Grand Prix Brünn/CZ

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Wenn Valentino Rossi in Topform ist, wenn sein Motorrad perfekt funktioniert und wenn er zudem noch auf einer seiner Lieblingsstrecken fahren darf, ist der Superstar nicht zu bremsen. „Für die Bestzeit am Samstagmorgen kriegst du keine WM-Punkte. Wir nutzen unsere Zeit, um ständig neue Dinge auszuprobieren, um zwei, drei Zehntelsekunden zu finden, die ich im Rennen als Joker einsetzen kann“, verriet der Superstar. „Bis auf den Rückschlag der Jahre 2006 und 2007 ist mir das stets gelungen, selbst ganz früher in der 250er und 125er Klasse. Ich hatte meist noch irgend etwas in Reserve.“

 

Und deshalb war Jorge Lorenzos Schicksal auch besiegelt, als er in der 17. von 22 Runden beim tschechischen Grand Prix in Brünn zu überholen wagte. Wie in den einschlägigen Filmen, in denen das Opfer davonrennt und der Scharfschütze derweil gelassen sein Gewehr zusammensetzt, behutsam das Zielfernrohr festschraubt, noch mal eben die Windrichtung prüft und dann seelenruhig das Fadenkreuz justiert, wusste Rossi, dass er seinen Gegner, und wenn der noch so sehr Fersengeld gibt, am Ende doch erwischen wird.

Falls er sich nicht selber die Kugel gibt wie Jorge Lorenzo. Schon drei Wochen zuvor, damals auf feuchter Piste in England, war der Spanier in Führung liegend gestürzt, unglücklich auf einem glitschigen weißen Begrenzungsstrich ausgerutscht und hatte 25 mögliche WM-Punkte verloren. Jetzt in Brünn, bei idealem Sommerwetter, konnte von Pech keine Rede mehr sein: Lorenzo bremste zu spät, geriet auf eine ungünstige Außenspur, zog danach zu weit in die nächste Linkskurve nach innen und verlor die Kontrolle übers Vorderrad. „Er hat wohl gedacht, er könne mir wegfahren“, räsonnierte Dr. hc Rossi, „doch wenn bei uns alles stimmt, ist das nicht so einfach. Ich war auf der Hut, bereit zum Gegenangriff, lag praktisch mit ihm auf gleicher Höhe. Er hat wohl gespürt, dass ich von hinten ankam.“

 

So gingen Lorenzo die nächsten 25 Punkte verschütt und mit ihnen wohl auch seine letzten realistischen WM-Chancen. 50 Punkte Rückstand auf Valentino Rossi bei sechs ausstehenden Rennen sind eine Welt, auch wenn der Großmeister sofort anmahnte, es sei „der dümmste Fehler“, sich jetzt bereits in Sicherheit zu wiegen. Lorenzo, der in Brünn von der ersten Trainingsrunde an sämtliche Kräfte mobilisierte, um das Ruder nochmals herumzureißen, hat den WM-Titelkampf der Saison 2009 verloren.

 

Doch in jeder anderen Hinsicht hat er gewonnen. Der 23-Jährige brilliert mit Fahrkönnen, Mut und Siegeswillen. „Wenn er in Führung liegt, fährt er stark und mit unglaublicher Entschlossenheit“, nickt auch Rossi anerkennend. Getrieben von flammendem Ehrgeiz, redet Lorenzo längst nicht mehr von Lern- und Gesellenjahren in der Königsklasse, sondern stellt sich jedem Gefecht, um Rossi in Frage zu stellen und sich selbst als der Beste zu beweisen.

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Das begeistert die Zuschauer, und es gefällt Herstellern und Sponsoren. Nicht umsonst stand Lorenzo beim Repsol-Honda-Werksteam auf der Wunschliste und kalkulierte eine Verdopplung der von Yamaha gebotenen Jahresgage von dreieinhalb Millionen Euro. Nur mit der Forderung, dort sofort zur Nummer eins zu werden, lehnte sich Lorenzo etwas zu weit aus dem Fenster. „Es ist das Beste für uns, wenn wir so weitermachen wie bisher“, erklärte in Brünn Tetsuo Suzuki, der neue Präsident der Honda Racing Corporation, und kündigte neue Zwei-Jahres-Verträge für seine Fahrer Daniel Pedrosa und Andrea Dovizioso an. „Ist mir egal“, zuckte Lorenzo selbstbewusst die Achseln.

 

Denn seit dem Brünn-GP ist plötzlich noch ein anderer Bieter da. Marlboro will den Konquistador haben, der mit seinem Talent, seinem Eroberungsdrang, seinem Kämpferherzen bestens zu den Wildwest- und Freiheits-Klischees der Zigarettenmarke passt. Sehr zum Verdruss der Yamaha-Bosse, die für das Brünn-Weekend fest eingeplant hatten, den Pakt mit Lorenzo endlich zu besiegeln, sind astronomische Summen im Spiel. Zunächst sickerte ein Angebot von zwölf Millionen Euro für zwei Jahre durch, am Sonntag war aus sicherer Quelle bereits von 16 Millionen die Rede, die Lorenzo und sein Manager Marcos Hirsch gern auf 20 Millionen aufstocken würden – der runden Summe wegen.

Gut möglich, dass sie sich durchsetzen, denn Marlboro will Lorenzo buchstäblich um jeden Preis, wofür es neben dessen Talent noch einen weiteren Grund gibt: die Probleme von Ducati-Werksfahrer Casey Stoner. Seit sich der Australier in der glühenden Hochsommerhitze des Barcelona-GP Anfang Juni trotz eines heftig rebellierenden Magens über die Renndistanz und auf Podestrang drei gequält hatte, leidet er unter mysteriösen Schwächeanfällen, die ihn, mal mehr, mal weniger, auch bei allen folgenden Rennen heimsuchten. Mit viel Selbstüberwindung hielt der Weltmeister von 2007 Kontakt zur Spitze der WM-Tabelle, bis es beim England-GP auch psychologisch zum Einbruch kam. Während sämtliche Rivalen auf feuchter, aber abtrocknender Strecke mit Slicks loslegten, deutete Stoner gegen besseren Rat als einziger der Stars eigensinnig auf Regenreifen, wohl, weil er sich auch vom Kopf her nach einem physisch leichteren Regen-Rennen sehnte. Prompt kam die Sonne raus, der Poker führte zum Totalverlust.
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Und damit war wohl auch die letzte Energie verpufft, waren die letzten Hoffnungen verflogen, die Stoner für den Titelkampf 2009 noch gehabt hatte. Eine Woche vor dem Brünn-GP sagte er seine Teilnahme ab und verabredete mit Ducati-Teamchef Livio Suppo eine Pause von drei Rennen bis zum Portugal-GP am ersten Oktober-Wochenende; um sich zu erholen und mit Hilfe vertrauter Ärzte zuhause in Australien das Geheimnis seiner Krankheit zu ergründen. Mika Kallio rückte kurzfristig vom Pramac-Satellitenteam in die Marlboro-Werksmannschaft auf, Ducati-Superbike-Junior-Werksfahrer Michel Fabrizio übernahm Kallios Platz bei Pramac-Ducati.
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Das Fahrerlager stand Kopf, denn in einer Welt, die kaum anderes als sichtbare Prellungen und Knochenbrüche als Hinderungsgründe kennt, war es den meisten unverständlich, dass einer, der gerade noch um den WM-Titel gefightet hatte, wegen eines unsichtbaren Leidens mitten in der Saison eine derart lange Pause brauchte. „Ich kann nur sagen: Ich wünsche mir, dass er so schnell wie möglich zurückkommt“, rang Rossi nach Worten und sprach dabei dem ganzen Fahrerlager aus dem Herzen: Stoners Schräglagen, Stoners unnachahmlicher Fahrstil, früher als jeder andere am Kurvenausgang das Gas aufzureißen, sind ein elementarer Bestandteil der Show, ohne den Australier wäre die Königsklasse erheblich ärmer.


Ob Stoner wirklich in Estoril, vielleicht erst im nächsten Jahr oder gar überhaupt nicht mehr zurück kommt? Keiner weiß es, denn bislang entzieht sich seine Krankheit jeder genauen Diagnose. Naheliegend ist es daher, seine Beschwerden als psychosomatisch einzustufen. „Es gibt sonst keine Krankheit, die nur an Rennsonntagen auftritt. Stoner wurde der ganze Rummel, der Druck von Sponsoren, Medien und Öffentlichkeit zu viel“, mutmaßt der Ex-GP-Pilot und heutige Bridgestone-GP-Reifentechniker Steve Jenkner.

 

Doch Stoner litt zuletzt auch an den Trainingstagen, manchmal, wenn er nur ein, zwei schnelle Runden drehen wollte. Selbst zuhause in Australien, wenn er mit dem Pferd durch den Busch reiten will, fühlt er sich schlapp und abgekämpft. Ein Virus, der sich in Stoner eingenistet hat und durch die ständige physische Überbeanspruchung verschleppt wurde, wäre deshalb eine andere mögliche Erklärung. „Stoner hat viel mitgemacht. Die letzten Rennen 2008 fuhr er mit einem Kahnbeinbruch, ließ sich dann operieren und ging mit einem nahezu unbeweglichen Handgelenk in die neue Saison. All das hat sicher zu seinen gastritischen Beschwerden in Barcelona beigetragen, die wir als Beginn seines Leidens ansehen können“, erklärte der die MotoGP-WM begeleitende Arzt Dr. Claudio Costa. Doch gute Mediziner kommen einem Virus irgendwann auf die Spur – und obwohl sich Stoner in Europa, in den USA und nun auch in Australien untersuchen ließ, fanden die Spezialisten bislang nichts außer einer leichten Anämie. Falls nicht mehr gefunden wird, bleiben am Ende nur noch zwei Möglichkeiten übrig, die Fibromyalgie und das chronische Erschöpfungssyndrom. Bei beiden leiden die Patienten unter Schwäche und bleierner Müdigkeit, teilweise gepaart mit Gliederschmerzen. Dass diese Symptome auf Casey Stoner zutreffen, ist keine gute Nachricht, denn bei diesen Krankheiten wissen die Ärzte nicht, woher sie kommen, und nicht, wie sie wieder aus der Welt zu schaffen sind.

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