Sportreport: Dreiklang Drei WM-Titel an einem Tag für Yamaha

Valentino Rossi bewies, dass alte Hühner eine gute Suppe machen. Er holte in Malaysia seinen neunten WM-Titel nach 1997 bei den 125ern, 1999 in der 250er-Klasse, der 500er-WM 2001 und sechs MotoGP-Titeln.

Foto: 2snap

Über 50000 Fans auf den Rängen der imposanten Rennstreckenanlage Sepang am Rande der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur hatten mit einem ungefährdeten Triumphzug von Valentino Rossi gerechnet, der nur noch sieben Punkte zum neunten Titelgewinn brauchte. Doch eine halbe Stunde vor dem Start brachte ein tropischer Regenguss unerwartete Spannung ins Spiel. Das am Tag erarbeitete Trocken-Set-Up wurde schlag-artig wertlos, die Motorräder hektisch auf Regen umprogrammiert. Rossis einziger verbliebener Titelrivale Jorge Lorenzo entschloss sich gar, sein Motorrad nach der Besichtigungsrunde zu tauschen, musste deshalb aus der Boxengasse starten und dem Feld hinterher jagen.

 

Eigentlich schon eine Vorentscheidung angesichts der Tatsache, dass der selbst ernannte Conquistador das Rennen hätte gewinnen müssen, um auch nur andeutungsweise seine Chancen auf den WM-Titel zu wahren. Aber auch Valentino Rossi fühlte sich durch den Monsun nicht mehr ganz so wohl in seiner Haut. Un-angenehme Erinnerungen kamen zurück: an die Stürze im nassen Le Mans, im verregneten England-GP von Donington Park und beim verkorksten Indy-Grand-Prix. Vielleicht wirkte der Doktor deshalb in der ersten Runde so verkrampft. Nach gutem Start zunächst an der Spitze, verbremste sich Rossi schon vor der ersten Kurve und fiel weit zurück. "Plötzlich war ich Seite an Seite mit Jorge Lorenzo, der ja von ganz hinten angekommen war", wunderte er sich und reagierte wie ein Kampfstier auf das rote Tuch.

 

Rossi drehte wie elektrisiert auf, fuhr die schnellste Rennrunde, drängte mit bravourösen Überholmanövern nach vorn und kämpfte seinen Teamkollegen und Titelrivalen nieder. Niemand dachte mehr an seine Niederlagen, es galten nur noch seine diesjährigen Großtaten wie in Jerez, Barcelona, Brünn oder Misano. Zum Sieg reichte es zwar nicht mehr. Doch als der drittplatzierte Andrea Dovizioso stürzte, hatte Valentino Rossi wenigstens den angepeilten Podestplatz sicher. "Ein Titelgewinn ohne Podium ist eine triste Sache", hatte er ja nur eine Woche zuvor nach seinem zweiten Rang im Australien-GP erklärt. Vor allem, wenn man nach dem Zieldurchlauf noch so vieles vorhat.

 

Diesmal feierten Valentino Rossi und sein treuer Fanclub aus dem Heimatdorf Tavullia mit einem alten Huhn, das vielleicht sogar aus der sagenhaften "Polleria Osvaldo" stammte, mit der Rossi einst die gesamte Weltöffentlichkeit zum Narren gehalten hatte. Quicklebendig, mit einer "Tribu del Chihuahua"-Schirmmütze als seriöses Mitglied des Rossi-Clans legitimiert, gackerte das Federvieh in Rossis Händen und war gleichzeitig als Cartoon auf Helm und WM-T-Shirt zu bewundern. "Ein altes Huhn macht eine gute Suppe", witzelte der 30-jährige Rennveteran.

Vor allem legt auch das alte Huhn immer noch Eier - das neunte, das Rossi immer wieder stolz in die Luft reckte. Wie viele noch folgen werden? Wer weiß es schon? Im Jubel redet keiner gern von Trennung. Rossi nicht, der zwar gebetsmühlenartig wiederholt, er werde erst Mitte nächsten Jahres über die Zukunft entscheiden, gleichzeitig aber einstreut, dass ein Motorradrennfahrer bis 34, 35 siegfähig bleibe und Giacomo Agostinis einsamer Rekord von 122 Siegen keineswegs unerreichbar sei. Und Yamaha schon gar nicht, wo man Rossi unbedingt bis zu seinem - möglichst späten - Karriereende halten will und Lin Jarvis "am liebsten schon bei der WM-Party" einen neuen Vertrag aufgesetzt hätte. Eine Schlüsselfigur dabei heißt Masao Furusawa. Der eigentliche, große Chef des Rennteams ist auch der ganz große Chef der Yamaha-Motorradentwicklung mit 1500 Mitarbeitern, weshalb er sich 2006 und 2007 wegen Arbeitsüberlastung aus dem GP-Sport zurückzog. Als das MotoGP-Team danach vom Erfolgskurs abkam, kehrte er auf dringende Bitte von Rossi zurück. Prompt segelte Rossi 2008 zum nächsten Titel. "Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt und werde dem MotoGP-Sport deshalb auch 2010 treu bleiben", erklärt Furusawa, der Rossi ganz unjapanisch nicht nur als Sieglieferant und verlässlichsten Entwicklungsfahrer, sondern als Herz und Seele des Rennbetriebs bewundert.

 

Furusawa hat einen Narren an Rossi gefressen und liest ihm jeden Wunsch von den Lippen ab. Wenn es ginge, würde der Japaner auf immer und ewig mit Rossi weitermachen. "Aber leider läuft uns die Zeit davon. Rossi ist 30, ich bin fast doppelt so alt, und Jerry Burgess ist auch nicht mehr der Jüngste", seufzt er. Weshalb Yamaha, trotz Rossi, halt doch in die Zukunft plant. Mit dem fantastischen Jorge Lorenzo, der seine WM-Niederlage erhobenen Hauptes zur Kenntnis nahm und sich im Gedränge des Parc Fermé bis zum Zaun durchboxte, um Rossi umarmen zu können. Und mit Ben Spies, der beim Festessen von Fiat-Yamaha spät am Abend aufs Neue für Adrenalin-Schübe sorgte. "Er wollte zunächst bei den Superbikes bleiben. Irgendwann sagte ich zu ihm: Mal ehrlich, du solltest früher in die MotoGP-Klasse wechseln. Er antwortete: Ja, das denke ich auch. Aber verdammt, dann müssen wir jetzt wirklich diesen Superbike-WM-Titel holen. Denn wir haben nur eine Chance", so Lin Jarvis. "Jetzt hat er's geschafft, als Rookie, in seinem ersten Jahr, auf einem brandneuen Mo-torrad, mit elf von 14 Pole Positions und ich-weiß-nicht-wie-vielen Lauf-siegen. Ich ziehe den Hut vor ihm."

 

Die außergewöhnlichen Yamaha-Erfolge dieses Jahres kommen nach Lin Jarvis' Ansicht aus klugen strategischen Entscheidungen, der Entschlossenheit, konkurrenzfähige Rennmotorräder zu bauen und dem Mut, die weltbesten, damit aber auch teuersten Fahrer zu verpflichten. Insgesamt also ein äußerst kostspieliges Engagement, das in der krisengeschüttelten Ersten Welt, in Europa, Amerika und Japan auch für Kopfschütteln sorgen kann. Vor allem angesichts der bevorstehenden Schließung der Produktion im oberitalienischen Gerno die Lesmo. Nicht aber in der Region der wieder erwachenden Tigerstaaten, zu denen sich ja auch Malaysia zählt. "Der Präsident von Yamaha Indonesien hat mir bestätigt, wie wichtig der Sport für das Marken-Image ist", schilderte Jarvis nach dem WM-Sieg in Sepang. "In Indonesien werden jährlich 2,7 Millionen Yamaha-Motorräder verkauft - in einem einzigen Land. Hier beim Malaysia-Grand-Prix in Sepang haben wir das beste Yamaha-VIP-Village des ganzen Jahres erlebt, in das die hundert erfolgreichsten jungen Händler der ganzen Region eingeladen wurden."

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