Interview: Jorge Lorenzo Das sagt der neue MotoGP-Weltmeister

Der neue MotoGP-Weltmeister Jorge Lorenzo, 23, im Gespräch mit MOTORRAD- Reporter Friedemann Kirn: über seinen Weg an die Spitze, das Verhältnis zu seinen Rivalen und den Zusammenhang zwischen einem Hammer und Butter.

Foto: Jaime Olivares Camps

    ?      Jorge Lorenzo, Sie haben viele Schauplätze als „Lorenzos Land“ erobert. Reden wir jetzt, nach dem MotoGP-WM-Titelgewinn, von „Lorenzos Planeten?“

    !      Aber nein. Neben Motorrädern gibt es noch viele andere Dinge auf der Welt. MotoGP ist nur ein Sport. Ein medienwirksamer Sport, und für mich ist er mein Leben. Aber er bedeutet noch lange nicht die ganze Welt. Ganz und gar nicht.

    ?     Wie lässt sich Ihr Gefühlszustand denn am besten beschreiben?

    !     Als Fahrer ebenso wie als Mensch habe ich ein sehr wichtiges Ziel erreicht. Das Maximum, was man in diesem Sport in einem Jahr erreichen kann. Klar, man kann noch mehr Titel gewinnen in seiner Karriere. Aber für dieses eine Jahr betrachtet, ist es der absolute Superlativ. Und das ist ein sehr, sehr gutes Gefühl. Ich bin sehr glücklich.

    ?     Früher sind Sie oft gestürzt, dieses Jahr sind Sie mit sieben Siegen und Podestplätzen in fast allen Rennen fehlerlos geblieben. Woher kommt diese unglaubliche Sicherheit und Beständigkeit?

    !     Schnell war ich schon immer, stimmt’s? Schon beim ersten Mal, als ich auf die Yamaha gestiegen bin, war ich schnell. Vom ersten Moment an. Doch Weltmeisterschaften bestehen aus vielen Trainings, vielen Rennen, und immer konstant zu sein und immer oben zu stehen, braucht Erfahrung. Du musst das Motorrad, die Reifen, die ganze Klasse sehr gut kennen. Im ersten Jahr kannte ich mich noch nicht aus. Ich fing sehr gut an, aber dann, als das Motorrad und die Reifen nicht konkurrenzfähig waren und ich trotzdem versuchte, das Maximum zu erreichen, baute ich viele Stürze. Im zweiten Jahr stürzte ich bereits viel weniger und kämpfte um die Weltmeisterschaft mit. Schließlich, im dritten, haben wir dann das Ziel erreicht.

    ?     Ist dieser schnelle Reifeprozess auch einer intensiven mentalen Vorbereitung zu verdanken?

    !     Klar. Jeder Fahrer hat einen anderen Körper, und beim Motor-radfahren zählen auch physische Eigenschaften. Doch der Kopf dirigiert alle Bewegungen, alles, was du auf dem Motorrad tust. Und wenn du den Kopf nicht beieinander hast, wenn du nicht völlig konzentriert bist, kannst du nicht die gleiche Leistung erbringen. Dann können sich Fehler einschleichen. Deshalb ist es wichtig, ein gutes Umfeld zu haben, gute Leute, die mich in vielen Aspekten meiner Arbeit unterstützen, die mich immer besser, immer stärker machen.

    ?     Wie wichtig ist positives Denken?


    !     Sehr, denn die meisten Situationen haben auch positive Aspekte. Ich kann es mir nicht leisten, das Geschehen aus einem negativen Blickwinkel zu betrachten. Die Welt ist aber nicht immer nur gut. Trotzdem ist es immer besser, positiv zu denken. Dann wird die Welt leichter, fröhlicher, und dir laufen die Dinge besser von der Hand. Auch als Sportler.

    ?     Nach dem Japan-Grand Prix war die Stimmung eher negativ. Wenn Sie die Uhr zurückdrehen und dieses Rennen wiederholen könnten: Würden Sie etwas anders machen?


    !     Wenn ich gewusst hätte, dass sich Valentino auf der Strecke derart aggressiv zeigen würde, wie er es in diesem Rennen getan hat, dann hätte ich ihn ganz sicher nicht attackiert. Außerdem hätte ich nach dem Rennen andere Erklärungen abgeben sollen. Obwohl ich immer noch davon überzeugt bin, im Recht gewesen zu sein, obwohl ich immer noch denke, dass sich ein Fahrer nicht so verhalten sollte, wenn sein Teamkollege um den Titel kämpft, mit ineinander krachenden Verkleidungen und einer großen Gefahr, dem anderen Verletzungen zuzufügen, glaube ich jetzt, dass ich nach dem Rennen dazu überhaupt nichts hätte sagen sollen. Ich hätte mich nicht beklagen und über niemanden schlecht reden sollen. Aber nun gut, in einer solchen Situationen, bei so aufgeheizter Stimmung, ist es schwierig, sich selbst zu beherrschen.

    ?     Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Valentino Rossi beschreiben? Er redet davon, Sie und Stoner würden ihn hassen, und er hat Gegner wie Sie in einem Interview unlängst als kreisende Geier beschrieben, die sein Blut wollen.

    !     Was das betrifft, hat er unrecht. Ich glaube, dass es umgekehrt Valentino ist, der seine Rivalen hassen muss, um sich zu motivieren. Das war schon immer so. Er hat sich seine Gegner schon immer zum Feind gemacht. Zum Beispiel damals Sete Gibernau: Sie waren Freunde, und auf einmal, als Sete ihm in den Rennen die Stirn zu bieten begann, waren sie plötzlich Feinde. Ich hasse niemanden, das zum ersten. Und schon gar nicht Valentino. Er war für mich immer die Referenz, um als Rennfahrer das gleiche hohe Niveau zu erreichen. Aber das bedeutet nicht, dass das für mich eine Obsession war, oder dass ich ihn hassen musste, um dieses Ziel zu erreichen. Unser Verhältnis, es existiert einfach nicht. Wir sind keine Feinde, die ständig streiten. Wir sind auch keine Freunde. Aber vor den Kameras geben wir ein gutes Bild ab. Zumindest das.

    ?     Als sich Rossi verletzt hat, haben viele, auch Sie selbst gesagt, ein Titelgewinn ohne Valentino in Bestform sei weniger wert. Denken Sie immer noch so?

    !     Es ist normal, dass dieser Titel etwas weniger an Wert hat, denn mit Valentino auf der Strecke hätte ich vielleicht nicht ganz so viele Rennen gewonnen. Und mit Pedrosa auf der Strecke wäre der Titelkampf enger gewesen und hätte sich vielleicht bis zum Finale hingezogen. Interessant ist der Vergleich dieser Saison mit der des letzten Jahres. 2009 habe ich bereits um die WM mitgekämpft. Es war erst mein zweites Jahr in dieser Klasse, und ich hatte schon realistische Titelchancen. Ich stürzte viermal, Valentino dreimal. Ohne diese vier Stürze, wenn ich zum Beispiel nur einmal gestürzt wäre, wäre ich dem Titelgewinn sehr nahe gekommen. In 2009 hatte ich aber nie einen Vorsprung von mehr als einem oder zwei Punkten auf den Zweiten in der Tabelle.

Jetzt betrachten wir 2010. Ich gewann das zweite und dritte Rennen, hatte danach 14 Punkte Vorsprung oder so ähnlich. Genügend jedenfalls, dass Valentino unter einem gewissen Druck stand, weil er unbedingt wieder gewinnen und den Punkterückstand wettmachen wollte.

Der Sturz von Dani wiederum war einfach Pech. Er hatte keine Schuld. Doch zu meinen Gunsten muss man sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt über 50 Punkte Vorsprung hatte. Dass Lorenzo den Titel geholt hat, weil die anderen gestürzt sind, kann man deshalb, meiner Meinung nach, nicht behaupten. Doch wenn jemand sagt: Dieser Titel bedeutet weniger Prestige, weil Lorenzos Gegner bei einigen Rennen nicht auf der Strecke waren – dem stimme ich zu.

    ?     Für die bestmögliche Show würden Sie im nächsten Jahr folglich gern gegen alle gewinnen?

    !     Ja, klar. Vor allem wünsche ich mir, dass es zu keinen Verletzungen mehr kommt. Sich zu verletzen, sich körperlichen Schaden zuzufügen, ist das Schlechteste, was dir in den Rennen passieren kann, und das wünsche ich niemandem.

    ?     Fängt jetzt die Ära Lorenzo im MotoGP-Sport an, so wie es zuvor die von Rossi gab, oder die von Doohan?

    !     Man kann nichts behaupten, was man nicht weiß. Niemand kennt die Zukunft, niemand weiß, was passieren wird. Natürlich würde es mir gefallen, wenn das der Beginn der Ära Lorenzo wäre. So wie es Dani gefallen würde, wenn seine Ära begänne. Und Valentino, dass seine zurückkehren würde. Ich kann nur sagen, dass ich es versuchen werde.

    ?     Ab dem nächsten Jahr aber tragen Sie auch die Verantwortung bei der Weiterentwicklung. Vor ein paar Rennen haben Sie schon mal 30 PS mehr Leistung gefordert. Können Sie den Ingenieuren auch alle anderen Informationen liefern?


    !     Nun, ich weiß es nicht. Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit, das zu tun. Ein Werk in die Zukunft zu führen, ist etwas sehr Wichtiges. In einer solchen Position zu sein, demonstriert, dass man es sich auch wirklich verdient, dass man genügend Resultate erreicht hat. In diesem Fall ist die Herausforderung besonders groß. Denn Valentino ist nicht nur ein großartiger, sehr schneller Fahrer. Eine seiner besonderen Qualitäten ist, dass er weiß, wie er den Ingenieuren seine besten Eindrücke vermitteln kann. Er bestreitet gerade seine zehnte Saison in der MotoGP-Klasse. Er ist 31 Jahre alt, und mit der Erfahrung die er besitzt, übertrifft er mich sicherlich bei diesem Aspekt. Das Einzige, was ich tun kann, ist anfangen und es versuchen. Dann werden wir sehen.

    ?     Bisher haben Rossi und Yamahas Motorsport-Direktor Masao Furusawa die Achse für die Weiterentwicklung der M1 gebildet. Beide sind im nächsten Jahr weg. Wer ist für Sie die neue Schlüsselfigur bei Yamaha?

    !     Furusawa geht möglicherweise erst Ende 2011 in Ruhestand. Man muss abwarten, wer seinen Posten übernimmt, wenn er sich zurückzieht. Mit der Gruppe von Ingenieuren, die derzeit um mich herum arbeiten, habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Ab jetzt beginnen wir, 2011 vorzubereiten, eine WM, die sehr schwer werden wird. Vor allem, weil Honda ein Gigant ist, der unaufhörlich arbeitet, immer neue Sachen bringt und mittlerweile ein sehr konkurrenzfähiges Motorrad hat. Und Ducati legt zusammen mit Rossi auch alle Kohlen aufs Feuer.

    ?     Rein fahrerisch gelten Sie als der Schnellste. Liegt das nur am Talent oder auch daran, dass Sie schon mit drei Jahren angefangen haben? Muss man heute wie im Tennis als Dreikäsehoch zu trainieren beginnen, um ganz nach oben zu kommen?

    !     Es ist wichtig, ganz jung anzufangen. Auch wenn es Fahrer gibt, die erst mit 17, 18 Jahren eingestiegen sind. Wie Biaggi, nicht? Das Talent eines Fahrers ist schwer zu messen. Ich habe Fahrer gesehen, die das gleiche Talent hatten wie ich, sogar noch mehr, und sie sind nicht so weit gekommen, auch nur ein einziges Rennen in der WM zu bestreiten. Ich dagegen habe drei Titel und denke, ich habe sie gewonnen, weil ich etwas Talent habe, das ist offensichtlich, aber auch wertvolle Mentoren, Leute, die mir viel beigebracht haben, gute Motorräder und gute Chancen. Ohne all das zusammen hätte es nie geklappt.

    ?     Wenn Sie einen dreijährigen Sohn hätten: Würden Sie das Gleiche tun, würden Sie ihn auf ein Motorrad setzen und ihm das Rennfahren beibringen, wie es Ihnen beigebracht wurde?

    !     Ich würde alles Menschenmögliche dafür tun, dass das nicht geschieht.

    ?     Warum?

    !     Weil..., es ist eine gefährliche Welt. Es ist eine wunderbare Welt. Die Empfindungen, die Adrenalinschübe, die du auf einem solchen Motorrad erlebst. Und wenn du das Glück hast, diesen Sport ausüben zu können, ist das großartig. Doch das Risiko, das dir dieser Sport abverlangt, ist zu hoch. Wenn ich Vater eines Motorradrennfahrers wäre, würde ich sehr leiden.

    ?     Wenn wir schon von Söhnen reden: Was sind Ihre privaten Sehnsüchte? In einem Interview haben Sie kürzlich erzählt, Sie hätten keine Zeit für eine Freundin.


    !     Stimmt, das habe ich gesagt. Aber er wird kommen, dieser Moment, in dem ich das Mädchen finde, das zu mir passt. So lange übe ich weiter.

    ?     Können Sie Ihren deutschen Fans die Geheimnisse hinter der unterschiedlichen Beschriftung der Bremshebel an Ihrer Yamaha M1 erklären? „Mantequilla“ und „Martillo“?

    !     Nun, in Deutschland wird viel Butter gegessen, deshalb verdient es eine gute Erklärung, was es damit auf sich hat. Martillo (spanisch für Hammer) steht für die Konstanz, jede Runde wie beim Taktschlag im gleichen Rhythmus zu absolvieren. Das habe ich von meinem Vater gelernt, als ich ihn in der Garage beobachtete. Er arbeitete viel mit dem Hammer an den Motorrädern, und ich wollte sein wie dieser Hammer, sehr konstant. Und jetzt denk mal ans Frühstück: Wenn du mit dem Messer die Butter (Mantequilla) auf dein Brot streichst, dann ist das eine sehr sanfte, sehr präzise Bewegung. Ich habe immer sehr auf meine Mutter geachtet, wenn sie mir das Frühstück gemacht hat, und ich wollte immer so fahren wie dieses Messer und diese Butter, sehr fein und präzise. Normalerweise nutzen wir die Butter im Training, vor allem, wenn wir auf neuen Strecken unterwegs sind, wo man zunächst sehr feinfühlig fahren muss. Im Rennen dann hole ich den Hammer raus, um sehr konstant zu sein – und, klar, auch um zuzuschlagen.

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