Casey Stoner im Interview Offen und ehrlich

PS konnte am Rande der Helmpräsentation des neuen X-lite 802RR mit Ex-MotoGP-Champion Casey Stoner sprechen. Im Interview gab er tiefe Einblicke in den MotoGP und nannte Hondas Probleme beim Namen.

Foto: 2snap

Casey Stoner wirkt extrem entspannt, als er den Presseraum im Nolan-Hauptquartier in Bergamo betritt. Auch eine Vollsperrung auf der Autobahn und zwei Stunden Abwarten im Auto konnten seiner Laune nichts anhaben. Er witzelt über die chaotischen Verhältnisse auf Italiens Straßen, das gute Essen und den Wein, was er lange vermisst hat und plaudert über die vergangene Woche, als er mit ein paar Kumpels mit Enduros mehrere Tage durch das Outback unweit seiner Farm an der australischen Ostküste getourt ist. Nach dem offiziellen Teil stellt er sich dann den PS-Fragen, auf die es überraschend offene Antworten gibt.

PS:  Wie geht es denn einem knapp 30-jährigen Rennfahrer im Ruhestand?

Casey Stoner:  Sehr gut, danke. Obwohl mein ­Leben nicht viel mit klassischem Ruhestand zu tun hat. Hin und wieder mache ich solche Termine bei meinen ehemaligen Sponsoren, helfe in der Entwicklung eines neuen Nolan-Helmes, teste für Honda und kümmere mich um unsere Farm. Natürlich genieße ich aber auch die viele Freizeit, die ich mir nehmen kann, gehe viel Fischen, fahre ab und zu ein Autorennen, Motocross oder mache Touren mit meinen Freunden zu Hause. Es ist eigentlich immer was los, aber vor allem genieße ich die Zeit mit meiner kleinen Tochter. Aus der aktiven Zeit ­vermisse ich nur die vielen interessanten Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe und von denen einige meine Freunde geworden sind. Für mich sind Beziehungen zu offenen Menschen ­immer besonders wichtig gewesen.

Keine Lust mehr, Rennen zu ­fahren?

Doch schon. Ich werde ja in Suzuka antreten. Etwas, das ich schon immer machen wollte, weil meine GP-Helden von einst, beispielsweise Mick Doohan, immer dort gefahren sind. Leider hat sich der MotoGP-Kalender so verändert, dass das zu meiner aktiven GP-Zeit nicht mehr möglich war. Jetzt ist es endlich so weit und für einen japanischen Hersteller dort anzutreten, ist eine große Sache. (Anm. d. Red.: Stoner trat am 26. Juli beim 8-Stunden-Rennen von Suzuka 2015 an. Während er in Führung lag, stürzte er in der siebten Runde und zog sich Brüche am Schienbein und am Schulterblatt zu. Ursache: ein steckengebliebener Gasschieber.)

Das wird eine Hitzeschlacht, fühlst du dich fit dafür?

Das wird sehr physisch, klar. Aber auch der Kopf ist bei einem Langstreckenrennen sehr wichtig, sich auf die Turns einzustellen, die lange Zeit ­konzentriert zu bleiben. Ich mache ja ­immer noch sehr viel Sport, ein Fitnessproblem habe ich nicht. Wir haben Anfang des Jahres in Sepang schon mit der Langstrecken-Fireblade von letztem Jahr trainiert, und ich freue mich wirklich sehr auf das Rennen.

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Was unterscheidet die Runde in Sepang auf der Fireblade von der auf einem MotoGP-Bike?

Der Geschwindigkeitsunterschied ist unglaublich und hat mich selbst ­überrascht. Es gibt Passagen dort, die mit dem MotoGP-Motorrad angebremst werden, in denen ich mit dem Superbike jedoch voll am Gas bleiben konnte. Trotzdem braucht auch die Fireblade die volle ­Konzentration, um damit schnell zu sein. Mir hat das großen Spaß gemacht, und so ist die Idee für die Teilnahme am Acht-Stunden-Rennen Ende Juli in ­Suzuka bei diesem Test überhaupt erst entstanden.

Macht das nicht Lust, wieder ­MotoGP zu fahren?

Nein, für mich steht fest, dass ich nicht zurückkommen werde. Dafür hat sich viel zu wenig geändert. Auch mit der Einheits-ECU ist mir immer noch zu viel Elektronik im Spiel, als dass mich der MotoGP noch mal reizen könnte. Und die Politik hat sich überhaupt nicht verändert. Da werden Regeln aufgestellt, die mal dem und mal jenem helfen. Hinter den Kulissen geht da sehr viel ab, was mir zutiefst widerstrebt und den Sport verdirbt. Die Fahrer machen dazu ein freundliches Gesicht. Die können das ­offensichtlich. Ich konnte das nicht. Ich bin ein offener, direkter Typ, meine ­australische Mentalität, aber anstatt das zu würdigen, wurde ich von den Verantwortlichen und in der Presse als Nörgler oder Heulsuse hingestellt. Es gibt keine Anzeichen, dass sich diese Situation ­geändert hätte. Nein, ich habe mit dem MotoGP abgeschlossen.

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Trotzdem wolltest du als Ersatz für Dani Pedrosa in Austin einspringen?

Das hätte sicher Spaß gemacht, denn mir hat es immer gefallen, mir eine neue Strecke zu erarbeiten – ich war ja nie zuvor in Austin. Gerade die freien Trainings und das Qualifying haben mir immer am meisten Spaß gemacht, die Arbeit am Motorrad und mit dem Team. Der Druck am Sonntag war dann bar­barisch, da war der Spaß vorbei. Wenn ich heute in die Augen der Jungs schaue, bevor sie am Sonntag rausfahren, dann sehe ich diesen Druck in ihren Augen und bin froh, dass ich das nicht mehr ­haben muss. Für ein Rennen wäre das allerdings sicher sehr spannend gewesen, ohne dass ich mir den Druck gemacht hätte, etwas beweisen zu müssen. Honda hatte sich allerdings dann anders entschieden, das musste ich akzeptieren und so war ich in Austin nicht dabei.

Wärst du mit dem Bike überhaupt klargekommen? Du entwickelst die Honda ja mit, und momentan scheint es Probleme mit dem Motorrad zu geben.

Ich habe die Honda getestet, aber ich bin nicht Entwicklungsfahrer. Bei Honda ist man einfach an meiner Meinung interessiert. Ich habe ihnen gesagt, was ich am Motorrad ändern würde, aber in erster Linie müssen die aktuellen Fahrer ja damit klarkommen.

Das tun sie aber offensichtlich nicht. Márquez ist viel gestürzt. Kann er das Motorrad noch nicht ­weiterentwickeln?

Ich bin sicher, dass sie wieder zurückkommen. Im Moment hakt es ein bisschen, aber das bekommen sie wieder in den Griff, auch mit Marcs Hilfe.

Was stimmt denn nicht?

Ich weiß es, aber ich werde es dir nicht sagen (lacht). Es hat viel mit dem Setup zu tun.

Marcs Fahrstil und deiner werden gern verglichen. Driftet die Honda jetzt plötzlich nicht mehr?

Ich kenne die Vergleiche, aber Marc nutzt die Drifts mehr am Kurveneingang, wie man das in der Moto2 häufig sieht. Ich drifte mehr aus den Kurven heraus. Die volle Konzentration auf den Kurveneingang zu legen ist meiner Meinung nach der Fehler, den sie aktuell machen, denn durch diese große Stärke von Marc addieren sich die kleineren Probleme mit dem Motorrad an anderer Stelle. Diese dürfen aber auf keinen Fall ­vernachlässigt werden. Wenn du alles auf die Phase zwischen Anbremsen und Scheitelpunkt ausrichtest, dich sonst überall auf die Motorleistung verlässt, gewinnst du keine Rennen mehr. Und mehr geht am Kurveneingang auch nicht, denn was willst du noch aus­richten, wenn das Hinterrad sowieso dauernd in der Luft ist? Das größte ­Problem ist das Chassis, das wäre ­definitiv nicht meins. ( Anm. d. Red.: Das Interview fand vor dem ­Rennen in Assen statt. Dort brachte Honda neue Chassis-Teile.)

Bei Ducati hattest du wohl selten das perfekte Motorrad. Wie wird man dann trotzdem Weltmeister?

Sei niemals zu stolz! Ich höre immer, wie der eine oder andere Fahrer am Motorrad herumnörgelt, es sei noch nicht perfekt. Das perfekte Motorrad gibt es nicht, du bist das Problem, also lerne, das Beste daraus zu machen. Deshalb muss man ständig an sich arbeiten. Wenn du dich aber für den Größten hältst, wird das nichts. Fahr um die Probleme herum und nutze die Stärken des Motorrads dort, wo es sich auszahlt. Man muss adaptieren können.

Ist das das Geheimnis von Rossis langer Karriere, dass er sich auf alle Hubraumwechsel einstellen konnte und immer schnell war?

Ich glaube eher, es ist das Gegenteil. Bei Ducati konnte man sehen, dass er genau das nicht kann. Jetzt ist er ­wieder bei Yamaha auf seinem Motorrad, und es läuft wieder in seine Richtung. Rossis Geheimnis ist seine Schnelligkeit, die er nach wie vor hat, und sein ab­soluter Siegeswillen. Er hat den Glauben an sich nie verloren. Bei Ducati hat man aber sein Limit gesehen.

Freunde werdet ihr nicht mehr in diesem Leben?

Valentino ist nicht mein Feind – nicht mehr.

Laut allem, was man gehört hat, hingen die Probleme zu Rossis Zeiten auch an Ducatis Entwicklungsstau?

Als ich bei Ducati war, gab es ein Motorrad am Saisonanfang, und das war es. Damit musste man die Saison bestreiten. Das war die Situation dort, als Rossi den Vertrag unterschrieb. Kleine Verbesserungen ja, aber ein paar neue Schwingen, Rahmen oder Motoren wie bei den japanischen Herstellern gab es einfach nicht. Also musste man sich als Fahrer damit abfinden und an sich ­arbeiten, damit aus dir und der Maschine die bestmögliche Einheit wird, die ­Rennen gewinnen kann.

Erfordert das einen besonderen Fahrer?

Das erfordert einen besonderen Menschen. Man muss Demut haben, ­geduldig sein und in erster Linie immer sich selbst hinterfragen können. Das meine ich mit Stolz, der bringt einen nicht weiter. Ich habe auf meiner Farm meine kleine Teststrecke und hatte mit Freunden in Australien versucht, meine Erfahrung für die Nachwuchsförderung einzusetzen. Also kamen die Jungs bei mir zusammen, und ich habe mir das ­angeschaut. Die waren alle schnell und in Australiens Nachwuchs-Rennserien ganz gut dabei. Aber sie haben sich alle aufgeführt, als wären sie die nächsten großen Weltmeister. Da wurde am Motorrad herumgemeckert, an diesem und jenem. Ich habe daraufhin sofort beschlossen, damit aufzuhören. Für mich ist das Zeitverschwendung. Selbst wenn du in Australien alles gewinnst, heißt das noch lange nicht, dass du in Europa, im Grand Prix, auch nur einen Fuß auf den Boden bekommst. Mit so einer Einstellung aber den nächsten wichtigen Schritt zu machen, ist einfach unmöglich. Dem konnte ich nicht länger zuschauen.

Wem drückst du die Daumen in der aktuellen MotoGP-Saison?

Persönlich kam ich immer sehr gut mit Dani Pedrosa zurecht. Auch mit Jorge Lorenzo verstand ich mich immer gut. Dass es dieses Jahr enger zugeht unter den Fahrern, ist natürlich genau das, was der Sport braucht. Mich freut auch, dass Suzuki so gut Anschluss gefunden hat, Aprilia eingestiegen ist und bald auch KTM dazukommen möchte. Für den Sport ist das gut. Als Honda-Mann drücke ich Marc die Daumen und bin mir sicher, dass er sehr bald wieder konkurrenzfähig sein wird und Rennen gewinnt.

Hat Márquez durch die erste Saisonhälfte nun seine Unschuld verloren?

Unschuld würde ich das nicht nennen, was er verloren hat. Es hat erstmals sein Selbstvertrauen richtig erschüttert. Aber ich habe geahnt, dass das so ­kommen wird, wenn er erst mal in den Rennen stürzt. Letzte Saison hatte sich das in Misano angedeutet. Aber für dieses Jahr wurde noch mehr am Motorrad speziell auf ihn ausgerichtet. Er fährt mit so viel Gewicht auf dem Vorderrad in die Kurven, und das Motorrad ist da wirklich extrem gut. Aber das reicht nicht, die Schwächen werden jetzt offenbart und die anderen haben auch gewaltig Fortschritte gemacht. Marc ist in den ­MotoGP gekommen und zweimal hintereinander Weltmeister geworden. Das hat noch keiner geschafft, auch wenn er mindestens einmal vom Verletzungspech von Jorge und Dani profitieren konnte. Trotzdem glaube ich, obwohl er gerade zu kämpfen hat, dass er von der Anlage her der beste Fahrer ist – und das wird er bald wieder zeigen.

Was denkst du als Honda-Fahrer darüber, dass der weltgrößte Motorradbauer außer im MotoGP offensichtlich den Sportsgeist komplett verloren hat?

Das ist ihre Entscheidung, und ­sicher spielen da wirtschaftliche Über­legungen eine ganz große Rolle. Nach den Tests mit der Fireblade kann ich ­sagen, dass das Bike eine großartige ­Basis ist und kann es mir nur so erklären, dass sie darauf bauen, statt vieler kleiner Schritte hier und da lieber auf ­einen echten Entwicklungsschritt zu ­setzen. Ich bin mir deshalb ziemlich ­sicher, dass es bald so weit sein wird.

Video zum Test der Honda RC2130V-S

Nachdem Casey Stonder die MotoGP-Maschine für die Straße im Juni vorstellte, wurde sie von MOTORRAD-Redakteur Andi Bildl im September in Valencia getestet. Den Fahrbericht lesen Sie in Ausgabe 21, ab 2. Oktober am Kiosk.

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