Portrait: Casey Stoner Der Dominator der 2011er-MotoGP-Saison

Im Herzen ein Landei, setzt sich MotoGP-Star Casey Stoner in seiner Freizeit gern ins Outback zur Jagd ab. Ist er im Honda-Werksteam diese Saison aber nun Jäger oder Gejagter?

Foto: gngpix.com

Jeder braucht Balance im Leben. Casey Stoners Beruf dreht sich ausschließlich um Speed, Stress und komplexe Technik. Deshalb macht er abseits der Rennstrecke das genaue Gegenteil. Nirgends geht es dem Moto-GP-Weltmeister von 2007 besser als draußen im australischen Busch, beim Campen, Fischen und auf der Jagd. "Ich setze mich soweit ab, wie es irgendwie geht", erzählt Stoner am Ufer von Lake Glenbawn, etwa fünf Autostunden nordwestlich von Sydney, tief im Land der Kängurus. "Dann gehe ich Angeln. Dabei kann ich das Rennfahren völlig vergessen und es bläst mir den Kopf frei. Außerdem kommt man dabei an unglaublich schöne Plätze. Seen und Flüsse begeistern mich total. Das schönste ist ein ganz abgelegener Ort zum Zelten irgendwo an einem Flüsschen - unglaublich. Je einsamer, desto besser. Da fang ich mir dann eine Forelle und grill mir ein schönes Abendessen. Oder ich spring einfach rein und nehm ein Bad. Mein Herz hängt am Landleben."

Eine weitere Leidenschaft des Australiers ist die Jagd mit dem Bogen. "Ich habe mit einem kurzen Jagdbogen angefangen. Jetzt nehme ich einen einfachen Langbogen. Keine Zielvorrichtung, nichts, völlig Old School. Ich mag das, weil es eine größere Herausforderung ist als mit dem Gewehr und es ist fairer gegenüber dem Tier. Das Anpirschen selbst ist das allerbeste an dieser Jagd. Man muss erst viel über die Tiere herausfinden - wo und wann sie fressen. Dann muss man die Windrichtung beachten, aus welcher Richtung man sich anschleichen muss, wo die beste Deckung ist und wie die Sonne steht. Scheint dir die Sonne ins Gesicht, werden sie dich sehen, da hast du keine Chance. Gehst du auf Wildschwein, ist das überlebenswichtig, die sind ganz schön aggressiv. Wenn man sie überlistet, ist das ein tolles Gefühl."

Sobald ihm die frische Saison die Zeit dazu lässt, hat Stoner eine größere Tour vor und will dafür alle Zivilisation hinter sich lassen: „Ich möchte mit ein paar Jungs auf Pferden auf große Tour gehen. Angeln, Zelte und der Bogen kommen auf ein Packtier und dann geht’s vier, fünf Tage durch den Busch. Wir wollen kein Essen mitnehmen, nur vom Jagen und Fischen leben.“ Mehr Old School geht wohl nicht, das ist Australien wie im 19. Jahrhundert.

Obwohl Stoner sich von seinem Alltag gern radikal absetzt, sind ihm die Parallelen zu seiner 21. Jahrhundert-Profession voll bewusst. Beides hat mit jagen und gejagt werden zu tun. "Stimmt, obwohl du beim Racing natürlich immer der Gejagte sein willst", grinst er breit. "Tatsächlich fühlt es sich in der ersten Kurve, wenn du mitten im Pulk steckst, genauso an, wie der letzte Moment im Wald, bevor du den Pfeil abfeuerst. Die Augen sind überall, du checkst alle Eventualitäten. Gibt es genug Platz hier hin, dort hin? Wann ist der beste Moment zum Zuschlagen? Wie beim Jagen. Steht der Wind gut? Sieht mich keiner? Was, wenn...? Mit einem gewaltigen Unterschied - beim Jagen herrscht diese unglaubliche Ruhe."

Aber der junge Aussie braucht den Action-Kick manchmal auch außerhalb dieses 300-km/h-Hahnenkampfes, von dem er unumwunden zugibt, dass ihm dabei "einer abgeht". Stoner hat jüngst eine etwas gefährlichere Art des Fischens für sich entdeckt - in Australien kein Problem. "In Darwin macht das echt Spaß, überall sind Krokodile im Wasser. Dein Herz rast unentwegt. Alle Aufmerksamkeit gilt der Wasseroberfläche, dass da nicht plötzlich etwas nach einem schnappt. Die meisten Leute wiegen sich gern in Sicherheit, aber wir fahren Rennen, um richtig Adrenalin zu pumpen. Angst bedeutet Adrenalin, und genau das geht ab, wenn der Fluss voller Krokodile ist. Da kannst du nicht abschalten und musst ständig auf der Hut sein."

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Foto: 2Snap

Stoner war fast sein ganzes Leben ein Junge vom Land. Am 16. Oktober 1985 an der australischen Goldküste geboren, zogen seine Eltern als er neun Jahre alt war südwärts in die Weinanbau-Gegend im Hunter Valley, um die Rennkarriere des kleinen Casey voranzutreiben. „Der Wettbewerb in Queensland war nicht mehr gut genug. Ich hab alles gewonnen, also sind wir nach New South Wales gezogen. Dort haben sie mir zwar nicht den Hintern versohlt, aber es war deutlich schwieriger.“

Mit 16 Monaten saß er das erste Mal allein auf einem Motorrad. „Ich habe diese alte PW50 den Hügel hochgeschoben und bin damit runter gerollt, immer und immer wieder. Dann saß ewig einer hinten drauf, während ich das mit dem Gasgriff geübt habe. Als ich drei war, durfte ich allein damit fahren. Ab da machte ich quasi nichts mehr anderes, solange Sprit im Haus war.“ Mit vier fuhr er sein erstes Rennen. Mit 13 hatte Stoner bereits 41 nationale Dirt-Track-Titel gewonnen. Das schnelle, rumplige Dirt Track hat Stoner geformt, genau wie die anderen Aussie-Legenden Mick Doohan und Wayne Gardner. Als Kind fuhr Klein-Casey ein Dutzend Rennen pro Renntag, die meisten dauerten eher Sekunden als Minuten. Diese Rennform erfordert deshalb besondere Aggressivität, Hingabe und den Willen, gleich anzugreifen. Das erklärt Stoners Talent, von der ersten Runde an alles aus einem Motorrad herauszuholen. Eine Fähigkeit, die die Konkurrenten jedes Mal in ungläubiges Staunen versetzt.

Überzeugt vom Talent ihres Sohnes, verkauften die Stoners all ihr Hab und Gut und zogen nach England, um dort im Straßensport anzugreifen - in Australien hätte Casey für eine Lizenz noch zwei Jahre warten müssen. 2000, in seinem Rookie-Jahr, gewann er den ersten Titel auf Asphalt und wurde britischer Aprilia-125-Meister. Zwei Jahre danach war er im Grand Prix. Im Jahr darauf gewann Stoner dort sein erstes Rennen, stieg 2006 in den MotoGP auf und holte sich 2007 die Krone in der Königsklasse. Heute hat er schon mehr GPs gewonnen als Kevin Schwantz, Wayne Rainey oder Freddie Spencer.

Seine Eltern, die alle Kröten für die Karriere ihres Jungen mühsam zusammengekratzt haben, besitzen jetzt eine Farm nahe Lake Glenbawn mit 2400 Hektar Weidefläche und 1000 Rindern. Dort findet man Casey immer, wenn er in Australien ist. Internet gibt es nicht, und der nächste Laden ist gut 40 Autominuten weg - perfekt für einen Typen, der das moderne Leben so gern ablegt. „Ich bin etwas widersprüchlich, weil ich Motorräder so liebe, mir aber alles drum herum sonst nichts bedeutet. Ich brauche auch kein Fernsehen, bin lieber draußen und arbeite auf der Farm.“ Sein Rentenplan ist klar umrissen: „Ich komm hierher, betreibe die Farm und hab hoffentlich ein paar Kinder.“

Gegenwärtig lebt Stoner mit seiner Frau Adriana die meiste Zeit am Genfer See in der Schweiz. „Uns gefällt es dort sehr. Überall ist es grün und wir wohnen direkt an einem Bach, der sich durch die Berge schlängelt. Ich kann zur Tür raus und direkt Forellen fangen.“

Vor ein paar Jahren sind sie dorthin gezogen, als Casey in Monaco verrückt zu werden drohte. Damals ging er auch jagen: Überall in seiner Luxuswohnung hatte er Zielscheiben an die Wand genagelt und schlich mit der Luftpistole durch die Bude. Er verträgt das Stadtleben nicht, mag einfach keinen Trubel und hasst das Rampenlicht, was sein seltsames Verhältnis zu den Fans und Medien erklärt. Obwohl es über die Jahre besser geworden ist, ist er abseits der Öffentlichkeit ein deutlich aufgeschlossenerer Mensch. „Ruhm ist nicht mein Ding. Damit fühl ich mich nicht wohl. Viele Fahrer, vor allem die Europäer, kommen prima damit klar, die Aufmerksamkeit macht ihnen nichts aus. Ich dagegen renn so weit wie möglich davon. Natürlich bewege ich mich in einem Geschäft, das komplett davon lebt - damit muss ich zurecht kommen.“ Stoner ist deshalb MotoGP-Fahrer, weil er das Rennfahren liebt, nichts anderes. „Der Rest ist für mich mörderisch“, sagt er und fiebert am Rennwochenende immer dem Moment entgegen, wo er das Visier herunterklappt und die Kupplung kommen lässt - nur er und sein Motorrad gegen den Rest der Welt.

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Foto: Ronny Lekl

Nicht zuletzt deshalb hat er den Hersteller gewechselt. Ducati, aber vor allem Hauptsponsor Marlboro, verlangen von den Fahrern sehr viel PR-Engagement. „Mich hat das fertig gemacht. Es war das genaue Gegenteil von dem Leben, das ich mir als Weltmeister immer erträumt habe.“ Und es gab noch andere Gründe: „Es hatte nichts mit der Ducati oder Valentino Rossi zu tun, der mit Ducati verhandelte. Sie bemühten sich erst richtig um ihn, als mein Abschied fest stand. Es war diese Lorenzo-Sache 2009, die mich aufregte. Bei Ducati -heulen sie ständig, sie hätten nicht genug Geld. Aber Lorenzo boten sie gleich das Doppelte von dem, was ich bekam. Das ist doch verlogen. Die Leute, mit denen ich direkt gearbeitet habe - Filippo Preziosi und die Jungs rund ums Motorrad - waren toll. Aber die Bosse sagen dir das eine und tun das andere“, klagt der Sieger von Katar. „Mir geht es gar nicht so sehr ums Geld, aber ich war meilenweit von denen weg, die ich ständig besiegt habe - Rossi, Lorenzo, Pedrosa. Ich hatte genug. Jetzt bin ich meinem Marktwert wesentlich näher.“

Stoner weiß auch, dass Honda mehr Geld als alle anderen in die Entwicklung stecken kann. „Ducati hat nicht das Geld, groß zu entwickeln“, fügt er an. Aber das letzte Quäntchen für seine Entscheidung „Pro Honda“ reicht bis in seine Kindertage zurück. Seit er fünf war, schaute Stoner jedes Rennen seines australischen Helden Mick Doohan auf der NSR 500. Er vergötterte den eisenharten, fünfmaligen Weltmeister. „Davon habe ich geträumt, einmal im Repsol-Honda-Team in Micks Fußstapfen zu treten.“

Die Fahrer dieser Ära bewundert er mehr als alles andere: „Damals ging es nur ums Rennfahren - Doohan, Schwantz, Rainey, Gardner, Lawson, nicht halb so viel Bullshit wie heute. Das war das echte Leben.“ Doohan und Co. fuhren ohne Gnade und Traktionskontrolle. Stoner würde diese Fahrhilfen gern verbieten, wenn er könnte. Für einen 26-jährigen ist er bemerkenswert traditionell gestrickt. „Ich würde gern ohne fahren. Als ich den Titel gewann, wurde ich bombardiert mit dem Gelaber, ich wäre der Fahrer der nächsten Generation, die nur der Technik vertraut. Langsam merken die Leute, dass ich sie weniger nutze als die anderen. Ich mag es so, für mich fühlt sich das Bike so viel besser an.“

Auf Anhieb war Stoner blitzschnell mit der neuen Honda RC 212V, gewann überlegen den Saisonauftakt in Katar und macht sich berechtigte Titel-Hoffnungen: „Die Honda biegt so viel besser ein, dass meine Linien jetzt ganz anders sind“, stellt er zufrieden fest. „Es gibt ein paar Sachen, bei denen sich die Ducati besser anfühlte, aber im Großen und Ganzen ist die Honda deutlich besser. Honda ist sehr unglücklich darüber, so viele Jahre keinen Titel geholt zu haben und mir geht es genauso. Also geh ich da raus und möchte das ändern.“ Die Jagdsaison ist definitiv eröffnet.

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