderen Yamaha-Piloten Jorge Lorenzo, Valentino Rossi und Bradley Smith. Es würde uns sehr helfen, wenn auch wir ein Getriebe wie Honda hätten. Denn wir können nicht schalten, wenn wir Wheelspin haben. Wenn das Hinterrad durchdreht, rastet der nächste Gang nicht ein. Die Honda hat da einen klaren Vorteil, dort funktioniert das sehr gut.

MOTORRAD: Jorge sieht beim Fahren lässig aus, vom Streckenrand sind keine Schwierigkeiten erkennbar.

Crutchlow: Das ist er, so ist sein Fahrstil. Auf einer Honda würde er genauso sauber und unspektakulär aussehen.

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"Alle wussten, dass er vorne mitfahren würde"

MOTORRAD: Seine Attacke auf Jorge Lorenzo in der letzten Runde von Jerez hat Diskussionen ausgelöst. Fuhr er dort zu aggressiv?

Crutchlow: Meiner Meinung nach war das ein ganz normaler Überholvorgang. Marc ritt eine harte, aber gute Attacke. Er war ein bisschen zu schnell eingangs dieser Kurve, doch er zog sein Manöver durch, niemand stürzte. So etwas kann passieren, im nächsten Rennen könnte es auch Jorge sein, der einen anderen auf diese Weise überholt. Ich denke nicht, dass wir das zu einer großen Sache aufbauschen sollten.

MOTORRAD: Im Kampf der MotoGP-Klasse ist viel von den „fantastischen vier“ an der Spitze die Rede. Ärgern Sie sich, dass Sie nicht dazugehören?

Crutchlow: Es ist mir egal, ob über die fantastischen vier oder die fantastischen fünf geredet wird. Ich will einfach den bestmöglichen Job machen, und zurzeit bin ich zufrieden mit den Ergebnissen, die wir erkämpfen. Ich will gar nicht, dass die Leute mich als dies oder das bezeichnen. Ich bin nichts anderes als ein Typ, der Motorrad fährt.

Kein Fehler im System

MOTORRAD: Ist etwas falsch am MotoGP-System, wenn ein Fahrer von Ihrem Kaliber kein echtes Werksmotorrad zur Verfügung hat?

Crutchlow: Eines zu kriegen, ist wirklich sehr schwierig. Aber ich sehe keinen Fehler im System, es ist einfach so. Es gibt nun einmal keinen zusätzlichen Hersteller in der MotoGP-Klasse, und ich kann daran nichts ändern. Deshalb muss ich die Situation so akzeptieren, wie sie ist.

MOTORRAD: Ist ein Job als Werksfahrer weiterhin Ihre höchste Priorität?

Crutchlow: Ja natürlich, ohne jeden Zweifel.

MOTORRAD: Wie stehen die Chancen bei Yamaha?

Crutchlow: Schlecht. Pol Espargaró kriegt den nächsten Werksfahrerjob, das steht bereits fest. Warum, weiß ich nicht. Auf einer MotoGP-Maschine hat er noch nichts gezeigt. Bei Yamaha will man für die Zukunft vorbauen, doch Pol ist nicht Marc Márquez. Sie glauben, er sei es, auch wenn er nicht einmal in seine Nähe kommt. Für mich bedeutet das, dass die Zukunft weiterhin unklar ist, so wie im letzten Jahr. Wir müssen abwarten.

MOTORRAD: Als Trost haben Sie mit dem französischen Tech 3-Team ein besonders angenehmes Umfeld mit einer schönen Teambasis an der Côte d’Azur. Düsen Sie gelegentlich mit Teamchef Hervé Poncharal auf dem Jetski zu den vorgelagerten Inseln?

Crutchlow: Ein Team, dessen Werkstatt direkt am Strand liegt – besser kann man es kaum erwischen. Doch was meine Freizeitbeschäftigungen angeht, habe ich eine klare Priorität: Ich bin am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs.

Cal Crutchlow fuhr R6-Cup

Cal Crutchlow wurde am 29. Oktober 1985 im englischen Coventry geboren. Seine ersten Motorradrennen fuhr er 1999 in der britischen Junior Challenge und wurde Gesamtsieger. Es folgten Lehrjahre im englischen Aprilia-125-Cup (Meister 2001) und Yamaha R6-Cup (Vizemeister 2003).

2006 gewann Crutchlow die britische Supersport-Meisterschaft, 2009 wurde er Supersport-Weltmeister auf Yamaha. Der anschließende Aufstieg ins Yamaha-Superbike-Werksteam war da fast logisch. Bereits 2011 kam er ins Yamaha-MotoGP-Satellitenteam Tech 3.

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