Interview: Jorge Lorenzo MotoGP-Weltmeister Jorge Lorenzo im Gespräch

PS traf den amtierenden MotoGP-Weltmeister Jorge Lorenzo exklusiv vor dem Sachsenring-GP in Dresden. Der Spanier plauderte offen und entspannt über seine Heimat, Yamaha und die Kollegen im MotoGP.

Foto: racepixx.de

In der Eingangshalle des Hotels direkt neben der Frauenkirche steht ein junger Mann in schlabbrigen Jeans und T-Shirt. Er lächelt für ein Foto mit dem Concierge, der ihn sofort als MotoGP-Weltmeister erkannt hat. Jorge Lorenzo begrüßt uns freundlich, und gemeinsam mit Vertretern seines Helm-Sponsors gehen wir zum Italiener um die Ecke. Kein Anflug von Starallüren, kein nüchternes Abhaken von Presseterminen. Wir treffen einen äußerst sympathischen jungen Mann, der bei einer Pizza über seinen sonst strikten Diätplan erzählt und amüsiert das bunte Treiben auf dem Platz beobachtet. Nach dem Essen lümmelt sich der 24-Jährige locker im Hotel auf die Couch und plaudert drauflos, bis sein Manager Hector uns daran erinnert, dass Jorge noch zur Autogrammstunde in den Louis Store in Dresden muss.  Das Unternehmen Sachsenring hat für ihn begonnen.

? Jorge, was ist für Dich als Mallorquiner eigentlich schlimmer, mit tausenden von tennisbesockten deutschen Rentnern eine Insel oder mit Simoncelli die Rennstrecke zu teilen?

! Lorenzo:(lacht) Die Deutschen -waren für Mallorca sicher nicht schlecht. Die Wirtschaft wurde über die Jahre mächtig angekurbelt. Okay, es sind schon ganz schön viele von Euch dort (lacht), aber für mich ist es schon schlimmer, mit Simoncelli Seite an Seite im GP in eine -Kurve reinzuhalten (lacht). Um ihn herum fühle ich mich nicht gerade sicher und ich hoffe, er ändert sich bald. Persönlich habe ich nichts gegen ihn.

? Nachdem Simoncelli Dich in Assen gleich am Anfang abgeräumt hat, warst Du verhältnismäßig ruhig verglichen mit den Rennen davor. Hast Du Dich von Rossis Kommentar, alle Sicherheitsnörgler im MotoGP seien Pussies, so verunsichern lassen?

! Lorenzo: Nein, natürlich sind wir keine Pussies. Wir sind Fahrer mit genügend Mut und beweisen das an jedem Rennwochenende. Für einen Champion von Rossis Format war das eine ganz schön dämliche Bemerkung.

? Mit den jüngsten Resultaten bist Du zurück im Titelkampf, während Rossi im Mittelfeld rumdümpelt. Du bist der Weltmeister. Trotzdem bekommt er vergleichsweise viel mehr Aufmerksamkeit. Wäre es für den Sport an sich nicht besser, Rossi würde bald aufhören?

! Lorenzo: Den Grand Prix gab es schon vor Rossi und es wird ihn auch danach noch geben. Er hat eben diese besondere Gabe, dass die Leute ihn mögen und seine Show gut finden. Aber der Sport funktioniert ohne Rossi, ohne Lorenzo, ohne Stoner. Die einen hören auf, die anderen kommen nach, der Sport bleibt.

? Wie viel ist denn dann Show und wie viel ist Sport im MotoGP - gerade jetzt?

! Lorenzo: Du meinst die ganze Polemik momentan? Naja, MotoGP ist eben auch Show und die Leute lieben das. In den Berichten sieht man die Stürze, wilde Überholmanöver - da stehen die Leute drauf. Und eben die Wortgefechte und so weiter. Die echten Motorrad-Fans, die etwas vom Fahren verstehen, die achten auf die Linien, die wir fahren, den Fahrstil eines Fahrers oder verfolgen dessen Entwicklung über die Jahre. Das sind aber vielleicht nur zehn Prozent. Die Mehrheit steht auf die Show. Das ist ja nicht schlimm. Wir dürfen dabei nicht vergessen: Je mehr zusehen, desto mehr Geld gibt es zu verdienen. MotoGP ist ein Geschäft.

? Hat Dich das als jungen Fahrer nicht enttäuscht, als Dir das bewusst wurde?

! Lorenzo: Schon. Als ich als Kind auf Mallorca anfing, da war das 100 Prozent nur Racing - kein Fernsehen oder Zuschauer. Aber jeder Schritt vorwärts bedeutet auch mehr Aufmerksamkeit von außen und mehr Business. Damit lernt man umzugehen. MotoGP steht ganz oben und für unsere Sparbücher ist das natürlich eine feine Sache. MotoGP ist im Wachstum. Es gibt mehr Journalisten, es übertragen immer mehr Länder die Rennen - mehr als zu Zeiten von Schwantz, Lawson oder Rainey. Da nimmt man dann auch in Kauf, dass es so viel Zirkus gibt.

? Neulich sagte uns Wayne Gardner, dass er seinen 14-jährigen Sohn Remy in Spanien Rennen fahren lässt, weil es dort die besten Nachwuchs-Serien gibt. Warum gerade Spanien?

! Lorenzo: Früher waren es die Italiener. Aber die haben da etwas verschlafen. Es gibt dort längst nicht mehr so viele Nachwuchsklassen. Seit etwa zehn Jahren hat sich dagegen in Spanien viel getan, gab es jedes Jahr neue Möglichkeiten, den nächsten Schritt als Fahrer zu machen. Außerdem wurden die Talente vom Verband massiv gefördert. Hatte ein Junge Talent, war es nicht unmöglich, auch ohne vermögenden Vater ganz nach vorn zu kommen und in einem guten Team zu fahren. Ich würde auch sagen, dass Spanien momentan das Nonplusultra ist.

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Foto: 2snap

? Jetzt geht es Spanien aber ökonomisch nicht gerade rosig. Verfolgst Du diese Entwicklung?

! Lorenzo: Immer mehr. Früher interessierte mich außer Rennfahren und Sport eigentlich gar nichts. Heute verfolge ich das Weltgeschehen aufmerksam und ich höre die Leute nachts draußen auf der Straße in Barcelona, wo ich jetzt wohne, wie sie gegen die Regierung protestieren.

? Machst Du Dir Sorgen oder hast Du Pläne, woanders hinzuziehen?

! Lorenzo: Ich habe bis 2009 in London gewohnt. Jetzt ziehe ich bald in mein erstes eigenes Haus in der Nähe von Barcelona. Ich werde meine Steuern in Spanien bezahlen und habe nicht vor, woanders hinzugehen.

? Es gibt Parallelen zwischen der Wirtschaftslage in vielen Ländern und der Motorradindustrie. Die Japaner stehen unter Druck. Spürst Du das als MotoGP-Fahrer auch?

! Lorenzo: Es ist schon so, dass bei der Entwicklung nicht mehr alles so geht, wie man das gern hätte und die Kostenseite auch in einem MotoGP-Team deutlich schärfer beobachtet wird. Dass der Promoter Dorna bei den Reglements genau das berücksichtigt, halte ich für sehr wichtig.

? Du meinst vor allem die 1000er-Regelung mit Serienteilen. Freust Du Dich auf die neuen Bikes?

! Lorenzo: Oh ja. Ich bin noch nie so ein großes Motorrad gefahren. Das muss super sein.

? Aber Du bist doch sicher schon mit einem Entwicklungsbike gefahren?

! Lorenzo: (schmunzelt) Ja, wir sind dran. Nur soviel dazu: Wenn es fertig ist, wird es konkurrenzfähig sein.

? Da Serienteile erlaubt sein werden, wie nahe bist Du an der Entwicklung der R1 dran?

! Lorenzo: Wir arbeiten natürlich direkt mit der M1 und Schritt für Schritt wird unsere Erfahrung auf die R1 transferiert. Aber ich setze mich jetzt nicht auf einen R1-Prototyp und sage dem Ingenieur, was er ändern muss.

? Die R1 bekommt also bald die Elektronik aus dem MotoGP?

! Lorenzo: Die hat sie schon, das ganze Programm. Traktionskontrolle, Anti-Wheelie-Control, und ich glaube wirklich, dass diese Technik ein echter Sicherheitsgewinn für die Fahrer bedeutet. Im MotoGP killt es eher die Show, ohne die Drifts und Slides, und die Talente der Fahrer sind nicht mehr so entscheidend.

? Trotz dieser Elektronik bist Du in Deinem ersten MotoGP-Jahr ganz schön durch die Luft gesegelt. Und am nächsten Tag wieder aufs Motorrad gestiegen und hast genauso gnadenlos wieder Gas gegeben. Nicht selten gab es dann gleich den nächsten Abflug. Was geht da in einem vor?

! Lorenzo: Ich hab gar nichts gedacht, fürchte ich. Jedenfalls nicht an die Gefahr. Und auch nicht, mit einer Verletzung - und die hatte ich ja ständig - gleich nochmal abfliegen zu können. Die Konsequenzen habe ich einfach ausgeblendet. Ich wollte unbedingt fahren, komme, was wolle. Das ist die Königsklasse, ich war der Neue und gerade 20 Jahre alt. Heute, mit meiner Erfahrung, würde ich vielleicht etwas vorsichtiger rangehen.

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? Zum Schluss ein paar Sätze, die Du vervollständigen könntest.

! Lorenzo: Au ja, los geht‘s.

? Ich mag das Fahrerlager, weil...

! Lorenzo: ...es da immer noch ein paar Leute gibt, mit denen ich gut auskomme. In Europa schlafe ich übrigens immer im Fahrerlager.

? Das Erste, was ich am MotoGP ändern würde, ist...

! Lorenzo: ...der Japan-GP dieses Jahr. Nach Fukushima ist es einfach zu früh, jetzt dort zu fahren. Keiner weiß, wie es wirklich mit der Strahlung aussieht. Ich will da nicht hin und die anderen auch nicht.

? Das Beste am Rennfahren ist...

! Lorenzo: ... ganz klar: gewinnen.

? Das nächste, für das ich mehr als 1000 Euro ausgeben werde, ist...

! Lorenzo: ...oh, keine Ahnung. Neulich habe ich mir eine Jacke für knapp 1000 Euro gekauft und es sofort bereut. Zu Hause gefiel sie mir schon nicht mehr und ich ziehe sie kaum an. So etwas ärgert mich, weil ich eigentlich ziemlich sparsam bin.  Ansonsten habe ich natürlich eine Menge Ausgaben jeden Monat.

? Der Deutschland-GP auf dem Sachsenring unterscheidet sich zu den anderen durch...

! Lorenzo: ...den Krach. Wie in Mugello machen die Leute rund um die Uhr eine riesige Party da draußen mit ihren Motoren und der Musik. Als Fahrer spürt man die Zuschauer intensiv - das ist wunderbar. Würde es den Deutschland-GP nicht mehr geben, täte mir das sehr leid, schon allein weil Deutschland ein so wichtiges Land in Europa ist. Der MotoGP gehört hierher. Aber die Dorna entscheidet, ich bin nur ein Fahrer.

? Dass die Zweitakter bald Geschichte sind, ist für mich...

! Lorenzo: ...bedauerlich. Der Sound und der Kampf, diese Bikes zu beherrschen - unglaublich! Sie sind so sensibel und schwierig zu fahren, wenn du am Kurvenausgang das Gas aufziehst. Aber wenn die Zukunft Viertakter heißt - meinetwegen. Auch die wird es nicht mehr allzu lange geben. Die Elektro-Motoren werden kommen, bin ich mir sicher.

? Wenn mir jemand einen Chubba Chub (Ex-Sponsor und Lutscher-Hersteller) anbietet, sage ich ihm...

! Lorenzo: (lacht) Das kommt ganz auf meine Stimmung an. Wenn ich unbedingt etwas Süßes möchte, naja. Ich habe den Sponsor nicht mehr, weil ich es mit der Zeit albern fand. Ich wollte etwas erwachsener rüberkommen und diese Lolli-Lutscherei hatte etwas Kindisches. Obwohl, bei den Kids kam ich damit gut an.

? Ich beende meine Karriere, wenn...

! Lorenzo: ...ich keinen Spaß mehr habe und nicht mehr konkurrenzfähig bin. Ein Ziel, wie viele Titel ich holen will, habe ich mir nicht gesteckt. Ich lebe für den Moment. Wenn es vorbei ist, dann ist es eben so, und ich blicke stolz auf das zurück, was ich geschafft habe.

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