Homestory - Legends: 3. Eddie Lawson Gestatten, steady Eddie

Als Eddie Lawson im Kindesalter sein erstes Minibike bekam, wollte er nichts anderes mehr tun in seinem Leben, als Rennen zu fahren. Mit dieser Einstellung wurde er Amerikas erfolgreichster GP-Racer aller Zeiten.

Foto: Wood

Zehn Stunden dauert die Fahrt von Wayne Rainey, den wir in der letzten PS zuhause in Kalifornien besuchten, zu Eddie Lawsons Heim in der Wüste von Arizona. Es ist eine filmreife Tour durch atemberaubende Mondlandschaften, vorbei an einsamen Joshua-Bäumen. Die bolzengerade Straße vor mir berührt den Horizont und macht mich auf dieses Paradoxon aufmerksam: Wie kann ein Land, das von diesen unendlich langen kurvenfreien Straßen beherrscht wird, so viele Rennfahrer hervorbringen, die so verdammt gut darin sind, richtig schnell um Kurven zu fahren?
Um neun Uhr morgens sind wir da. Sekunden, nachdem ich den Klingelknopf gedrückt habe, bin ich beunruhigt, ob wir nicht viel zu früh bei dieser amerikanischen Legende stören. Eine ganze Weile später geht die Tür auf und ein etwas derangierter Eddie Lawson steht vor uns. "Oh, hallo Eddie, haben wir dich geweckt?" "Ja, habt ihr. Wir waren lange aus. Aber kommt rein, macht es euch gemütlich."
Das Lawson-Anwesen ist gewaltig: ganze Hektare von langflorigem Teppich und weißem Leder breiten sich vor uns aus, ein Luxus-Tempel wie bei einem Hip-Hop-Superstar. Aber Lawson ist kein großkotziger, rüpelhafter Rap-Typ. Er ist viel ruhiger und bodenständiger, als es dem erfolgreichsten Amerikaner im GP-Geschäft zustünde.
"Ich mach mit Euch die kleine Hausführung", taucht er frisch geduscht wieder auf. Vom Haus aus hat man einen fantastischen Blick über Lake Havasu und die wüste Mondlandschaft dahinter. Im Untergeschoss gibt es ein paar Rennboote, zwei Jet-Ski und einen topgepflegten 1981er Porsche 911, den sich Eddie damals zulegte, als er gerade Kawasaki-Superbike-Pilot wurde. Seine Motorrad-Sammlung befindet sich im anderen Haus in Upland, Kalifornien.
Lawson ist mit seinen 52 Jahren ein entspannter Typ, äußerst freundlich, der gestenreich von seinen alten Racing-Abenteuern erzählt. Während seiner neun Jahre im 500er-GP wurde Eddie dagegen immer als unterkühlt, schweigsam und launisch dargestellt - ein Typ wie ihn Clint Eastwood immer spielt. Dafür gab es gute Gründe. "Als ich 1983 nach Europa ging, um Grand Prix zu fahren, war die Presse echt heftig, richtig brutal", erzählt er. "Die schrieben da Sachen, und ich habe das dann immer dementiert. Heute weiß ich, dass ich es einfach hätte ignorieren sollen. Meine Kommentare über sie machten diese Pressefritzen nur wütend. Und dann wurde ich noch wütender. So hat sich das hochgeschaukelt. Am Ende habe ich gar nicht mehr mit der Presse gesprochen - das ist das Schlimmste, was man machen kann. Aber ich dachte, ihr könnt mich alle mal und konzentrierte mich aufs Rennfahren."
Auf das Wesentliche hat sich Lawson zweifellos konzentriert. Nachdem er die US-Superbike-Meisterschaft 1981 und 1982 für Kawasaki gewonnen hatte, kam er als Schützling von Kenny Roberts nach Europa. 1984 gewann Eddie im zweiten Anlauf den WM-Titel im Marlboro-Yamaha-Team und wiederholte diesen Triumph 1986 und 1988. 1989 folgte die vierte WM-Krone, nachdem er zu Rothmans Honda gewechselt war. Während dieser ganzen Zeit war sein Siegeswille nicht die einzige treibende Kraft: "Ich habe es wirklich geliebt, Motorrad zu fahren, und konnte es kaum erwarten, bis es wieder losging. Nach einem GP hatte ich es eilig, nach Hause zu kommen, meinen Motocrosser auf den Pickup zu laden und damit raus in die Wüste zu fahren - einfach so zum Entspannen." Diese Freude lebte in ihm seit seiner Kindheit. "Als ich das erste Mal Motorrad fuhr, dachte ich: Lieber Gott, das ist das Größte, was es gibt. Ich bin mir sicher, meine Eltern waren öfter kurz davor, mich zu killen. Die ganze Woche lag ich ihnen in den Ohren: Darf ich wieder fahren, kann ich das Bike haben, bringt mich jemand zur Rennbahn? Mehr als einmal haben sie mir deshalb mit der Todesstrafe gedroht. Aber jedes Wochenende packten sie mich ins Auto und fuhren mit mir raus."
Schon Lawsons Großvater und Vater waren Rennfahrer. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Opa Lawson einer dieser furchtlosen Boardtracker auf Indians und Harleys - 90 Meilen schnell auf Holzplanken-Ovalen, oft mit Spreißeln im Hintern oder viel, viel schlimmer. Berühmt war Eddie Lawson für seinen superrunden Fahrstil und seine wenigen Stürze. "Ich konnte nicht über meine Verhältnisse fahren. Das war so ein Sicherheitsding. Jungs wie Gardner oder Schwantz tanzten immer auf Messers Schneide und ich habe sie dafür bewundert. Denn wenn man so mutig ist und auch noch damit durchkommt, das ist schon etwas Besonderes. Wenn ich Dritter war und mir sagte, schneller geht es eben nicht, dann wurde ich halt Dritter. Es gab Rennen, da fuhr ich locker allen davon, konnte mich ruhig umschauen und hatte Zeit für ein Sandwich. Und im nächsten Rennen hing ich hinter solchen Jungs und musste kämpfen. Ich habe keine Ahnung wie viel davon mit dem Motorrad oder mit meinem Kopf zu tun hatte, dass alles plötzlich viel langsamer war.
Das ist bis heute so, wenn ich mit Go-Karts rausfahre. Die ersten Runden lasse ich es langsam angehen und sehe mir alles an. So war das auch mit den Grand Prix. Ich bin nie raus und habe gleich voll rein gehauen. Als ich mit Rennsport anfing, sagten mein Vater und Großvater: "Aus dem wird nie was. In meinen ersten Rennen fuhr ich immer ganz hinten herum und hatte echte Zweifel, ob dieses Racing-Zeug wirklich etwas für mich ist. Es dauerte lange, bis ich es raus hatte. Und selbst dann war ich oft viel zu besonnen."
Vielleicht waren es die ersten Erfahrungen als Racer, die aus Lawson einen so vorsichtigen Fahrer machten. "Mein erstes Motorrad hatte Stummel, die bei jeder Kleinigkeit sofort abbrachen. Mein Großvater motzte mich deshalb ständig an, dass er mit mir nie mehr zur Rennstrecke fahren würde, wenn ich nochmal welche abbrechen würde. Damals war ich sieben Jahre alt und er hat mich echt eingeschüchtert. Aber es ist immer wieder passiert und er hat von neuem geflucht. Jahrelang hat Grandpa mir damit gedroht, einen Schlussstrich zu ziehen, wenn ich etwas kaputt machte. Etwas blieb davon bei mir hängen: Fall bloß nicht runter!"

Letztendlich brachten ihm sein präziser, flüssiger Stil und die vielen Rennen, in denen er immer die Zielflagge erreichte, das zweifelhafte Etikett Steady Eddie (beständiger Eddie) ein. Nicht gerade der coolste Spitzname, wenn dein ärgster Rivale als "Fast Freddie" gegen dich antritt. "Okay, Spencer war Fast Freddie. Aber ich habe ihm des Öfteren in den Hintern getreten und war trotzdem Steady Eddie. Das war mir eigentlich schnuppe. Sie haben mir auch gesagt: Junge, du siehst da draußen ganz schön langsam aus. Das habe ich dann immer als Kompliment aufgefasst. Wenn ich gewinne und dabei langsam aussehe, was sagt das über den anderen?"
Lawsons besonnene Herangehensweise sicherte ihm jedenfalls eine längere Karriere als bei den meisten anderen in dieser Ära, in der die mörderischen GP-Bikes selbst die besten Fahrer brutal durchkauten und dann achtlos wieder ausspuckten. Eddie ist heute physisch in einem weit besseren Zustand als die meisten seiner Zeitgenossen und geht aufrechter als noch vor Jahren - dank einer brandneuen Titan-Hüfte.
Am Ende lag es jedenfalls nicht an der Fitness, dass der vierfache Weltmeister dem Grand Prix Lebewohl sagte und 1992 seinen Helm an den Nagel hing. "Ich hasste dieses ständige Reisen so sehr. Während des letzten Jahres saß ich so oft zuhause und es wurde wieder Zeit, nach Europa aufzubrechen. Aber alles in mir hat sich dagegen gesperrt. Ich hatte das Gefühl, als käme ich nicht aus meinem Sessel hoch. Ich sagte meinem Manager Gary Howard (auch Manager von Wayne Rainey, Kenny Roberts, John Kocinski und Nicky Hayden - die Red.), dass ich es nicht mehr aushalten würde: Landung in L.A., eine Stunde im Zoll stehen, drei Stunden heim durch den Stau. Er wollte es mir einfach machen und besorgte einen Hubschrauber, der mich vom Flughafen direkt in meinen Garten brachte. Aber das machte es nur minimal leichter. Wenn du jung bist, ist das Reisen okay, doch zehn Jahre lang habe ich 50 internationale Flüge pro Jahr abgespult. Ich hatte einfach die Nase voll."
Lawson ist einer der ganz wenigen Fahrer von damals, die einfach aufhörten, davonspazierten und der ganzen Show den Rücken kehrten. "Darüber denke ich nicht nach. Es war cool und hat alles viel Spaß gemacht. Manchmal muss ich mir das aber echt bewusst machen, dass ich tatsächlich ein GP-Racer war. Den Pokalraum hier drin wollte Julie unbedingt (Lawsons Freundin seit 18 Jahren)." Nachdem er aufgehört hatte, dauerte es 13 Jahre, bis Eddie überhaupt wieder einmal bei einem Grand Prix vorbeischaute.
Womit schlägt er also die ganze Zeit tot? "Ich baue einen Haufen Mist, spiele mit Booten und Jet-Skis herum, fahre Motocross hier in der Wüste und in Kalifornien. Ich blödel eben herum, aber bin ständig beschäftigt. Der Tag hat für mich nicht genug Stunden - entweder baue ich ein neues Kart, restauriere ein altes Motorrad oder fahre von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit einem der Quads in der Wüste herum." Für den Spaß auf der Straße hat Eddie übrigens eine Yamaha R1 und eine FJR 1300.

Lawson kann sich diesen Lifestyle leisten, weil seine Intelligenz ihm nicht nur in Sachen Racing sondern auch beim Umgang mit Geld zupass kam. Schon zu seinen aktiven Zeiten hauste er immer im gleichen antiquierten Wohnmobil, während seine Widersacher ungeheure Summen für völlig überzogene Traumbuden auf Rädern ausgaben. "Die älteren Racer haben mir mal gesagt: Du kannst eine Million Dollar für ein Wohnmobil ausgeben oder die Million in ein Stück Land stecken, von dem du möglicherweise noch was hast, wenn das hier alles vorbei ist", lacht Lawson. "Genau, sagte ich mir, und habe damals dieses Land hier gekauft und drei weitere Grundstücke in Kalifornien. Ein paar der Jungs haben ihr Geld wirklich für eine Menge Blödsinn verpulvert. 1981 habe ich mir diesen Porsche gekauft und fertig. Ich fahr eigentlich einen Pickup-Truck. Autos interessieren mich nicht die Bohne."

Eddie lebt abwechselnd in Havasu und Upland, wo er aufgewachsen ist. Nach seiner GP-Zeit ist er einige Jahre in der Indy-Light-Serie Autorennen gefahren. Nach wie vor ist er ein engagierter Go-Kart-Fan und startet mit seinem TZ250er-Kart bei Hobby-Rennen. Diese Liebe zu den kleinen Flitzern half ihm auch, seine Freundschaft mit Wayne Rainey nach dessen schwerem Unfall 1993 wieder aufzufrischen. Sie waren seit ihrer Kindheit befreundet. "Es hat mir den Magen umgedreht, als ich von seinem Crash hörte", erinnert sich Lawson. "Zu dem Zeitpunkt war unsere Freundschaft zerrüttet. Wir hatten seit 1989, als ich ihn im Titelkampf besiegen konnte, nicht mehr miteinander gesprochen. Das nagte immer an ihm. Aber als er sich dann verletzte, wusste ich, dass ich ihm helfen musste." Lawson baute dann zusammen mit Raineys Vater Sandy ein spezielles Kart für den querschnittsgelähmten Ex-Rivalen. Eddie und Wayne schauen sich heute auch öfter gemeinsam MotoGP-Rennen an: "Als wir fuhren, war eine Zehntelsekunde Rückstand der Weltuntergang. Heute haben die eine halbe Sekunde Rückstand und sorgen sich um ihr Mittagessen, ihre Frisur oder ob sie die richtige Sonnenbrille aufhaben. Hammer, wie das mittlerweile läuft."

Als wir uns verabschieden, um für das Treffen mit Lawsons altem Rivalen Freddie Spencer nach Las Vegas weiterzuziehen, kommt mir ein Gedanke. Im Gegensatz zu vielen Ex-Champions betreibt Lawson keine Racing-School. Vielleicht sollte man Steady Eddie das mal vorschlagen, damit er diesen auf Lifestyle fokussierten jungen Racern beibringt, dass Mittagessen, Frisuren, Designer-Sonnenbrillen und Kuscheln mit der Journalistenbrut nicht die Dinge sind, die einen zum Weltmeister machen. Am Ende habe ich es aber dann doch gelassen - war sicher besser so.

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