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Hintergrund zur Trennung des Erfolgsteams Rossi/Burgess Scheidung auf Italienisch

Valentino Rossis Trennung vom ­treuen Teamchef Jeremy Burgess markiert das unrühmliche Ende einer der erfolg­reichsten Partnerschaften in der Geschichte der ­Königsklasse. ­Rossi tat dies aus einem einzigen Grund: Er ist nur von sich überzeugt.

Der Motorrad-Rennsport ist eine grausame Welt. Je schneller er ist, desto brutaler geht es zu. Deshalb ist der MotoGP die tiefste Schlangengrube von allen – auf der Strecke und in den Boxen. Erbarmen gibt es nicht. Nicht unter den Fahrern, nicht zwischen den Mechanikern oder den Teammanagern – mit niemandem.

Aber manchmal ereignen sich selbst in dieser verruchten Welt Dinge, die dir den Atem rauben. Nach sieben Weltmeister­titeln, 80 GP-Siegen und 14 Jahren enger Partnerschaft, während der Valentino Rossi von Jeremy Burgess oft als seinem „Racing-Vater“ sprach, ließ der Italiener den Australier am Vorabend des letzten Saisonrennens in Valencia eiskalt fallen.

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MotoGP ist kein Woodstock, MotoGP ist ein Söldner-Krieg

Was ein würdevoller Abschied des ersten GP-Superstar-Ingenieurs hätte sein müssen, entpuppte sich als grausames Chaos von durchsickernden Nachrichten und überstürzten Versuchen nervöser PR-Heinis, das Drama noch einzudämmen und eine der verachtenswertesten Presse­konferenzen in der Geschichte dieses Sports. JB und Rossi wirkten seltsam deplatziert und wussten überhaupt nicht, wie sie ihr Unbehagen vor den TV-Kameras überspielen sollten. Diese unrühmliche Scheidung macht wieder einmal deutlich, dass niemand im Racing ganz nach oben kommt, ohne wenigstens eine Spur Rücksichtslosigkeit in sich zu haben. Rossi ist eine großartige Figur in dem Sport und ein noch größerer Racer. Aber keiner gewinnt sieben Titel im MotoGP, wenn er nicht ohne Skrupel anderen die Kehle durchschneiden kann.

Einige im Fahrerlager behaupteten, dass der neunfache Champion an einer Persönlichkeitsveränderung leidet, die PDSD (Post Desmodromic Stress Disorder) heißt. Valentino Rossi ist jedoch nicht über Nacht eiskalt geworden. Er war es schon immer. Dieses einnehmende Lächeln und seine Freundlichkeit spiegeln vielleicht sein Innerstes wider. Aber jeder, der Rossi deshalb für ein sanftes Wesen hält, ist ein hoffnungsloser Träumer. Der Italiener ist immer voll auf seinen Job fokussiert, in dem es ums Siegen um jeden Preis geht, niemanden zu schonen, töten oder getötet zu werden. Marc Marquez, der wahre Rossi-Erbe, ist genau gleich: Er spricht mit Leuten, die ihm nützlich sein können, und blendet alle anderen aus. Das mag man oder mag es nicht, aber genau das ist es, was man braucht, um ein großer Champion zu sein. Bist du zu jedem nett im Fahrerlager, schrumpfst du zusammen und gehst ein. MotoGP ist kein Woodstock, MotoGP ist ein Söldner-Krieg.

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Burgess als Sündenbock für Rossis Misserfolg

Durch den Rauswurf von Burgess haben eine Menge Leute den Respekt vor Rossi verloren – sowohl im als auch außerhalb des Fahrerlagers. Aber das unterstreicht nur eine weitere Lebensweisheit: Wenn es gut läuft, fällt es leicht, zu Menschen nett zu sein und für jeden ein Lächeln zu haben. Aber wenn das Leben einen anderen Verlauf nimmt, schaut man sich um und versucht herauszufinden, warum es nicht läuft. Und dann sucht man einen, dem man es in die Schuhe schieben kann. Rossi hat sich also nicht verändert, sondern nur eine Seite von sich an anderer Stelle offenbart, die er bisher hinter dem schwarzen Visier seines Rennhelms ver­bergen konnte. Jetzt, wo die Ergebnisse nicht mehr stimmen, kommt der Killer auch abseits der Strecke durch.

Die ganze Saison über hing Rossi fast immer auf dem vierten Platz fest, chancenlos, das furiose Trio Español zu sprengen. Podiumsplätze schaffte er nur in Aragon, am Sachsenring, in Laguna Seca und Assen, wenn einer oder mehrere Spanier verletzt waren oder grobe Fehler machten. Die Schuld daran konnte Rossi nur drei Dingen geben: sich, dem Motorrad oder dem Mann, der für sein Motorrad verantwortlich ist. Mit dem Bike ist alles in Ordnung, was Jorge Lorenzo Wochenende für Wochenende bewies. Bleiben nur noch Rossi selbst oder Burgess. Wenn Sie jetzt Rossi wären, wer bliebe da noch übrig?

Foto: 2snap
2012: Rossi und Burgess sind mit ihrem Latein am Ende, die Ducati-Ära wird zum Desaster für beide und ist der Anfang vom Ende ihrer langen Zusammenarbeit.
2012: Rossi und Burgess sind mit ihrem Latein am Ende, die Ducati-Ära wird zum Desaster für beide und ist der Anfang vom Ende ihrer langen Zusammenarbeit.

Dass Rossi jetzt zu Silvano Galbusera wechselt, dem ehemaligen Teamchef von Gilera, Cagiva, Yamaha und BMW, hat etwas von seinen Wechseln damals zu Yamaha und Ducati. Wieder einmal steht er mit dem Rücken zur Wand und braucht deshalb eine Veränderung, obwohl er das wahrscheinlich nicht einmal möchte. Und wie bei den Wechseln zu Yamaha und Ducati wird sich herausstellen, ob er damit recht hat oder nicht. 2010 konnte Rossi immer noch Rennen gewinnen, als er noch in Diensten von Yamaha war. Aber selbst damals behielt Lorenzos Teamchef Ramon Forcada in der Pitlane die Oberhand über Burgess. Die M1 der 99 war meistens besser als die M1 der 46. Dann kamen die desaströsen Ducati-Jahre, die Rossis Selbstvertrauen massiv erschüttert haben. Heute weiß Rossi nicht, ob 2011 und 2012 die Wurzel des Übels war, weshalb er heute nicht mit den jungen Buben mithalten kann. Burgess bezeichnet die beiden Ducati-Jahre als Versuch, „den Regenbogen einzufangen“ und fügt hinzu, dass „die Welt sich weitergedreht hat in den zwei Jahren, in denen Valentino weg von der Spitze war“.

"Ich bewundere seinen Mut"

Was bedeutet das? Dass Marquez den Einsatz erhöht hat und Rossi nicht mehr mitbieten kann. „Es ist eine Andre Agassi-artige Entscheidung. Valentino ist im Herbst seiner Karriere und er fühlt, dass er etwas anderes braucht. Anderswo wechselt man da eben seinen Caddy oder Trainer“, sagt Burgess. „Wenn er damit Erfolg hat, kommt es aber aus ihm heraus, nicht durch den Wechsel. Ich bewundere ihn ehrlich dafür, dass er etwas versucht, auch wenn wahrscheinlich nicht viel dabei herauskommt. In Valencia haben wir den jüngsten MotoGP-Champion aller Zeiten gekürt, und Valentino will sich als den ältesten MotoGP-Champion neu erfinden. Da spricht wirklich nichts für ihn, aber ich bewundere seinen Mut.“

Das ist wahrscheinlich Rossis letzte Runde, während er in die Dämmerung einer wunderbaren Karriere eintritt. Und, gnadenlos oder nicht, er musste etwas tun, weil er wirklich daran glaubt, Marquez und Co. noch einmal niederringen zu können. Falls es klappt und Galbusera tatsächlich Rossis Ego so massieren kann, dass noch die letzten Zehntel für ihn herausspringen, wird die MotoGP-Welt wieder heil sein. Falls es aber schiefgeht, wird Rossi die weiße Fahne schwingen und offen zugeben müssen, dass er es nicht mehr länger draufhat. Dann wird er irgendwo anders nach Ruhm, Ehre und vielleicht Kompensation suchen.

Foto: 2snap
Die kurze Geschichte einer langen und erfolgreichen Partnerschaft.
Die kurze Geschichte einer langen und erfolgreichen Partnerschaft.

Geschichte der Partnerschaft Rossi/Burgess

Die Zusammenarbeit von Rossi und Burgess geht weit zurück, bis in die letzten Tage der Mick Doohan-Ära. Die beiden trafen sich erstmals am Abend des 2. Oktober 1999, als der 250er-Aprilia-Pilot Rossi in Phillip Island in die Honda-Box schlich, um die NSR 500 anzuschauen, die er vermutlich im Jahr darauf fahren dürfe. Die Chemie zwischen dem sehr direkten australischen Ingenieur und dem italienischen Jung-Genie stimmte auf Anhieb. „Er war sehr ruhig“, erinnert sich Burgess. „Für mich immer ein Zeichen für Intelligenz.“

Rossi erinnert sich auch genau: „Der unvergesslichste Augenblick in all den Jahren war Phillip Island, als ich noch für Aprilia fuhr. Samstagabend kam ich in die HRC-Box – ein unglaublicher Ort, wie ein Heiligtum. Ich sprang auf Gibernaus 500er und Jeremy erklärte mir das Motorrad – das werde ich nie vergessen.“ Zwei Monate später waren sie gemeinsam testen, sieben Monate später gewannen sie ihren ersten 500er-GP (Donington, 2000), und 15 Monate später waren sie gemeinsam Weltmeister. Während elf MotoGP-Saisons holte das Duo sieben WM-Titel auf Honda NSR 500, Honda RC 213 V sowie der 990er- und 800er-Yamaha M1 und gewann 80 Rennen in der Königsklasse.

2000 4 Siege, 500er-Vizeweltmeister (Honda NSR 500)
2001 11 Siege, 500er-Weltmeister (Honda NSR 500)
2002 11 Siege, MotoGP-Weltmeister (Honda RC 213 V)
2003 9 Siege, MotoGP-Weltmeister (Honda RC 213 V)
2004 9 Siege, MotoGP-Weltmeister (Yamaha YZR-M1)
2005 11 Siege, MotoGP-Weltmeister (Yamaha YZR-M1)
2006 5 Siege, Vizeweltmeister (Yamaha YZR-M1)
2007 4 Siege, Dritter, (Yamaha YZR-M1)
2008 9 Siege, MotoGP-Weltmeister (Yamaha YZR-M1)
2009 6 Siege, MotoGP-Weltmeister (Yamaha YZR-M1)
2010 2 Siege, Dritter (Yamaha YZR-M1)
2011 0 Siege, Siebter (Ducati GP11)
2012 0 Siege, Sechster (Ducati GP12)
2013 1 Sieg, Vierter (Yamaha YZR-M1)

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