10 Bilder

Deutschlands Grand Prix-Nachwuchs Das Jahr der Junioren

Ihre Rennsport-Reifeprüfung haben Philipp Öttl (#5) und Florian Alt (#66) spätestens während der diesjährigen Red Bull Rookies Cup-Saison abgelegt - mit 16 Jahren. Sie sind zwei Vertreter der neuen deutschen GP-Generation.

Mit dem 15. Podestplatz in der Moto3-Klasse zündete Sandro Cortese das Abschlussfeuerwerk einer makellosen Saison als KTM-Werkspilot. Anschließend genoss er den frischen Weltmeisterruhm ein paar Tage lang in vollen Zügen - unter anderem bei einer von Red Bull inszenierten Mega-Party in seinem Heimatort Berkheim, der ein solches Spektakel mit 7000 begeisterten Fans noch nie zuvor erlebt hatte.

Bei Corteses letztem Moto3-Rennen wurde freilich nicht nur auf dem Siegerpodest, sondern auch in einem bescheidenen Zelt hinter den großen Trucks und Hospitality-Burgen im Fahrerlager von Valencia gefeiert: Philipp Öttl, Sohn des fünffachen Grand Prix-Siegers Peter Öttl, war beim Weltmeisterschaftsdebüt mit seiner Kalex-KTM auf den elften Platz vorgestoßen und hatte auf feuchter Piste sämtliche Erwartungen übertroffen. Eine Woche später bestätigte der 16-Jährige bei trockenem Wetter seine gute Form mit Platz vier beim Finale der spanischen Moto3-Meisterschaft am gleichen Schauplatz.

Öttls Leistungen in Valencia waren wie eine Verheißung für die Saison 2013, in der die deutschen Grand Prix-Fans auch nach Corteses Klassenwechsel keinen Mangel an Spannung zu befürchten haben. Im Sog von MotoGP-Pilot Stefan Bradl und Cortese, ganz so, als hätten die Erfolge der beiden Weltmeister einen neuen Rennsport-Boom in Deutschland ausgelöst, greifen die deutschen Fahrer auf ungewohnt breiter Front in der kleinsten Grand Prix-Kategorie an.

So gilt Jonas Folger schon als möglicher Nachfolger Corteses im Titelkampf. Der 19-jährige Oberbayer, der nach seinem Wechsel von Ioda auf Kalex-KTM in den letzten acht Rennen vier Podestplätze und einen Sieg verbuchte, fährt in der Form seines Lebens und hat mit dem spanischen Aspar-Team einen der besten Rennställe überhaupt hinter sich. Im Mittelfeld mischen gleich drei talentierte deutsche Nachwuchspiloten mit.

Philipp Öttl rückte als Nachfolger von Niklas Ajo ins TT Motion Events-Team von Daniel Epp und Terrel Thien. Dort wird er zum Teamkollegen von Moto2-Star Tom Lüthi, teilt aber nur die Box mit dem Schweizer - Öttls eigene Crew wechselt ebenso wie Vater Peter mit ihm in die WM.

Sein direkter Gegner dort heißt Florian Alt, der sich mit Öttl im Red Bull Rookies Cup über die Saison 2012 hinweg begeisternde Kämpfe geliefert und den Pokal schließlich gewonnen hatte. „Florian ist ein Freund, aber auch ein starker Fahrer. Das Duell zwischen uns wird genauso weitergehen wie bisher“, kündigt Öttl an. „Wir sind sehr gute Freunde“, bestätigt Alt. „Es ist gut, dass wir weiterhin gegeneinander antreten, denn das macht uns nur noch schneller.“

Alt hatte am Pannonia-Ring erstmals Gelegenheit, die Kalex-KTM auszuprobieren und war nach dem auf Zweitaktern ausgetragenen Rookies Cup begeistert von der Durchzugskraft seiner neuen Maschine. Im Team der Brüder Stefan und Jochen Kiefer, die der Moto2-Klasse den Rücken kehren und in der Moto3-Klasse einen neuen Anlauf nehmen, hat er den 19-jährigen Toni Finsterbusch an seiner Seite, der bereits die erste Saison in der Moto3-Klasse hinter sich brachte. Die Kalex-KTM passt dem groß gewachsenen Krostitzer besser als die zierliche Honda, die er als MZ-Pilot bewegte. Nachdem Finsterbusch als Opfer der MZ-Firmenpleite zum Racing Team Germany weitergereicht worden war, freut er sich jetzt auf Kontinuität, ein konkurrenzfähiges Motorrad - und auf die Zusammenarbeit mit Alt. „Er kennt manche Strecken, auf denen ich noch nicht gefahren bin. Bei den Überseerennen kann er umgekehrt von mir profitieren. Wir werden uns gegenseitig nach vorne pushen“, schätzt Finsterbusch.

Anzeige
Foto: Kirn

Trotz vergleichbarem Talent verpassten einige der deutschen Nachwuchspiloten den WM-Zug in die Saison 2013, wobei es Luca Amato noch am besten erwischte. In der spanischen Moto3-Meisterschaft fuhr der 16-Jährige aus Bergisch Gladbach mit einer FTR Honda nur wegen zweier Rennstürze am möglichen Titel vorbei; entsprechend hoch waren die Erwartungen, als er beim Aragón-Grand-Prix den Job des erfolglosen Hector Faubel im spanischen Aspar-Team übernahm. Doch anders als sein neuer Teamkollege Jonas Folger, der bei Aspar auf Anhieb spektakuläre Erfolge feierte, tat sich Amato schwer mit der ungewohn-ten Kalex-KTM, mit dem neuen Grand Prix-Umfeld und den in vielen Trainings deprimierenden Wetterbedingungen. Die erwarteten Ergebnisse blieben aus, weshalb Amato als Junior-Pilot des Aspar-Teams nun ein weiteres Jahr in der Spanischen Meisterschaft abdient, bevor er den nächsten Anlauf auf die Weltmeisterschaft nimmt.

Aufgeschoben ist also nicht unbedingt aufgehoben - ein Motto, das auch für Kevin Hanus gilt. Nach drei soliden Wildcard-Einsätzen in der Saison 2012 putzten er und sein Vater Jaroslav Türklinken vom Racing Team Germany über MotoExpert bis zu Blusens Avintia, fanden trotz eigenem Hauptsponsor aber noch keinen Platz.

Während der 16-jährige Nürnberger entschlossen ist, bis zum Saisonstart im April weiter um einen GP-Vertrag zu kämpfen, bevor er Plan B für die Spanische oder Deutsche Meisterschaft in Angriff nimmt, orientiert sich Luca Grünwald bereits jetzt in Richtung Supersport-IDM. Obwohl der 18-jährige Waldkraiburger Deutscher Meister wurde und beim Sachsenring-Grand-Prix einen sensationellen achten Platz eroberte, fehlt ihm das nötige Budget, um sich in ein Grand Prix-Team einzukaufen.

Rennsportkarrieren sind oft ein Balanceakt auf Messers Schneide, wie auch das Beispiel von Marcel Schrötter zeigt. Wie Amato von dem früheren Kawasaki-Teamchef Harald Eckl beraten, trennte sich der 19-jährige Bayer nach dem Sachsenring-GP vom Mahindra-Moto3-Team. „Wir hatten zu wenig Speed und trotzdem jede Menge technische Probleme“, sagt Schrötter.

Weil in keinem anderen Moto3-Team ein Platz frei war, fuhr er im spanischen SAG-Moto2-Team auf einer Bimota weiter und schien damit erneut auf einem Abstellgleis gelandet zu sein. Doch dann hellten sich die Perspektiven plötzlich auf: Teammanager Eduardo Perales fädelte einen Deal mit dem reichen belgischen Marc VDS-Team ein, künftig als eine Art Junior-Team mit aktuellen Kalex-Maschinen anzutreten. Das rettet nicht nur Schrötters Karriere, sondern sorgt für die deutschen Fans auch in der Moto2-Mittelklasse für prickelnde Spannung - denn dort treffen nun Cortese und Schrötter mit gleichem Material auf Augenhöhe aufeinander.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel