Erschienen in: 02/ 2016 MOTORRAD

Ducatis Strategie für die MotoGP-Saison 2016

Vorsprung durch Taktik

Seit zwei Jahren arbeitet die Ducati-Rennabteilung daran, in der MotoGP zu den scheinbar überlegenen japanischen Motorradherstellern aufzuschließen. Vieles deutet darauf hin, dass 2016 der Durchbruch gelingen könnte – weil Rennchef Luigi Dall’Igna als Techniker und als Taktiker ein gewiefter Ideenlieferant ist.

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Seit zwei Jahren arbeitet die Ducati-Rennabteilung daran, in der MotoGP-Weltmeisterschaft zu den scheinbar überlegenen japanischen Motorradherstellern aufzuschließen. Vieles deutet darauf hin, dass 2016 der Durchbruch gelingen könnte – weil Rennchef Luigi Dall’Igna als Techniker und als Taktiker ein gewiefter Ideenlieferant ist.

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aus MOTORRAD 02/2016
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Jenseits von 250 km/h schien die Ducati Desmosedici erst richtig loszulegen. Aus dem letzten Linksknick der australischen Phillip Island-Strecke, der schnellsten Zielkurve aller GP-Kurse, beschleunigte Andrea Iannone vehementer als jeder andere Pilot der MotoGP-Klasse. Auf der Zielgeraden war er klar Schnellster und überholte seine Gegner nach Belieben, was den Fans des Traditionswerks aus Bologna das Herz höherschlagen ließ. „Das Bild des Jahres für alle Ducatisti“, frohlockte Ducati Corse-Direktor Gigi Dall’Igna. Stolz schwingt mit in seiner Stimme, denn es war der bärenstarke Desmodromik-Motor, der diese Szenen möglich machte.

Seit Dall’Igna Ende 2013 von Aprilia zu Ducati wechselte, hat er die Leistung des Aggregats immer höher getrieben, kapitale Schäden in Kauf genommen, analysiert und behoben, nur um den Triebwerken in der nächsten Runde noch mehr Last und noch mehr Drehzahl zuzumuten. Mittlerweile ist der Ducati-Motor längst nicht mehr bei 240 oder 250, sondern eher bei 260 PS angelangt und sowohl bei der Spitzenleistung als auch beim Durchzug Klassenbester.

Probleme auf engeren Strecken

Auf vielen engeren Strecken hatten die Ducati-Werksfahrer Andrea Dovizioso und Andrea Iannone Mühe, die viele Kraft auf den Boden zu bringen. Doch auf Phillip Island, vor allem in dieser ganz speziellen Vollgas-Zielkurve, konnte Iannone die Ducati-Power voll ausspielen. Am Ende besiegte er Valentino Rossi und holte den dritten Platz.

Jetzt träumen die Ducatisti davon, dass es bald noch viel besser kommen und sogar Siege auf dem Programm stehen könnten. Vor allem auf Phillip Island. Denn Casey Stoner, der Ducati 2007 den ersten und bislang einzigen MotoGP-Titel bescherte und der auf dem malerischen Inselkurs sechsmal hintereinander gewonnen hatte, kehrt fünf Jahre nach seinem Abschied von Ducati zu den Italienern zurück.

Stoner bei Ducati Testfahrer und Markenbotschafter

Nachdem er sich Ende 2012 aus dem hauptamtlichen Grand Prix-Geschäft verabschiedet hatte, war Stoner zuletzt als Honda-Testfahrer unter Vertrag gewesen. Doch das Verhältnis zum dortigen Rennsport-Chef Shuhei Nakamoto kühlte sich ab, als Stoner im April 2015 mit dem Vorschlag abblitzte, den verletzten Dani Pedrosa zu ersetzen. Auf dem Gefrierpunkt landete die Beziehung dann nach dem Acht-Stunden-Rennen in Suzuka, wo Stoner wegen eines feststeckenden Gasgriffs stürzte und Schulter- sowie Beinverletzungen erlitt, Honda aber nur zögerlich mit der Wahrheit über die Sturzursache an die Öffentlichkeit trat.

Jetzt ist Stoner bei Ducati Testfahrer und Markenbotschafter. Noch im alten Jahr fand ein Werksbesuch statt, bei dem Sitz- und Tankposition auf ihn maßgeschneidert wurden. Vor den offiziellen MotoGP-Tests in Malaysia Anfang Februar soll er bereits in Sepang auf die Strecke gehen, das Gefühl für die Ducati wiederfinden und den Ingenieuren erste Informationen liefern. „Meine Zeit bei Honda war eine schöne Reise, mit dem WM-Titel 2011 als Höhepunkt. Doch auch mit Ducati verknüpfe ich unvergessliche Erlebnisse und Erinnerungen. Mit Ducati habe ich den entscheidenden Teil meiner Karriere erlebt. Ich bin happy, dorthin zurückzukehren“, erklärte Stoner, und natürlich entfachte seine Verpflichtung einen Sturm von Spekulationen, der Australier werde das Jahr 2016 nutzen, um sich bei Tests und mit einigen Wild Card-Einsätzen warmzufahren und 2017 dann ein echtes Grand Prix-Comeback zu geben.

Weiterentwicklung der Desmosedici im Fokus

Doch so schön die Spekulationen auch sind: Derzeit gibt es nichts als Dementis. Ducati winkt ab, nicht einmal auf die Möglichkeit gelegentlicher Rennen will man sich dort festlegen. Stoner selbst, der als Testfahrer mehr verdienen wird als das Gros der MotoGP-Piloten, stellte bereits klar, er habe mitnichten vor, sich noch einmal dem Stress einer ganzen WM-Saison auszusetzen. „Ich werde alles tun, Iannone und Dovizioso zu unterstützen“, sagt der 30-Jährige stattdessen.

Zunächst geht es tatsächlich nur um die Weiterentwicklung der Desmosedici, bei der Dall’Igna schon zum Saisonbeginn 2015 einen großen Schritt nach vorn gemacht und den beiden Werksfahrern ein schlankeres, kompakteres Bike zur Verfügung gestellt hatte, dessen kürzerer Radstand und modifizierte Gewichtsverteilung ein Grundproblem aller Vorgängermodelle beseitigte: das Untersteuern in den Kurven. Die Desmosedici GP15 ließ sich plötzlich auf eine Kurvenlinie einlenken und blieb auch dort, worauf Andrea Dovizioso drei Podestplätze in den ersten drei Rennen erobern konnte. Dann jedoch wurde er von Problemen eingeholt: Für den Spätbremser war das Motorrad beim Einbiegen in die Kurve nicht stabil genug, hinten fehlte Traktion, vor allem bei hohen Schräglagen. Teamkollege Andrea Iannone, der seinen Vorteil beim Beschleunigen am Kurvenausgang sucht, war in der zweiten Saisonhälfte stärker.

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Ab 2016 als Testfahrer für Ducati im Einsatz: Casey Stoner.  

Foto: 2snap  

Der Wechsel von Bridgestone auf Michelin ab der nächsten Saison ist für beide Piloten eine Hilfe. Dass der Michelin-Vorderreifen weniger Grip hat als der von Bridgestone und die Fahrer nicht mehr ganz so extrem bis auf den Kurvenscheitelpunkt hinbremsen können, maskiert einen Teil der Stabilitätsprobleme. Der überlegene Michelin-Grip am Hinterrad hilft beiden, sowohl Dovizioso, der sich nun in voller Schräglage wohler fühlt, als auch Iannone, der die schon im Drehzahlkeller einsetzenden, gut dosierbaren Kräfte des Motors in optimalen Vortrieb ummünzen kann.

Wie gut die Ducati mit den Michelin-Reifen funktioniert, zeigten die letzten Tests der alten Saison in Jerez, bei denen Ducati-Neuling Scott Redding vor Marc Márquez die Bestzeit hinlegte. Danach zogen sich Dall’Igna und die anderen Ducati-Ingenieure ins Werk zurück, um anhand der gesammelten Daten über die zweimonatige Testpause hinweg die Desmosedici GP16 zu entwerfen, die nicht mehr von Grund auf neu konstruiert, sondern mit vorsichtiger Detailarbeit an die neuen Reifen und die neue Einheitselektronik angepasst wird.

Magneti Marelli seit Jahren Partner des Ducati-Werks

Auch im Bereich des Motormanagements führt Dall’Igna clever Regie. Magneti Marelli ist seit Jahren Partner des Ducati-Werks, das massiv auf die Entwicklung der Einheitselektronik Einfluss zu nehmen versuchte und Anfang 2014 dort sogar die eigene Software einschleusen konnte. Nach Protesten etlicher Teams wurde das zwar wieder rückgängig gemacht. Doch auch so verstehen die Ducati-Ingenieure besser als die japanische Konkurrenz, wie man die neue Elektronik am effizientesten nutzt. Denn sie profitieren auch von der engen Vernetzung mit dem Avintia-Satellitenteam, das die Einheits-Software schon 2015 die ganze Saison über einsetzen musste.

Entsprechend erleichtert ist Scott Redding, der nach dem schwierigen Jahr auf der Honda-Werksmaschine sofort Vertrauen zur Ducati Desmosedici fand, auch wenn er sich bei den Tests mit einer Vorgängerversion der aktuellen Maschine zufriedengeben musste. „In der letzten Kurve wäre ich fast ausgerutscht, weil ich es mit dem Vorderreifen übertrieben habe. Doch das Bike sprach zu mir, ich konnte den Sturz vermeiden“, erklärte der Engländer.

Die Honda sprach nicht zu ihm, und sie spricht immer noch wenig mit Marc Márquez, der am ersten Testtag in Jerez ohne Vorwarnung von einem Highsider abgeworfen wurde, obwohl er den Gasgriff nur festgehalten, aber nicht aufgedreht hatte. Der geringe Vorderradgrip beim Einbiegen, der nach wie vor aggressive Motor beim Beschleunigen und das mangelnde Verständnis für die neue Einheitselektronik ­addieren sich bei Honda zu einem gewaltigen Arbeitspaket für die Vorsaisontests 2016. Ducati ist im Rennen um die Zukunft derzeit eine Nasenlänge voraus.


WEITER ZU SEITE 2: Interview Gigi Dall’Igna (Ducati Corse)

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07.01.2016 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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